Ein Gottesdienst als pädagogische Situation?

Barbara Staudigl plädiert dafür, keine Lebenszeit mit schlechten Inszenierungen, ob im Theater oder Gottesdienst, zu verschwenden, sondern sich in Ritualen wie dem Morgenkreis der Menschen und Situationen bewusst zu werden – nicht nur in der Schule.

Unlängst war ich mit meinem Mann im Theater in Wien. Bis zur Pause hofften wir. Dann verließen wir die Aufführung und setzten uns in die Gaststätte nebenan. Wir waren uns einig, dass einzelne schauspielerische Leistungen gut waren, wir aber nicht bereit sind, Lebenszeit zu verschwenden mit einer schlechten Inszenierung, die langweilt.

Keine Lebenszeit verschwenden!

Unlängst war ich auch in einem Gottesdienst. Auch ihn verließ ich vor der Zeit, allerdings mit mehr Skrupel, weil ich 1966 geboren und katholisch sozialisiert bin. Das Argument war dasselbe: Ich bin nicht bereit, Lebenszeit zu verschwenden und mich von schlechten Inszenierungen langweilen zu lassen. In diesem Fall war auch die Leistung des Protagonisten im Altarraum schlecht.

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens als Lehrerin, als Pädagogikprofessorin, als Schulleiterin gearbeitet. Und ich halte es für verantwortungslos, Lebenszeit zu verschwenden mit Langeweile oder Belanglosigkeit oder Beziehungslosigkeit. Lebenszeit ist kostbar, sie muss genützt und gefüllt werden. Bei Peter Petersen, dem Begründer der Reformpädagogik des Jena-Plans, findet man den Gedanken der so genannten „pädagogischen Situation“. Diese Situation von Kindern und Jugendlichen muss von den Verantwortlichen so geordnet werden, „dass jedes Glied des Lebenskreises genötigt (gereizt, aus sich herausgetrieben) wird, als ganze Person zu handeln, tätig zu sein. 1 Ich wende den Gedanken der pädagogischen Situation auf Liturgie, auf Gottesdienst an.

Freude an der Gottesdienstfeier.

Als meine Kinder klein waren, habe ich im Kindergottesdienstteam mitgearbeitet. Und es hat uns Erwachsenen ebenso viel Freude gemacht wie den Kindern, den Gottesdienst vorzubereiten und zu feiern: mit einer gestalteten Mitte, mit Symbolen, mit einfachen Liedern, mit kleinen Aktivitäten, mit Erzählen. Wenn der oder die Vorbereitende des Kindergottesdienstes gut war, dann gelang ihm oder ihr die didaktische Reduktion der biblischen Geschichte des Tages. Wenn er oder sie weniger gut war, dann blieb trotzdem noch die pädagogische, die liturgische Situation: die gestaltete Mitte, um die wir uns versammelten, die Begegnung, das Aufeinander-Hören, das Miteinander-Tun und Sich-Wohlfühlen im Raum.

Wir hatten keinen allzu großen Raum und mussten die Eltern, die ihre Kinder brachten und gerne dabei bleiben wollten, oft wegschicken in die „große Kirche“, die parallel stattfand. Der Raum war begrenzt – und der Pfarrer nahm es übel, wenn die Eltern nicht zu ihm in die „große Kirche“ kamen. Dabei wäre das eine der Chancen gewesen zu fragen, warum Erwachsene am Kindergottesdienst teilnehmen wollen, warum sie es vorziehen, auf dem Boden um eine gestaltete Mitte zu sitzen und mit den Kindern etwas zu basteln und einfache Kinderlieder zu singen. Was gab es bei uns, was es in der „großen Kirche“ nicht gab? Ich denke, es waren jene Elemente, die ich mir von einem Gottesdienst wünschen würde: sich wohlfühlen im Raum und in der Gemeinschaft, Beziehungen aufbauen dürfen, Leben ins Wort fassen, teilen und reflektieren, sich mitteilen und austauschen dürfen.

Morgenkreis als pädagogisches, schulpastorales, liturgisches Element.

Als ich Schulleiterin war, habe ich Morgenkreise am Montagmorgen eingeführt mit genau jenen Elementen: eine gestaltete Mitte, das Sitzen im Kreis, das Sich-Wohlfühlen miteinander und im Raum – ein pädagogisches, ein schulpastorales, ein liturgisches Element und Ritual, das mir persönlich heilig war. In dieser halben Stunde am Montagmorgen wurde der Schulraum zum Anders-Ort und geschah im Klassenzimmer Liturgie. Dabei gab es keine starren Regeln, wie ein Morgenkreis gestaltet sein muss, denn das Grundprinzip des Morgenkreises, den ich aus der Marchtaler Plan Pädagogik2 übernommen habe, ist das der Personalität: Die anwesenden Personen gestalten und „machen“ den Morgenkreis. Der Lehrer, die Lehrerin ist Gastgeber oder Gastgeberin, bereitet vor, lädt ein. Er oder sie darf die Rolle aber auch abgegeben, auch Schülerinnen und Schüler lieben es, für andere einen Morgenkreis vorzubereiten und das, was ihnen wichtig ist, in eine Form zu bringen.

Was passiert im Morgenkreis? Zunächst einmal Sammlung und Versammlung. Die Schülerinnen und Schüler und die Lehrenden versammeln sich um eine Mitte und im Kreis. Sie sitzen nicht hintereinander mit Blick auf den Rücken der Mitschülerinnen und Mitschüler, sondern sehen sich an, nehmen sich wahr. Im Morgenkreis geht es um das Ankommen im Raum und in der Gemeinschaft, es geht darum, sich und andere wahrzunehmen, Leben zuzulassen, von Erlebtem zu berichten, anderen zuzuhören, sich selbst mitzuteilen.

Ritual, das Wahrnehmung, Begegnung, Leben teilen zulässt.

Impulse gibt es zuhauf, die im Morgenkreis thematisiert werden können: Wahrnehmungsübungen, ethische Fragestellungen, Texte, Musikstücke, Symbole, die Schöpfung, das Weltgeschehen ebenso wie der konkrete Todesfall im Klassenzimmer. Nie war ich dankbarer für den Morgenkreis als in jenen Momenten, in denen der Tod in eine Klassengemeinschaft einbrach und wir zurückgreifen konnten auf ein Ritual, das Wahrnehmung, Begegnung, Leben teilen zulässt. Und selten war ein Morgenkreis turbulenter und virulenter als nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten von Amerika. Und schön war es, mit den Schülerinnen und Schülern Schöpfung wahrzunehmen, weil man den Morgenkreis auch mal in die Natur verlegte und spürte, wie der Sommer roch, sich anfühlte und anhörte.

Ich war neun Jahre lang Schulleiterin an dieser Schule, ich habe ca. 300 Morgenkreise erlebt, etliche selbst gestaltet, viele erlebt. Nicht alle waren „gut“ im Sinne einer Performance. Aber um Performance einzelner geht es nicht. Es geht um Wahrnehmung der anderen Menschen, um Sammlung und Versammlung, um das Teilen von Leben und ein Sich-mitteilen, um Reflektieren und Beziehungen aufbauen – und manchmal einfach nur darum, dass man miteinander lacht und fröhlich ist. Und diese Aspekte sind es, die ihn altersunabhängig machen. Ich habe sechs Jahre lang einen berufsbegleitenden Studiengang für Lehrkräfte an katholischen Schulen mit geleitet und habe in dieser Zeit mehr als 200 Morgen- und Abendkreise gestaltet und erlebt.

Die Einladung zum eigenen Leben annehmen und durch die je eigene Lebens-Art antworten!

Leben thematisiert sich in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich, Beziehungen gestalten sich anders. Doch Leben ins Wort zu fassen und es zu reflektieren, Beziehungen und Gemeinschaft zu leben und zu stärken, bleibt altersunabhängig wichtig. Markus Eham, jüngst emeritierter Liturgiewissenschaftler an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, schreibt zum Morgenkreis: „Von der Bibel her betrachtet ist der Mensch also nicht in erster Linie Produzent oder Produzentin, nicht Konsument oder Konsumentin, auch nicht „Prosument“, sondern „Respondent“, ein Ant-Wortender: Alle sind dazu aufgerufen, die Einladung zum eigenen Leben anzunehmen und durch die je eigene Lebens-Art darauf Antwort zu geben.“3 Mit der eigenen Lebens-Art Antwort geben auf die Einladung zum eigenen Leben – eine schöne Vorstellung von Liturgie, die Gläubigen mehr als ritualisierte Antworten ermöglicht. Und ihnen eine andere Rolle zugesteht als die des Zuschauers und der Zuschauerin für das Geschehen und den Zelebranten im Altarraum.

Bei Peter Petersen und im Jenaplan gibt es noch einen anderen schönen Gedanken, den man für liturgische Räume bedenken könnte: die Schulwohnstube. Sie soll anregungsreich und wohnlich gestaltet sein – und ihre Gestaltung liegt in der Verantwortung der Schülerinnen und Schüler. Passt hervorragend zu meinen Erfahrungen von Kindergottesdiensten und Morgenkreisen. Warum das in der „großen Kirche“ nicht gehen sollte, weiß ich nicht.

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Text: Prof. Dr. Barbara Staudigl, Stiftungsdirektorin der Trägerstiftung der Katholischen Stiftungshochschule (KSH), einer Fachakademie und Fachoberschule in München.

Bild: Claus-Peter Englhardt, Realschule Oberroning.

  1. Peter Petersen: Führungslehre des Unterrichts., 2. Auflage, Braunschweig 1950, 20.
  2. Der Marchtaler Plan ist der Rahmenplan für die Freien Katholischen Schulen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der in den späten 70er und frühen 80er Jahren an der Katholischen Akademie für Lehrerfortbildung in Obermarchtal entstand. Er ist heute an etlichen katholischen Schulen in Deutschland und Österreich verbreitet.
  3. Eham, Markus: Morgenkreis, in: Bieberstein, Sabine/ Nothaft, Peter/ Staudigl, Barbara (Hg.): Hoffnungsraum Schule. Perspektiven für eine profilierte Entwicklung katholischer Schulen, Ostfildern 2019, 109.
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