Schriftgelehrte fressen Witwenhäuser: Der Kontext vom „Scherflein der Witwe“

Der Evangelist Markus beendet seine Darstellung des öffentlichen Wirkens Jesu mit einer selten beachteten Erzähleinheit (Mk 12,38–44). Populär ist lediglich der zweite Teil der Perikope: die bekannte Erzählung vom „Scherflein der Witwe“ (12,41–44). Die volle Bedeutung kann die Erzählung aber nur entfalten, wenn ihr Kontext beachtet wird. Vorab warnt Jesus vor den Schriftgelehrten – nicht zuletzt, dass sie Häuser von Witwen auffressen würden (38b–40). Von Volker Niggemeier.

Letzte Lehrworte im Tempel

Im Markusevangelium lehrt Jesus ein letztes Mal vor einer großen Menschenmenge, die ihm gerne zuhört (vgl. 12,37):

„Nehmt euch in Acht vor den Schriftgelehrten! 39Sie gehen gern in langen Gewändern umher, lieben es, wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt, und sie wollen in der Synagoge die Ehrensitze und bei jedem Festmahl die Ehrenplätze haben. 40Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete. Umso härter wird das Urteil sein, das sie erwartet.“ [Mk 12,38b–40 zit. n. EÜ (2016).]

Beleuchtet man das nähere Umfeld unserer Textstelle genauer, sehen wir, dass Mk 12,38b–40 unmittelbar auf die sogenannten Jerusalemer Streitgespräche folgt: eine Reihe von Gesprächen Jesu im Tempel, welche die Fragen nach dessen Vollmacht (11,27–33), nach der kaiserlichen Steuer (12,13–17), nach der Auferstehung der Toten (12,18–27) und nach dem wichtigsten Gebot (12,28–34) beinhaltet. Lediglich durch das Gleichnis von den bösen Winzern (Mk 12,1–12) wird diese Reihung von Gesprächen unterbrochen.

Jesus steht in Auseinandersetzung mit verschiedenen Gruppen jüdischer Autoritäten.

Der markinische Jesus steht hier weitestgehend in Auseinandersetzung mit verschiedenen Gruppen jüdischer Autoritäten.1 Eine dieser Gruppen sind die Schriftgelehrten, gegen die Jesus in dem uns vorliegenden Textabschnitt ausholt. Es ist zugleich die einzige Stelle im Markusevangelium, an welcher Jesus über das Verhalten der Schriftgelehrten spricht.2

Häuser fressende Schriftgelehrte?

Bereits die Struktur des Textes hilft zu verstehen, wie der Evangelist das Verhalten der Schriftgelehrten charakterisiert. Die Verse umfassen eine sechsgliedrige Spruchkomposition, welche vor den „falschen“ Schriftgelehrten warnt und deren fehlerhaftes Verhalten konkret benennt. Die Sechszahl der Glieder ist dabei nicht etwa zufällig gewählt, vielmehr stellt sie ein charakteristisches Merkmal für Negativbewertungen dar.3

Gerahmt werden die sechs Glieder von einer Warnung (38b: „Nehmt euch in Acht…“) und einem Gerichtswort in 12,40. Letzteres fällt auf, da der Markusevangelist mit Gerichtsworten sonst zurückhaltend arbeitet. Umso schärfer ist diese Aussage jedoch zu werten, wenn sie als Konsequenz wegen des Fehlverhaltens der Schriftgelehrten angeschlossen wird.

»Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.«

Während Jesus zuerst das öffentliche Auftreten der Schriftgelehrten kritisiert und ihr Streben nach den Ehrenplätzen, also die Ruhmsucht, in den Vordergrund rückt, benennt V. 40 die beiden „verwerflichsten Verhaltensweisen“4: „Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete.“

Mit der ausgesagten Scheinheiligkeit im Gebet lässt sich ohne weiteres etwas anfangen. Jesus wirft den Schriftgelehrten eine verfehlte Frömmigkeitspraxis vor. Was ist aber damit gemeint, wenn Jesus den Schriftgelehrten vorwirft, dass sie Häuser von Witwen auffressen würden?

Tatsächlich steht im griechischen Text des Neuen Testaments eine Partizipialform des Verbs κατεσθίω (katesthíō). Wörtlich ist diese mit „verzehren, aufzehren, verschlingen“ zu übersetzen. In Bezug auf Mk 12,40 kann sie adäquat als „auffressen“ oder „an sich reißen“ wiedergegeben werden. Diese Nuancen werden auch in den Übersetzungen der Einheitsübersetzung deutlich: Die Einheitsübersetzung von 1980 übersetzt V. 40 mit „Sie bringen die Witwen um ihre Häuser…“ – die revidierte Fassung (2016) übersetzt das Verb wörtlich näher mit „auffressen“.

Die Schriftgelehrten eignen sich Besitz von Witwen an, um sich selbst zu bereichern.

Was aber stellen nun die Schriftgelehrten genau mit den Häusern der Witwen an? In der exegetischen Forschung sind hierfür mehrere Deutungsvorschläge gemacht worden.5 Im übertragenden Sinn dürfte auf jeden Fall gemeint sein, dass die Schriftgelehrten sich Besitz von Witwen widerrechtlich aneignen, um sich an diesem selbst zu bereichern.

Somit wird umso deutlicher, dass die Witwe in der Gabe des „Scherfleins“ wirklich ihren ganzen Lebensunterhalt (wörtlich: ihr Leben) gibt.

Es geht auch anders

Wie erwähnt sind unsere Verse eng mit den Texteinheiten 12,28–34 und 35–37 verbunden. Hier aber ist es zunächst ein Schriftgelehrter, der Jesus vorbildlich antwortet (28–34), bevor eine Lehre aus jener Gruppe diskutiert wird (35–37). Der verständige Schriftgelehrte lässt uns schließlich auch den Bogen zurück zum „Scherflein der Witwe“ schlagen.

Ein Lehrgespräch zwischen einem Schriftgelehrten und Jesus kann auch von gegenseitiger Sympathie und Wertschätzung getragen sein.

Durch die Bestätigung und Ergänzung der Bedeutung des Doppelgebotes von Gottes- und Nächstenliebe erhält der verständige Schriftgelehrte die Zusage, dass er dem Reich Gottes nahe sei. Die Texteinheit ist zugleich ein schönes Beispiel dafür, dass ein Lehrgespräch zwischen einem Schriftgelehrten und Jesus auch von gegenseitiger Sympathie und Wertschätzung getragen sein kann.

Nimmt man diese Textstelle zu der von den Worten vom Fehlverhalten der Schriftgelehrten hinzu, so wird deutlich: Auch die Witwe realisiert das doppelte Liebesgebot von Gott und Nächstem, auch wenn die Bedingungen durch die Besitzgier der Schriftgelehrten zusätzlich erschwert sind. Diejenigen, die es am ehesten realisieren müssten, handeln dem entgegengesetzt, auch wenn – wie eine Gegenüberstellung von 12,28–34 mit 38b–40 zeigt – es sich nicht pauschalisierend um alle Schriftgelehrten handeln kann.

Jesus sieht hin

Das alles sieht Jesus im Tempel. Jesus sieht hin. Er sieht sich die Menschen und ihr Verhalten genau an – die falschen Schriftgelehrten und die arme Witwe. Er benennt Missstände und wertet in Bezug auf Ferne und Nähe des Reiches Gottes.

Augen und Ohren offenzuhalten, Missstände zu benennen, das Gespräch und den Diskurs zu suchen – das gehört zur jesuanischen Lehre dazu.

In seinem Kontext verdeutlicht unser Text: Zur jesuanischen Lehre und damit seiner Verkündigung des Reiches Gottes gehören Augen und Ohren offenzuhalten, Missstände zu benennen, das Gespräch und eben auch den Diskurs zu suchen – wertschätzend und auf Augenhöhe – dazu.

Da kann es auch mal unbequem werden, da fühlt man sich unter Umständen im eigenen (Fehl-)Verhalten auch mal ertappt. Wir Theologinnen und Theologen, Schriftgelehrtinnen und Schriftgelehrten von heute sollten uns diese Aspekte vergegenwärtigen.

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Volker Niggemeier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Exegese des Neuen Testaments an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Bild: Judith Scharnowski / pixabay.com

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Vom Autor bei feinschwarz.net bereits erschienen:

Wendepunkt(e): Maria von Magdala und ihre Begegnung mit dem Auferstandenen (Joh 20,11–18)


 

  1. Vgl. dazu Konrad Huber: Jesus in Auseinandersetzung. Exegetische Untersuchungen zu den sogenannten Jerusalemer Streitgesprächen des Markusevangeliums im Blick auf ihre christologischen Implikationen (FzB 75), Würzburg 1995, passim.
  2. Vgl.Werner Zager: Gottesherrschaft und Endgericht in der Verkündigung Jesu. Eine Untersuchung zur markinischen Jesusüberlieferung einschließlich der Q-Parallelen (BZNW 82), Berlin / New York 1996, 284.
  3. Vgl. Peter Dschulnigg: Das Markusevangelium (ThKNT 2), Stutgart 2007, 328.
  4. Ebd. 329.
  5. Vgl. dazu aber, in Auseinandersetzung mit der Parallelüberlieferung in Lk 20,45–47, Joseph A. Fitzmyer: The Gospel According to Luke. X–XXIV (AncB 28A), Garden City, New York 1985, 1318, der unterschiedliche Möglichkeiten der Auslegung bündelt und bewertet.
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