Schiffbruch mit Publikum. Über Verfallsgeschichten

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LudovicoMalcolmMcDowellAClockworkOrangetrailer.png Ludovico Malcolm McDowell in: Stanley Kubrick, A Clockwork Orange

Das Buch von Yuval Harari, „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, ist ein Bestseller. Francesco Papagni wirft einen kritischen Blick in das Buch und warnt vor dessen politischen Implikationen.

Der Verfall von Gesellschaften übt eine eigentümliche Faszination auf die Nachgeborenen aus. Edward Gibbons Werk „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ hat einem ganzen Genre das Stichwort geliefert. Im 20. Jahrhundert ist Spenglers Titel „Der Untergang des Abendlandes“ zu einer festen Wendung der deutschen Sprache geronnen. In der katholischen Kirche wurde ab dem 19. Jahrhundert eine Sicht auf die Neuzeit populär, die die Französische Revolution als Urkatastrophe sah, die den Verfall der sittlich-religiösen wie auch legitimen politischen Ordnung einläutete. Interessanterweise arbeitet auch die Kirchenkritik mit diesem Modell: Je nach Autorin oder Autor beginnt der Verfall der katholischen Kirche mit dem Mittelalter, der konstantinischen Wende oder gar mit Paulus. Diesen Kritiken liegt meist unbewusst ein romantischer Ursprungsmythos zugrunde. Es gab einmal das Urchristentum, da waren alle lieb zueinander und teilten ihren Besitz. Dann kam jemand oder etwas, sodass dieser paradiesische Zustand kippte – die Verfallsgeschichte begann.

Die Welträtsel und ihre Auflösung

In diesem Artikel will ich aber nicht  auf diese kirchenzentrierten Diskurse eingehen, sondern aktuelle, vielbeachtete Neuerscheinungen diskutieren, die ebenfalls mit dem Verfallsschema arbeiten, dies aber nicht offenlegen. Alle kennen wir, zumindest dem Titel nach, Yuval Hararis „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, die die Bestsellerlisten seit Jahren beherrscht. In diesem Buch, das eine Weltgeschichte von der Menschwerdung bis heute sein will, behandelt Harari einfach alles: Wie der homo sapiens entstand, welche Rolle Religionen spielen, wie die Unterschiede zwischen Mann und Frau zu beurteilen sind und noch viele andere wichtige Fragen, sodass dieses schmissig geschriebene Buch auch den Titel „Die Welträtsel“ tragen könnte.

Yuval Harari: „Eine kurze Geschichte der Menschheit“

Zwar gibt Harari zu, dass wir über die Verhältnisse vor der Einführung der Schrift wenig historisch zuverlässige Aussagen machen können. Dennoch sind die Beschreibungen des Lebens vor der neolithischen Revolution dazu angetan, den Übergang zur Sesshaftwerdung und zum Ackerbau als Rückschritt anzusehen: Die Kost wurde weniger vielfältig, dafür mussten sich die Menschen unter der sengenden Sonne abrackern. Durch das engere Zusammenleben und die Nutztierhaltung waren die Menschen überdies durch Krankheitserreger bedroht.

Die Sehnsucht nach dem authentischen Leben

Der skeptische Blick auf die neolithische Revolution teilt Harari mit James C. Scott. In „Die Mühlen der Zivilisation“ rekonstruiert der Spezialist für den antiken vorderen Orient die Staatenbildung und beschreibt das Mass an Unterdrückung, das frühe Staatswesen aufbringen mussten, um die Bevölkerung in den Grenzen der eigenen Herrschaft zu halten. Gemäss Scott lebten die sogenannten Barbaren materiell besser und waren frei, d.h. sie mussten keine Steuern entrichten. Der Getreideanbau brachte also nicht nur Mühsal, er brachte auch Unterdrückung mit sich.

James C. Scott: „Die Mühlen der Zivilisation“

Der Originaltitel „Against the Grain“ sagt geradeaus, worum es geht. Scotts Buch ist seriöse historische Forschung, eine empfehlenswerte Lektüre. Und doch ist sein Lob der Barbaren schillernd. Die Zivilisierten lieben die edlen Wilden, weil sie in ihnen zu erkennen vermeinen, was sie selbst vermissen: das unabhängige, authentische Leben.

Fakten und Fiktionen

Während Scotts Ausführungen ein klares Thema behandeln, schwankt Hararis Blick auf die Weltgeschichte zwischen posthumanistischer Abgeklärtheit und apodiktischer Aussage. Dass die neolithische Revolution zu allem Leid auch grosse kulturelle Leistungen ermöglicht hat, lässt der junge Historiker nicht gelten, denn für ihn ist klar: Kultur ist Fiktion, real im eigentlichen Sinne sind Fakten, die vornehmlich von den Naturwissenschaften ermittelt werden. Diese einfache Dichotomie von Fakten und Fiktionen führt ihn immer wieder zu Aussagen, die einem in ihrer lapidaren Absolutheit verblüffen, aber wahrscheinlich einer der Gründe für den riesigen Erfolg seiner Bücher darstellen: „Genau wie Gleichheit, Rechte und Gesellschaften mit beschränkter Haftung entspringt die Freiheit der Fantasie der Menschen und existiert nur in ihren Köpfen. Aus biologischer Sicht hat es keinerlei Bedeutung zu sagen, Menschen in Demokratien seien frei und Menschen in Diktaturen unfrei.“ (S. 140)

Für Harari ist klar: Kultur ist Fiktion.

Nun, wieso soll ausgerechnet die Biologie als Richterin über das Mass bzw. die Bedeutung politischer Freiheit fungieren? Auch wenn Freiheit keinerlei Bedeutung aus biologischer Sicht hat, so hat sie doch wesentliche Bedeutung aus lebensweltlicher, aus menschlicher Sicht. Grundsätzlicher noch muss sich Harari fragen lassen, von welchem Standpunkt aus er Tatsachen von Märchen, Fiktionen und sinnlosen Aussagen scheiden kann. Jede Tatsache wird in der Erkenntnis eines Subjekts zu einer solchen. Der lateinische Begriff factum kommt von facere, machen und trägt die Erinnerung daran in sich. Der Standpunkt des naiven Realismus wird in der ersten Proseminarstunde Erkenntnistheorie demontiert, aber das lässt Harari wohl kalt.

Der Glaube an die Naturwissenschaft

Konterkariert wird diese pessimistische Sicht auf den Menschen und seine Geschichte von einem grenzenlosen, völlig unkritischen Glauben an die Naturwissenschaft. Liefen ältere, politische Verfallsgeschichten insgeheim oder auch offen auf einen starken Mann zu, der das Steuer herumreisst, ist es jetzt die Wissenschaft, die die Menschheit oder wenigstens diejenigen, die es bezahlen können, in eine lichte Zukunft führt.

Verächter jeder humanistischen Position

Yuval Harari, der Verächter jeder humanistischen Position, sei diese jüdisch, christlich, sozialistisch oder sonstwie inspiriert, schreibt in seinem neueren Buch, „Homo Deus“, die Menschheitsgeschichte als technoide Phantasie weiter. Dass die Erlösung von einem besonderen Wissen, modern gesprochen von Wissenschaft und ihrer Anwendung, kommen soll, ist mit Blick auf die Religionsgeschichte nichts Neues – es ist Gnosis. Dass der unvollkommene, hinfällige Leib überwunden werden muss und das menschliche Bewusstsein bald auf einer Siliziumgrundlage existieren wird, passt ganz ins Bild. Das Wissen ist heute kein Geheimwissen mehr, dafür werden nach wie vor nur wenige Auserwählte in den Genuss dieser „Erlösung“ kommen.

Wieso fällt dieser Same auf so fruchtbaren Boden?

Die Frage lautet nicht so sehr, wie die Bücher Hararis funktionieren – wie gesagt, eine Einführung in die Erkenntnistheorie decouvriert die Grundlagen dieses Diskurses nachhaltig –, vielmehr wieso diese einen solchen Erfolg haben. Eine vorläufige Antwort könnte lauten, dass sie auf ein desorientiertes, an der eigenen Kultur zweifelndes westliches Publikum treffen, dem die Bildungstraditionen Europas fremd geworden sind. Auch die Grundlagen des freiheitlichen Verfassungsstaates scheinen den Menschen fremd geworden zu sein.

Die Bücher Hararis treffen auf ein desorientiertes, an der eigenen Kultur zweifelndes westliches Publikum.

Hararis Diskurs will wissenschaftlich, also theoretisch sein, hat aber eine eminent praktische Seite: Wer glaubt, Menschenrechte seinen Fiktionen, bestenfalls gesellschaftliche Konventionen, wird sich nicht vorbehaltlos für sie einsetzen. Im jetzigen Moment, wo autoritäre und totalitäre Regimes eine machtvolle PR-Strategie lanciert haben, um die Welt davon zu überzeugen, dass ihre Systeme effizienter und folglich besser sind, ist es doppelt wichtig, bereit zu sein, die eigene Lebens- und Staatsform zu verteidigen.

Den falschen Propheten entgegentreten

Zugegeben, man muss nicht von der universalen Gültigkeit von Menschenrechten überzeugt sein, um den freiheitlichen Verfassungsstaat zu schätzen. Man kann auch pragmatisch feststellen, dass sich diese Staatsform bewährt hat und eben diese Bewährung das Kriterium ihrer Wahrheit darstellt. Aber die posthumanistische Abgeklärtheit eines Yuval Harari, der übrigens als israelischer Staatsbürger alle Vorzüge eines Rechtsstaates geniesst, gepaart mit seiner Verachtung für Werte ganz allgemein, fördern die Bereitschaft, für Recht und Freiheit einzustehen, nicht. Das ist kein Argument für die Falschheit dieser Position, aber ein Hinweis auf ihre politischen Konsequenzen.

Die Kehrseite der Verfallsgeschichten ist die Sehnsucht nach dem politischen Messias oder der erlösenden Technologie.

Es ist kein Zufall, dass die letzten fünfzehntausend Jahre Geschichte gerade heute so skeptisch beurteilt werden. Der westliche Mensch leidet an der Kultur, die ökologische Krise verschärft dieses grundlegende Leiden nur. Verfallsgeschichten fallen da auf gepflügten Boden wie schon in der Zwischenkriegszeit. Ihre Kehrseite ist die Sehnsucht nach dem politischen Messias oder in der technoiden Variante die Sehnsucht nach der Technologie, die uns von unserer hinfälligen Existenz erlöst. Es ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht, den falschen Propheten und ihren Götzen entgegenzutreten.

Francesco Papagni ist momentan wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Kirchen- und Staatskirchenrecht der Universität Luzern. Er wohnt in Zürich.

Bild: Ludovico Malcolm McDowell in: Stanley Kubrick, A Clockwork Orange / WikimediaCommons

Von Francesco Papagni erschienen auf feinschwarz.net bisher u.a.:

Ein Theorieangebot, das man nicht ausschlagen sollte.

Bloodlands und Black Earth: Blicke ins Dunkel der Geschichte

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