Endlich kahle Wände! Der Ökumenische Jugendkreuzweg ein Jahr nach dem bayerischen Kreuzerlass

Ökumenischer Jugendkreuzweg

Mit den Bildern des Kreuzwegs von Ben Willikens führt der Ökumenische Jugendkreuzweg in diesem Jahr auf einen existenziellen und mitfühlenden Weg. Hochschulpfarrer Burkhard Hose aus Würzburg, wo der Kreuzweg in der Sepultur des Kiliansdoms hängt, findet das Kreuz in leeren Wänden. 

Die Kreuze würden von den Wänden fallen, wenn sie es könnten! Das war einer meiner ersten Gedanken, als der bayerische Ministerpräsident vor einem knappen Jahr mit seinem Kabinett beschloss, künftig sollten in Behörden Kreuze als Symbol bayerischer Identität hängen. Markus Söder erntete dafür manche Zustimmung, vor allem aber viel Kritik – besonders aus den christlichen Kirchen. Wir hatten uns ja in den letzten Jahren schon daran gewöhnen müssen, das Kreuz als eine Art Feldstandarte in den Händen der sogenannten PEGIDA  zu ertragen, häufig mit schwarz-rot-goldene Farben bepinselt. Nun war mit dem bayerischen Kreuzerlass das zentrale christliche Erkennungszeichen einmal mehr im öffentlichen Raum gelandet und dabei politisch verzweckt worden. Das Kreuz als Emblem der Staatsmacht, als Abwehrinstrument gegen den Islam, als folkloristisches Bayern-Logo.

Das Kreuz als Abwehrinstrument

„Warum sind Sie als katholischer Priester gegen das Kreuz?“ schrieb mir damals nach meiner Kritik am Kreuzerlass ein empörter Christ. Gegen das staatlich verordnete Aufhängen des Kreuzes in öffentlichen Behörden zu sein, wurde von manchen – auch in den Kirchen – als Verleugnung des Kreuzes gewertet. Die theologische und damit auch die existentielle Entleerung des Kreuzes hatte damit die öffentliche Debatte erfasst. Diskutiert wurde nur noch das demonstrative Zeigen oder das vermeintliche Verstecken des Kreuzes als Symbol. Es wurde zwar schon lange nicht mehr so viel über das Kreuz gesprochen, aber trotz aller Gegenrede schien es durch die politische Vereinnahmung für den öffentlichen Raum tatsächlich als Glaubenssymbol verbraucht zu sein.

… oder als Symbol des Glaubens

Dabei hat mich gerade auch die existentielle Bedeutung des Kreuzes als christliches Hoffnungszeichen für mein gesellschaftliches und politisches Engagement seit meiner Jugend geprägt. Und mit dazu beigetragen hat eine Einrichtung, die es nun schon mehr als 60 Jahre gibt: der ökumenische Jugendkreuzweg. Ich kenne viel Christen in meinem Umfeld, denen es ähnlich geht.

Der Jugendkreuzweg trägt seit dem Katholikentag 1958 das Kreuz als Glaubenssymbol immer wieder in den öffentlichen Raum, seit 1972 dezentral überall in Deutschland veranstaltet als ökumenisches Gebet. Schon in den ersten Jahren war der Kreuzweg der Jugend stark geprägt von den politischen Entwicklungen in Deutschland. Nach dem Mauerbau entwickelte er sich zu einer Gebetsbrücke zwischen jungen Christen in Ost und West. Er war damit auch ein Zeichen des Widerstands gegen die menschenverachtende Teilung. Immer wieder wurden politische Unterdrückung und die Überwindung der Teilung thematisiert. Zugleich ging es dabei aber auch immer um die Stärkung einer Haltung, die auch angesichts persönlicher Ohnmachtserfahrung vom Widerstandsgeist christlicher Hoffnung geprägt war. Das äußerte sich auch ganz praktisch, so zum Beispiel als das Material für den Jugendkreuzweg heimlich von West nach Ost geschmuggelt wurde.

Für mich persönlich waren in meiner Jugend die ökumenischen Jugendkreuzwege der 80er Jahre auch Ausdruck meiner eigenen Suche nach Positionierung im Glauben und nach einer persönlichen Haltung zu dem Leid, das anderen Menschen in der Gegenwart zugefügt wird. Und immer verband sich damit auch die Erfahrung von Freiheit – nicht nur, weil die Gestaltung ganz in den Händen von Jugendlichen lag, sondern weil in uns durch diesen Kreuzweg so etwas wie der Geist der Freiheit gestärkt wurde.

Leere Wände ohne Kreuze

Nun blicke ich also ein Jahr nach der kontroversen Diskussion über den bayerischen Kreuzerlass wieder auf das Kreuz. Diesmal ist es kaum sichtbar. Eigentlich blicke ich eher auf leere Wände ohne Kreuze. Denn leere Wände bestimmen die meisten Bilder des Jugendkreuzweges 2019. Und doch ist das Kreuz mehr als gegenwärtig.

Die Rückkehr des Kreuzes im diesjährigen Jugendkreuzweg in den öffentlichen Raum verbindet sich für mich zugleich mit der Rückkehr der Theologie und des existentiellen Bezuges. Dass es sich bei dem Kreuz nicht um ein staatliches Symbol und auch nicht um Folklore handelt, macht das Bildprogramm des diesjährigen Jugendkreuzweges deutlich. Hier geht es um einen persönlichen Weg, um das Kreuz als existentielle Erfahrung. Endlich! – so möchte man aufatmen angesichts der zurückliegenden sinnentleerten Kreuzdemonstrationen auf der politischen Bühne.

Das Kreuz als existenzielle Erfahrung

„Du bist verurteilt.“ So ist das erste Bild des Kreuzweges betitelt, das im Orginal den Titel „Urteilsverkündung“ trägt. Zu sehen ist ein beinahe leerer Raum. Nur ein Stuhl, eine an die dunkle Wand gelehnte Leiter und darüber ein offenes Fenster, das den Blick ins Licht lenkt. Ansonsten kahle Wände. Licht und kahle Räume – das sind eigentlich auch schon die Hauptakteure auf den Bildern des Künstlers Ben Willikens, die in diesem Jahr den Jugendkreuzweg prägen. Er ist überschrieben mit dem Slogan „Ans Licht“.

Die beinahe fotorealistischen in grau gehaltenen Gemälde muten an wie sparsame moderne Bühnenbilder. Es fehlen nur noch die Menschen, die in ihnen agieren. Das ist kein Zufall. Ben Willikens hat über viele Jahre hinweg immer wieder auch Bühnenbilder gestaltet, so seit 2005 mehrfach für die Ruhrfestspiele Recklinghausen. Und einige der Gemälde erinnern an kahle alte Krankenzimmer in einem verlassenen Sanatorium. Auch das ist kein Zufall. Der Maler musste wegen einer schweren Krankheit  im Alter von 30 Jahren 1969 beinahe ein Jahr im Krankenhaus verbringen. Der diesen Kreuzweg malt, weiß, was Alleinsein, immer wieder Stürzen und schließlich Überleben bedeutet.

„Du bist verurteilt.“ – „Du lebst.“

Das letzte Bild zeigt noch einmal die gleiche Bühne wie auf dem ersten Gemälde. Nur hat das Licht inzwischen den Weg durch das Fenster in den düsteren Raum gefunden. Es klettert gleichsam über die an die Wand gelehnte Leiter hinunter. Es fehlen nur noch die Menschen, die auf die Bühne treten. Willikens nennt seine letzte Kreuzwegstation „Auferstehung“. Der ökumenische Jugendkreuzweg versteht, dass es bei diesem  Bühnenbild um existentielle Beteiligung der Betrachtenden geht und titelt eindrücklich: „Du lebst.“

Die Bilder und Texte des Jugendkreuzweges 2019 lassen mich aufatmen. Nicht weil sie es einem leicht machten. Im Gegenteil. Sie sind anspruchsvoll in ihrer Kargheit. Wer diesen Kreuzweg mitgeht, ist beteililgt. Hier geht es nicht darum, sich nur an den Weg Jesu zurückzuerinnern. Hier geht es um das Kreuz als meinen Weg heute. Es geht um meine Erfahrung von Verurteiltwerden und von Überleben. Und immer geht es auch darum, dass ich in meinen Erfahrungen Dunkelheiten und Licht bei anderen Menschen wahrnehme. Dieser Kreuzweg ist in jeder Hinsicht in der Gegenwart angekommen. Und er ist der eindrückliche Beweis dafür, was das Kreuz wirklich ist: Es taugt nicht zur überheblichen Behauptung eines vermeintlich christlichen Abendlandes, das sich gegen Menschen abgrenzt. Das Kreuz kennzeichnet einen persönlichen Erfahrungs- und Glaubensweg zwischen Dunkel und Licht. Gleichzeitig steht es auch heute für mitfühlende Solidarität zwischen Christen und allen Menschen über trennende Grenzen hinweg.

Erfahrungs- und Glaubensweg zwischen Dunkel und Licht

Der ökumenische Jugendkreuzweg 2019 mag schließlich erahnen lassen: Das Kreuz als christliches Hoffnungszeichen wird manchmal gerade dort sichtbar, wo es nicht demonstrativ an der Wand hängt, sondern im leeren Raum mit kahlen Wänden erlebt wird – vielleicht sogar in manchem Behördenzimmer.

Burkhard Hose (51) ist katholischer Hochschulpfarrer in Würzburg und katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken e.V. Seit mehr als zehn Jahren engagiert er sich im „Würzburger Bündnis für Zivilcourage“ für Toleranz und gegen Ausgrenzung. Für sein Engagement erhielt er  2014 den Würzburger Friedenspreis. Im Juli 2018 erschien unter dem Titel „Seid laut! Für ein politisch engagiertes Christentum“ sein inzwischen zweites Buch.

Im Infoflyer zum Kreuzweg kann man einen Eindruck der Bilder von Willikens gewinnen.

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