Die Zukunft ist unnatürlich. Theologische Erkundungen zur Venedig-Biennale

Wie alle zwei Jahre ziehen die Pilgerströme der internationalen Kunstwelt nach Venedig, um sich die 58. Ausgabe der „Mutter“ aller Kunstbiennalen anzusehen. Viera Pirker lenkt einen theologisch interessierten Blick auf einzelne Werke.

Besonders interessant sind in diesem Jahr die Länderpavillons, deshalb startet der Streifzug an einigen herausragenden Erfahrungsorten.

Zwei Opern!

Die Opern-Performance Sun & Sea (Marina) im Pavillon von Litauen allein lohnt die Reise nach Venedig. Weit ab vom Schuss, an die Rückseite des Arsenalegeländes angeschmiegt, in einer aufgelassenen Militäreinrichtung, liegt dieses unwirklich real inszenierte Strandleben, ewig dauernder Genuss und Langeweile, von oben zu betrachten. Menschen verbringen gerade die schönste Zeit des Jahres am Strand, und immer wieder hebt sirenenhafter Gesang an, im Chor, Duett und Solo – getragen, gezogen, die Badenden selbst singen ihre Gedanken hinaus. In dem wunderschönen Klangteppich versteckt sich eine beißend satirische Kritik an globalen Urlaubspraktiken, in denen Menschen ohne Rücksicht auf Kulturen, Klimawandel und Natur das Maximum aus den freien Tagen ziehen wollen. Eine Frau freut sich im „wealthy mommy’s song“ für ihren achtjährigen Sohn, der bereits in allen Weltmeeren schwimmen war, und jetzt: „what a relief, the Great Barrier Reef has a restaurant and a hotel“. Doch später stellt sich heraus, dass alles nicht mehr so schön ist, „I cried so much when I learned that the corals will be gone“ – aber zum Glück gibt es ja digitale Technik: Der 3D-Printer druckt eine neue Welt, „3D corals never fade away“. Natürlich fühlen sich die aufmerksamen Zuschauer_innen selbst ertappt, sind die meisten doch auch nur für ein verlängertes Wochenende nach Venedig geflogen. Thema, Medium, Optik, Inszenierung, Musik, Ort: Alles greift hier kongenial ineinander. Das interdisziplinäre Künstlerinnenteam Rugilė Barždziukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė hat sich damit den Goldenen Löwen für den besten Pavillon verdient; die Wertschätzung der Live-Performance hat nach Anne Imhof’s FAUST 2017 eine Fortsetzung gefunden.[1] Auch die Kunst arbeitet in der Bedeutungserzeugung mit dem Prinzip der Verknappung, sucht reale Gegenwart realer Menschen, der Trend ins Theatralisch-Performative hält an. Erfahrungsräume, die aufgesucht werden können, in denen sich Menschen aufhalten und von anderen direkt-indirekt herausfordern lassen; Ritualvergleiche und liturgische Vergegenwärtigungen sind hier erlaubt.

Explizite Integration christlicher Tradition?

Alexander Sokurov, Lc. 15: 11-32 at the Russian Pavilion of the 58th Venice Biennale, 11 May – 24 November 2019, Install Image. Photo credit: Mikhail Vilchuk. Courtesy of the Russian Pavilion, Venice. www.ruspavilion.com

Das wohl christlichste aller Werke findet sich ausgerechnet im Pavillon von Russland. Der Regisseur Alexander Sokurov schließt in der multimedialen Installation Luca 15,11-32 an Rembrandts Bild „Die Rückkehr des verlorenen Sohns“ an – seine erste nicht-filmische Arbeit. Ausgangspunkt ist das Bild selbst, das in einem Atelier-Environment ausgestellt wird, im Moment des Entstehens. Das Original hängt in der Eremitage, die Auftraggeberin der gesamten Installation. Sokurov umgreift das Bild und weitet es aus auf filmische und skulpturale Momente. Der Raum wird im Laufe einer halben Stunde durch Lichtregie allmählich enthüllt und entdeckt. Auf einer Leinwand flimmert eine Vision der Versuchung Jesu in der Wüste, auf einer anderen ist die endzeitlich-apokalyptische Höllenvision einer brennenden Stadt zu sehen. Er arbeitet darin mit Methoden des Slow Cinema, in denen sich das extrem verlangsamte Bewegtbild als statisches Bild in die Netzhaut brennt. Auch hier kommt russische Filmtradition zum Tragen, in der das Bild nicht narrativ, sondern ikonisch verstanden wird.

Sokurov ergänzt den Raum um überlebensgroße Skulpturen, die teilweise kaum zu sehen sind in Spiegelungen und dunklem Licht. Die einzelnen Figuren des Bildes sind so im Raum platziert. Besonders beeindruckt die Gruppe des Vaters mit dem Sohn, die von Kerzenlicht erleuchtet, vor einer riesigen Spiegel-Wand gestellt ist. Das Gesicht des Sohnes, welches bei Rembrandt so zentral steht, ist hier nur mit Mühe im Spiegel zu sehen, und durch den Spiegel werden die Betrachter_innen alle in die Skulpturengruppe mit eingeschrieben.

Cathy Wilkes: Dem Werk trauen

Cathy Wilkes Untitled, 2019 (detail) Mixed Media Dimensions variable, Installation view, Cathy Wilkes, British Pavilion,Biennale Arte, Venice, 2019. www.venicebiennale.britishcouncil.org

Nur in wenigen Werken finden sich explizit religiöse Verweise, doch kaum so intensiv und zugleich zurückhaltend, wie im englischen Pavillon der Künstlerin Cathy Wilkes: Im Zentralraum ist eine zarte Altarinstallation mit Prozession aufgebaut, in den Nebenräumen sensibel platzierte Skulpturen und Miniaturen, die bei genauer Analyse den melancholisch-dramatischen Charakter einer Geschichte häuslicher Gewalt annehmen. Das Ensemble wirkt konzentriert, unaufgeregt und in einem guten Sinne biographisch: Hier arbeitet eine Künstlerin, die auf ihre eigene Kunst vertraut und die Betrachter_innen damit ganz frei lässt. Sie benötigt weder immersive Video-Projektionen, begehbare Installationen, noch architektonische Eingriffe, sondern berührt die Betrachter_in mit zarten Werken, die die Widersprüchlichkeit des Lebens in sich tragen.

Staumauern in der Migrationsfrage

Natascha Süder Happelmann, Ankersentrum, 2019, German pavilion, Photo: Jasper-Kettner. https://deutscher-pavillon.org

Natascha Süder Happelmann aka Natascha Sadr Haghihian hat den Deutschen Pavillon mit „Ankersentrum“ erstaunlich karg konstruiert, in entschiedener Geste mit einem immensen Staudamm, doch visuell arm und vor Ort im Grunde enttäuschend. Im Nachgang wird das Werk durchaus interessant: Wer tiefer vordringt, sich die drei Videos auf der Webseite ansieht[2] (vor Ort liegen Tablets aus) und allmählich entschlüsselt, wo sich die Künstlerin mit einem Steingebilde auf dem Kopf bewegt, der kann den riesigen Staudamm, die aufgelassenen Wandlöcher der letzten Installation und eine Trillerpfeifen-Soundinstallation migrationspolitisch kontextualisieren. Happelmann verbringt eine Nacht neben dem Schiff Juventa, sie besucht süditalienische Felder und Straßen, an denen Unfälle mit Geflüchteten geschehen sind. Auf den Tonspuren skandiert eine Demonstration im Chor: „senza paura! casa, sojorno, dignita, lavoro per tutti!“ – „ohne Angst! Wohnung, Reisen, Würde, Arbeit für alle!“

Interesting times?

Die weitgehende Austilgung des Christentums in der westlichen Tradition und Bildgeschichte hat die präsentierte Kunst nicht unbedingt stärker gemacht. Esoterik und Totemtheorien boomen, Rohrschachtests und Avatare überall. Die Divergenz zwischen Stadt und Kunst war selten größer: Ein Aufbäumen gegen die Bildmacht der Kunst, die Venedig immer prägen wird – solange die Stadt noch nicht gesunken ist. Doch kaum einmal mehr wird Venedig thematisiert, in den größtenteils nicht ortsspezifisch geschaffenen Arbeiten der von Ralph Rugoff kuratierten Hauptausstellung „May you live in interesting times“.

Tavares Strachan, Robert Henry Lawrence JR., 2018, Installation View, Foto: Pirker

Trotz vielfältigster Hinweise auf Apokalyptik, auf Klima, auf die Welt und ihr Auseinanderbrechen wirkt sie weniger politisch als schon erlebt, mitunter subtiler kommentierend, vielleicht ist die Dauerdramatik auch bereits künstlerisch ermüdet. Bleibend aktuelle Fragen wie Gender, Culture, Blackness, Rassismus werden vielfach thematisiert, auch in unzähligen, starken, doch in ihrer schieren Menge problematisch akkumulierenden Frauenporträts. Anthropologisch hervorzuheben ist die Multimedia-Installation Robert Henry Lawrence JR. von Tavares Strachan. Lawrence war Pilot der US Air Force, promovierter Physiker und der erste afro-amerikanische Raumfahr-Anwärter. Bei einem Unfall 1967 verstorben, wurde er posthum 1997 als Astronaut anerkannt. Strachan hat sein Skelett in einer zart blinkenden Leuchtröhren-Installation nachgebaut – der auf der Erde verbliebene Körper, während seit 2018 der goldene Satellit ENOCH als Container seiner Seele im Weltraum kreist.

Barca Nostra

Christoph Büchel, Barca Nostra, 2019, Site View, Foto: Pirker

Wieder hat Christoph Büchel das umstrittenste Werk nach Venedig gebracht und Licht ins Herz der gesamteuropäischen Problemlagen gesendet: Ein Fischerboot mit flüchtenden Menschen an Bord ist nach einer Kollision mit einem Frachter am 18. April 2015 vor der Küste Libyens gesunken – die Seenotrettung versagte, über 800 Menschen sind im Innern des Bootes ertrunken. Das Wrack des Schiffes wurde von der italienischen Marine gehoben, als Mahnmal dieser wohl größten Katastrophe im Mittelmeer. Christoph Büchel hat das verrostete Schiff ins Hafenbecken des Arsenale gestellt, wo es sich kongenial in die Umgebung einschmiegt. Wer nicht davon weiß, erkennt hier kein Werk, zumal dieses Massengrab willkommenen Schatten bietet, an der heißesten und hellsten Stelle des riesigen Geländes. Natürlich ist es nicht beschriftet. Selten waren so viele Tonnen Stahlbeton derart subtil und treffend gestellt, ein Mahnmal des Verdrängens, das von vielen übersehen wird. Italien war erneut nicht amüsiert, hatte Büchel doch erst 2015 für den isländischen Pavillon eine Moschee für die vielen venezianischen Muslime in einer ehemaligen Kirche eröffnet, mit Imam, Teppichen und Kopftuch, Gebetszeiten statt Katalog – Venedig war in Aufruhr.[3] Barca Nostra, da klingen Gebetsworte mit, und vor allem der von Papst Franziskus unermüdlich formulierte und beim evangelischen Kirchentag 2019 bekräftigte Appell, Menschen nicht ertrinken zu lassen, der einen tiefen Keil in die europäischen Gesellschaften treibt.

Video, ergo Kunst?

Interessant platziert, heischen unzählige Screens, Großprojektionen, Videoinstallationen, Environments um Aufmerksamkeit und Zeit. Bewegtbild ist die zentrale Kunstform der Gegenwart. Von einem humanen Standpunkt sehe ich manches davon nicht ohne Schaudern: Alles scheint zur Verhandlungsmasse der digitalen Videokunst zu werden. Sogar das Bildgedächtnis der Shoah, das im Kinofilm so umstritten wie sensibel thematisiert wird, wird auf ungute Weise mit beliebigen anderen Narrativen digital eingemeindet.

Ed Atkins, Perfect Bread – Detail, 2017-2019 aus der Installation Ye Olde Food, 2017-2019, Filmausschnitt, Foto: Pirker

In der Video-Arbeit Perfect Bread von Ed Atkins werden Sandwiches belegt mit Ingredienzien unserer Kulturwelt: Alles wird konsumierbar gemacht. Im Aufgreifen des ASMR-Trends[4] sind die Bilder und der Sound perfekt, sättigend, glatt und befriedigend animiert. Doch schlichtweg alles wird aufeinander gestapelt: Menschen, Gegenstände, Flaggen, Totenköpfe, Körperhaufen, Massengräber, alles wird aufs Sandwich bereitet und mit der gleichen Sauce überdeckt, in genialer digitaler Technologie. Das Ich, verloren schwebend im Raum und doch unterdrückt: Schauderhaft. Oder, wie Litauens Künstlerinnen schon wussten: 3D doesn’t feed anyone.

Cyprien Gaillard, L’Ange du Foyer 4, Installation View, Foto: Pirker

Dies weiß Cyprien Gaillard, der in einer vielschichtigen Projektion L’Ange du Foyer 4 im zentralen Pavillon den berühmten Engel von Max Ernst in eine analog-digitale Realität versetzt und das Bild im Ventilator tanzen lässt. Er greift damit ein frühes und schillerndes Zeichen heraufziehender Angstwelten auf, in denen wir heute wieder leben, in denen sich die Bedrohungsszenarien aber global erweitert haben, zwischen Ökonomie- und Klimakrise, unsicheren Herrschafts- und Gewaltszenarien und zerbrechenden Demokratien.

Christine und Margaret Wertheim, Crochet Coral Reef (Ausschnitt), 2005 – fortlaufend, Foto: Pirker

Um den Kreis zum litauischen Pavillon zu schließen: Zwar nicht in 3D gedruckt, aber doch unfassbar schön finden sich gehäkelte Coral Reefs der Künstlerinnen Christine und Margaret Wertheim in mehreren Vitrinen der Hauptausstellung – mit unzähligen Helfer_innen arbeiten sie seit Jahren daran, die Schönheit der Korallen aus Wolle und Plastik nachzubilden. Was als Mahnmal für die Artenvielfalt begonnen hat, wird eventuell zu einer formalen Rettung: Die Zukunft, wie es scheint, ist unnatürlich.


Autorin: Dr. Viera Pirker, Universitätsassistentin (post-doc) am Institut für Praktische Theologie, Universität Wien.

Beitragsbild: Sun&Sea (Marina), opera-performance by Rugile Barzdziukaite, Vaiva Grainyte, Lina Lapelyte at Biennale Arte 2019, Venice © Andrej Vasilenko. www.sunandsea.lt


Venedig, 11.05–24.11.2019
Biennale Arte 2019 – 58. Internationale Kunstausstellung. www.labiennale.org

[1] Vgl. Viera Pirker, Feinschwarz, 8. Dezember 2017. https://www.feinschwarz.net/unter-der-oberflaeche-theologischer-streifzug-durch-die-kunstbiennale-von-venedig/

[2] Zu sehen auf https://deutscher-pavillon.org/journal/

[3] Vgl. Viera Pirker, Gegenwarts-KünstlerInnen reagieren auf Religion, OERF 2017.

[4] ASMR steht für Autonomous Sensory Meridian Response, eine bei den Betrachtenden unmittelbar Gefühle erzeugende Weise der Ton-Bildkombination.


Weiterhin von Viera Pirker auf feinschwarz.net erschienen:

„Gelobt sei Gott“? – sexuelle Gewalt und fragile Männlichkeit

#theodigital: Theologie im Terrain des Digitalen

22 Monate – ein ganzes Leben

„Maria Magdalena“: die Hebamme des Glaubens

Ein starkes Narrativ: Wim Wenders porträtiert Papst Franziskus

Anatomia del Miracolo: Ein Himmel voller Wunder

Unter der Oberfläche: theologischer Streifzug durch die Kunstbiennale von Venedig

Documenta 14 in Kassel – Theologische Sichtachsen

Unter dem Herzen

„Silence“ – in den Dunkelkammern des Christentums

Print Friendly, PDF & Email