Denken, Lernen, Forschen und ihre körperliche Dimension

Berücksichtigt man den Körper, kann Intelligenz auch als die Fähigkeit zu fühlen, zu verstehen und mit den Objekten in unserer Umwelt zu interagieren betrachtet werden. Von Valeryia Saulevich.

In diversen Abschnitten meiner beruflichen Entwicklung kam ich mit den Themen Intuition, Körper und Bewegung in Berührung. Die Geschichte dieser Auseinandersetzung gleicht einem Spiel mit Bausteinen, bei dem es an erster Stelle um die Entdeckung ihrer Qualitäten und Fähigkeiten geht.

Die ersten Betrachtungen machte ich in der qualitativen Sozialforschung. Nach deren Prinzipien erforschte ich die Zusammenhänge zwischen Körper, Migration und Religion in meiner Masterarbeit und untersuche sie in meiner Dissertation weiter. Während Körper und Migration als Veränderung und Bewegung explizit in den Inhalten der Forschung vorkommen, hat der qualitative Zugang selber einen stark intuitiven Charakter. Die Sichtbarkeit der Intuition in einem qualitativen Prozess ermöglicht eine Reflexion über den jeder forscherischen Tätigkeit eigenen subjektiven Anteil.

Ein weiterer Aspekt zeigte sich mir im Kontext meiner Lehrpraxis an der Universität. In Übungen und Seminaren zur Praktischen Theologie übte ich mit Studierenden Selbst- und Fremdwahrnehmung als Instrumente der Erkenntnis. Die angehenden Theologinnen und Theologen wurden dazu angeregt, die Zusammenhänge zwischen erlebter Wirklichkeit und theoretischen Fragestellungen zu suchen.

Das intuitive Vorgehen dieser Lehrveranstaltungen war für Studierende wegen seiner Ungewöhnlichkeit im universitären Kontext unerwartet und herausfordernd. An diesem Spielort kristallisierten sich für mich Fragen nach dem Wesen und der Bedeutung des intuitiven Lernens und Erkennens in der theologischen hochschulischen Ausbildung heraus.

Zur dritten Fundgrube für die drei Themenbereiche wurde der gestaltpädagogische Kurs. Dort wurde das Phänomen der Intuition explizit zu einem Thema meines Forschungsinteresses. Die körperliche Dimension spielt diverse Rollen in unterschiedlichen Auffassungen der Intuition. In den Konzepten, wo Intuition als eine Form des erfahrungs- oder informationsbasierten Lernens verstanden wird, zählen somatisch gespeicherte und sinnliche Erfahrungen zu ihren Bedingungen. Im nichtlokalen Modell, das Intuition als eine zeit- und raumüberschreitende Fähigkeit zum Kontakt mit Wirklichkeit versteht, steht der Körper im Mittelpunkt. Hier wird die körperliche Resonanz als Auslöser für die intuitiven Prozesse begriffen.[1]

Im Zusammenhang mit der Intuition tritt der Körper als Erkenntnisquelle[2] stärker in den Vordergrund. Mit Einbezug des Körpers kann die Intelligenz auch als die Fähigkeit zu fühlen, zu verstehen und mit den Objekten in unserer Umwelt zu interagieren betrachtet werden.[3] Das erweitert die epistemologische Theorie und regt die Reflexion über die körperliche Dimension in Forschungs-, Lehr- und Lernprozessen im universitären Kontext an, zum Beispiel in Verbindung mit der Frage, wie sich die Ideenwelten in Körpern von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einschreiben und auf die Forschungsergebnisse auswirken.

Da es in allen dargestellten Entdeckungsbereichen viel um Prozesse geht, bekommt für mich aktuell die Bewegung als Eigenschaft des Körpers und als zentrale Eigenschaft eines Prozesses immer mehr Bedeutung. Was bedeutet es, Bewegung nicht nur auf einer metaphysischen, sondern auch auf einer konkreten, physikalischen Ebene mitten in der Forschung zu denken? Wie kann man zwischen diesen Ebenen übersetzen? Wie wirken Statik und Dynamik auf Denkprozesse ein?

…  Ich bewege diese diversen Elemente in meinen Händen, baue sie zusammen, verbinde die Felder, in denen Entdeckungen möglich sind. Ich lasse mich auf das Spiel weiterhin ein.

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Valeryia Saulevich ist Projektmitarbeiterin am Institut für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie der Universität Graz.

[1] Zum Überblick zum Forschungsstand vgl. Sinclair, An integrated framework of intuition.
[2] Vgl. Abraham, Der Körper im biografischen Kontext, S. 182-204.
[3] Tomasino, The heart of intuition, S. 247-248.

Literatur
Abraham, Anke: Der Körper im biografischen Kontext. Ein wissenssoziologischer Beitrag, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2002.

Sinclair, Marta: An integrated framework of intuition, in: Sinclair, Marta (Hg.): Handbook of Intuition Research, Edward Elgar Publishing Limited 2011, 3-16.

Tomasino, Dana Elisa: The heart in intuition: tools for cultivating intuitive intelligence, in: Sinclair, Marta (Hg.): Handbook of Intuition Research, Edward Elgar Publishing Limited 2011, 247-260.

Photo: Franz Fehkühlrer

 

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