Ein starkes Narrativ: Wim Wenders porträtiert Papst Franziskus

Der Papst hatte Weltpremiere beim Filmfestival in Cannes – ungewöhnlich für einen Film, der doch „nur“ die katholische Welt anzugehen scheint? Dahinter steckt der vielleicht größte deutsche Filmemacher, Wim Wenders. Viera Pirker über seinen neuen Dokumentarfilm: „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“.

In vier großen Gesprächen richtet der Papst darin seine Botschaft direkt an die Kinobesucher_innen. Wim Wenders kombiniert diese Interviews mit eigens für den Film entstandenen Aufnahmen sowie mit Archiv-Materialien zu einem großen Porträt.

Umfassend und bewegend

Herausgekommen ist ein so umfassender wie bewegender Zusammenschnitt, der dieses besondere Pontifikat auf Dauer in sichtbarer Erinnerung halten kann: Gott gibt der Welt den Papst, den sie braucht.

Selbst für gut informierte Papstfans ist der Film ein lohnendes Erlebnis: Ich sehe viele Bilder ganz neu, bin überrascht und berührt von einzelnen Momenten. Vor allem zeigt Wenders die Kirche, die der Papst sich wünscht und in der er lebt, und den Masterplan seines Umbaus. Franziskus ist an Orten der europäischen Migrationskrise wie Lampedusa und Lesbos, in der eigenen Stadt in einem Roma-Lager und in afrikanischen Krankenhäusern, er erzählt von Telefonaten mit einem an Krebs sterbenden Jungen und seiner Familie, er begegnet Kindern, Armen, Entrechteten, Kranken.

Wenders zeigt die Kirche, die der Papst sich wünscht und in der er lebt.

Franziskus entscheidet sich für Gegenwart und Begleitung, für den Schmerz und auch für das Aufbegehren angesichts von Armut, Ausgrenzung und Ausbeutung. Er scheut nicht den direkten Kontakt und die unmittelbare Berührung. Obgleich er so überwältigend viele Menschen trifft, hat er Blicke und Worte für die Einzelnen.

Vom Papamobil aus hat Franziskus eine alte Freundin in der Menge entdeckt.

Diese Begegnungen gehen nahtlos über in große Reden und wichtige journalistische Momente, wie die Rede vor der UN und im amerikanischen Kongress, der Besuch bei den indigenen Völkern in Peru, seine ersten Grüße auf dem Petersplatz, die Begegnungen mit Religionsvertretern, sein Besuch der Heiligen Stätten der Weltreligionen in Jerusalem. Und keineswegs redet er überall: Die Rede im Yad Vashem verbindet Wenders mit Bildern von Franziskus‘ schweigendem Besuch in Auschwitz.

Diakonie und persönliches Zeugnis

Franziskus ist ein medial omnipräsenter Papst, der seine Botschaft meisterhaft in Bild und Wort setzt. Und seine unerschrocken und freundlich vertretene Position ist entschieden durchdrungen: Diakonie und persönliches Zeugnis. Die Schelte der Kurie zu Weihnachten 2014 ist quasi die einzige binnenkirchliche Szene im Film, und bis auf die Kerzenandacht in Fatima sehen wir kaum liturgische Vollzüge. Franziskus ist nah bei den Menschen und bei der Gottesmutter, doch sehr weit weg vom vatikanischen Machtapparat. Ganz wie er selber sagt: „In einer Kirche des Reichtums ist Jesus nicht – eine solche wäre nichts anderes als eine NGO. Jesus ist bei den Armen, und mit ihm geht der Papst.“

Durch eine spezielle Kameratechnik hat Wim Wenders die Interviews mit Franziskus face-to-face geführt.

Historische Rückblicke: Bruder Franz von Assisi

Wim Wenders integriert die Erzählung über den Papst in historische Rückblicke, die in Umbrien beginnen: bei Franziskus von Assisi, dem Vorbild und Ordensgründer, dessen Name sich José Maria Bergoglio ausgewählt hat, und an dessen Spiritualität er sein Pontifikat orientiert.

Aus den Fresken von Giotto in der Kathedrale von Assisi blendet das Bild über zu imaginären Stummfilmgeschichten über Bruder Franz, der den Ruf Jesu zum Umbau der Kirche hört und ihm in einer bis dahin nie dagewesenen Weise nachfolgt. Diese eigens mit einer historischen Kamera gedrehten schwarz-weißen Sequenzen wirken ungelenk, sie unterbrechen immer wieder die Gegenwart und dienen Wenders offenbar als historische und visuelle Klammer. Sie werden begleitet durch Texte des Filmemachers, die einen größeren Bogen in gesellschaftliche, historische, theologische und kirchenpolitische Perspektiven zu ziehen suchen.

Bruder Franz‘ Treffen mit Sultan Al-Kamil 1219 wird zum Vorbild für die interreligiösen Begegnungen, die Papst Franziskus lebt.

Der Sonnengesang, das erste Gedicht in italienischer Sprache, wird ganz zitiert und bekommt die Funktion eines historischen Auftakts zur brandaktuellen Enzyklika „Laudato si“. Bruder Franz‘ Treffen mit Sultan Al-Kamil 1219 wird zum Vorbild für die interreligiösen Begegnungen, die Papst Franziskus lebt. Der sagt über den christlich-islamischen Dialog: „Wir sind Brüder und voll Respekt vor Gott. Niemals dürfen wir einander zu bekehren versuchen“, und beim Weltgebet des Friedens in Assisi: „Was uns alle eint, ist die Liebe Gottes zu uns“.

Meisterhafte mediale Präsenz

Ethisch-politisch setzt der Papst in der Vermittlung durch Wenders die soziale Gerechtigkeit und den Umgang mit der Schöpfung ins Zentrum, theologisch die Theodizee und die Kirche als Leib Christi. Die Frage nach Gott im Angesicht des Leidens in der Welt stellt sich exemplarisch auf den Philippinen, das durch schwere Hurrikans gebeutelte Land.

Ein stilles Gebet mitten im im Sturm

Im peitschenden Regen feiern Millionen Gläubige mit ihm, der auch einen gelben Plastik-Regenschutz trägt, eine Messe. „Ich habe keine Worte für euch, ich kann nur mit euch schweigen mit Bruder Jesus.“ Er stellt die größte Frage: Wie kann Gott zulassen, dass Kinder sterben? Er zeigt aufs Kreuz, an dem Gottes eigenes Kind hängt: „Sein eigenes Kind am Kreuz. Gott hat es riskiert, den Menschen frei zu schöpfen. Die Schmach wäre größer für den Menschen, wäre er nicht frei.“ Die Konsequenz: Wir leben als wären wir unsterblich – doch Franziskus mahnt: „Es ist weise, dich mit deinem Tod zu versöhnen.“

Regie: zwischen Dokumentarfilm und Akklamation

In seinem späteren Werk hat sich Wim Wenders mehrfach meisterhaft dem Dokumentarfilm zugewandt, die Kraft seiner subjektiven Annäherung an einen Menschen und dessen Welterschließung hat er besonders in „Das Salz der Erde“ (2014) zu dem Fotografen Sebastião Salgado gezeigt. In „Franziskus“ streift er in Bild und Musik nicht selten die Grenze hin zum Kitsch. Oder sind wir es schon gar nicht mehr gewohnt, dass einem Repräsentanten der Kirche öffentlich entschieden Wertschätzung und Zustimmung entgegengebracht wird? Halten wir die eigene Kirche bestenfalls der omnipräsenten Kirchenkritik für würdig?

Wenders stellt nichts infrage außer einer Kirche, die den Menschen fremd geworden ist.

Wenders folgt dem Papst, seinem medialen Gesicht und seiner pastoralen Präsenz in Person und Anspruch. Er fragt nicht nach den binnenkirchlichen Kämpfen zwischen Traditionalisten und progressiver Kirche, er stellt nichts infrage außer einer Kirche, die den Menschen fremd geworden ist – und so glauben wir Franziskus, der in die Kamera hinein die Null-Toleranzlinie zu sexuellen Übergriffen durch Kleriker benennt und den Missbrauch als massiven Schaden an der ganzen Kirche, am Leib Christi, anprangert, und wissen doch um die weiterhin wirksamen Verschleppungs-Taktiken an vielen Orten der Kirche. Und wir glauben Franziskus, dass er für mehr Frauen in kirchlichen Leitungspositionen plädiert, wenn er sagt: „Eine Welt ohne Hilfe, Rat und Führung von Frauen kann sich nicht weiterentwickeln, und das gilt auch für die Kirche“, doch wir wissen, dass praktisch, faktisch bislang kaum Konsequenzen zu erkennen sind.

Präsenz, nicht Repräsentanz

Wim Wenders zeigt ein Weltpontifikat, von einem ganz frommen, fast einfach wirkenden Mann, der genau weiß, wo die Option der Kirche für die Welt von heute liegt, und wo er selbst lebt und liebt: bei den Armen, Exkludierten, vernachlässigten Menschen.

Franziskus besucht auf dem Weg zu einem Gemeindebesuch spontan ein Roma-Lager in seiner Stadt.

Wo könnte die katholische Kirche heute stehen, hätte dieses Pontifikat schon 2005 begonnen? Heute gleicht es einem Lauf der Liebe gegen die Zeit. Franziskus geht hin, zur Not und zu den Menschen. Als „Mann seines Wortes“ spricht er viel in diesem Film, vor allem aber handelt er. Oft kann er nicht mehr, als in seiner weißen Soutane präsent zu sein. Doch er kann und will nicht die Hoffnung auf die Menschheit aufgeben. Wenn sogar der Papst das alles kann, was tun wir selbst für die Erneuerung jener Welt, die unsere einzige ist? Diese Frage stellt Wim Wenders‘ Film mit einer Dringlichkeit, die keine kirchliche Pressestelle bisher erreicht hat.

Ein weiterer Trailer findet sich hier: https://www.youtube.com/watch?v=kyvGMY0qHg0

Wer das Glück hatte, eine der Vorab-Sichtungen beim Katholikentag zu erleben, weiß das alles schon. „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“ kommt jetzt in die Kinos – und hoffentlich bald auf DVD!

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Dr. theol. Viera Pirker ist Assistentin am Institut für Praktische Theologie / Religionspädagogik der Universität Wien.

Bilder: Universal Pictures Germany

Die letzte Filmbesprechung von Viera Pirker auf feinschwarz.net:

„Maria Magdalena“: die Hebamme des Glaubens

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