Funktional oder sakramental?

Um gegen eine Übermacht an Argumenten für die Frauenordination in der katholischen Kirche anzutreten, wird neuerdings ein Kontrast zwischen funktionaler und sakramentaler Logik bemüht.Von Bernhard Fresacher.

Demnach legitimiere die sakramentale im Unterschied zur funktionalen Logik die unzeitgemäße Notwendigkeit der physischen Männlichkeit des Klerus. Zumindest sei diese nicht einfach zu übergehen. Diese – vielleicht auf den ersten Blick plausible – Kontrastierung beruht allerdings auf wesentlichen Fehlern. Sie übersieht mindestens drei grundlegende dogmatische Prinzipien, die nicht nur für die katholische Tradition maßgeblich sind. Sie finden sich von drei Konzilien explizit bestätigt: das christologische Prinzip des Konzils von Chalkedon (451), das analogietheoretische des Vierten Laterankonzils (1215) und das sakramententheologische des Zweiten Vatikanischen Konzils (1964).

Die Kontrastierung übersieht mindestens drei grundlegende dogmatische Prinzipien.

Das Konzil von Chalkedon formulierte in Bezug auf die zwei Naturen in Jesus Christus, dass in der Einheit der Inkarnation der Unterschied von göttlich und irdisch „bewahrt wird“ (DH 302), das heißt: Gott bleibt Gott und Welt bleibt Welt. Das Vierte Laterankonzil erinnerte an die Analogie jeder Gottesrede, „dass zwischen Schöpfer und Geschöpf keine so große Ähnlichkeit festgestellt werden kann, dass zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre“ (DH 806). Das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnete an prominenter Stelle die Kirche „in Christus gleichsam als Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug (signum et instrumentum) für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1), das heißt: Sakramentalität ist kein Selbstzweck, sondern hat funktionale Bedeutung auf das universale Heil aller Menschen hin.

Wenn diese drei Prinzipien übersehen werden, kann es zu einer sehr schlichten Vorstellung von Inkarnation als einem Vorgang kommen, in dem sich die Transzendenz Gottes in eine physische Immanenz auflöst, die sich dadurch verabsolutiert – in ausgesuchten Eigenschaften. Schließlich hat man das Bild eines Gottes vor Augen, der vor 2000 Jahren als jüdischer Mann in Galiläa umherwanderte. Gegen dieses Bild steht die gesamte dogmatische Tradition mit ihrem biblischen Anfang und mit maßgeblichen Lehrbeschlüssen. Darin wird – für die katholische Kirche insbesondere vom Zweiten Vatikanischen Konzil definiert – Offenbarung als Kommunikation verstanden, die den Unterschied zwischen göttlich und irdisch gerade nicht aufhebt, sondern schöpferisch und erlösend zur Wirkung bringt.

Sakramentalität ist kein Selbstzweck, sondern hat funktionale Bedeutung auf das universale Heil aller Menschen hin.

Ein God’s Eye View bleibt verwehrt. Daran ändert auch die Inkarnation nichts. Sie entlässt uns nicht aus unserer unvertretbaren Verantwortung für uns und unsere Welt, wie Dietrich Bonhoeffers Theologie besonders eindringlich vor Augen führt. Wir können uns nicht auf Gott berufen, um uns den Herausforderungen von heute zu entziehen, oder mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gesagt: Das Evangelium ist nicht ohne seinen Bezug zu den „Zeichen der Zeit“ zu haben, in der Heiligen Schrift nicht, in der Tradition nicht und heute nicht. Ohne Zweifel gehört der Einsatz gegen die illegitime Herabsetzung von Frauen, wie sie mit immer gleichen oder immer neuen Argumenten betrieben wird, zu den „Zeichen der Zeit“ von heute – wie im Übrigen explizit auch zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Platzzuweisungen für Frauen, welcher Art auch immer, klären nicht die Botschaft von der Inkarnation, sondern trüben und verhöhnen sie.

Sie werden auch durch israel- oder heidentheologische Begründungen nicht besser. Wer der Schnittstelle der männlichen Beschneidung nicht die inkarnatorische Bedeutung für die Christusrepräsentation beimisst, relativiert dadurch nicht das Judentum Jesu. Im Übrigen kennt das Judentum längst das Amt der Rabbinerin. Ebensowenig überzeugen Hinweise auf die vormalige heidnische Tempelprostitution, von der sich die biblische Tradition abgrenze. Die Gefahr einer Verwechslung damit besteht heute schlichtweg nicht. Viel gefährlicher ist die Fortsetzung herabsetzender Fremdzuschreibungen für Frauen. Als Sakrament in Christus hat die Kirche die Funktion, hier zu schöpferischen und erlösenden Klärungen zum Wohl aller beizutragen.

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Text: Prof. Dr. Bernhard Fresacher lehrt Fundamentaltheologie an der Universität Luzern und arbeitet im Katholischen Büro Mainz.

Bild: privat

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