Ein vergessener Pionier: Marcel Jousse SJ (1886-1961)

Clara-Elisabeth Vasseur erinnert an einen vergessenen Bibelwissenschaftler, der die Schriften des Neuen Testaments wieder in ihrer mündlichen Herkunftskultur verortete: den französischen Jesuiten Marcel Jousse.

Wer ist Marcel Jousse? Der Name dieses Jesuiten, der auch an der laizistischen Sorbonne immer die Soutane trug, ist nur wenigen geläufig. Weder in der exegetischen Wissenschaft noch in der Anthropologie, geschweige denn in der Philosophie hat er sichtbare Spuren hinterlassen. Gleichwohl haben bereits in der dunklen Zeit tiefer Feindschaft zwischen Frankreich und Deutschland einzelne anerkannte Bibelwissenschaftler auf die Pionierarbeit von Jousse verwiesen.

Mündlicher Traditionsstrom

Das zentrale Thema, das Jousses Leben und Denken bewegte, kulminiert im Begriff Oralität bzw. Mündlichkeit. Der Tübinger Neutestamentler Martin Hengel wies noch 2008 darauf hin, dass „die Evangelisten in einem mündlichen Traditionsstrom stehen.“ Dabei war Hengel überzeugt, dass die so genannte Quellentheorie, die von literarischen Abhängigkeiten der Evangelisten ausgeht, nicht ausreicht, um Übereinstimmungen und Differenzen zwischen den vier Berichten über das Leben Jesu zu erklären.

Hier beginnt die eigentliche Herausforderung. Wie funktioniert die Weitergabe von Tradition in einer Kultur, in der Oralität bestimmend ist und Schriftlichkeit eine untergeordnete Rolle spielt? Wer nicht in eine solche Kultur hineingeboren ist, kann es sich nur schwer vorstellen. Eine Rückprojektion in eine Kultur der Oralität ist für uns kaum möglich. Es wäre, sagt W. Ong, als ob man das Auto „als Pferd ohne Räder“ definieren würde.

Ganze Evangelien rezitieren

Marcel Jousse, der 1886 in einer ländlichen Region Frankreichs geboren und von einer Mutter, die kaum lesen und schreiben konnte, großgezogen wurde, kennt diese orale Tradition von Kindesbeinen an. Aber obwohl seine Mutter Honorine Carrel quasi zu den „Analphabeten“ gehörte, konnte sie etwas, was heute kaum ein moderner Exeget mehr kann, nämlich ganze Evangelientexte auswendig zu rezitieren. Sie sprach sie aber nicht nur, sondern sang sie auf einfache Melodien, den kleinen Marcel auf ihrem Schoß wiegend.

Viel später, im Jahr 1929, erschien in einer deutschen Zeitschrift ein Bericht über die rhythmische Rezitation durch Jousse vom Gleichnis des Mannes, der sein Haus auf Sand gebaut hatte, und den unvergesslich tiefen Eindruck, den sie auf die Teilnehmer eines wissenschaftlichen Kongresses hinterlassen hatte. Erkennbar beeindruckt betont die Autorin des Artikels, dass die von Marcel Jousse präsentierte „Psychologie des Gedächtnisses und Psychologie der Sprache“ im Gegensatz „zu den meisten übrigen praktischen Psychologien“ steht.

Körpergedächtnis

Weshalb? Jousse betont, dass beim Gedächtnis der ganze Körper, der Bewegungsapparat und das rhythmische Gefühl beteiligt sind. Das Gedächtnis ist keine reine „Hirnfunktion“. Auch wenn  die Neurowissenschaften heute zeigen, wie sehr Jousse recht hat, sind wir weit davon entfernt, diese Erkenntnisse für die Bibelwissenschaft oder für die Pastoral fruchtbar zu machen. Die Gedächtnisleistung eines Menschen, der in eine lebendige mündliche Tradition hineingeboren und darin aufgewachsen ist, ist unvergleichbar größer als unsere eigenen diesbezüglichen Fähigkeiten, die wir ab frühester Kindheit Papier und Stift, Buch, bzw. Tablet und Tastatur, in die Hand gedrückt bekommen, damit wir auf diese Weise vermeintlich schneller und besser Lesen und Schreiben lernen.

Wechseln wir für einen Moment den Schauplatz. Als der Apostel Petrus nach Rom kam, um von den Wundertaten Jesu und von seiner Auferstehung Zeugnis abzulegen, war er nicht allein. Markus begleitete ihn und übersetzte teilweise seine Reden für die Gemeinden, da Petrus das Griechische nur begrenzt beherrschte. Diese Aufgabe der „Live-Übersetzung“ eines Redners oder Lesers in eine andere Sprache war in der hellenistischen Welt üblich und auch den Juden bekannt. Wenn aus der Tora vorgelesen wurde, stand dem Leser oft ein Dolmetscher (Amora ou Meturgegeman genannt) zur Seite und übersetzte die Lesung ins Aramäische, denn Hebräisch konnten zurzeit Jesu nur die wenigsten Juden.

Einblick in die aramäische Gedankenwelt Jesu

So sind die Targumim entstanden. Sie sind Übersetzung und Interpretation zugleich. Sie geben uns einen unvergleichlichen Einblick in die aramäische Gedankenwelt Jesu. Marcel Jousse hat in den Targumim alle Sätze des „Vater unsers“ wiedergefunden. Die Kunst Jesu bestand nach Jousse nicht in der Erfindung dieses einzigartigen Gebets, sondern darin, die prägnanten und bekannten „Formeln“ in einem kunstvollen Gesamtgefüge neu zu ordnen. Seit 2000 Jahren gehört das „Vater unser“ als das Gebet Jesu zu den meist gesprochenen Gebeten auf der ganzen Welt.

Der Innsbrucker Neutestamentler Paul Gächter machte schon früh im 20. Jahrhundert darauf aufmerksam, dass Marcel Jousse der erste gewesen ist, der die Stellung des Markus bei Petrus mit der eines Meturgegemans verglichen hat. Petrus, der selbst aus einer Oralkultur stammte, konnte das Bedürfnis der Gemeinde in Rom, einen schriftlichen Bericht zu bekommen, so Gächter, kaum nachvollziehen. Petrus hat wie alle anderen Verkündiger und Rezitatoren einen eigenen Stil, der „motorisch verankert war“, d.h. sich voll entfaltete, wenn die „Texte“ (besser gesagt, die mündlichen Kompositionen) auf rhythmische Weise auf einer einfachen Melodie vorgetragen wurde.

Texte werden lebendig

Wer selbst diese „Praxis“ kennengelernt hat, auch wenn er noch weit davon entfernt ist, die „Performance“ derer, die in dieser mündlichen Kultur aufgewachsen sind, nachahmen zu können, kann Zeugnis ablegen, wie lebendig und anschaulich die Texte der Heiligen Schrift und der Evangelien insbesondere werden, wenn sie auf diese Art und Weise vorgetragen werden.

Marcel Jousse schuf eine neue Wissenschaft, die „Anthropolinguistik“, die sich mit der Sprache des „Anthropos“ befasst, des Menschen verstanden als einer unzertrennbaren Einheit von Leib und Seele, Geste und Sprache.

Die Schrift hat das Wort vom Leib getrennt

Nun hat eine Jahrhunderte lange schriftliche Tradition das Wort der Schrift vom menschlichen Leib getrennt. Es wird vorgelesen, es wird vielleicht an besonders hohen Festtagen vorgesungen, aber ihm wird nur passiv zugehört. Dabei ist dieses Wort für den Mund gemacht. Die kunstvolle und doch einfache Formel einer mündlichen Rede ist mit „Happen“ oder „Bissen“ zu vergleichen, die man „mundgerecht“ zu sich nehmen kann.

Ein leichtes Wiegen, ein Hin- und Herschaukeln begleitet die Rezitation und die Gesten bringen zum Ausdruck, dass die Worte keine leeren Hülsen sind. Vielmehr verweisen sie auf eine Wirklichkeit, die Himmel und Erde miteinander verbinden will. Bei „wie im Himmel, so auf Erden“ erheben Sie Ihre Hände zum Himmel, dann neigen Sie sich ein wenig nach vorne und machen mit Ihren Händen einen Halbkreis. So treten Sie neu ein in eine lebendige Tradition, die mündlich entstanden ist und mündlich weitergegeben werden will.

Diese Tradition hat Marcel Jousse zum Leben wiedererweckt.


Clara-Elisabeth Vasseur ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Universität Eichstätt und hat bereits mehrfach zu Marcel Jousse publiziert.

Bildquelle: Association Marcel Jousse, Paris.

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