Ein Leben auf dem ‚Cathwalk‘?

Berenike Jochim-Buhl über die Frage, was Mode heute mit (religiöser) Identität zu tun hat.

Junge Unternehmer*innen wie Mark Zuckerberg haben ihn salonfähig gemacht: den Hoodie. Früher schludriges Kapuzensweatshirt pubertären Versteckspiels wurde er als Aushängeschild einer erfolgreichen Start-up-Generation direkt in die Businessetage katapultiert. Der Hoodie verkörpert den sogenannten Normcore, einen Modetrend, der gerade keiner sein will. Anstatt täglich als Streetstyle-Ikone auffällige Schau-mich-an-Looks zu inszenieren oder als Fashion-Victim den Trends der Stunde hinterherzuhecheln, setzt der Normcore (aus engl: normal und hardcore) auf Masse statt Individualität, auf Anpassung statt Exzentrik.

Das Phänomen einer schnelllebigen, mit Möglichkeiten und Angeboten überfordernden Postmoderne zeigt so auch in der Modewelt seine Auswirkungen. Als Kapuzenkleidungsstück hat der Hoodie seinen Ursprung im Ordensgewand und mit diesem mehr gemein, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Neben praktischen Eigenschaften wie Schutz vor Wind, Wetter und aufdringlichen Blicken, ist es die Einfachheit und Einheitlichkeit, die den Habit zu einer Art Normcore-Uniform macht.

normal & hardcore = Normcore

Nachdem in den letzten Jahren schlichte Eleganz und skandinavische Puristik die Modewelt dominierte und eine glattgebügelte Instagram-Ästhetik statt zu überraschen eher langweilte, kehrt aktuell der Individualismus auf die Catwalks zurück: schreiend, irritierend, symbolträchtig. Maßgeblich für die Renaissance der inszenierten Opulenz ist Alessandro Michele, seit 2015 creative director für Gucci. Er hat das Modehaus einer Rundumerneuerung unterzogen und die gelangweilte Modewelt gleich mit. Mode geht mit Michele nicht auf Nummer sicher, Mode darf wieder Spaß machen.

Für die Mailänder Fashion Week beschäftigte sich Alessandro Michele nach viel floraler Farbexplosion, Mehr ist Mehr und Alice-im-Wunderland-Attitüde mit Texten von Foucault und Haraway. Herausgekommen ist eine Cyborg-Show, die zugleich Schauer der Beklommenheit wie der Begeisterung hervorrief. In der Kulisse eines steril grünen Krankenhaussaals inklusive OP-Liegen lieferte das erbarmungslose Neonröhrenlicht die Models den Blicken der Fashionwelt aus – bereit, seziert zu werden.

Cyborg-Show von Alessandro Michele

Der Designer bezeichnete uns alle als „Dr. Frankensteins“ unserer Leben[1], er selbst in der Rolle eines Chirurgen, der aufschneidet, amputiert, transplantiert und neu vernäht. Seine geschaffenen Wesen sind Cyborgs, Hybride zwischen Mensch, Tier, Mann, Frau, zwischen Horrorfiguren und Fantasyheld*innen mit Accessoires aus unterschiedlichsten Kulturen, Ethnien, Milieus. Da wird Turban zur roten Lederhose getragen, Stricksturmhaube zum glitzernden Abendkleid, plüschig-blaue Schafwoll-Mütze in einer schrägen Mischung aus Folklore und Clownsoptik. Ein schlafender Babydrache ist die neue It-Bag. Der Höhepunkt des Gruselkabinetts: Zwei Models laufen mit täuschend echten Repliken ihres eigenen Kopfes unterm Arm über den Laufsteg. Den Abschluss bildet eine feenhafte Frau mit drittem Auge auf der Stirn. Zyklopin oder sehende Sybille? Die Modepresse titelt „post-human“, „post-identity“.[2]

Wesen mit fluider Identität, ohne klare Herkunft

Micheles Cyborg ist ein Wesen mit fluider Identität, ohne klare Herkunft. Er ist der Horror einer nach Sicherheit und Regeln suchenden Generation. Er irritiert, fordert heraus und straft Schubladendenken rigoros ab, das nach Maßstäben der Macht versucht, Eindeutigkeiten, Ordnung und wertende Einteilung in ‚normal‘ oder ‚nicht normal‘ vorzunehmen – Foucault hätte sich gefreut. Nach Haraway sind Cyborgs „als eine Fiktion anzusehen, an der sich die Beschaffenheit unserer heutigen gesellschaftlichen und körperlichen Realität ablesen läßt.“[3]

Diese Fashionshow hält der Welt den Spiegel vor. Einerseits zeigt sie die Absurdität des Zeitgeistes, den Zwang, sich jeden Tag neu erfinden zu müssen, die ironisch übersteigerte Obsession eines kranken Individualismus. Andererseits fordert die Show genau das: Sie plädiert für ein Man-selbst-sein-Können ohne Grenzen, Diskriminierungen und Entwürdigungen. Wir alle sind unser eigener Frankenstein. Und unsere Identitäten sind wild, bunt, gemixt, wir sind Gewordene und Konstruierte.

Probleme des kirchlichen Normcore

Theolog*innen müssen sich oft sagen lassen, dass sie schlecht gekleidet sind und keine Ahnung von Mode haben.[4] Ich bin nicht sicher, ob es hier wirklich um Stilbewusstsein geht. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass das eigentliche Problem eine besondere Art von Normcore ist. Man erkennt den/ die Durchschnittstheolog*in am Aussehen: ähnlicher Kleidungsstil, gleiches Milieu.

Das ist kein reines Theolog*innenproblem. Aber es könnte auf Dauer ein Problem für die Kirche werden. Denn die Uniformität des Auftretens ist einerseits verbindend; gleich und gleich gesellt sich gern. Andererseits schließt Einheitlichkeit aus. Und: Das immer Gleiche verspricht schon äußerlich nichts Überraschendes mehr. Normcore steht in diesem Fall für Beständigkeit, Verlässlichkeit, Erwartbarkeit. Aber nicht für gelebte Vielfalt, Experimentierfreudigkeit, Mut zur Grenzüberschreitung, Neugier auf Neues. Spitze Zungen könnten sagen: Aber genau das passt doch zur Kirche!

Kirche, Kleidung, Macht

Eigentlich war Selbstinszenierung ja nie das Problem der (katholischen) Kirche. Auch was die Gewandung angeht, hatte man einiges zu bieten. Es wäre allerdings ein Trugschluss, dass ein Revival der Soutane und ein Comeback des Collarhemds die Lösung aller Probleme wäre. Es wäre ein Rückgriff auf die Sicherheit einer alten Uniformität, die mit einem „Kleider machen Leute“-Verständnis subkutan Macht, Autorität und Hierarchie transportiert.

Und hier wären wir wieder bei Foucault. Identitätskategorien sind eng gekoppelt mit Machtbeziehungen. Angeblich vorgegebene Identitäten werden durch Machtregime hervorgebracht. Beruft sich ein System auf eine bestimmte Identitätsgruppe, wird diese unweigerlich vereinheitlich, was Differenzen, Uneindeutigkeiten oder Vielfalt ausschließt. Dass Kirche ein System mit „vorgegebenen“ Identitäten, eindeutigen Rollenmustern und heteronormativen Geschlechtervorstellungen hat und damit Machtbeziehungen und hierarchische Ordnungen transportiert werden, ist nichts Neues. Aber vielleicht sollte man die Wirkung der Selbstinszenierung und Identitätsdarstellung durch Kleidung nicht unterschätzen.

Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“

Der Einfluss kirchlicher Kleidung ist nicht nur die Verbindung zum Kapuzensweatshirt. Religion und Kirche ist und war kultureller Motor und Quelle unzähliger Rezeptionen. Nicht nur Kunst, Literatur und Musik schöpften daraus, auch in der Mode inspirierte gerade der Katholizismus zu eindrucksvollen Entwürfen. Von Mai bis Oktober 2018 widmet nun das Metropolitan Museum oft Art in New York dieser besonderen Art der Rezeption eine Ausstellung mit dem Titel „Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination“.[5] Von religiösen Kunstwerken über Papstgewänder aus dem Vatikan zeigt die Ausstellung einen Dialog zwischen Mode und religiöser Kunst bis hin zu Couture-Kleidern zeitgenössischer Designer, die von Klosterleben, liturgischen Gewändern oder kirchlicher Architektur inspiriert wurden. Unterstützt wird die Ausstellung vom Who is Who der Modeszene, darunter Vogue-Chefin Anna Wintour und Donatella Versace. Der Kurator Andrew Bolton sagte bei der Ausstellungsankündigung in Rom: „dress is central to any discussion about religion; it affirms religious allegiances and, by extension, it asserts religious differences.“[6] Auch hier wieder: Zusammengehörigkeit und Abgrenzung.

Designer machen Kleider und Kleider machen Leute.

Designer machen Kleider und Kleider machen Leute. Natürlich geht es Kirche nicht um Schein, sondern um Sein. Doch das Bewusstsein dafür, dass man mit dem, was man trägt, auch Inhalte zur Schau stellt, dass Identität und Wirkung mit äußerem Zeichen zusammenhängt, ist nicht erst für rituelle, sakramentale Handlungen im Gottesdienst entscheidend. Wenn die katholische Kirche auch in Zukunft Künstler*innenmuse und Ausstellungsgrund sein will, wenn sie Menschen aus vielen Generationen, Milieus, unterschiedlicher ethnischer wie kultureller Herkunft erreichen will, dann dürfen ihre Theolog*innen nicht im Normcore daherkommen.

Theolog*innen als modische Cyborgs

Dabei ist es egal, ob es der Einheitscode eines vergangenen Zeitalters (Soutane) oder einer neuen Generation (Hoodie) ist. Leider wurde eine zeitgemäße Neuinterpretation des Ordenshabits, wie sie beispielsweise das niederländische Modelabel Byborre für die Dominikaner entworfen hat, bisher nicht weiterverfolgt.[7] Doch Theolog*innen müssen sich trauen, auch mal selbst ein modischer Cyborg mit fragmentiertem und unabgeschlossenem Selbst zu sein, mit Identitätsentwürfen, erwarteten Rollenbildern und (Geschlechter)Grenzen zu spielen und darüber hinaus ein Netzwerk zu Menschen aufzubauen, die vielleicht auf den ersten Blick (äußerlich) nicht zum kirchlichen Erscheinungsbild passen. Passung ist nämlich wie Identität nur irrtümlich vorgegeben. Oder mit Haraway gesprochen: „Im Verschleiß der Identitäten und in den reflexiven Strategien ihrer Konstruktion eröffnet sich die Möglichkeit, etwas anderes zu weben als das Leichentuch für den Tag nach der Apokalypse, die uns das Ende der Heilsgeschichte verheißt.“[8]

[1] Vgl. https://www.nytimes.com/2018/02/22/style/gucci-alessandro-michele-milan-fashion-week.html; 29.03.2018.

[2] https://www.thecut.com/2018/02/gucci-fall-2018-runway-recap.html; 29.03.2018.

[3] Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Hrsg. und eingeleitet von Carmen Hammer und Immanuel Stiess, Frankfurt/Main; New York 1995, 34.

[4] Vgl. z.B. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016, 130f.

[5] https://www.metmuseum.org/exhibitions/listings/2018/heavenly-bodies; 29.03.2018.

[6] https://www.vogue.com/article/metropolitan-museum-heavenly-bodies-fashion-and-the-catholic-imagination-exhibit-preview; 29.03.2018.

[7] Vgl. Felix Neumann, Designer interpretiert Dominikanerhabit neu. In: http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/designer-interpretiert-dominikanerhabit-neu; 29.03.2018.

[8] Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur, 44.

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Berenike Jochim-Buhl ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Altes Testament der Katholisch-Theologischen Fakultät in Tübingen.

Bild: Berenike Jochim-Buhl

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