Ohne Gewaltenteilung: eine Kirche ohne Morgen

Für die Katholische Kirche steht die institutionelle Existenz auf dem Spiel – weltweit. Die Analysen  sind so vielfältig wie eindeutig, der Handlungsdruck ist groß, die konkreten Entscheidungen fehlen. Die Hoffnung: Synodalität. Von Birgit Hoyer.

Synodalität löst die komplexe kirchliche Krisensituation nicht. Am Anfang einer nachhaltigen Transformation der Katholischen Kirche steht das Bekenntnis der aktuell für die Institution Verantwortlichen, dass sich diese Kirche schuldig gemacht hat an Gott und den Menschen. Sie hat sich selbst diskreditiert und kann nicht für sich in Anspruch nehmen, moralische Autorität zu sein. Autorität muss erst wieder erarbeitet werden. Das „Wir haben verstanden!“1 des  Synodalforums I „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ im Kontext des deutschen Synodalen Weges zeugt eher vom Gegenteil:

Kirche muss nicht verstehen,dass aufgeklärte und plurale Gesellschaften darauf bestehen müssen, dass solche Phänomene eines strukturell verankerten Machtmissbrauchs konsequent aufgedeckt, angeklagt und geahndet werden müssen“, „die Rechtskultur der Kirche an den Grund- und Menschenrechten ausgerichtet werden muss“ und „man in weiten Teilen der Gesellschaft eine Kirche als unattraktiv und unnütz empfindet, die sich vornehmlich mit sich selbst beschäftigt“. Es ist nicht zu verstehen, es ist schockierend, dass die (Rechts-)Kultur der Kirche im 21. Jahrhundert nicht an den Grund- und Menschenrechten ausgerichtet ist. Eine Kirche, die nicht entsprechend handelt und ihren Auftrag nicht erfüllt, wird nicht nur in weiten Teilen der Gesellschaft als unnütz empfunden, sie ist unnütz.

Über-, Unterordnung des Klerikalismus beenden.

Dieser Verantwortung weicht auch der Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Grech mit dem Verständnis aus: „Wo Hören ist, da ist die Kirche, und dieses Hören kann nur synodal sein.“2  Sr. Maria Dolores Palencia und der Theologe Rafael Luciani 3 bringen dagegen in ihrer Reflexion der Ersten Kirchlichen Versammlung von Lateinamerika und der Karibik auf den Punkt, dass Zuhören kein Selbstzweck ist. Eine „synodale Kirche ist eine partizipative und mitverantwortliche Kirche“ zitieren sie die Internationale Theologische Kommission (ITK)4 und fordern das Ende der „ungleichen Beziehungen von Über- und Unterordnung“ des Klerikalismus. Die Teilhabe der ganzen Gemeinschaft „in der freien und reichen Verschiedenheit ihrer Mitglieder“ ist Bedingung einer synodalen Kirche, besonders die Teilhabe der Menschen, „die aufgrund ihrer besonderen Gefährdung durch Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit es nicht riskieren, mit Protest und öffentlicher Anklage aufzubegehren, sowie […] die strukturell zum Schweigen gebracht werden. Zu diesen stumm gemachten Stimmen gehört auch der Schrei der Schöpfung.“ Diese Gemeinschaft betet, hört, berät, um pastorale Entscheidungen zu treffen.

Keine Ekklesia mehr, die die Hoffnung des Evangeliums bezeugt.

In synodalen Strukturen geht es also nicht – wie bei Grech der Eindruck entstehen könnte – ausschließlich um ein Hören, sondern um Handeln als Konsequenz aus dem Gehörten. Palencia macht deutlich, dass dieses Handeln radikale Konsequenzen hat: „Folglich sollten wir unser Denken und unser Herz für die Ruah öffnen, die unsere traditionellen oder sklerotisierten Vorgehensweisen durchbricht und uns dazu bewegt, die neue kirchliche Identität zu erkennen, die in anderen geografischen, existentiellen und konjunkturellen Realitäten entsteht.“

Es geht um nichts weniger als um neue Realitäten, die über Existenz oder Nicht-Existenz von Kirche und ihrer Mission entscheiden. Die weltweit angestoßenen kirchlichen Transformationsprozesse sind keine Spielereien, keine Anstrengungen, die man unternehmen kann oder auch nicht. Mit den Worten von Palencia stehen Kirche und ihre Sendung auf dem Spiel: „Unsere historische Verantwortung besteht aber darin, alle heutzutage gebotenen Schritte zu tun, […], damit alle Menschen an pastoralen Entscheidungen beteiligt sind, deren Folgen sie betreffen. […] Ohne einen tiefgreifenden Wandel, der das blockierte klerikale Modell mit seinen Privilegien hinter sich lässt, wird es in kurzer Zeit keine Ekklesia, kein Volk Gottes mehr geben, das die Hoffnung des Evangeliums verkündet und bezeugt. […] Lasst uns jetzt beginnen, sonst gibt es kein Morgen.“

Kirche erfüllt ihren Auftrag nicht allein im Hören.

Es gibt kein Morgen für die Sendung, wenn nicht alle an pastoralen Entscheidungen beteiligt werden, die davon betroffen sind. Worum aber geht es bei pastoralen Entscheidungen? Nicht um Fragen der Kirchenadministration oder der Unternehmensführung, sondern um den Auftrag der Kirche im Verhältnis zur Welt, zu den Gesellschaften und den ökologischen, politischen, existentiellen Herausforderungen, um die Sorgen und Nöte der Menschen. „Der Grund der Kirche im Sinne ihres Ursprungs und ihres Zwecks ist, dass sie durch Jesus Christus gestiftet ist, um der Welt Hoffnung auf Versöhnung und Heil zu bringen“, so die Feststellung der Politikwissenschaftlerin Tine Stein auf feinschwarz.net. Es geht bei pastoralen Entscheidungen darum, wie die Kirche diesem Auftrag, Hoffnung zu bringen – in Wort und Tat, in ihrem Handeln und ihren Strukturen gerecht wird.

Sie kann ihn ganz sicher nicht erfüllen, wenn sie nicht hinhört, wo Unheil und Konflikte begründet liegen. Sie erfüllt ihn aber nicht allein im Hören, ohne Entscheidungen zu treffen, die über innere Angelegenheiten und Selbstbeschäftigung hinausreichen. „Der Synodale Weg kann als eine Chance verstanden werden, die Kirche aus einer Sackgasse heraus und in eine Transformation zu führen, die mit einer neuen Rechtsgrundlage und einem anderen Rechtsverständnis einhergeht,“ meint Tine Stein.5 Auch sie kommt zu dem Schluss, dass die gegenwärtige Kirchenordnung ein Morgen verunmöglicht: „Ein neues Recht und ein anderes Verständnis, was Recht in der Kirche bedeutet, ist bitter nötig.“

Die Fiktion von Synodalität wird zum Brandbeschleuniger.

„Eine synodale Kirche ist eine hörende Kirche, weil eine hörende Kirche eine synodale Kirche ist: Hören ist das Prinzip der Synodalitat.“6 Dieser Zirkelschluss hat die Kirche an den Rand des Abgrunds geführt. Eine Kirche, die nur hört, ohne Konsequenzen aus dem Gehörten zu ziehen, die nicht im Sinne ihres Auftrags in radikaler Gleichheit, also nach eigenen Standards wie denen demokratischer Gesellschaften entscheidet und handelt, schafft sich in synodalen Prozessen selbst ab. Sie konterkariert Synodalität in der Fiktion, Klerikalismus in klerikalen Strukturen und Abhängigkeiten zu überwinden.

Die Fiktion wird zum Brandbeschleuniger, wenn mit ihr weitergearbeitet und auf dieser Grundlage sogenannte synodale Räte konzipiert werden, die lediglich an der klerikalen Macht teilhaben wollen, ohne die Grundstruktur von Über- und Unterordnung gelöst zu haben. Ein um – weiter Laien genannte – Personen im Ehrenamt erweitertes Klerikergremium, das alle Gewalten in sich vereint, wird aber eben nicht dem Prinzip der Gewaltenteilung gerecht, das Synodalität notwendiger Weise zugrundeliegt. Werden Legislative, Exekutive und Judikative nicht getrennt betrachtet, vermischen sich Gewalten, Aufgaben, Auswahl-, Qualitäts- und Bewertungskriterien guter Führung, bleibt der Ausschluss Betroffener bestehen, Macht unkontrolliert und Missbrauch unsanktioniert. Alles bleibt wie gehabt, es sind lediglich mehr Personen daran beteiligt.

Weder Judikative noch Exekutive können von Synodalräten übernommen werden.

Der kirchliche Auftrag kann nur in der Gesellschaft realisiert werden. Um dafür wirkmächtige Strukturen aufzubauen und verantwortlich mit Macht umzugehen, liegt es nahe, sich an den Strukturen einer demokratischen Gesellschaft zu orientieren, nicht nur über eine Teilhabe an bisher ungeteilter Leitung nachzudenken, sondern konsequent Gewalten zu teilen. Die gesetzgebende Legislative kann mit Synodalräten umgesetzt werden, die über die üblichen Funktionsträger:innen aus den Pfarreien hinaus die Handlungsfelder von Kirche wie Caritas, Kitas, Schulen, Bildungseinrichtungen, Religionsunterricht etc., aber vor allem den politischen Sozialraum abbilden. Hinsichtlich der Judikative ist über eine enge Abstimmung und Kooperation mit „weltlicher“ Gerichtsbarkeit nachzudenken. Exekutive ist Leitung und Verwaltung, – im kirchlichen wie weltlichen Sinne – Führung als Dienstleistung nicht als kein Privileg7. Das Prinzip der Gewaltenteilung verbietet die Konzentration der Gewalten in einer Person oder einem Gremium. Weder Judikative noch Exekutive können von Synodalräten übernommen werden.

Modelle für Gewaltenteilung, demokratische Partizipation und verantwortliche Führung sind weltweit längst entwickelt. Laut Palencia kann Kirche „von unseren ursprünglichen Völkern, von den kirchlichen Basisgemeinschaften, von den in Stadtvierteln und Siedlungen gewachsenen Selbstorganisationen“ lernen. In der Katholischen Kirche können Verbände auf eine lange demokratische Kultur zurückgreifen. Die demokratische Partizipation aller in der Legislative, die Unabhängigkeit und Fachlichkeit der Judikative und die Professionalität der Exekutive sind die ausschlaggebenden Kriterien, wenn eine synodale Wende der Kirche von einem Verantwortungsverdunstungsbetrieb8  hin zu einer verantwortlich handelnden Institution gelingen soll, die ihrem pastoralen Auftrag, die Not der Menschen zu ihrer eigenen zu machen, gerecht wird.

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Text und Bild: Birgit Hoyer, Mitglied der Redaktion.

Menschenrechte statt Privilegien!

 

  1. Vorlage des Synodalforums I „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“ zur Zweiten Lesung auf der Dritten Synodalversammlung (3.-5.2.2022) für den Grundtext „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche – Gemeinsame Teilnahme und Teilhabe am Sendungsauftrag“, 4f. Die folgenden Zitate sind dem Text entnommen.
  2. Grech, Mario, Zuhören als Fundament einer synodalen Kirche, in: Herder Korrespondenz 7/2022, 24-26, hier: 26. Ein Impuls des Generalsekretärs der Bischofssynode, der für die bis in den Oktober 2023 laufende Weltbischofssynode zum Thema Synodalität verantwortlich ist.
  3. Sr. Maria Dolores Palencia, Mexico, Mitarbeiterin des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) und Mitglied der Ersten Kirchlichen Versammlung von Lateinamerika und der Karibik; Rafael Luciani, Venezuela, Theologe, Mitglied der Vatikanischen Theologischen Synodenkommission auf feinschwarz.net. Alle Zitate von Palencia und Luciani sind diesem Beitrag entnommen.
  4. ITK, Synodalität, Nr. 67 und 68.
  5. Prof. Dr. Tine Stein lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie ist Mitglied im Synodalforum „Macht und Gewaltenteilung“. Das folgende Zitat ist ihrem Beitrag auf feinschwarz.net entnommen.
  6. Grech, Zuhören, 26.
  7. Raitner, Marcus, Führung ist Dienstleistung
  8. Christiane Florin auf feinschwarz.net.
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