Geparkt am Beckenrand – Gedanken einer Frühschwimmerin

Die Kolumne für die kommenden Tage 31

Seit gut vier Wochen fällt mein Schwimmtraining aus. Alle Hallenbäder sind geschlossen – in Zeiten der Pandemie eine gebotene Maßnahme, keine Frage. Noch Anfang März trainierte ich drei bis vier Mal in der Woche frühmorgens im Hallenbad für Triathlon-Wettkämpfe. Startete in den Tag mit 2000 Metern im lauwarmen Nass. Auf Chlorgeruch und Co. muss ich zurzeit verzichten. Und ja – mir ist bewusst: Es gibt gerade drängendere Herausforderungen. Und ich befinde mich in einer sehr privilegierten Situation, es geht nicht um die Grundlagen meiner Existenz.

Doch wenn ich auf meine Schwimmtasche schaue, die in der Ecke verkümmert, dann merke ich: Mein Leben ist aus dem Rhythmus geraten. Gerade das Schwimmtraining gibt mir normalerweise den Takt des Tages vor: Wann schlafe ich, wie plane ich meine Freizeit, wann esse ich was. Auch der Wochenrhythmus ist durcheinander geraten: An den Entlastungstagen, die sonst alle zwei bis drei Tage auf harte Einheiten auf der Laufstrecke oder auf dem Rad folgen, geht’s eben „nur“ ins Wasser. Diese Regeneration fällt gerade weg, und ich neige dazu, rastlos durchzuballern.

Aus dem Takt

Meine ganze Jahresplanung war auf die Wettkampfsaison im Sommer ausgerichtet. Die ersten Veranstaltungen sind abgesagt, andere stehen auf der Kippe. Meinen Hauptwettkampf Ende August habe ich für mich selber gecancelt im Wissen darum, dass mir nicht genug Zeit bleibt für eine gute Vorbereitung auf die Schwimmstrecke. All die Absagen sind vernünftig. Aber auch ernüchternd. Als wäre ich am Beckenrand geparkt.

Und so trainiere ich gerade ein wenig plan- und ziellos. Vermisse die kleine, feine Gemeinde der Frühschwimmer*innen. Triathlet*innen sagt man ein gewisses Einzelgänger*innentum nach, und sicher ist da was dran. Doch die Gespräche gerade mit den älteren Damen in der Sammelumkleide und unter der Dusche fehlen mir sehr. Und wer weiß, ob wir uns im Herbst alle wiedersehen …

Mir fehlt das Gefühl, mit jedem Abstoß vom Beckenrand die Chance auf einen Neuanfang zu haben. Das Gefühl, im Wasser ganz bei mir zu sein. Achtsamkeit – das lerne ich nicht durch Yoga und Meditation, sondern auf der Sportler*innenbahn. Wenn ich den Fokus ganz auf Armzug, Wasserlage und Beinschlag richte, wenn ich die Gedanken ausschalte, wenn ich nur die Bahnen mitzähle. Und ja – in der Schwimmhalle habe ich für mich neu verstanden, was es heißt, sich getragen zu wissen und sich in diesem Bewusstsein frei zu schwimmen. Was Taufe ist.

Raus ins Freie

In Ermangelung eines eigenen Pools bleiben mir gerade nur Zugseil- und Krafttraining. Die Zahl der YouTube-Tutorials dazu ist in den letzten Wochen in die Höhe geschossen. Und manche*r Coach spricht davon, dass dies nun die Chance sei, die Muskulatur richtig zu stärken. Das mag so sein. Für mich ist es eine Notlösung. Und während ich mir beim Radfahren die Stunden auf dem Rollentrainer dank virtueller Trainingsprogramme schön reden kann, bleibt das Zugseiltraining notwendiges Übel.

Mitte Mai, so meine Hoffnung, geht’s ins Freiwasser: Mit Neoprenanzug und Boje gibt’s dann wohl die erste Einheit im See. Aber es wird anders sein. Freiwasser, das heißt für mich: sich der Natur auszusetzen – der Unsicherheit, der Unwägbarkeit. Kontrolle abzugeben, die eigene Komfortzone hinter sich zu lassen. Und Freiwasser bedeutet für mich: im Vertrauen auf die eigene Erfahrung das Ufer zu verlassen. Und Zug um Zug hinauszuschwimmen ins Freie…

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Autorin: Ines Klepka ist Theologin und Germanistin, Leiterin der Katholischen Hochschulgemeinde Hannover und Pastoralassistentin im Bistum Hildesheim

Foto: Marcus Ng / unplash.com

 

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