Ein Stadtspaziergang durch Berlin-Neukölln – Impulse für eine zukunftsfähige Kirche

Karte mit den Stationen des Spaziergangs durch Neukölln

Wie in sozial herausfordernden Kiezen Kirche sein? Dieser Frage gehen Ulrike Häusler und Mareike Witt nach und nehmen dafür auf einen Spaziergang durch Nord-Neukölln mit.

Berlin Neukölln, genauer Nord-Neukölln, als Impulsgeber für eine zukunftsfähige Kirche? Im Stadtbild sind zwar Kirchengebäude sichtbar, aber für kirchliches Leben ist Nord-Neukölln weniger bekannt. Der Ortsteil ist bunt und vielfältig: Zum einen zeigt sich hier eine Vielfalt verschiedener Kulturen, Religionen und Nationalitäten; ca. 50% der Menschen haben Migrationshintergrund. Zum anderen ist Nord-Neukölln durch soziale Ungleichheiten geprägt; je nach Bezirksregion sind zwischen 50% und 65% der Kinder auf Transferleistungen angewiesen. Der Ortsteil unterliegt einem sozioökonomischen Strukturwandel, der sich u.a. in einem stetigen Zuzug von Künstler:innen, Kreativen und Studierenden ausdrückt. Mit der zunehmenden Attraktivität von Nord-Neukölln steigen die Mieten, langjährige Bewohner:innen werden verdrängt.

Wie wird hier Kirche gelebt?

Zusammen mit Studierenden haben wir im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der Humboldt-Universität den Sozialraum der Bezirksregionen Rixdorf, Reuterstraße, Schillerpromenade und Neuköllner Mitte analysiert, Expert:innen interviewt sowie kirchliche Orte besucht und auf ihr Kirche-Sein in diesem Sozialraum befragt: Wie wird hier Kirche gelebt? Mit einem Stadtspaziergang wollen wir zu fünf ausgewählten Orten mitnehmen und Impulse für eine zukunftsfähige Kirche aufspüren.

Sauerteig sein – im Sozialraum

Wir beginnen unseren Spaziergang am U-Bahnhof Karl-Marx-Straße mitten in Neukölln: Imbisse und Shisha-Bars prägen neben Handyläden, Spielotheken, Boutiquen und Spätis den Charakter der wichtigsten Geschäftsstraße im Bezirk. Nur eine Querstraße entfernt an der Richardstraße und der Kirchgasse sind die Geschosshöhen niedriger, wir tauchen in eine Welt ein, die noch dörfliche Strukturen hat. Hier in Böhmisch-Rixdorf fanden ab 1737 auf Einladung von Friedrich Wilhelm I. protestantische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen eine neue Heimat. Wir haben die erste Station unseres Stadtspaziergangs erreicht, die Evangelische Brüdergemeine Berlin (Herrnhuter), wo uns Roland Künzel begrüßt, der Vorsitzende des Ältestenrates. Wir sehen einen hellen, großzügigen und schlichten Gottesdienstraum, in dem die Farbe Weiß dominiert. Wir hören, was der Gemeinde wichtig ist: Gleichheit aller Menschen vor Gott, Vertrauen in überlieferte Texte und Melodien, sich für Frieden im Kleinen und Großen einsetzen, Teil der großen Ökumene sein, Räume öffnen ins Umfeld. Wir erfahren, wie sich das in Struktur und Leben der Brüdergemeine niederschlägt: in der gelebten Spiritualität, in einer von der Bergpredigt herkommenden Friedensethik, in interreligiösen Begegnungen im Kiez und in Gastfreundschaft.

Diese Gemeinde war immer in der Diaspora; im Bewusstsein, Minderheit zu sein, wirkt sie in die Mehrheitsgesellschaft hinein. Wir bekommen noch eine Führung durch den Comeniusgarten, der auf Initiative der Brüdergemeine 1992 auf dem Gelände der ehemaligen „Richardsburg“, einer Mietskaserne mit fünf Hinterhöfen, entstand. Im Garten werden die philosophischen und pädagogischen Vorstellungen von Jan Amos Comenius, der auch Bischof der Böhmischen Brüder war, architektonisch umgesetzt. Er ist Symbol der tschechisch-deutschen Völkerverständigung und ein beliebter Erholungsort für die Anwohner:innen.

Als Impuls für eine zukunftsfähige Kirche nehmen wir mit: Sauerteig sein! Eine Kirche, die weiß, was sie ausmacht, wirkt in ihr Umfeld hinein und gestaltet dieses mit.

Zulassen und Vertrauen entwickeln

Weiter geht es ganz in den Norden des Bezirks. Dort, wo Neukölln an Kreuzberg grenzt, treffen wir auf dem Reuterplatz Pater Karl Hermann Lenz SAC. Wir schauen gemeinsam auf die in den 1930er Jahren gebaute Kirche St. Christophorus, die rechts in die Häuserzeile eingebaut ist und links von der Gemeindekita und einem Platz abgeschlossen wird. Kalle, wie ihn alle nennen, schildert uns, wie er zusammen mit einer Gruppe junger Pallotiner:innen 1993 nach Berlin kam und mit St. Christophorus das Projekt „Kirche im sozialen Brennpunkt“ startete. Die Finanzkrise im Erzbistum 2003 setzte dem kein Ende; es wurden neue Finanzierungsquellen erschlossen und das Profil „Kirche im sozialen Brennpunkt“ geschärft. Die Verschiebung der Herausforderungen durch den sozioökonomischen Strukturwandel im letzten Jahrzehnt wird von der Gemeinde mit den Schwerpunkten sozial – spirituell – kulturell aufgenommen.

Inzwischen sind wir im Kirchenraum angekommen und hören erstaunt, dass sich hier zu den Gottesdiensten am Wochenende zwischen 140 und 240 Menschen treffen, darunter viele junge Erwachsene und Kinder. Kalle Lenz betont, dass diese Gottesdienstkultur sowie die spirituellen Angebote und insbesondere auch das soziale Engagement nur im Team mit Ehren- und Hauptamtlichen leistbar sei und verweist u.a. auf Lissy Eichert UAC, die Pastoralreferentin der Gemeinde. Dazu werde die Kirche auch sehr gerne für Ausstellungen und Konzerte genutzt, deren Einnahmen z.T. den sozialen Angeboten zu Gute kommen. Tief beeindruckt sind wir vom Ausmaß der sozialen Aktivitäten mit und für Arme und Geflüchtete (Forum Asyl, Pallotti-Mobil), für die die Gemeinde über den Reuterkiez hinaus bekannt ist: das herausfordernde Leben mit oftmals traumatisierten Asylsuchenden, die regelmäßige Ausgabe einer warmen Mahlzeit, die Möglichkeiten für Langzeitarbeitslose und Suchtkranke durch ihre Arbeit andere Bedürftige zu unterstützen.

Als Impuls für eine zukunftsfähige Kirche gibt uns Kalle Lenz ein Wort mit auf den Weg: Zulassen! Vertraut auf den Heiligen Geist und seid offen für Menschen, die mitmachen möchten sowie für ihre Ideen.

Gemeinschaftliches Leben mit Geflüchteten

Gleich um die Ecke liegt das Refugio, ein von der Berliner Stadtmission getragenes Wohnprojekt, in dem meist junge Geflüchtete und Einheimische gemeinsam leben. Das Refugio Berlin ist 2015 aus der Idee der Sharehäuser entstanden, in deren Mittelpunkt das gemeinsame Leben, Arbeiten und Teilen steht. Das öffentlich zugängliche Café im Erdgeschoss ist Fenster in den Kiez. Hier treffen wir Dan, den Ehrenamtskoordinator, von dem wir erfahren, dass das Café ausschließlich ehrenamtlich von den Bewohner:innen und Unterstützer:innen betrieben wird. Gemeinsam gehen wir durch das Haus und erkunden den öffentlichen Bereich in den ersten beiden Etagen: Tanzsaal/ Gottesdienstraum, Konferenzraum, Cateringküche, Künstlerateliers, Werkstätten. Dazu haben hier auch einige Mieter Raum gefunden, z.B. eine Fahrradwerkstatt und das sich als Mitmachkirche verstehende Kreuzbergprojekt. In den Etagen 3 bis 5 befinden sich die insgesamt 33 Zimmer der Bewohner:innen und ihre Gemeinschaftsräume. Begeistert sind wir vom großzügigen Dachgarten mit Aussicht auf Neukölln. Wir erfahren, dass das Haus, das der Berliner Stadtmission gehört, auf einem guten Weg ist, sich durch Mieteinnahmen, Spenden, das Café, sowie ein eigenes Eventmanagement selbst zu finanzieren. So soll das Wohnprojekt weiterhin für Menschen offengehalten werden, die eine Zuflucht suchen.

Als Impuls für eine zukunftsfähige Kirche nehmen wir mit: Gemeinschaftliches Leben! Die Kirche braucht immer wieder die Erinnerung, dass Jesus gerade auch diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen, in die Nachfolge gerufen und mit ihnen gelebt hat.

Wagen statt Warten! Gestaltungsräume mutig ausreizen.

Weiter südlich der Hermannstraße kommen wir zur Herrfurthstraße, in ihrer Mitte steht auf einem Platz die Genezarethkirche. Bis 2008 lag die Straße unmittelbar in der Einflugschneise zum Flughafen Tempelhof, in den 1940igern musste deswegen sogar der Turm gekappt werden. Mit der Schließung des Flughafens und Öffnung des Tempelhofer Feldes wandelte sich das Umfeld, inzwischen passieren Zehntausende pro Woche auf ihrem Weg zum Feld die Kirche. Nachdem eine Gemeindekirchenratswahl mangels Kandidat:innen nicht möglich war, reagierte der Kirchenkreis Neukölln auf die Entwicklungen im Kiez und eröffnete in Kooperation mit den Nachbarkirchenkreisen das Projekt Startbahn. Pfarrerin Jasmin El-Mahny, Geschäftsführerin, stellt uns im Gespräch das noch junge Projekt vor. Teil der Startbahn sind die Projekte Segensbüro, Spirit & Soul, pio_near und Theologie der Stadt. Unter demselben Dach und durch Zusammenarbeit verbunden sind das Diakoniewerk Simeon und das Café Terz. Jasmin El-Mahny erzählt von den Anliegen, Kirche für den Kiez zu sein, den Kirchenraum für alle zu öffnen, ihn als Eventlocation zu nutzen und Raum für künstlerische, politische, spirituelle und soziale Initiativen und Aktionen zu geben.

Projekt StartbahnWas Menschen bewegt und was sie machen wollen, könne so wahrgenommen und für eigene Angebote Orientierung geben. Kirchenbänke raus, Teppich und Sitzkissen rein – El-Mahny schildert uns, wie die Umgestaltung des Kirchraums diese Anliegen unterstützen soll. Da die Gestaltung reversibel, preiswert und schnell umsetzbar sein sollte, wurde mit Beleuchtung, Anstrich, Vorhängen, Pflanzen und Beklebungen ein vielfältig nutzbarer Raum geschaffen und über ein Leitsystem mit Pfeilen zugänglich gemacht. Die Projekte der Startbahn sollen neue Erfahrungen mit Kirche ermöglichen und Wege ins Gespräch öffnen.

Als Impuls für eine zukunftsfähige Kirche nehmen wir mit: Wagen statt Warten! Gestaltungsräume, die Kirche hat, mutig ausreizen!

You never walk alone!

Vom Schillerkiez geht es nun zu unserer letzten Station. Von der belebten und lauten Hermannstraße kommen wir durch die ruhigere Kranoldstraße zur Philipp-Melanchthon-Kirche. Hier gibt uns Pfarrer Jan von Campenhausen Einblicke in das, was die Gemeinde bewegt. Das Gemeindeleben ist in den letzten zehn Jahren drastisch zurückgegangen, einzelne hingegen engagieren sich kontinuierlich über Jahrzehnte hinweg. Für seine Ansätze von Gemeindearbeit seien drei Säulen leitend, erstens Fokussieren auf die Verkündigung des Evangeliums, zweitens hohe Qualität in dem, was angegangen wird, und drittens Zusammenarbeit mit Institutionen.

So nutzt die Gemeinde das Potential ihrer Räume, um Partner:innen in das Gebäude und damit in das Gemeindeleben zu holen. Die Obdachlosenarbeit im Winter wird mit der Diakonie, Gedenkgottesdienste für ordnungsbehördlich Bestattete mit dem Bezirk, Jugendarbeit mit dem CVJM durchgeführt. Gottesdienste für Jugendliche finden in Form von Schulgottesdiensten für die Ausstellung des Bibellabors (von Cansteinsche Bibelanstalt Berlin)Evangelische Schule Neukölln statt und für die Beschäftigung mit der Bibel hat die von Cansteinsche Bibelanstalt Berlin mit ihrem Bibellabor einen neuen Ort in der Kirche gefunden. Hier nehmen ca. 2.000 Menschen pro Jahr an Angeboten zur Bibel teil. In der Zusammenarbeit entsteht so etwas, das allein nicht erreicht werden kann.

Als Impuls für eine zukunftsfähige Kirche bleibt uns im Ohr: You never walk alone! Nicht alles muss aus eigener Kraft geschafft werden. Kirche mit Partner:innen gestalten!

Zukunftsfähig ist Kirche dann, wenn die Aufmerksamkeit auf das fokussiert wird, was Menschen suchen und brauchen.

Am Ende unseres Spaziergangs durch Neukölln sind wir erfüllt von der Aufbruchs­stimmung, der wir begegnet sind. An Impulsen für eine zukunftsfähige Kirche nehmen wir mit: Sauerteig sein, Zulassen, Gemeinschaftliches Leben, Wagen statt Warten und You never walk alone! In einer Gegend, in der volkskirchliche Strukturen einbrechen, haben christliche Gemeinden weiterhin den Anspruch, Kirche zu sein und als solche in ihr Umfeld hineinzuwirken. Dafür braucht es neben engagierten Menschen auch förderliche Strukturen, die es erlauben, Kirche für den Sozialraum zu entwickeln: in enger Verbindung mit dem Kiez wie die Herrnhuter, in Solidarität mit Armen und Geflüchteten wie im Refugio und in St. Christophorus, als Labor des Neuen wie die Startbahn und in Kooperation mit Partner:innen wie in Philipp-Melanchthon. Die Erfahrung, Minderheit zu sein, schärft dabei die Bewusstheit für das Eigene. Zukunftsfähig ist Kirche dann, wenn die Aufmerksamkeit auf das fokussiert wird, was Menschen suchen und brauchen, und gemeinsam Kirche als Teil des intensiven Lebens verstanden und gestaltet wird.

Autorinnen: Ulrike Häusler ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Praktischen Theologie/ Religionspädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Mareike Witt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der von Cansteinschen Bibelanstalt in Berlin und leitet das Bibellabor.

Bilder: von Cansteinsche Bibelanstalt Berlin
Die Karte zum Stadtspaziergang Neukölln wurde von Ulrike Häusler unter Verwendung von Daten von OpenStreetMap (Open-Database-Lizenz) erstellt (https://www.openstreetmap.org).

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