Edward Schillebeeckx: Leben und Denken

Der flämisch-niederländische Dominikaner Edward Schillebeeckx (1914-2009) war ein Theologe, dessen Gedanken im Kontext der Amazonien-Synode bzw. des deutschen Synodalen Weges gerade neue Aktualität gewinnen – und zwar nicht nur im Bereich einer zukunftweisenden Ämtertheologie. Jan Loffeld bespricht eine neu erschienene Biographie.

Der Erinnerungsband an den flämisch-niederländischen Dominikanertheologen Edward Schillebeeckx OP erschließt zehn Jahre nach dessen Tod die bleibende Bedeutung eines großen europäischen Theologen, der das Christentum inmitten stürmischer Zeiten begleitet hat. Ulrich Ruh beschreibt das Lebenswerk Schillebeeckx‘ mithilfe zweier Perspektiven: zuerst wird der historische und biographische Kontext rekonstruiert („Leben“, 43-75), um darin später inhaltliche Linien des schillebeekxschen Wirkens einzuzeichnen („Denken“, 79-184). Es zeigt sich erneut, wie Theologie stets Biographie ist, bei Schillebeeckx durchaus vergleichbar mit seinem Ordensbruder Yves Congar oder Karl Rahner. Zugleich wird der jeweilige kulturelle Kontext nicht nur rekonstruktiv bedeutsam, sondern gehörte offenbar für die damalige Generation zu ihrem Theologietreiben unabdingbar dazu. Jene Kontextualität des Konzils ist daher für jemanden wie Schillebeeckx habitualisierter Ausgangspunkt seines gesamten Werkes.

Gnade des Konzils

Wer sich nun mit Ulrich Ruh im ersten Teil in die Welt des flämisch-niederländischen Katholizismus begibt, erfährt zunächst, wie der Flame Schillebeeckx sich gegen den Jesuitenorden entschieden hatte, da ihm dessen moralischen Ideale als zu rigide erscheinen. Nach Studien- und Lehrjahren in Gent, Löwen und Paris – wo er unter anderem die französische Phänomenologie sowie Yves Congar, Marie-Dominique Chenu und die Arbeiterpriesterbewegung kennenlernte – kommt er 1958 an die Katholische Universität Nimwegen und lernt hier „von der niederländischen Direktheit und der konkreten Beschäftigung mit Fragen und Problemen“ (59). Als designierter Konzilsberater des Utrechter Erzbischofs Kardinal Alfrink kann Schillebeeckx die „Gnade des Konzils“ erleben, an dessen Vorbereitung er durch die federführende Abfassung von Konzilsvoten der Nimweger Fakultät beteiligt ist.

Zeichen eines lebendigen Glaubens

Durch den mehrfach übersetzten Beitrag „Die niederländischen Bischöfe und das Konzil“ wird das seinerzeitige „Heilige Offizium“ erstmals auf ihn aufmerksam und Kardinal Ottaviani verhindert schließlich seine Zulassung als offizieller Peritus. Hierin hatten die Bischöfe mit Verweis auf Schillebeeckx die Initiativen von Gläubigen und erneuernden Impulse der Theologie als Zeichen eines lebendigen Glaubens unterstrichen. Trotz dieses Rückschlags kann Schillebeeckx in der entsprechenden Unterkommission an „Gaudium et spes“ mitarbeiten. In dieser Zeit wird er ein international gefragter Theologe, was nicht zuletzt seine damals beginnende umfassende Publikationstätigkeit in verschiedenen Sprachen zeigt. Nach dem Konzil ist Schillebeeckx gemeinsam mit Karl Rahner an der Gründung der Zeitschrift „Concilium“ beteiligt, für dessen erste Ausgabe er festhält: „So ist die menschliche Existenzerfahrung, wo immer sie sich befindet, wirklich ein locus theologicus.“ (66)

Konflikte mit der römischen Glaubensbehörde

Ebenso vorausschauend fordert er für das nachkonziliare niederländische Pastoralkonzil, dass dieses ein Dokument erarbeiten solle, welches den Glauben in einer säkularisierten Welt verdeutliche und klar mache, warum die Welt sich völlig verändert habe und inwiefern dies ein Test (!) für die Kirche sei. Zu Schillebeeckx‘ Weg gehören schließlich insgesamt drei Konflikte mit der römischen Glaubensbehörde, die allerdings alle ohne förmliche Sanktionen enden. Später kommentiert er: „Man merkt, dass die dortigen Standpunkte mehr durch Kirchenpolitik als durch andere Faktoren geprägt werden und dass sie eine bestimmte Periode des theologischen Denkens als Norm für alles Theologietreiben gebrauchen, und dagegen kann man sich vom Evangelium her kritisch positionieren“ (73).

Tastend vorgetragene Neuansätze

Inhaltlich beschreibt der Band in seinem zweiten Teil das reiche theologische Schaffen Schillebeeckx‘ anhand seiner Publikationen und Vorlesungsskripte. Wie viele seiner damaligen Kollegen lässt er beinahe kein brennendes theologisches Thema aus, mit folgender Haltung: „Er war sich immer dessen bewusst, (…) wie unverzichtbar eine rationale Theologie ist, und hat gleichzeitig ihre Grenzen gesehen und damit relativiert“ (17). Bis in die Jahre des Konzils widmet Schillebeeckx sein dogmatisches Schaffen vor allem der Sakramententheologie. Zu diesem Thema hatte er bereits 1952 in Paris promoviert und dafür ein ursprünglich geplantes Projekt zu „Theologie und Kultur“ aufgegeben. Neben materialdogmatischen Themen äußert sich Schillebeeckx allerdings schon in den 1950er Jahren zu Fragen der Gottesabwesenheit, des religionssoziologisch sichtbaren Unglaubens oder aber zu nichtreligiösem Humanismus. Dabei ist die Arbeit jener Jahre, wie der Schillebeeckx-Kenner Erik Borgman beschreibt, durch das „charakteristische Neben- und Ineinander von traditionell neuscholastischer Sicht und oft noch tastend vorgetragenen, neuen und zukunftsweisenden Verstehensansätzen“ (105) geprägt.

Jesus-Bücher

Eine Zäsur markieren die Jesus-Bücher. Parallel zu Walter Kasper und Hans Küng zieht er hier die Konsequenz einer mittlerweile durch die Offenbarungskonstitution salonfähigen historisch kritischen Exegese. „Jesus. Die Geschichte von einem Lebenden“ (1975) sowie „Christus und die Christen. Die Geschichte einer neuen Lebenspraxis“ (1978). Beide Titel zeigen die doppelte Dimensionierung der schillebeckxschen Christologie an. Zum einen: „Es geht im Christentum nicht nur um die bleibende Botschaft Jesu und ihre endgültige Relevanz, sondern im Kern um die bleibende, eschatologische Relevanz seiner Person selbst“ (Jesus 1975, zitiert auf 120). Andererseits fordert er, dass die „theoretische Theologie sowohl mit Geschichten als auch vor allem mit Orthopraxis“ verbunden werden müsse „ohne die jede Theorie und jede Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verlieren würde.“ (126).

Theologie und Erfahrung

Unerlässlich ist für die Schillebeeckx’sche Theologie schließlich der Erfahrungsbegriff, den er in Korrelation mit der Offenbarungstheologie bringt. Unübertroffen steht dafür folgendes Zitat: „Zeitgenössische neue Erfahrungen haben eine hermeneutische, das heißt, eine Verstehen fördernde Bedeutung für den eigenen christlichen Erfahrungs- und Erkenntnisinhalt, wie umgekehrt die spezifisch christlichen Erfahrungen und deren Auslegungen, wie sie in der Schrift und der langen christlichen Erfahrungstradition zum Ausdruck gekommen sind, eine eigene ursprüngliche Kraft haben, kritisch und produktiv unsere allgemein menschlichen Erfahrungen in der Welt zu erschließen.“ (in: Die Auferstehung als Grund für die Erlösung, 1979, zitiert auf 140). Diese Überlegungen lesen sich als späte Fortsetzung des Nachdenkens über „Theologie und Kultur“, wie es als roter Faden bei Schillebeeckx immer wieder sichtbar wird.

Was bleibt?

Was bleibt nun von einem „Jahrhunderttheologen“ wie Schillebeeckx für seinen damaligen Kontext, also für die heutige europäische und insbesondere die niederländische Theologie?

Interessant ist in der Rückschau, wie Schillebeeckx sich inmitten der nachkonziliaren Polarisierung des niederländischen Katholizismus in Reformkräfte und (neo-)restaurative Ansätze zentral der Person Jesu zuwendet und von hierher deren „Sache“ in kritisch-konstruktivem Dialog mit seinem gesellschaftlichen Umfeld entwickelt. Dabei kommt er u.a. zu einer relativierenden „Ekklesiologie in Moll“ (178), die den Grundauftrag der Kirche stets neu an dieser Sache und damit an der Person Jesu und seinem Wirken im gestern und heute messen muss. Eine damit einhergehende „Entmythologisierung“ der Kirche, welche sie zugleich nicht allein soziologisch fasst, ist gerade inmitten derzeitiger Reformprozesse ein wichtiges Desiderat. Darüber hinaus kann die theologische Fachwissenschaft bleibend von der zentralen Bedeutung des Erfahrungsbegriffs bei Schillebeeckx lernen: wenn nicht alles täuscht, kann man derzeit von einem leichten, aber stetigen Wachstum konfessioneller Theologie in den Niederlanden sprechen. Hierbei zeigt sich unter der zunehmenden Anzahl von Studierenden, wie sehr es benennbare Erfahrungen waren, die sie in nachvolkskirchlichen Zeiten auf den Gedanken kommen ließen, konfessionell orientierte Theologie zu studieren – und nicht Religionswissenschaften.

Erfahrung der Nicht-Erfahrung

Solche „kleinen Pflänzchen“ befinden sich zeitgleich in einem Kontext, in dem die „Erfahrung der Nicht-Erfahrung“ – neben exklusivistischen Sicherheitsbestrebungen – sicherlich nicht nur in den Niederlanden zum quantitativ wachsenden Normalphänomen wird. Auch hier wäre es interessant, Schillebeeckxs heute zu fragen, was seine Theologie angesichts solcher Phänomene bereithält. Ansätze dazu sind in seinem Werk zweifelsfrei vorhanden. Daher leistet der Band von Ulrich Ruh mehr als die Erinnerung an eine nahe kirchengeschichtliche Epoche und einen ihrer wichtigen Vertreter.

Jan Loffeld ist Professor für Praktische Theologie und Leiter des „Department of Practical Theology and Religious Studies“ an der Tilburg University School of Catholic Theology in Utrecht.

Bildquelle: Stichting Edward Schillebeeckx

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