„Du kommst ins Paradies, Frau Bulut!

Dass Kinder nicht nur „säkular“ sprechen, sondern in „anderen Maßstäben“ denken lernen, dafür plädiert Christine Funk und ruft zur Solidarität aller auf, die eine „Beziehung“ zum Paradies als einem Ort der Gemeinsamkeit in Frieden haben. Inspiriert hat sie dazu die Weiterbildung „Muslimische Potenziale in der Sozialen Arbeit“ an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen und eine Podiumsveranstaltung „Yalla Neutralität“ in der Walter-Gropius-Schule in Berlin, die von  Schüler*innen der Oberstufe und ihren (Religions-)Lehrer*innen  organisiert wurde.

„Du kommst ins Paradies, Frau Bulut!“ Die Grundschullehrerin freut sich über das Kompliment des Kindes in ihrer 2. Klasse. Als Religionslehrerin weiß sie, dass das „Paradies“ der vorgestellte Lebensraum des Anfangs und des Endes ist, in dem keine/r Mangel leidet, ein Ort des Wohlseins und Friedens. Übersetzt in säkulare Sprache meint der Satz: „Frau Bulut, Du bist eine so nette Lehrerin. Dafür, dass Du gerecht und freundlich zu uns bist, soll es dir immer gut gehen.“ Oder auch: „Wir fühlen uns in deinem Unterricht wohl.“

Über die Bedeutung von „Atmosphären des Aufwachsens“ für das Lernen gibt die phänomenologische Lebensweltforschung Auskunft1 oder auch die neurobiologische Forschung.2 Allerdings wird eine solche Kinderäußerung in der vorgeblich „neutralen Schule“ (nicht nur) Berlins schnell beargwöhnt; als „strenggläubig“ diffamiert, keine Religionsäußerung bitte! Dass man „mit Religion“, besonders der muslimischen, heutzutage in Berliner Schulen als Schüler*in minderer Leistungsbereitschaft betrachtet wird, ist eine Wirklichkeit, die von vielen muslimischen Studierenden als prägende Schulerfahrung berichtet wird.

Die „säkulare Übersetzung“, der vermeintlich „neutrale Ausdruck“, der ja tatsächlich eine positive affektive Qualität hat, erreicht aber nicht das ganze Bedeutungsspektrum von „Frau Bulut, du kommst ins Paradies“. Ein Beispiel für das Erkennen von Bedeutungsebenen in der Sprache. Gelegenheit zum Symbollernen. Man kann es auch „Sinnüberschuss religiöser Sprache“ nennen.3 Und der Zusammenhang von Sprache, Religion und Bildung ist fächerübergreifend. Es geht immer um die Fähigkeit, unterscheiden zu lernen, dass es (nicht nur) zu Himmel (und Hölle) verschiedene denkerische Zugänge gibt.

Die Beziehungsebene zwischen Kind und Lehrerin ist also positiv und im Sinne der Lernvoraussetzungen günstig markiert, wobei zu fragen ist, ob in der „Neutralität“ der Schule Lehrpersonen, die „fein, gewandt im umgange und benehmen“4 und sogar „liebenswürdig“ sind, überhaupt möglich sind. Nett ist also eine Person, die nicht mit Coolness andere beeindrucken muss oder die ihre Überlegenheit, zumal als Lehrkraft professionell nicht ausspielen braucht, sondern ihre Autorität in der gelingenden Kommunikation mit Kindern zu erweisen versteht. „Nette“ Lehrer*innen kann es also gar nicht genug geben, denn sie machen es leicht, eine „nette“ Schülerin oder ein „netter“ Schüler zu sein.

Warum ist das Paradies mehr als nett?

„Frau Bulut, du kommst ins Paradies“ öffnet einen die Schule überschreitenden Horizont, der weiter ist als die unmittelbare Schüler*innen-Lehrer*innen-Relation, so wichtig diese auch im Hier und Jetzt ist. In der Rede vom Paradies ist die Vision, dass alle zusammengehören, hierarchieüberschreitend, kapitalismuskritisch, und dass die nicht völlig daneben sind, die beklagen, dass die Starken sich meistens durchsetzen und dass Unterschiede zwischen Menschen nicht Ausgrenzung rechtfertigen. Die Rede vom Paradies kann zum Ausdruck bringen, dass es ein Gutes gibt, das mehr ist als alles Gute, was ich für dich und für mich unmittelbar tun oder wünschen kann. Diese Vision macht Freude und lässt im kleinsten guten Erlebnis der Gegenwart eine kleine Vorwegnahme dessen erkennen, was wir hoffen. Was für ein Atmosphärenvorsprung! Und das Beste: Paradies ist gratis, weil es von der „Grazie“, Gnade, Barmherzigkeit, also dem immensen Wohlwollen des unermesslichen DU kommt.

„Paradies“ gehört zur Hoffnungssprache, die Schöpfung und Vollendung verbindet. Die Vorstellungswelten der Religionen geben einiges her, womit man sich auseinandersetzen kann; das Denken in Alternativen wird anregt. Theologisch informierter Religionsunterricht kann so die binäre Vereinfachung der Behauptung der Gegensätze aufklären und zeigen, dass die Rede von Himmel und Hölle die Funktion hat, auf Gerechtigkeit zu verweisen. Das heißt: alle gehören dazu, bleibend vom Anfang bis zum Ende.5 Und als eschatologische Perspektive kann explizit nach dem Guten und der Gerechtigkeit hier und jetzt gefragt werden.6 Und wenn es nun so nette Lehrerinnen und Lehrer wie Frau Bulut gibt, bestätigen die mir als Schülerin, dass ich vertrauen kann, dass es doch gut werden kann, was mich in der Schule manchmal so quält.

Kinder sollten nicht nur ’säkular‘ sprechen lernen.

Daher sollten Kinder nicht nur „säkular“ sprechen lernen, sondern mit den Symbolsprachen Bilder für Zusammenhänge von Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit kennenlernen. Auch dies ist eine Dimension der Entwicklung von „Mehrsprachigkeit“, sich in Symbolwelten auszukennen, darin ein Unterscheidungsvermögen zu entwickeln und nutzen zu können.

Fragen der Eschatologie sind aktuell. Apokalyptische Szenarien sind verführerisch einfach dualistisch und sie werden von religiösen wie politischen Fundamentalisten verbreitet. Dagegen stehen eschatologische Hoffnungen, die nicht auf das Ende der Welt oder aufs Jenseits beschränkt sind. Präsentische Eschatologie hält das gerechte Tun in der Gegenwart für bedeutsam. Sie sieht exemplarisch die Rechte von Frauen (Witwen), Kindern (Waisen), Fremden als Maßstäbe der Gerechtigkeit. Exemplarisch ausgedrückt im Vater-unser-Gebet „wie im Himmel so auf Erden“. Die für Musliminnen und Muslime wichtigen Glaubensdimensionen des „Gott ist größer“ (Allahu akbar) und die Anrufung „Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen“7 laden ebenfalls dazu ein, über die Bedeutung „anderer Maßstäbe“ nachzudenken.8 Wenn also Bilder aus dem religiösen Überlieferungsschatz in der Kinder- und Jugendsprache vorkommen, können sie als Hinweis darauf gelesen werden, dass ihnen „etwas fehlt“.9 Wie z.B. ein Ausdruck für die Dimension der Größe, Tiefe, Ernsthaftigkeit, aber auch zur Artikulation von Ungerechtigkeit und der eigenen nicht befriedigenden Situation.

Zur Hölle mit Dir!

Menschen sind nicht „neutral“. Jede menschliche Äußerung transportiert Werte und „Stimm-ungen“. Anders die binären Codes, die Sprachen der Verwaltung und Systeme, die eigens gelernt werden müssen, mit denen Vorgänge und Abläufe bezeichnet werden, die ein „objektives“ Es statuieren. Das können wir in der deutschen Sprache besonders gut.10 So entstehen „Mächte und Gewalten“, sie behaupten „Sachzwang“. So werden Menschen verwaltet, Zahlenfolgen statt Namen. Der geforderte „Lebenslauf“ ist etwas anderes als meine Biografie.11 Und vielleicht ist es ja folgerichtig, wenn sie immer mal wieder in der Schule überreagieren, wenn mal einer nicht sowas Schönes sagt wie „Frau Bulut, du kommst ins Paradies“, sondern „Zur Hölle mit dir, Ali“. Denn Hölle gilt ja vielen schon als synonym mit „Islam“. Dabei ist die Hölle doch ein sicherer Wegwünschort für jemand, der gemein zu mir ist, der mich disst oder fertig macht. Und dahin kann ich ihn oder sie wegwünschen. Das ist praktisch. Denn in dem Ärger und in der Wut, die „zur Hölle“ wünschen lässt, spiegelt sich doch der Wunsch nach Gerechtigkeit, dass Ali mich nicht ärgert, dass ich respektiert werde, wie ich bin.

Vor dem „zur Hölle“ Wünschen sind oft Demütigungen durch Zuschreibungen und Erfahrungen von Ungerechtigkeit. Der große Journalist Joseph Roth bezeichnete seine Erfahrungen von rassistischen Ausgrenzungen, Demütigungen und Gewalt im Deutschland der 1930er Jahre als „Filiale der Hölle auf Erden“.12 Viele Kinder sind eben noch nicht abgestumpft und empfinden Mangel an Gerechtigkeit und Hassreden als höllisch. Und das muss raus, weil sich darin die Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit und Sehnsucht nach Menschlichkeit zeigt. Menschlichkeit soll gelten. So ein großer Common sense der “heiligen Texte“ wie z.B. Jes 58,7; Mt 25,35f, Sure 93, 6-10.

Es sind die Taten von Menschen, die Hölle für andere ausmachen.

Allerdings bleibt die Erfahrung: Die Hölle sind die anderen (L’enfer c’est les autres), die Jean Paul Sartre im Theaterstück Bei geschlossenen Türen (Huis clos) gestaltet hat. Jede sich als homogen imaginierende Gruppe kann anderen unerträglich werden. Es sind die Taten von Menschen, die Hölle für andere ausmachen: Ausgrenzen, Diffamieren, Hassen, Quälen, Gewalt, Morden.

Der Beitrag von Religionslehrer*innen wäre, für Unterscheidung zu sorgen, dass es nicht Gott ist, der die Hölle will, denn er ist „anders“, seine Barmherzigkeit ist größer, und das ist die Herausforderung für den Glauben der Glaubenden und ihr Handeln.13 Und doch bleibt die Rede von der Hölle, weil in ihr die Gewalt kritisiert werden kann und die Perspektive derer, die Gewalt erlitten haben, nicht vergessen wird.

Gegen Religion als Bildungsthema in der Schule kann eigentlich nur sein, wer das, was jetzt ist, bereits für die beste aller Welten hält, oder dem in „Neutralität“ Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit wirklich gleich, egal sind.

Interreligiöser Epilog

Ich wünsche mir, dass alle, die eine „Beziehung“ zum Paradies als einem Ort der Gemeinsamkeit in Frieden haben, sich solidarisieren, dass Schülerinnen und Schüler nicht mit Zuschreibungen verdächtigt werden. Dass der Wunsch „zur Hölle“ nichts mit „Islam“ zu tun hat. Sondern Ausdruck für etwas Unerträgliches ist, das verändert werden kann. Es braucht Raum für Wachstum von Gerechtigkeit.

Darin kann es Beiträge geben der Kundigen aus den Religionstraditionen, die gemeinsam über das genaue Verständnis von Paradies und Hölle sprechen, was wo wer wie damit bezeichnet wird und wie das mit dem Wachhalten der Gerechtigkeit zusammenhängt. Zur Religionsbildung gehört der informierte Austausch über die Visionen und Bilder, in denen das rettende Wirken Gottes dargestellt und berichtet wird: mit „Erbarmen“, mit einem „Erlöser“ …,  auf jeden Fall anders als menschliche Rachephantasien dies imaginieren. (vgl. Lk 23,43)

Dass Gott größer ist und unsere Vernunft übersteigt, ist ein im evangelischen Gottesdienst häufig gesprochenes Wort. In die gleiche Richtung verstehe ich, wenn meine muslimischen Freundinnen beten. Christlich gesprochen, eröffnet der trinitarisch gedachte eine Gott die transzendierende Verbundenheit des Denkens, das sich im Handeln und Erleben von Menschen erweisen muss.

Ich bin froh, dass ich von Frau Bulut gehört habe, die zeigt, dass wir als Lehrkräfte Menschen sein können: „gewandt im Umgang und Benehmen, liebenswürdig“ (Deutsches Wörterbuch), nett! Und schön, dass das mal jemand gesagt hat: „Frau Bulut, du kommst ins Paradies.“ Hoffentlich noch nicht so bald.

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Text: Prof.in Dr. Christine Funk, systematische Theologin und Islamwissenschaftlerin, Katholische Hochschule für Sozialwesen in Berlin.

Bild: Christine Funk

  1. Vgl. Barbara Wolf (2017), Atmosphären als sozialisierende Einflussgröße, Springer.
  2. Vgl. z.B. Gerald Hüther (2013), Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Göttingen.
  3. Vgl. Stefan Altmeyer Altmeyer (2011). „Dass einer fiedelt, soll wichtiger sein, als was er geigt“ (Th.W. Adorno) : Religion und Bildung unter den Vorzeichen einer ‚Theorie der Unbildung‘.
  4. So die Bedeutung von „nett“ im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm. DWB 13,632f.
  5. Vgl. Teilhard de Chardin (1959), Der Mensch im Kosmos, oder heute vielleicht holobiont society nach Lynn Margulis, Dominique Koch (2017) Video-, Sound-, Rauminstallation, in: Katalog zur Ausstellung: Trees of life. Erzählungen für einen beschädigten Planeten, im Kunstverein Frankfurt a.M. S.56f.) Und dazwischen keine Ausgrenzung bitte! Und natürlich: zur Natur gehören wir Menschen. Wir sind nicht die „Krone der Schöpfung“, wie lange verkürzend verstanden, es ist der Sabbat, Ausblick auf die und Vorschein der Vollendung.

    Und auch die „Säkularen“ verstehen etwas vom Paradies, was Geschäfte nahelegen, die „Blumenparadies“, „Kuchenparadies“ oder „Spielzeugparadies“ heißen. Wobei ich davon überzeugt bin, dass im Paradies nichts gekauft werden muss. Auch die Werbung für Urlaubsparadiese, in denen Landschaft verkauft wird, korrumpiert die Vorstellung von der gratis-Schöpfung.

    „Paradies“ ist auch der gemeinsame Horizont der Herkunft und der Zukunft. Die Vision der überfließenden Gerechtigkeit, die die Ungerechtigkeit hier und jetzt, wenn noch nicht auszugleichen vermag, so doch jetzt kritisierbar und deshalb aushaltbar macht. Die Vorstellung vom Paradies macht kritikfähig an „Systemen“ als Ausdruck destruktiver „Mächte und Gewalten“.[6. Z.B. Röm 8,38.

  6. Z.B. Sure 98, 7f.
  7. Bismillahi ar-Rahmani ar-Rahim. Möglicherweise können Barmherzigkeit und Ermbarmen als Zeichen seiner Größe und Macht verstanden werden.
  8. Z.B. Sure 99,7f. Wer Gutes tat, vom Gewichte eines Stäubchens, wird es sehen. Wer Böses tat, vom Gewichte eines Stäubchens, wird es sehen.
  9. Vgl. Michael Reder, Jürgen Schmidt (Hrsg.) (2008), Ein Bewusstsein von dem, was fehlt. Frankfurt a.M.
  10. Vgl. Georges-Arthur Goldschmidt (2005), Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache, Frankfurt a.M.
  11. Vgl. Sascha Stanisic (2019), Herkunft, München.
  12. Joseph Roth, Die Filiale der Hölle auf Erden. Schriften aus der Emigration, KiWi 753, Köln 2003.
  13. Daher die Notwendigkeit der sorgfältigen Unterscheidung von Theo-logien. Z.B. die Rede über bzw. von Gott, die Rede Gottes in Form der Schriften, die Rede zu Gott.
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