Die Welt als Körper Gottes: Zum ersten Todestag von Sallie McFague

Sallie McFague starb am 15.11.2019. Christine Büchner stellt sie vor.

Vor einem Jahr ist die höchst eindrucksvolle US-amerikanische Theologin Sallie McFague mit 86 Jahren gestorben. Sie war seit 1970 Professorin für Theologie an der Vanderbilt-Divinity-School in Nashville/Tennessee und gehörte zur ersten Generation ökofeministischer Theologinnen.

Eine etwas größere, auch internationale Bekanntheit erreichte Sallie McFague mit ihrem 1993 erschienenen Buch „The Body of God“[1] sowie durch ein Gespräch mit dem Dalai Lama bei einer Konferenz über Ökologie und Religion 2011. Doch ihre Bücher sind nicht übersetzt, sie ist im deutschsprachigen Raum kaum rezipiert.[2]

In der ökologischen Frage steuern wir auf eine Katastrophe zu. Gerade in dieser Situation hat Sallie McFague Relevantes zu sagen.

Im schnellen Wechsel der Diskurse drohen die Stimmen ihrer Generation schon wieder langsam verloren zu gehen. Wir sind in der Geschlechterfrage –  Gott sei Dank – einige kleine Schritte weitergekommen. In der ökologischen Frage steuern wir allerdings auf eine Katastrophe zu. Nach wie vor und gerade in dieser Situation hat Sallie McFague Relevantes zu sagen. Deswegen möchte ich Ihren Todestag zum Anlass nehmen, sie vorzustellen.

Eine Leitfrage der Theologie McFagues lautet: Wer wollen wir sein? Damit fragt sie ganz grundlegend nach unseren Vorstellungen von uns, unserem Leben und den tieferen Motivationen für unser Handeln. In ihrem letzten Buch stellt sie zwei alternative Vorstellungen einander gegenüber: erstens die Vorstellung von der Welt als Feld meiner persönlichen Selbstverwirklichung. Diese Vorstellung entspricht dem American way of life, der von den USA in den Rest der Welt importiert wurde: Follow your passion (…) follow your dreams and find yourself“.

Konkurrenz um begrenzte Ressourcen oder umfassende Solidarität?

Nach zwei Weltkriegen konnte dieses Motto zunächst durchaus wohltuend wirken, aber eben auch nur für eine bestimmte Anzahl an Menschen. Das Evangelium hingegen wirbt für ein anderes Motto: „The purpose in life is not to find yourself. It’s to lose yourself“[3] (vgl. Mt 10,39). Das erste Motto führt zu einer Konkurrenz um die begrenzten Ressourcen des Lebens, das zweite zu umfassender Solidarität.

Eindrucksvoll am Werk von McFague ist, dass sie ständig Wege dahin sucht, wie dieses Motto des Evangeliums, wie diese Aufforderung zu umfassender Solidarität in uns Widerhall und Raum gewinnen kann, statt uns zu paralysieren. Ein Weg dahin ist ihr Vorschlag, die Welt als Körper Gottes zu betrachten. McFague schreibt: „If the world is God’s body, then nothing happens to the world that does not also happen to God.“ (Body, S. 176)  Wie kommt sie darauf?

Die Welt als Körper Gottes: Es existiert eine Kontinuität zwischen Gott, uns und allen Formen des Lebens dieser Welt.

In ihrem autobiographisch inspirierten Text „Life abundant“[4] erzählt die 67-jährige Theologin eine aufschlussreiche Anekdote aus ihrer Kindheit: Die Lehrerin oder der Lehrer fragte damals, welchen Namen die Kinder wohl in ihrem Leben am häufigsten schreiben würden. Sallie möchte spontan antworten „Gott“, während die verlangte und naheliegende Antwort lautete „den eigenen Namen“. Während dem Kind die falsche Intuition peinlich war, wird der Theologin klar, dass ihrer Antwort eine selbstverständliche Überzeugung davon zugrundelag, dass der Name Gottes grundierend hinter jedem individuellen Namens steht, Gott also in jedem Geschöpf ist und aus ihm herausleuchtet. Diese Überzeugung ging ihr zunächst wieder verloren: „The child’s love for nature, was set aside for the budding theologian’s dedication to the transcendent – and distant – God.“  (Life, S. 6)

Wenn aber vor allem das Paradigma der Transzendenz das Verhältnis von Gott und Welt bestimmt, dann bestimmt es schnell auch das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt. Der Kosmos wird zur Bühne für die Begegnung zwischen Gott und Mensch degradiert, die dieser Begegnung äußerlich bleibt, wie auch die Welt Gott selbst letztlich äußerlich bleibt.

Wenn aber die Welt Gottes Körper ist, gilt umgekehrt: Es existiert eine Kontinuität zwischen Gott, uns und allen Formen des Lebens dieser Welt bzw. des gesamten Kosmos. Es gibt kein Leben, das nicht Ausdruck göttlichen Lebens wäre. Das ist keine archaische oder romantisierende Redivinisierung der Natur, sondern Konsequenz des Glaubens an einen Gott, der selbst aus sich herausgeht und sich inkarniert, sich innerlich mit der Schöpfung verbindet.

Gottes Körper wird entstellt und verwundet durch die Verwundung, Marginalisierung und Ausbeutung von Geschöpfen.

Deswegen bringen alle Kreaturen, auch die uns fremdesten, mit dem eigenen individuellen Körper Gott in pluraler Weise zum Ausdruck. Gott lebt in ihnen, wie wir in unserem Körper leben. Körper aber sind verwundbar, können entstellt, unterdrückt und ausgepowert werden. Gottes Körper wird entstellt und verwundet durch die Verwundung, Marginalisierung und Ausbeutung von Geschöpfen.

Menschen, die auf Kosten anderer leben, machen andere bedürftig und arm. Sie lassen sie nicht aus dem Reichtum der Tiefe Gottes leben und machen dessen Körper als Gotteskörper unkenntlich. Wenn wir Gottes Körper (uns selbst, die anderen, die Natur) ausbeuten, beuten wir Gott selbst aus. Wo die Schöpfung gedeiht, wo Leben, Liebe und Freiheit für alle wachsen, wird Gott in ihr als die Fülle des Lebens, der Liebe und der Freiheit erkennbar. Die Körpermetapher weist also darauf hin: Es gibt nichts, das isoliert von anderem sein oder die genannten Eigenschaften besitzen kann.

Die Zusage Gottes wäre katastrophal missverstanden, wenn wir sie als Freifahrtschein benutzten, um unser eigenes Leben auf Kosten anderer zu leben.

McFague formuliert, wiederum in Anlehnung an Mt 10,39: „It’s not about you“. (Blessed, S. 141ff). Es geht nicht um dich, denn wenn es um dich geht, dann geht es gleichzeitig auch nicht um dich, sondern um das Leben-Können von allen und allem. Das ist eine Veränderung der Blickrichtung. Die Theologie des 20. Jahrhundert hat erfolgreich an der Transformation eines angstmachenden Gottesbildes hin zu einem Gott der Liebe, dem Gott Jesu, gearbeitet, der jedem Einzelnen die Zusage gibt: Du bist gut und gewollt, wie du bist.

Nun ist es aber Zeit für einen weiteren Schritt, nämlich den der Selbstrelativierung. Das hat Sallie McFague früher als andere begriffen. Die Zusage Gottes wäre katastrophal missverstanden, wenn wir sie als Freifahrtschein benutzten, um unser eigenes Leben auf Kosten anderer zu leben. Seien diese anderen andere Menschen oder die Natur. Das Leben speist sich aus einem Geben und Nehmen. Wir leben voneinander und miteinander.

Unser eigenes Körpersein verbindet und solidarisiert uns mit allem, was es gibt.

Die Klimaveränderungen zwingen uns zu dieser Erkenntnis. Es geht nicht anders, als die Zusammenhänge auf allen Ebenen der Ökosphäre anzuerkennen. Wir können nicht leben, ohne dass wir diese zur Kenntnis nehmen und entsprechend reagieren. Wir sehen anhand der Evolutionsgeschichte, dass alles, nicht nur wir Menschen, Beziehungen hat, die von einem zu anderen ausgehen. Alles hat einen Wirkradius, eine Eigenaktivität – nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen, auch die Materie, auch der Wind, die Ozeane, das Klima. Und es gilt diese Eigenaktivität, die Eigenaktivität all dieser Körper zu achten. Das hilft behutsamer umzugehen mit den eigenen Wünschen. Unser eigenes Körpersein verbindet und solidarisiert uns mit allem, was es gibt.

Es ist aufschlussreich, dass sich in Jesus Christus diese Haltung verdichtet: Sein Leben und Sterben ist ein Leben und Sterben für andere, für neues Leben. Der Glaube an ihn leitet dazu an, unsere Interdependenz als Körper als Ausdruck der Anwesenheit Gottes in der Welt anzunehmen. Dann könnte es selbstverständlich werden, miteinander zu teilen, uns gegenseitig zu stützen und unter dem „uns“ auch die Natur, ja: auch das Klima zu fassen.

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Autorin: Christine Büchner ist Professorin für Dogmatik an der Kath.-theol. Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.

Beitragsbild: Vancouver School of Theology


[1] Sallie McFague, The Body of God. An Ecological Theology. Minneapolis 1993.

[2] Margit Eckholt hat anlässlich des 80. Geburtstags McFagues allerdings ein kleines Bändchen publiziert, in dem sie einen Überblick über ihre bis dahin erschienenen Werke gibt und das Interessierten zur Einstiegslektüre empfohlen sei: Margit Eckholt, Schöpfungstheologie und Schöpfungsspiritualität. Ein Blick auf die Theologin Sallie McFague, München 2009. Siehe außerdem den Artikel von Julia Enxing, Die ökologische Krise aus panentheistischer Sicht. Ein Antwortversuch mit der Theologin Sallie McFague, in: Karlheinz Ruhstorfer (Hg.), Das Ewige im Fluss der Zeit. Der Gott, den wir brauchen, Freiburg i. Br. u.a. 2016, 53-76; sowie Katrin Bederna, Every day for Future. Theologie und religiöse Bildung für nachhaltige Entwicklung, Ostfildern 22020, 173-178.

[3] Sallie McFague, Blessed are the Consumers. Climate Change and the Practice of Restraint. Minneapolis 2012, S. 141.

[4] Sallie McFague, Life Abundant. Rethinking Theology and Economy for a Planet in Peril, Minneapolis 2000.

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