Thomas Sojer zum 100. Geburtstag der Buber–Rosenzweig-Bibel.
Sprachsuche im Ausnahmezustand
Kurz vor Chanukka 1925 erschien der erste Band der Verdeutschung der Schrift durch Martin Buber und Franz Rosenzweig: Das Buch Im Anfang. Ein deutsch-jüdisches Ereignis, das mehr war als eine weitere Übersetzung des Tanach – es war ein kulturpolitischer Einschnitt, ein radikales Experiment mit Sprache, ein theologischer Stachel. Die Reaktionen fielen gespalten aus und die Bände blieben Ladenhüter. Freunde wie Gershom Scholem lobten den Eifer, monierten aber gleichzeitig eine Sprachgewalt, die „von verschlossenem Pathos fast berste“.[1] Kritiker wie der jüdische Kulturtheoretiker Siegfried Kracauer verspotteten die Neuübersetzung als alttestamentliches Bayreuth, sprachen von einer archaisierenden Sperrigkeit, die so klang, als hätte sich Richard Wagner bemüht, die Bibel nach seinem Geschmack zu vertonen.[2]
ein kulturpolitischer Einschnitt, ein radikales Experiment mit Sprache, ein theologischer Stachel
Rosenzweig litt seit 1923 an einer tödlichen Nervenkrankheit, die dazu führte, dass er 1925 schon stark eingeschränkt schließlich nur mehr durch das Zwinkern der Augenlider kommunizieren konnte. Bis zu seinem Tod 1929 übersetzten die beiden zehn biblische Bücher. Buber führte das Projekt in Frankfurt bis 1938 alleine fort. Trotz der Widerstände, inmitten der Zäsuren von Exil, Shoah und Neuanfang, fand die Übersetzung mit der vierbändigen Gesamtausgabe (1954–1962) im Verlag Lambert Schneider ihren Abschluss.[3]
Die von Buber betonte „Treue“ zur masoretischen Textgrundlage lag weniger in einer wörtlichen als in einer semiotischen Übersetzungsweise. In der „Leiblichkeit des biblischen Geistes“ – in der Musikalität, der Atemtechnik und in dem, was Buber den „Grundstrom althebräischer Sinnlichkeit“ nennt – entsteht ein affektiv aufgeladenes Zeichensystem aus erfahrbaren Signalen, das die Schrift in einer „gewaltigen Synoptik“ sehen lernen lässt. Buber formuliert es so: „Biblische Grundworte offenbaren ihre Sinnweite und -tiefe nicht von einer einzigen Stelle aus; die Stellen ergänzen, unterstützen einander; Kundgebung strömt dauernd zwischen ihnen. Und der Leser, dem ein organisches Bibelgedächtnis zu eigen geworden ist, liest jeweils nicht den einzelnen Zusammenhang für sich, sondern als einen von der Fülle der Zusammenhänge umschlungenen.“[4]
„von der Fülle der Zusammenhänge umschlungen“
Über einen weiteren Aspekt dieser sinnlichen Semiotik schweigt Buber jedoch in seinem Kommentar zur Übersetzung: die Typografie. Als Herausgeber und Verleger zeigte er unermüdlichen Einsatz dafür, dass die Bücher, die er verantwortete, auch in der Haptik, visuellen Gestaltung und im Schriftbild „schöne Bücher“ wurden. Dem Typografen Jakob Hegner, der 1950 zur Wiederaufnahme des Übersetzungsprojekts anregte, schrieb Buber 1952 zum 70. Geburtstag – etwas, das auch für ihn selbst galt:
„[D]as aus geschriebenen oder gedruckten Buchstaben zusammengesetzte Wort ist ein Sinnbild des aus gesprochenen Lauten zusammengesetzten und dieses ein Sinnbild des zeichenlos Gemeinten. Weil dem so ist, reicht, wo das echte Wort gemeint ist, die sinnbildliche Verknüpfung bis in die typografische Gestaltung des Buchs, als in das letzte Stadium im Weg des Wortes zu seiner Darstellung; auch dieses Stück noch gehört zu Dienst und Verantwortung am Wort. Darum geht, wo das echte Wort gesagt ist, die Aufgabe, ein Buch »herzustellen«, letztlich nicht bloß über die technischen Zwecksetzungen, sondern auch über die ästhetischen hinaus; es kommt darauf an, dem Leser, dem authentischen Leser in seiner Aufnahme des Wortes so sehr zu helfen, wie das eben mit technischen und ästhetischen Mitteln tunlich ist.“[5]
„… dem authentischen Leser in seiner Aufnahme des Wortes so sehr zu helfen, wie das eben mit technischen und ästhetischen Mitteln tunlich ist.“
Wie zischte die Schlange in Eden? Zum stimmlosen langen ſ
Beim genauen Lesen der Buber-Rosenzweig-Übersetzung springt – neben den in Kapitälchen gesetzten Personalpronomen für das Tetragramm – ein unscheinbares, aber bemerkenswertes Detail ins Auge: das Zeichen ſ. Nicht flächendeckend, sondern punktuell, fast schüchtern – und doch bewusst gesetzt. Erstmals in Gen 10: Sſabta, Sſabtcha … Dieses ſ wurde in allen Ausgaben bis heute beibehalten – von der ersten Drucklegung im Dezember 1925 bis zur aktuellen, Chagall-bebilderten Ausgabe von 2001.
In der Geschichte der Druckschriften galt in der Neuzeit die Unterscheidung zwischen dem langen ſ und dem runden s. Meist stand das runde s am Ende einer semantischen Einheit, sonst das lange ſ (Wachſtube vs. Wachstube) – mit vielen typografischen Ausnahmen. Mit der Verbreitung der runden Schriften verschwand das lange ſ ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend aus dem Satzbild. Um 1900 entbrannte der sogenannte Antiqua-Fraktur-Streit, der 1941 durch einen Erlass Hitlers beendet wurde: Die Antiqua wurde zur ‚Normalschrift‘ erklärt, während die gotischen Schriften – wider heutiger Meinung – als jüdisch gebrandmarkt wurden. Erhalten blieb das lange ſ nur noch als mathematisches Zeichen der Integralrechnung – und in nostalgischen Sonderdrucken wie der Buber-Rosenzweig-Übersetzung.
Schibboleth einer verlorenen Zeit
Alle Ausgaben, auch die aktuelle von 2001, haben je nach Schriftart das lange ſ gemäß dem Erstdruck von 1925 beibehalten. Als typografisches Detail markiert es eine feine Differenz im ansonsten zeitgenössischen Schriftbild – ein visuelles Stolpern, das Aufmerksamkeit erzeugt und die Namen, in denen es erscheint, zu einer stillen Frage macht.
ein visuelles Stolpern
Als Buber zwischen 1954 und 1962 die Verdeutschung der Schrift in Deutschland erneut publizierte und die letzten Bände finalisierte, war die drucktechnische Entscheidung, am langen ſ festzuhalten, keine bloße Fortsetzung einer Gewohnheit und auch nicht allein der formalen Einheitlichkeit geschuldet. Denn das lange ſ erscheint in der Verdeutschung der Schrift ausschließlich in der Transkription hebräischer Eigennamen – immer dann, wenn zwei Mal der stimmlose, scharf zischende s-Laut auftritt: Jiſsrael, Joſsef, Sſarai, maſsoretisch, peſsach.
In allen übrigen Fällen – etwa bei deutschen Wörtern wie daß, Wasser oder wissen – verwendet Buber 1925 und 1962 regulär das scharfe ß oder das doppelte runde s. Das lange ſ fungiert somit nicht als durchgängiges typografisches Prinzip, sondern als gezielt eingesetzte Ausnahme: als Schibboleth[6].
Das lange ſ besitzt, wie in der Chagall-Ausgabe, einen Querstrich, der den geschwungenen Stamm nicht kreuzt, sondern nur nach links ausläuft. Die Folge: Jiſsrael kann leicht als Jifsrael, Joſsef als Jofsef gelesen werden. Während ältere und schriftkundige Leser:innen das lange ſ mühelos erkennen, wirkt es für jüngere oder ungeübte wie ein Tippfehler – oder wie eine weitere Verrücktheit der ohnedies extravaganten Buber-Rosenzweig-Übersetzung.
Broken nostalgia
Mitte Februar 1961 versammelt sich im Jerusalemer Wohnhaus Martin Bubers eine kleine Runde und Buber präsentiert den letzten Band seiner Übersetzung. Darunter war auch Gershom Scholem, der in einer Ansprache ein scharfes Urteil über das Projekt fällt: „Historisch gesehen ist sie nicht mehr ein Gastgeschenk der Juden an die Deutschen, sondern – und es fällt mir nicht leicht, das zu sagen – das Grabmal einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung.“[7]
„das Grabmal einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung“
Aus der feierlichen Nostalgie von 1925 wurde – in den siebenunddreißig Jahren dazwischen – ein Zeichen des lang schon Zerstörten, eine gebrochene Nostalgie, Buber spricht vom „Verschollenen“. Im langen ſ scheint noch der ästhetische Glanz des Fin de Siècle nach, als wüsste das Schriftzeichen noch nichts vom bevorstehenden 20. Jahrhundert.
So gutzuheißen philologisch exakte Transkriptionen auch sind, möchte ich eine kleine Apologie all jener immer mal wieder zu findenden Übertragungen anstellen, die das lange ſ als kleines f drucken. Auch 1925 startete das Projekt mit einer Reihe von Tippfehlern. Das Majuskel I von „Das Buch Im Anfang“ wurde in der Verlagsankündigung kleingedruckt. Im Jüdischen Wochenblatt Mitte Januar 1926 wurde das eigens gewählte, teure „Alphapapier“ zum „Altpapier”. Für Philolog:innen und Historiker:innen mag es schwere Nachlässigkeit und ein Übel sein – ich lese das f als produktive Wortstörung; eine kleine ästhetische Unterbrechung, die zum Innehalten zwingt und, wie Buber selbst betont, „von der Wortgeläufigkeit befreien will“[8]. Es fordert ein zweites Hinsehen und führt damit näher an das Ansinnen Bubers und Rosenzweigs von 1925 heran, das verborgene Dahinter im sichtbaren Text zu suchen.
Ich lese das f als produktive Wortstörung.
Was mich am f für ſ besonders fasziniert, ist der paradoxe Sinnbruch des durchstreichenden Querstrichs: eine anachronistische Diffraktion und innere Fraktur eines Übersetzungsprojekts zwischen 1925 und 1962. Margarete Susman schreibt 1961 an Gershom Scholem, dass der Hauptgrund für Bubers alleinige Weiterarbeit am Übersetzungsprojekt darin bestand, „Rosenzweig durch diese Arbeit am Leben zu erhalten“[9]. Im langen ſ, dem f mit dem einseitigen Querstrich, lese ich immer auch die angebrochene Initiale von Franz. Das Schriftzeichen wird zum unscheinbaren, aber bedeutungsgeladenen Störzeichen, das in seiner Irritation auf die „Versehrtheit der Sprache“, und darin auf etwas unwiederbringbar Dahinterliegendes verweist. Etwas in diesem anachronistischen Projekt, „seinen eigentümlichen Mächtigkeiten und Intimitäten“[10], war unwiderruflich zerbrochen.
Dieses Schibboleth entlarvt – anders als im Buch der Richter – nicht die Wahrheit über seinen Sprecher, sondern legt eine unbehagliche Wahrheit des 20. Jahrhunderts frei: dass, wie Buber schreibt, „man hinter das Vorhandene nicht zurückgreifen kann, ohne die Wirklichkeit durch vielfältige und widereinander streitende Möglichkeiten zu ersetzen“[11].
Die Buber-Rosenzweig-Übersetzung erschien nicht wenigen seltsam und sperrig, als sie Mitte Dezember 1925 das Licht der Welt erblickte. Heute erklingt in ihr eine fremde Nostalgie, weshalb sie bisweilen zum ästhetisierten Geheimtipp erhoben wird. Dabei gerät leicht aus dem Blick, was Buber und Rosenzweig antrieb: dass das Judentum auch in der deutschen Sprache lebt – und die deutsche Sprache im Judentum.
dass das Judentum auch in der deutschen Sprache lebt – und die deutsche Sprache im Judentum
Thomas Sojer leitet die Bücherei in Hohenems, Vorarlberg. Zusammen mit Jörg Seiler betreibt er die Forschungsstelle Sprachkunst und Religion an der Universität Erfurt. Im Oktober 2025 erschien zum Jubiläum der Buber-Rosenzweig-Übersetzung vom Autor ein Erzählband im TVZ.
Beitragsbild: Thomas Sojer
[1] Martin Buber: Briefwechsel aus sieben Jahrzehnten, Band 2, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg 1973, 252.
[2] Ausführlich dazu: Christoph Kasten, Ansgar Martins, Inka Sauter (Hgg.), Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig. Geschichte eines Projekts, Suhrkamp, Berlin 2025.
[3] Bis 1938 erschienen bei Schneider – bzw. zwischenzeitlich im Schocken Verlag, der Schneider nach der Weltwirtschaftskrise übernahm – bereits fünfzehn Einzelbände der Übersetzung.
[4] Martin Buber, Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, Lambert Schneider, Heidelberg, 1954, 13–14.
[5] Martin Buber, Sprachphilosophische Schriften, Martin Buber Werke Band 6, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2003, 93.
[6] Hebräisches Erkennungswort (Ri 12,5–6), an dem Stammeszugehörigkeit und Fremdheit durch die Aussprache eines regional verschieden ausgesprochenen Wortes erkennbar werden.
[7] Gershom Scholem, Poetica: Schriften zur Literatur, Übersetzungen und Gedichte, Suhrkamp, Berlin 2019, 214.
[8] Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, 10.
[9] Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig, 445.
[10] Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, 9.
[11] Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, 12–13.


