Friedrich Dürrenmatt, Gott und der Zufall

Dürrenmatt, Gott und der Zufall Bilderausstellung im Centre Dürrenmatt, Foto: Thomas Markus Meier

Gott in der Möglichkeitsform, der Zufall aber ist wirklich. Nicht nur die Gerechtigkeit beschäftigte den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, sondern auch Anfang und Ende der Welt. Thomas Markus Meier über Schwerpunkte im Werk des vor 30 Jahren verstorbenen Autors.

Letzten Freitag sendete Schweizer Radio SRF2 Kultur einen Themenmorgen zu Friedrich Dürrenmatt – als Auftakt zu einer Reihe von Veranstaltungen und Sendungen anlässlich seines 30. Todestags am 14. Dezember und seines 100. Geburtstages am 5. Januar im kommenden Jahr.[1] Als erstes wurde ein O-Ton eingespielt: «Ich glaube, dass man im Schreiben unbewusst, äh, das ist jetzt vielleicht etwas sehr frech gesagt, aber man nimmt irgendwie die Stellung Gottes ein. Also: wenn es einen Gott gibt, muss der einen unendlichen Humor haben…» Wenn es einen Gott gibt: Hat uns Dürrenmatt etwas zur Gottesfrage zu sagen? Wenn auch, wie im gehörten Ton, mit einem dröhnenden Lachen, das er auch diesem Gott an-dichtet?

Wenn es einen Gott gibt.

Beatrice Eichmann-Leutenegger beendete einen Artikel zum Berner Autoren in der letzten Novemberausgabe des Berner Pfarrblatts mit einem Zitat aus der berühmten Kurzgeschichte «Der Tunnel»: «Gott liess uns fallen, und so stürzen wir denn auf ihn zu.» Wahrscheinlich war dieser Klassiker eine meiner ersten Dürrenmatt-Lektüren, als Schulbuchklassiker in der Oberstufe. Allein: Was sollen wir tun? hatte der Zugführer geschrien in der Eisenbahn, die unerbittlich dem Abgrund, dem Erdinnern zustürzte. Und obige Antwort strich Dürrenmatt dann bewusst aus späteren Ausgaben. Neu lautet die Antwort anders, «mit einer gespensterhaften Heiterkeit (…): ‘Nichts.’» Der Sohn (und spätere Vater) eines Pfarrers verwahrte sich nämlich zeitlebens dagegen, religiös vereinnahmt zu werden. Seine schlimmste Vorstellung wäre es, meinte er einmal, im Schaufenster einer Buchhandlung ein Büchlein zu sehen: «Trost bei Dürrenmatt».

gespensterhafte Heiterkeit

Hat uns Dürrenmatt, ohne ihn vereinnahmen zu wollen, Bedenkenswertes zur Gottesfrage gesagt? Losgelöst von seinen grotesken Gottesfiguren in seinem ganzen Werk – von ausgedeuteten griechischen Götterfiguren; über Menschen, die einander im Nachhinein zur Erfahrung Gottes wurden wie in der Parabel Abu Chanifa und Anan ben David, einer genialen, wenn auch wenig rezipierten Parabel auf den Israel-Palästina-Konflikt; oder die Kaffeemühlengötter mit und ohne Bart, in der – sagen wir ‘Weihnachtsnovelle’ – Durcheinandertal?

Ein Thema, das sein umfangreiches Oeuvre vom Anfang bis am Schluss durchzieht, ist die Frage nach dem Zufall. Ist, was einfällt, uns passiert, einfach so geschehen? Wie deuten wir das? Theologisch gesprochen die schwierige Frage nach Vorsehung und Freiheit. Bereits sein erstes Drama, das sich in seinem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv findet (und ein Fortspinnen seines Weltuntergangsdrama-Entwurfs «Der Knopf» ist) führt sozusagen zum Weltende durch Zufall[2].

Ist, was einfällt, uns passiert, einfach so geschehen?

Weltentstehung und Weltende: Wie kaum ein anderer Schriftsteller hat sich Dürrenmatt leidenschaftlich für die Naturwissenschaften interessiert und neuste Fragen und Erkenntnisse in seinem Werk durchgespielt. Manche haben das als dilettantisch abqualifiziert, aber im Wortsinn als Liebhaber hätte sich Dürrenmatt darin vielleicht gar nicht ungern gesehen (und immerhin hat Elisabeth Emter, ausgewiesene Kennerin von Physik und Literatur, diesem Thema eine eigene – vergriffene – Studie gewidmet). Nach meiner – dilettantischen Einschätzung – ist der Zufall ein Schlüsselbegriff zu den Naturwissenschaften. Hatte die Physik den Zufall gleichsam ausschliessen wollen, kam sie mit der Entdeckung der Unschärfe, der Quantenphysik, sozusagen bös auf die Welt: In der atomaren Welt der kleinsten Teile, spielt der Zufall eine grösste Rolle. Einstein – ihm widmete Dürrenmatt einen gleichnamigen Vortrag; ihn lässt er dem Namen nach in seinem Stück «Die Physiker» auftreten  – Einstein selbst hat sich zeitlebens abgemüht, diesen Zufall wieder wegzutheoretisieren. Bekannt ist sein oft zitiertes Wort: «Er (gemeint Gott) würfelt nicht!»

Der Zufall – ein Schlüsselbegriff zu den Naturwissenschaften

Die Physik also hat sich lange gegen den Zufall gewehrt, und wurde mit dem Zufall in neue Sphären katapultiert. Im Gegensatz dazu geriet der Zufall in der Biologie, bei der Frage nach der Evolution, beinahe zur allerklärenden Weltformel. Zu beidem hat sich Dürrenmatt Geschichten ausgedacht, etwas weniger zur Evolution (etwa die Dinosaurier und das Gesetz), weit häufiger zur Physik, vor allem der Astronomie. Kaum ein Werk, worin nicht der Zufall eine grosse Rolle spielt, oft gar die entscheidende Wendung auslöst. Im Roman «Das Versprechen» (zum berühmtem, aber anders endenden Film «Es geschah am helllichten Tag») lässt ein blöder Zufall den genialen Detektiv geradezu verblöden.

Kaum ein Werk, worin nicht der Zufall eine grosse Rolle spielt.

Ich ärgere mich oft, wenn im Alltagssprachgebrauch, oft abschätzig, von etwas gesagt wird, das sei nur Zufall. Was heisst hier nur? Zufall ist etwas vom Schwierigsten. Und ein echter «Zufallsgenerator» kaum zu konstruieren. Wenn ich von «nur Zufall» höre, pflege ich oft zu intervenieren und korrigiere: «sogar Zufall». Wen wir unsere Welt physikalisch erklären wollen, spielen unglaublich viele Zufälle eine entscheidende Rolle. So dass manche Physiker, so sie denn nicht zum Staunen finden oder gar zur Religion, Zuflucht nehmen zur Statistik. Statt vom Universum ist dann von Multiversen die Rede. So viele Welten gibt es dann, damit die unsere doch noch, wenigstens statistisch, wahrscheinlich wird. Hans Küng spottete einst von bubble physic aus Angst vor Metaphysik. Andere phantasieren ein pulsierendes Universum, eines kommt nach dem andern, der Weltuntergang wird zur Geburt einer nächsten Welt, so dass wir uns – zufälligerweise – gerade in jener befinden, die als einzige uns möglich macht. Was für ein Zufall! Alles andere ist dazu erfunden, weil es uns streng genommen gar nicht geben dürfte. Statt Welten zu erdichten, könnten wir ja dankbar sein, den Zufall nicht wegerklären, sondern als Geschenk erkennen.

«sogar Zufall»

Auf diese Spur hat mich die Beschäftigung mit dem Gesamtwerk Dürrenmatts gebracht. In einem Interview in der Zeitschrift «Der Wiener» (Nr. 9, 1988) sagt Dürrenmatt: «…Als solches ist der Mensch das grösste Wunder, das wir im Weltall kennen. Haben wir das begriffen, stossen wir zu einem neuen Humanismus vor, der sich auf die Ehrfurcht vor dem Wunder der Evolution gründet, die wir zu erahnen beginnen: In ihr hat der Tod einen Sinn. […] Es ist höchste Zeit, sich wieder zum Atheismus zu bekennen.»[3] Wieder bekennt sich Dürrenmatt gegen Vereinnahmung zum Atheismus. Vielleicht könnten wir so etwas wie eine atheistische Frömmigkeit spüren. Erwachsen aus einem langen, suchenden Weg. Davon geben handschriftliche Einträge in seinen Agenden/Kalendern berührendes Zeugnis. Wie beispielsweise die Frage, ob er noch das Tischgebet mir seiner Frau beten könne, wenn er es dann unterlasse, wenn Gäste da sind, oder wenn ihm sein entlaufenes Büsi (junges Kätzchen) zum Bild für seine, die protestantische Konfession, wird.[4]

eine atheistische Frömmigkeit

Auch Jubiläen fallen zu. Die runden Geburts- und Todesdaten in diesen Tagen könnten motivieren, Dürrenmatt neu zu lesen. Vor allem auch das weniger bekannte Spätwerk. Als eine Art Adventskalender vielleicht wäre der «Auftrag» zu stemmen, eine Novelle in 24 kapitellangen Satzperioden. Oder «Durcheinandertal», das mal unter dem Arbeitstitel «Weihnachten II» lief…[5]

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Thomas Markus Meier, Pastoralraumleiter der Pfarrei St. Anna, Frauenfeld, Schweiz. Bloggt regelmässig über biblische Themen, derzeit vor allem die Revision der Einheitsübersetzung und die Vulgata deutsch (Biblioblog auf facebook).

Beitragsbild: Bilderausstellung im Centre Dürrenmatt / Foto von Thomas Markus Meier

PS 1) Am 17.Dezember spricht Ursula Amrein in einer Ringvorlesung im Schweizerischen Literaturarchiv zum Thema: «Zufall – Dürrenmatt und der Lauf der Dinge».

PS 2) Noch immer erhältlich: Thomas Markus Meier, Dürrenmatt und der Zufall (Dissertation), Grünewald 2012 (Theologie und Literatur, Band 26)


[1] Vgl. https://medien.srf.ch/-/themen-schwerpunkt-ein-jahrhundert-durrenmatt-.

[2] Nach der neusten Dürrenmattbiographie von Ulrich Weber, Zürich (Diogenes) 2020, S. 72. Gegenüber der ersten grossen Biographie von Peter Rüedi (Die Ahnung vom Ganzen, Diogenes 2011) zeichnet sich diese aus durch Materialfülle, und mehr Exegese als Eisegese. Rüedi noch hatte über eine mögliche Homosexualität phantasiert, Weber dagegen hat belegbare aussereheliche Affären ausgegraben… Beide Biographien lohnen allerdings die Lektüre. Das Fragment von «Der Knopf» findet sich im Anhang von: Friedrich Dürrenmatt, Es steht geschrieben / Der Blinde. Zwei Stücke, Zürich (Diogenes) 2020 (Werkausgabe in 37 Bänden, Band 1).

[3] Zitiert nach der Biographie von Ulrich Weber, S. 558.

[4] Die Notiz zum Tischgebt ist erwähnt bei Weber, S. 108, und von mir in der Agenda selber eingesehen, wie andere, nicht publizierte Einträge, etwa der Katze. Weitere berührende Zeugnisse pflege ich nur mündlich «zu verraten»…

[5] Es endet mit «Das Kind hüpfte vor Freude in ihrem Bauch». Von Weber wird das Zitat (im ansonsten sorgfältig lektorierten Band) irrigerweise dem Evangelisten Markus zugeordnet (S. 555).

Von Thomas Markus Meier bisher auf feinschwarz.net erschienen:

Etiketten gesucht für altneuen Wein

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