Franziskus erfindet das Krippenspiel: Farben einer leisen Provokation

Das erste Krippenspiel fand im umbrischen Greccio statt, als Franz von Assisi 1223 die Heilige Nacht mit den einfachen Menschen des Tales feierte. Br. Niklaus Kuster OFMCap schildert, was den Poverello dazu bewegte und wie er damit auch ein provokatives Zeichen setzte.

Die Rolle des Herbergswirts war unbeliebt in den Krippenspielen, die wir in der Volksschule zur Adventszeit aufführten. Wer schickt denn schon gern ein junges Paar, das die Geburt seines Kindes erwartet, hilflos in die Nacht? Gewinne statt Mitgefühl? Geschäfte statt Menschlichkeit? So eindringlich die Spielszene ins Heute spricht, so verzerrend und falsch ist sie historisch! –

Mitte Oktober 2019 in Betlehem: Ein jüdischer Führer spricht in einer Felshöhle, die an die «Geburtsgrotte» grenzt. In solchen Wohnhöhlen hätte damals eine Sippe mit ihren Kindern und ihren Tieren gelebt. Eine niedrige Mauer trennte den Raum der Tiere vom Bereich der Menschen, die nachts auf Matten am Boden ruhten. Auf dieser Mauer und in den Höhlenwänden waren Vertiefungen für das Futter der Tiere. Nachts, wenn Menschen, Schafe und Ziegen schliefen, fanden Säuglinge darin einen bergenden Ort. Die Geburt Jesu werde von der christlichen Antike in diesem Milieu verortet: bei einfachen Leuten am Rand der kleinen Stadt.

Karawansereien – kein geeigneter Ort für eine Gebärende.

Nicht Wirtschaftsgebaren habe «Herbergen» verschlossen, sondern jüdische Reinheitsgebote. Die junge Jüdin Maria hätte nie im Leben daran gedacht, ihr Kind in einer Herberge zur Welt zu bringen. Karawansereien waren laut und es herrschte oft ein Gedränge – kein geeigneter Ort für eine Gebärende. Doch schwerer wogen religiöse Normen: Nach damaliger Überzeugung machte eine Geburt alle unrein, die irgendwie mit der Gebärenden selbst oder Orten, Gefässen und Stoffen einer Geburt in Berührung kamen. Und Reinigungszeremonien waren aufwändig! Das Bild der Geburt Jesu in einer Wohnhöhle verortet die biblische Weihnachtserzählung zutreffender als es die abendländische Tradition mit Stall und hartherzigem Herbergswirt tut. Müssten unsere Krippenspiele also umgeschrieben werden?

Franz von Assisi feiert das erste Krippenspiel

Herbergswirte kommen im ersten Krippenspiel der Geschichte nicht vor. Die Idee, das Weihnachtsgeschehen durch eine spielerische Inszenierung sinnlich vor Augen zu führen, geht auf Franz von Assisi zurück. Der Poverello wird dabei fälschlicherweise als Erfinder der Weihnachtskrippe bezeichnet. Die Tatsache, dass es schon vor Franziskus einfache Krippendarstellungen gab, wird auch von modernen Historikern wie Dieter Berg übersehen, der den Irrtum in seiner Franziskusbiografie von 2017 wiederholt.[1]

Dass Gottes Sohn über diese Erde ging…

Unbestritten ist jedoch die Weihnachtsfeier von Greccio im Jahr 1223 mit dem ersten historisch fassbaren Krippenspiel verbunden. Franziskus war vier Jahre zuvor in den Orient gereist, wo er mit einer Friedensmission in den Fünften Kreuzzug eingegriffen hatte. Im Spätherbst 1219 wechselte er von Ägypten nach Syrien und blieb längere Monate im Heiligen Land. Ob er über Betlehem, Jerusalem und Nazaret reiste, ist angesichts des Krieges und des päpstlichen Pilgerverbots für das Heilige Land fraglich. Doch erlebte Franziskus das Land der Menschwerdung Gottes in Cäsarea, in Akkon und am Karmel, im Küstenstreifen des Königreichs Jerusalem. Dass Gottes Sohn über diese Erde ging und sich menschlich in eine friedlose Welt wagte, ließ den barfüssigen Bruder tief bewegt in seine Heimat zurückkehren.

Franziskus erhielt das feierliche Papstschreiben mit dem Regeltext in der Eremitage von Greccio.

In Italien arbeitete Franziskus in den folgenden zwei Jahren an der Endfassung der Ordensregel. An Pfingsten 1221 nahm die Vollversammlung der Brüder in Assisi eine erste Regelversion an, die jedoch derart evangelisch und spirituell war, dass sie in Rom abgelehnt wurde. 1222 zog sich der Gründer mit Gefährten ins Rietital zurück, wo über Monate eine juristisch präzisiere Regelfassung entstand. Sie fand die Zustimmung des Pfingstkapitels 1223 und Ende November auch die päpstliche Approbation. Dadurch wurden die Franziskaner definitiv zu einem Orden der Kirche. Franziskus erhielt das feierliche Papstschreiben mit dem Regeltext in der Eremitage von Greccio, unweit von Rieti und in den Sabinerbergen drei Tagesetappen nördlich von Rom. Hier verbrachte er den Advent zusammen mit Brüdern im Schutz von Felshöhlen, und hier wollte er die Heilige Nacht mit ihnen und Menschen des Tales feiern: in der grössten Höhle der Eremitage, die vom Panoramablick her einem Adlerhorst gleicht.[2]

Greccio - erste Weihnachtskrippe
Das Panorama vom Eremo Greccio (Foto: Br. Niklaus Kuster)

Eine Weihnachtsfeier für alle Sinne

Thomas von Celano, der erste Biograf des Heiligen, beschreibt die Feier detailreich[3]: Die Brüder statten die Höhle mit Heu und Stroh aus. Ein Freund lässt einen Ochsen und einen Esel herbeiführen. Schafe kommen dazu. Als die Nacht sich über das Tal legt, gesellt sich ein junges Paar mit einem Neugeborenen in die Mitte der Feiernden. Die Weihnachtsbotschaft bewegt die Anwesenden mit nie erlebter Ergriffenheit. Die Mitternachtsfeier spricht alle Sinne der Brüder und Talbewohnenden an: Ihre Nasen können das Stroh und die Tiere riechen, ihre Ohren das Blöken der Schafe hören und ihre Augen die Liebe Gottes sehen, der sich als schutzloses und verletzliches Kind in menschliche Arme gelegt hat.

Was Gott «in jenem Kind, das in Betlehem geboren ist» riskiert hat.

«Ich möchte so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen», was Gott «in jenem Kind, das in Betlehem geboren ist» riskiert hat, um Menschen seine Nähe zu zeigen: So schildern die Gefährten des Heiligen dem Biografen später die Motivation dieser Feier. «Männer und Frauen jener Gegend kamen mit Fackeln und Kerzen…, der Wald füllte sich mit den Stimmen, in den Felsen erklangen freudige Lieder». Der Biograf schildert, wie über der Futterkrippe mit dem Kind eine Messe gefeiert wurde und Franziskus dem versammelten Volk «die Geburt des armen Königs» ergreifend darlegte. Nach tief berührenden Stunden «kehrte ein jeder in seliger Freude nach Hause zurück» (FQ 249-251).

Greccio Fresko
Krippenhöhle in Greccio mit Fresko der Weihnachtsfeier (Foto: Br. Niklaus Kuster)

Eine Höhle anstelle von Palästen und Kirchen

Die Weihnachtsfeier in einer Höhle von Greccio hat nicht nur innovative Kraft, die eine reiche Krippenspieltradition begründet und sich heute weltweit in allen Kulturen entfaltet. Sie hat im damaligen Kontext auch provokative Züge! Assisis Domportal stellt das Jesuskind in jenen Jahren keineswegs als «armen König» dar: Die Gottesmutter sitzt im romanischen Tympanon edel gekleidet auf einem Thron und trägt eine grosse Krone auf dem Kopf, während sie ihr Kind stillt. Macht und Hoheit kennzeichnen auch in einer Stadt, die den staufischen Grafen kurz zuvor verjagt und eine republikanische Ordnung eingeführt hat, die königliche Würde des Gottessohnes und seiner thronenden Mutter.

Die Weihnachtsfeier in einer Höhle: innovativ und provokativ!

Franziskus hatte jedoch als junger Kaufmann in Krise die Nähe des «lichtvollen Gottes, der über allem steht», nicht in Assisis Kloster- und Stadtkirchen gefunden, sondern draussen vor den Toren: im desolaten Landkirchlein San Damiano! Eine Ikone zeigt den Gottessohn da ganz menschlich, halb nackt und schutzlos, mit offenen Augen, offenen Ohren, weit offenen Armen – am Kreuz und zugleich auferstanden.[4] Indem Franziskus darauf mit seiner Stadt brach und nach San Damiano zog, um das zerfallend Kirchlein wieder aufzubauen, provozierte er Assisis Bürgerschaft: Nicht im Prachtdom San Rufino, der neuen Kathedrale für den Weltenherrscher, erfuhr er Gottes Zuwendung, sondern draussen vor den Toren, in einer ärmlichen Kapelle, einem Zufluchtsort der Randständigen und der Kirche des «armen Christus». Es war der Anfang von Franziskus’ brüderlichem Leben. In Greccio bekräftigte er gegen Ende seines Lebens dieses Credo: Bereits in seiner Geburt wagt sich Gottes Sohn ganz menschlich und verletzlich in die Welt. Sein irdischer Weg beginnt nicht in Rom, sondern in einem Winkel des römischen Imperiums. Die Geburt geschieht nicht im nahen Palast des Herodes, sondern unter einfachen Leuten. Sie macht keinerlei Schlagzeilen, sondern bewegt zunächst nur Hirten, Menschen am Rand.

Die Stadt Rieti, wo der adelige Bischof das Geburtsfest Gottes in der Kathedrale pontifikal zelebriert.

Im Rietital schweift der Blick von den Felshöhlen der Brüder hinüber zum Dorf Greccio und seiner markanten Kirche. Wie seit vielen Jahren schon feiert der Pfarrer dort in jenem Jahr 1223 Weihnachten im lateinischen Messritus. Weit hinten in der Talebene leuchten zudem die Lichter der Stadt Rieti, wo der adelige Bischof das Geburtsfest Gottes in der Kathedrale pontifikal und im Palast rauschend zelebriert.

Wenn Weihnachten sozial provoziert

Die Brüder sprechen 1223 in der Eremitage Greccio vom selben Gott wie der Bischof von Rieti – und doch konträr verschieden: ein Gott, der sich aussetzt und auf Stroh betten lässt, ein Gottessohn, der zwischen Schafen, Ochs und Esel zu finden ist, in kalter Nacht und von nackten Felsen umgeben, in menschliche Arme gelegt und an der Brust einer jungen Frau ruhend. Das brüderliche Krippenspiel in der Feier der Heiligen Nacht nimmt zunächst eine pastorale Herausforderung an: Sie macht Gottes Zuwendung fern der kirchlichen Binnenräume und traditioneller Liturgie in der Lebenswelt der Menschen spürbar.

Die Krippenfeier macht Gottes Zuwendung fern der kirchlichen Binnenräume in der Lebenswelt der Menschen spürbar.

Im hohen Mittelalter hat die Feier zudem sozial provokative Kraft. Wem wendet Gott sich primär zu? Während sich Städte wie Assisi bürgerliche Freiheit erkämpften, blieb die Landbevölkerung weitgehend leibeigen und abhängig. Freie und gebildete Bürger schauten verächtlich auf Bauernfamilien ausserhalb der Stadtmauern, die als kulturlos galten. Gottesgeburt draussen vor den Toren, zwischen Herdentieren, auf Heu und in einer Felshöhle! Franziskus hatte auch die soziale Provokation neu erfasst, die in der biblischen Weihnachtserzählung mitschwingt. Gottes Sohn beginnt seinen Weg von Hirten bewundert, am Rand der Gesellschaft. Und die Fortsetzung der biblischen Geburtsgeschichte spitzt diese Botschaft zu: Ein Despot fürchtet um seine Macht und trachtet dem Kind nach dem Leben. Die Eltern fliehen aus ihrem Land. Jesus hat daher schon als Kleinkind «Migrationshintergrund».

Frau und Kind unterwegs
Foto: Tim Mossholder / unsplash.com

«Ich war nackt und fremd…»

Der Evangelist Matthäus, der die Flucht nach Ägypten erzählt, zieht gegen Ende seines Evangeliums ebenso ernste wie zeitlose Konsequenzen aus der Solidarität, die Gottes Sohn schon in seiner Geburt zeigt. Wo immer Menschen hungrig und durstig sind, findet sich Gottes Sohn an ihrer Seite. Wo Menschen nackt und fremd sind, lässt Christus sich mit ihnen kleiden und aufnehmen – oder übersehen und abweisen (Mt 25). Wenn Papst Franziskus heute Flüchtlinge an den Grenzen Europas «unsere Geschwister auf der Suche nach einer sicheren Zukunft nennt», würde sein Vorbild aus Assisi hinzufügen: und sie sind die Lieblingsgeschwister des Gottessohnes, der selber «für uns am Weg geboren» ist.[5]

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Br. Niklaus Kuster, Dr. theol., ist Schweizer Kapuziner. Er lehrt Kirchengeschichte in Luzern (RPI der Universität), Spiritualitätsgeschichte an der PTH Münster und Franziskanische Spiritualität an der Ordenshochschule ESEF in Madrid. Vom Basiskloster Olten aus ist er zudem in der Fortbildung, als Autor und Reisebegleiter tätig. 

Beitragsbild: Rostyslav Savchyn / unsplash.com


Literatur und Quellen:

[1] Dieter Berg, Franziskus. Der sanfte Rebell, Ditzingen 2017, 114.

[2] Oktavian Schmucki, Beiträge zur Franziskusforschung, Kevelaer 2007, 145-167.

[3] Franziskus-Quellen (Zeugnisse des 13. und 14. Jahrhunderts zur Franziskanischen Bewegung. 1), hg. von Dieter Berg – Leonhard Lehmann, Kevelaer 2009, 22014 = FQ.

[4] Martina Kreidler-Kos – Niklaus Kuster, Christus auf Augenhöhe. Das Kreuz von San Damiano Kevelaer 42018.

[5] Gregor der Grosse, Homilia VIII, über Lk 2,1-14: „Qui non in parentum domo, sed in via nascitur“ (PL 76, 1104, von Franziskus in einem Weihnachtspsalm zitiert und betrachtet; FQ 29-30.

Vom Autor auf feinschwarz.net bisher erschienen:

Begegnung statt Konfrontation

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