#theodigital: Theologie im Terrain des Digitalen

Wie sich #theologie bei Instagram darstellt.

Als Grundstruktur der Gegenwart ist Digitalität theologisch als ›Zeichen der Zeit‹ zu werten. Viera Pirker mit der Nachlese eines Thementages zu einer Theologie des Digitalen.

Geht es bei einer „Theologie des Digitalen“ um eine Theologie für das Digitale, oder um eine dem Digitalen innewohnende Theologie? Defensiv anthropologisch gedacht, droht die Theologie, sich in den Visionen des Post- oder Transhumanismus in Utopien und Dystopien aufzulösen. Und gehen unter digitalen Bedingungen Communio, Sozialität und Social Media nahtlos ineinander über, oder steht Kirche an einem eigenen, einem anderen Ort?

Der Thementag „Skizzen einer Theologie des Digitalen“ am 3. November 2018 im Frankfurter Haus am Dom verfolgte in drei Panels das Ziel, das Terrain der Digitalität mit theologischem Sprachinstrumentarium zu rekonstruieren und Aspekte einer Theologie des Digitalen zu formulieren – rund um die grundständig theologischen Begriffe Anthropologie, Ekklesiologie und Gottesfrage, mit wiederkehrenden Ausblicken in die Praktische Theologie.

Das Geschöpf im Netz: Auf der Suche nach dem digitalen Selbst

Andreas Büsch (Clearingstelle Medienkompetenz) zeigt auf, wie sich Anthropologie angesichts der Digitalität neu formiert. Steht der Mensch im Zentrum oder rückt er in die Peripherie? Durch die Erweiterung von Sinnen und Fähigkeiten unterstützen und befriedigen digitale Tools menschliche Grundbedürfnisse. Das „Du“ steht im Zentrum der Social Media-Anwendungen – zumindest legt  www.conversationprism.com von Brian Solis dies nahe. Doch Yuval Harari scheint nicht Unrecht zu haben mit der Annahme, dass sich der homo sapiens auf der Suche nach seiner Unsterblichkeit, dem homo deus, in eine Informations- und Wissensexistenz wandelt, und sich in Datenströme der Biotechnologien und Algorithmen aufzulösen droht.

Steht der Mensch im Zentrum oder rückt er in die Peripherie?

Kerstin Heinemann (JFF, München) erweitert die Anthropologie mit einer Erkundung menschlicher Praxis in der Vielheit der Social Media-Welten. Menschsein findet auch hier in seiner ganzen Breite statt, doch in einem changierenden Spiel der Selbstinszenierung von Identität und Sozialität. Aktive communities bilden sich rund um existenzielle Erfahrungen (Tod, Geburt, Krankheit), so beispielsweise in der Trauerbegleitung bei Instagram. Menschen leben heute selbstverständlich in den digitalen und analogen, kommunikativen Anforderungen, ohne dass Netz und Welt deckungsgleich sind.

In der Diskussion regt sich Widerstand. Ist der Weltbewohner zum Netzhabitant geworden, das Menschsein auf Kohlenstoffrealität reduziert? Wenn künftig Pflegeroboter ein notwendiges Minimum an „menschlicher Ansprache“ ermöglichen, zeigen sich unmittelbar die Grenzen der Auslagerung von Empathie und Menschlichkeit. Doch für eine theologische Anthropologie der Digitalität wirkt die Beachtung der Geschöpflichkeit weiterführend.

Kirche im Abseits? Die Herausforderung gesellschaftsprägender Digitalität

Im Panel der Ekklesiologie greift Wolfgang Beck (PTH Sankt Georgen) die kirchliche Skepsis zu einer „Kultur der Digitalität“ auf, die er als eines der entscheidenden kirchlichen Lernfelder und als den Bewährungsort einer Kirche in der Gegenwart konturiert. Vielleicht ist der originäre Ort der Kirche aber im „Abseits“ zu suchen – bei den Menschen, die im Abseits stehen. Die expansive Kraft der Digitalität wirkt gesellschaftsprägend: Kirche kann an der radikalen Dezentralität lernen, denn auch eine „christliche Szene“ im Netz formiert sich grundständig netzstrukturell und nicht kirchlich-territorial. Sein Fazit: „Wer fragt, wie Menschen im Netz an die Institution Kirche gebunden werden können, hat die Individualisierung durch die Kultur der Digitalität nicht verstanden.“

Auch eine „christliche Szene“ im Netz formiert sich grundständig netzstrukturell und nicht kirchlich-territorial.

Julia Krüger (www.netzpolitik.org) blickt als Politikwissenschaftlerin auf die grundlegende Rationalisierung der Lebenswelt. Insbesondere stellen sich ethische und politische Fragen nach der Rolle des Menschen im Kontext der Digitalisierung, welche mit marktförmigen Interessen vorangetrieben wird. Die anthropologische Hoffnung, der Mensch stehe im Zentrum dieser Prozesse, lässt sich angesichts eingeschränkter staatlicher Handlungsfähigkeit im Netz nicht aufrechterhalten.

Krüger durchstößt die glatte Oberfläche der Nutzeranwendungen und hinterfragt Datenstrukturen und Datengewinnung, die sich entlang von Auftragslagen und Gewinnmaximierung, nicht aber im Interesse an einem „guten Leben für Alle“ formen. Die Frage nach Gott stellt sich aus politischer Sicht nicht – wohl aber eine Erwartung, dass Religionen ihr eminentes Wissen um den Menschen auch in die von Digitalisierung geprägte Gegenwart einbringen sollten.

Religionen sollten ihr eminentes Wissen um den Menschen auch in die von Digitalisierung geprägte Gegenwart einbringen.

In der Diskussion tritt hier die Frage nach den Akteuren in einer machtförmig strukturierten Gesamtszenerie in den Mittelpunkt:  Wer gestaltet für wen welche Welt? Der Umgang mit Digitalität macht indes theologisch und kirchlich neuralgische Themen sichtbar. Die symmetrische Kommunikationsstruktur der Social Media fragt unausweichlich an, wie Kirche mit Pluralität, Demokratie und offener Gesellschaft umgeht. Zugleich unterschätzt Kirche ihre Verantwortung als relevanter gesellschaftlicher Player, an den aus der säkularen Zivilgesellschaft höhere Erwartungen gestellt werden. Eine Theologie der Digitalität steht auch vor netzpolitischen Herausforderungen, und dennoch darf sie nicht auf Medienethik reduziert werden.

Gott im Zentrum – von Allmachts- und Unsterblichkeitsfantasien im Netz

Bei aller Relevanz des Digitalen als Grundstruktur der Gegenwart bleibt Bernd Trocholepczy (Goethe-Universität Frankfurt) religionsphilosophisch gelassen: Weder Gott noch der Mensch werden zu Technik, auch wenn die Technik maßgeblich die Gegenwart bestimmt.

Weder Gott noch der Mensch werden zu Technik, auch wenn die Technik maßgeblich die Gegenwart bestimmt.

Mit der „Religionskritik“ nach Ludwig Feuerbach öffnet sich eine theologische Linie: Dieser bezeichnete „Gott als das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen“ (GW5, 46). Feuerbach formulierte mit seinem vorschnell religionskritisch verstandenen Aufschlag eine theologisch anschlussfähige Anthropologie: Die menschliche Hoffnung auf Allmacht und Unendlichkeit spiegelt sich in Gott, eine Spiegelung (nicht Projektion!), die derzeit in das trügerische Feld der KI und des Transhumanismus übertragen wird.

Theologische Grundhaltungen: Annahme der eigenen Vulnerabilität und Sterblichkeit, Gelassenheit und Offenheit für das Geheimnis.

Algorithmen beherrschen Rationalität, nicht jedoch die aristotelische Tugend der Klugheit. Die Annahme der eigenen Vulnerabilität und Sterblichkeit, Gelassenheit und Offenheit für das Geheimnis heißen die wesentlichen theologischen Grundhaltungen nach der „Digitalen Revolution“.

Im abschließenden Podium wird die Lernfrage diskutiert: Was kann und muss Kirche von der Digitalisierung lernen, welche Erfahrung und welches Wissen kann sie einbringen, ohne sich auf eine hierarchisch-normative Position zurückzuziehen?

»Was an Kirche gelingt, geht kaum im Netz!«

Julia Krüger merkt an: „Was an Kirche gelingt, geht kaum im Netz!“ Gebäude, Erfahrungen, Gemeinschaft und Solidarisches Handeln sind damit genauso gemeint wie die von der Bloggerin Mara Fessmann eingebrachten Zeiten und Räume der Ruhe, des Nachdenkens und der Stille, die nicht als Gegenrealität, sondern als entscheidende Bausteine einer spirituellen Bildung zu sehen sind.

Und Glaubenskommunikation im Netz gelingt nicht vorrangig durch den Einsatz von Geld und Strukturen, sondern aufgrund von authentisch eingebrachter Erfahrung. Statt Digitalität zu ignorieren oder anderen zu überlassen, die längst schon da sind und auch Theologie und Kirche im Netz formen, sollten theologische und kirchliche Akteur_innen konsequent einwandern und diese Prozesse aktiv und kundig mitgestalten.

Bei Twitter wird das Thema diskutiert unter dem Hashtag #theodigital

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Viera Pirker ist Universitätsassistentin am Institut für Praktische Theologie (Fachbereich Religionspädagogik und Katechetik) der Universität Wien.

Bild: Wie sich #theologie bei Instagram darstellt – Screenshot https://www.instagram.com/explore/tags/theologie/

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Von der Autorin zuletzt auf feinschwarz.net erschienen:

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