Fake News in der Bibel

Dürer, Paradiesschlange

Fake News – eines der unangenehmsten, ärgerlichsten und zeitweise auch gefährlichsten Phänomene unserer Zeit – sind derzeit in aller Munde. Dabei sind sie so alt wie die Menschheit. Die Bibel hat davon einige spektakuläre aufzuweisen. Elisabeth Birnbaum berichtet …

Pauschalurteile als Fake News

Leider fast so selbstverständlich wie durchsichtig ist die (maßlose) Übertreibung. Wenn aus „einigen“ plötzlich „alle“ werden, wenn aus „einem“ Ausländer „der“ Ausländer (an sich) wird, dann ist das oft schlimmer als eine ausgewachsene Lüge. Die berühmteste Übertreibung der Bibel ist wohl gleich im ersten Buch zu finden, in der Geschichte vom Menschen, seiner Frau und der verbotenen Frucht.[1] Die Schlange, die ja klüger ist als die anderen Tiere, fragt scheinheilig: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ (Gen 3,1) – Natürlich weiß sie ebenso gut wie Eva, dass Gott nur das Essen von einem einzigen Baum verboten hat. Das Tragische daran ist: Obwohl Eva die Schlange sofort berichtigt, ist der erste Schritt zur Manipulation gelungen – die Folgen sind bekannt.

Fake News aus Hinterhältigkeit

Der nächste Fall endet noch tragischer. König Davids ältester Sohn Amnon verbreitet die – falsche – Nachricht, er sei krank und brauche dringend die Hilfe seiner Halbschwester. In Wahrheit möchte er sie in sein Bett locken. Die Folge der Lüge sind zwei zerstörte Leben: Tamar wird von Amnon vergewaltigt und anschließend verstoßen und lebt den Rest ihres Lebens zurückgezogen und allein. Und Amnon wird von Tamars echtem Bruder Abschalom aus Rache ermordet (vgl. 2 Sam 13).

Zweifelhafte News führen auf den Thron

Möglicherweise sind rund um Salomos Thronbesteigung (vgl. 1 Kön 1 – 2) ebenfalls Fake News im Spiel.

Die Umstände sind sehr undurchsichtig. Salomo hat ohnehin sehr viel Glück: Die Mitbewerber um den Thron haben sich schon im Vorfeld drastisch dezimiert. Amnon fiel, wie gesagt, seinem eigenen Verbrechen zum Opfer und Abschalom wurde getötet, weil er gegen den eigenen Vater einen Putsch anzettelte. Andere Brüder sind in der Bedeutungslosigkeit verschwunden und so bleibt nur noch ein ernstzunehmender Konkurrent über: Adonija, der sich als älterer Bruder auch schon als König sieht.

„… du selbst hast doch deiner Magd … geschworen: Dein Sohn Salomo soll nach mir König sein“ (1 Kön 1,17).

Da schreiten der Prophet Natan und Batseba ein. Sie erinnern David an sein Versprechen, Salomo als Thronfolger einzusetzen.

Der greise David: Spielball der Mächte? Andalusische Schule um 1500

Das Problem dabei: David, alt und bettlägerig, weiß von keinem solchen Versprechen. Und in der Bibel ist auch nirgends davon die Rede.

Es bleibt also uns überlassen, ob wir a) Batseba trotzdem glauben, dass David das Versprechen gegeben hat oder b) das Ganze für ein Missverständnis halten oder c) Batseba verdächtigen, ihrem Sohn zuliebe gelogen zu haben

Fake News oder nicht: Die Strategie wirkt. David traut Batseba und dem Propheten mehr als seinem Gedächtnis und bestimmt Salomo zum Nachfolger.

Besser Fake News als bad news?

Apropos Könige und Propheten: Könige sind in besonderer Weise auf verlässliche News ihrer Propheten angewiesen. Die Prognosen und Prophezeiungen der Propheten bestimmen oft über Krieg und Frieden. Aber Machthaber sind auch nur Menschen und hören nicht gern düstere Prophezeiungen. Und Propheten werden nicht gerne für ihre Botschaften angefeindet und manche ziehen es daher vor, die Wahrheit ein wenig zu „adaptieren“.

„Er weissagt mir nie Gutes, sondern immer nur Schlimmes“

(1 Kön 22,8).

König Ahab scheint besonders gerne erfreuliche Nachrichten zu erhalten oder ein besonderes Händchen in der Auswahl seiner Propheten zu haben: Gleich 400 Vertreter der prophetischen Zunft kündigen ihm Glück und Erfolg für seinen geplanten Feldzug an. Zuletzt befragt der König noch den Propheten Micha, allerdings widerwillig. „Er weissagt mir nie Gutes, sondern immer nur Schlimmes“, klagt er schon im Vorfeld (1 Kön 22,8). Und tatsächlich widerspricht Micha den guten Prognosen und kündet Unheil an. Ahab glaubt aber lieber den Fake News als den bad News, lässt Micha verhaften und zieht in den Krieg. Das war dann auch sein letzter Weg.

Fake News oder nur Zweideutigkeiten?

Schon Augustinus beschäftigte die Frage, ob die schöne, fromme Judit lügt, wenn sie Holofernes, dem übermächtigen feindlichen Feldherrn, erstaunliche Dinge in Aussicht stellt, oder ob sie sich nur bewusst missverständlich ausdrückt. Sie erzählt Holofernes zum Beispiel, sie werde ihn persönlich nach Jerusalem führen und kein Hund werde ihn anbellen. Holofernes ist entzückt und sieht sich schon als Triumphator Israels, nur um wenige Tage später im wahrsten Sinn des Wortes seinen Kopf zu verlieren.

„Ich enthüllte ihm einen Teil der Wahrheit …“: Antonio Gionima, Judit vor Holofernes

Vielleicht hat sie ihm eine Kleinigkeit verschwiegen. Doch gelogen hat Judit nicht. Holofernes wird später tatsächlich von ihr nach Jerusalem gebracht und Hunde bellen ihn dabei auch nicht an. – Dass er bei diesem seinem Einzug lebendig sein würde, hat sie nie versprochen. Und dass er nicht wusste, dass Hunde keinen Leichnam anbellen, ist nicht ihre Schuld.

In einem der meist vertonten Oratorienlibretti zu diesem Stoff, „La Betulia Liberata“ von Pietro Metastasio, fasst Judit das Gespräch daher lapidar, aber korrekt mit den Worten zusammen: „Ich enthüllte ihm einen Teil der Wahrheit, einen anderen verschwieg ich ihm.“

Wenn dir jemand Honig um den Mund schmiert, verlier nicht den Kopf!

Der Umgang mit Fake News

Eines ist klar: Weder in der Bibel noch im heutigen Leben ist man vor Fake News geschützt. Hier wie dort besteht nicht immer die Möglichkeit, echte von falschen Informationen zu unterscheiden. Aber vielleicht helfen die biblischen Beispiele ja trotzdem als Memo-Zettel für einige grundsätzliche Vorsichtsregeln? Etwa so: a) Hüte dich vor Leuten, die pauschalisieren – es könnten Schlangen darunter sein. b) Viele kranke Männer leiden schwer – aber nicht jeder Mann, der sich leidend gibt, ist wirklich krank. c) Notiere auch deine nicht gegebenen Versprechen – zumindest du selbst solltest wissen, was du einmal wolltest. d) Nicht immer hat die Mehrheit recht, nicht einmal, wenn sie ausnahmsweise etwas Positives sagt. e) Wenn dir jemand Honig um den Mund schmiert, verlier nicht den Kopf!

[1]Die Idee zu diesem Artikel verdanke ich Kardinal Schönborn, der den Sommerempfang für Medien-, Kunst- und Kulturschaffende am 6. Juni 2018 mit diesem Thema eröffnete.

Elisabeth Birnbaum ist Direktorin des Österreichischen Katholischen Bibelwerks und seit Juni 2018 Mitglied der Redaktion von Feinschwarz.

Bilder: Wikimedia commons

 

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