Eine „Frauensynode“ einberufen? – ein Vorschlag der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika

Die Päpstliche Kommission für Lateinamerika beschäftigt sich erstmals mit dem Thema „Frau in Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika“ und regt so weltweit den Diskurs um die Rolle der Frau an. Margit Eckholt hat die Abschlusserklärung kritisch unter die Lupe genommen.

Vom 6. bis 9. März 2018 tagte in Rom die Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika und hat sich zum ersten Mal ausführlich mit dem Thema „Frau in Kirche und Gesellschaft in Lateinamerika“ beschäftigt. Papst Franziskus hatte von Beginn seines Pontifikats an – in „Evangelii Gaudium“ und vielen seiner Ansprachen – auf die Bedeutung hingewiesen, die Frauen im Aufbau von Gesellschaft und Kirche zukommt und eine stärkere Frauenförderung gefordert bis hin zur Einbeziehung von Frauen in kirchliche Entscheidungsprozesse auch auf höheren Ebenen. Zum Treffen der 24 Bischöfe und Kardinäle waren 14, in unterschiedlichen kirchlichen, gesellschaftlichen und akademischen Feldern tätige Frauen aus Lateinamerika zu Fachvorträgen und zur Diskussion eingeladen worden, darunter die in Florida tätige, ursprünglich aus Uruguay stammende Kirchenhistorikerin Ana María Bidegain.

Abwesenheit von Frauen als „ekklesiologische Lücke“

Das Abschlussdokument – veröffentlicht am 16.4. über vatican news – trägt den Titel „Die Frau, Säule im Aufbau der Kirche und der Gesellschaft in Lateinamerika“ („La mujer, pilar en la edificación de la Iglesia y la sociedad en América latina“) und setzt beim „Epochenwandel“ der letzten 50 Jahre an, der zu einem neuen öffentlichen Protagonismus der Frauen geführt habe und einem Aufbrechen von „Stereotypen“ über die Frau. Die Frauenfrage als „Zeichen der Zeit“ in Lateinamerika ernst zu nehmen, bedeutet, die Geschichte der lateinamerikanischen Völker neu zu schreiben und die Frauen sichtbar zu machen, die in den verschiedenen Epochen Verantwortung in gesellschaftlichen und kirchlichen Sektoren übernommen haben, gerade auf den Feldern von Bildung und Sozialarbeit. Mit deutlichen Worten werden Diskriminierung, Marginalisierung und Ausschluss von Frauen sowohl aus gesellschaftlichen und kirchlichen Leitungsstrukturen aufgrund einer „machistischen Mentalität“ aufgezeigt und die zunehmende Gewalt gegen Frauen als eine der großen Herausforderungen der Gegenwart benannt. Das Dokument schließt mit 14 pastoralen Empfehlungen und weist hier ausdrücklich auf die „Abwesenheit von Frauen in Entscheidungsgremien“ hin, was einen „Mangel“ und eine „ekklesiologische Lücke“ darstelle, der „negative Effekt einer klerikalen und machistischen Konzeption“ (Nr. 9). Darum wird – im Sinne der von Papst Franziskus immer wieder eingeforderten „pastoralen Umkehr“ – ein Bewusstseinswandel gefordert und eine „Investition“ in die „christliche, theologische und professionelle Ausbildung von Frauen, von Laien und Ordensfrauen, so dass sie auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen in aller Selbstverständlichkeit und in einem Gleichgewicht arbeiten können“ (Nr. 10). Abschließend wird dann angeregt, eine Bischofssynode über das Thema „Die Frau im Leben und in der Mission der Kirche“ durchzuführen, ein Vorschlag, der im Vortrag der Soziologin und Ordensfrau María Lía Zervino, Generalsekretärin der Vereinigung der katholischen Organisationen (WUCWO), zum Protagonismus von Frauen in der Pastoral und religiösen Erziehung vorgebracht worden ist.

Frauenfrage als „Zeichen der Zeit“

Es ist ein wichtiges und starkes Zeichen aus Lateinamerika, über 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil, das die Frauenfrage als „Zeichen der Zeit“ benannt hat, zu einer Synode zu diesem Thema aufzurufen und einen weltweiten Diskussionsprozess anzuregen. Aus einer westlichen und europäischen Perspektive ist dies nur gut zu heißen, vor allem aus Solidarität mit Frauen in den Ländern des Südens, die unter ganz anderen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Herausforderungen die Forderung nach Gleichberechtigung, nach Anerkennung ihrer Würde und einem Ende von Ausgrenzung und Diskriminierung in Gesellschaft und Kirche formulieren. Diese Ungleichzeitigkeiten werden eine Synode zur Frage nach der „Frau im Leben und der Mission der Kirche“ spannend und spannungsreich gestalten. Im Unterschied zur Situation in den europäischen Ländern, ist der Zugang zur Bildung gerade für Frauen aus den ärmsten Schichten noch nicht gesichert, Gehaltsunterschiede bei gleicher Tätigkeit bis zu 50 % sind in einzelnen Regionen immer noch üblich, so die für den CELAM tätige Sozialwissenschaftlerin Dr. Susana Nuín in ihrem Beitrag auf der Tagung, und Frauenrechte werden oft mit Füßen getreten. Die Gewalt gegen Frauen – nicht nur aufgrund von zunehmender Kriminalität, sondern gerade auch im privaten und häuslichen Bereich – hat zugenommen, in fast allen lateinamerikanischen Ländern finden angesichts der „Feminizide“ Protestmärsche sozialer Bewegungen unter dem Thema „Ni una menos“ („Nicht eine mehr“) statt.

Machismo und Marianismo

Das Abschlussdokument der Tagung der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika benennt in aller Schärfe die bis heute noch beharrenden patriarchalen und machistischen Strukturen der lateinamerikanischen Gesellschaft, die das Verhältnis zwischen Frauen und Männern belasten und die sich seit der Conquista ausgeprägt haben. Die chilenische Soziologin Sonja Montecino hat in mehreren ihrer Studien diesen „machismo“ aufgezeigt, der einhergeht mit einem mit dem „marianismo“ – der spezifisch lateinamerikanischen Marienfrömmmigkeit – verbundenen Frauenbild, der Verehrung der „virgen“ und der „madre“, aber der Diskriminierung der konkreten Frau an der Seite des Mannes, in der Partnerschaft, aber auch im Wettstreit im Beruf und in gesellschaftlichen Aufgaben. Ein Großteil der lateinamerikanischen Haushalte hat Frauen als „Familienvorstand“, Männer verlassen die Familie, suchen anderswo – auch in den USA – Arbeit und neue Partnerschaften. Dieser „padre ausente“ (der fehlende Vater) ist ein Bild der lateinamerikanischen Gesellschaft, und die Kehrseite, auf die das Dokument aufmerksam macht, sind die Lebenskräfte der Frauen trotz aller Armuts- und Gewaltkontexte. Diese gilt es als „Bild der Hoffnung“ sichtbar zu machen. Die „Solidarität“, so das Abschlussdokument, „trägt den Namen Frau“, „und so wie sie das Haus hütet, tut sie es in ihrer Gemeinde und will sie es auch mit dem gemeinsamen Haus tun, im Dienst einer natürlichen und humanen Ökologie des Zusammenlebens“. Auf diese von Frauen gelebte und praktizierte „Option für die Armen“ hat auch die Präsidentin der CLAR (der lateinamerikanischen Ordenskonferenz), Schwester Mercedes L. Casas, in ihrem Vortrag hingewiesen.

Machismo und Clerikalismo

Bei einer „Frauensynode“ wird für den lateinamerikanischen Kontext ein Aufarbeiten dieser kulturellen Codes von Bedeutung sein, die bis heute das Verhältnis zwischen Frauen und Männern belasten und Ursache von Diskriminierung und Ausgrenzung sind – auch in der Kirche. Das Dokument weist auf das Unsichtbarmachen des Protagonismus von Frauen in verschiedenen kirchlichen Praxisfeldern hin, in der (Sozial-)Pastoral und auf dem Feld der Erziehung. Die von Ordensfrauen über Jahrhunderte vorangetragene Schulbildung – bis hinein in die höhere Bildung – von Mädchen und Frauen hat den Bewusstseinswandel im Blick auf die „Frauenfrage“ in der Kirche entscheidend vorangetragen. Mit großer Schärfe benennt das Dokument darum die „ekklesiologische Lücke“, was die Teilhabe von Frauen an kirchlichen Entscheidungsprozessen und auf leitender Ebene in der Kirche angeht und gibt einer „machistischen“ und „klerikalen“ Mentalität die Schuld.

Gefangen in Schemata einer „Gender-Ideologie“

Auch im Anschluss an Papst Franziskus wird darum die Arbeit an einer „Theologie der Frau“ gefordert – und damit wird aus einer weltkirchlichen theologischen Perspektive sicher auch die große Ungleichzeitigkeit im Blick auf die Aufarbeitung der Frauenfrage in den verschiedenen Weltkontexten sichtbar. Zur Zeit des 2. Vatikanischen Konzils haben Theologinnen wie Elisabeth Gössmann und Elisabeth Schüssler Studien zum „Bild“ der Frau in Kirche und Gesellschaft vorgelegt, auf dem Hintergrund der vom Konzil rezipierten neuen anthropologischen Grundlagen, die bei der gleichen Würde von Mann und Frau und einer Komplementarität der Geschlechter ansetzen. Von einer „Theologie der Frau“ zu sprechen, kann aber die Gefahr in sich bergen, essentialistische und stereotype Zuschreibungen im Blick auf das Frau- (und Mann)-Sein fortzuschreiben. In der europäischen und US-amerikanischen Theologie sind im Anschluss an das Konzil feministisch-theologische Hermeneutiken und kulturwissenschaftliche Gender-Diskurse rezipiert worden. Es wird in weltweitem Kontext eine fundierte Auseinandersetzung um das rechte Verständnis des Gender-Begriffes anstehen. Auch das Dokument der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika bleibt in Schemata einer „Gender-Ideologie“ gefangen, die den wissenschaftlichen Gender-Diskursen in Sozial- und Kulturwissenschaften – und auch den Theologien – nicht gerecht werden. Nicht eine „Theologie der Frau“ ist darum wünschenswert, sondern die Arbeit an einem Frauen und Männer prägenden Genderbewusstsein im Blick auf theologische, kirchliche, kulturelle und gesellschaftliche Fragen. Es ist ein wichtiger Schritt, wie die Päpstliche Kommission für Lateinamerika es benennt, Frauen in die Priesterausbildung einzubeziehen, aber darüber hinaus wird dies für Männer bedeuten, sich mit ihrer eigenen Identität und der Gestaltung ihrer Rollen in Pastoral und Mission der Kirche auseinanderzusetzen. Eine „Theologie der Frau“ kann leicht in ein Abseits zentraler kirchlicher und theologischer Diskurse gedrängt werden; Gender-Perspektiven stehen demgegenüber für ein neues, im Sinne des befreienden Evangeliums verändertes Sprechen von Gott, von der Erlösung, von der Kirche, den Sakramenten usw.

Essentialistische Festlegungen auf ein „Frau-Sein“ machen keinen Sinn.

Eine Synode zum Thema „Die Frau im Leben und in der Mission der Kirche“ wird darum in weltkirchlicher Hinsicht spannend und spannungsreich werden; Begriffe wie Feminismus oder Gender sind in verschiedenen Kontexten des Südens immer noch mit massiven Verdikten belegt. Darum wird es um eine gute wissenschaftliche Aufklärung, um ein Hören auf die unterschiedlichen Positionen gehen, und verbindend werden hierbei die befreiungstheologisch ausgerichteten Positionen des Südens sein, der Kampf gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen. Gerade aus dieser Perspektive machen essentialistische Festlegungen auf ein „Frau-Sein“ keinen Sinn mehr, sondern es geht um die Anerkennung von Frauen in allen Diversität von Beziehungen und Kontexten. Das Dokument der Kommission für Lateinamerika nennt Maria das „Paradigma der Neuen Frau“, auch hier wird es wichtig sein, die kreativen und befreiungstheologisch orientierten Stimmen der Frauen aus dem Süden zu hören. Die Maria des Magnifikat weist befreiende Wege für Männer und Frauen in einer partizipativen Kirche. Der Blick auf sie wird helfen, wie die Historikerin Ana María Bidegain es formuliert, „die Realitäten und Lebensweisen neu zu bedenken, die wir in unserer religiösen Erfahrung in einem spezifischen Geschichtsmoment eingeschlossen haben, die wir angesichts ihrer langen Dauer aber als unbeweglich, als absolut betrachten, als ob sie sich nicht ändern könnten… Das sind die zentralen Themen des Pontifikats von Franziskus, die viele Dinge infrage stellen und uns eine anscheinend neue Weise eröffnet, aber die in der Tiefe eine Weise ist, zum Evangelium und den Grundlagen unseres Christentums zurückzukehren.“

Margit Eckholt ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Osnabrück. Sie ist zudem Vorsitzende von AGENDA Forum katholischer Theologinnen e.V.

Foto: Margit Eckholt

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