Ein Theorieangebot, das man nicht ausschlagen sollte.

Auch eine Geschichte der Philosophie, so der Titel von Jürgen Habermas’ monumentalem, zweibändigen Alterswerk. Francesco Papagni bespricht es für feinschwarz.net.

Der Titel kam auf Intervention des Verlages zustande – der Autor hätte sein Buch Zur Genealogie nachmetaphysischen Denkens nennen wollen. Eine Genealogie ist keine Geschichtsschreibung, sie dient entweder denunziatorischen Zwecken wie bei Nietzsche und Foucault oder legitimatorischen. Die hier vorliegende Genealogie gehört dem zweiten Typus an.

Eine Geschichte der (nicht nur westlichen) kognitiven Durchbrüche

Habermas schreibt eine Fortschrittsgeschichte nicht nur der Philosophie, sondern des menschlichen Denkens schlechthin. Und er holt ganz weit aus: Mythos und Ritus, das Heilige, die Entstehung der Sprache – all dies behandelt er in den ersten Kapiteln. Und dann der erste kognitive Durchbruch, die Achsenzeit, wo der Mensch Distanz zu sich selbst und zur Gesellschaft gewinnt und überhaupt einen Weltbegriff entwickeln kann. Dies geschieht nicht nur in Griechenland. Der Witz der Achsenzeittheorie liegt just in der Gleichzeitigkeit eines kognitiven Durchbruchs an verschieden Orten unabhängig voneinander.

Im Alten Israel treten die Propheten auf, in Griechenland die ersten Philosophen, in Iran, China und Indien Religionsstifter und Weisheitslehrer. Diese universalistische Zugangsweise ist auch einer Gegenwartsdiagnose geschuldet: Wir leben in einer Weltgesellschaft, was unter anderem zur Folge hat, dass sich keine Tradition als Massstab für den ganzen Globus betrachten kann. Vielmehr ist es angezeigt, dass alle grossen Kulturkreise, die für Habermas jeweils mit einer Hochreligion verbunden sind, miteinander ins Gespräch kommen, um gemeinsam Regeln für das friedliche Zusammenleben zu finden. Man sieht, theoretische und praktische Motive spielen bei dieser grossen Erzählung ineinander.

Das Zeitalter der Weltbilder

Habermas verfolgt die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen, dennoch nimmt er wenigstens im Ansatz eine kulturübergreifende Sicht ein. So finden sich im Buch Kapitel zu Buddhas Lehre und Praxis und Konfuzianismus und Taoismus. Religion und Weltwissen erzeugen in verschiedenen Kulturen kognitive Dissonanzen: Unterschiede, ja Widersprüche verlangen nach einer Harmonisierung. Die Weltbilder der Achsenzeit bringen diese disparaten Bestände unter einen Hut, aber um den Preis der Objektivierung. Aus Ritus wird Dogma. So wichtig Thomas von Aquin für die Geschichte der Philosophie – auch für diese Geschichte – auch ist, er bildet den Gipfelpunkt des Zeitalters der Weltbilder. Bald danach melden Duns Scotus und Wilhelm von Ockham Kritik an, wollen aber einen besseren Vorschlag machen, nicht alles über den Haufen werfen.

Martin Luther, die zentrale Figur dieser Genealogie

Dies geschieht mit Martin Luther, der Drehscheibe der habermasianischen Genealogie. Luther erkennt, dass Glaube Vollzug, nicht Dogma bedeutet oder eben performativ ist. Zum christlichen Glauben gehören Sätze von der Art „Ich glaube, dass…“, dennoch ist Glaube für Luther ein wesentlich kommunikatives Geschehen. Dass Habermas, dessen Hauptwerk den Titel Theorie des kommunikativen Handelns trägt, Luther als Ahnen erkennt, ist verständlich. Mit Martin Luther kommt das Zeitalter der Weltbilder, das mit der Achsenzeit begonnen hatte, zu Ende. Die Konsequenzen sind gravierend, sie prägen die Neuzeit. Glauben und Wissen werden entkoppelt: Das Weltwissen wird sich wissenschaftlich konstituieren, der Glaube wird sich in der reformatorischen Tradition nicht mehr mit der Frage belasten, wie es sich das Verhältnis zum Weltwissen denken kann.

Übersetzung religiöser Gehalte in säkulare Sprache

Immanuel Kant und David Hume vollziehen später in der Philosophie jene Abwendung von der Metaphysik, die Martin Luther schon im Christentum vollzogen hatte. In der Frage der Religion gehen die zwei Aufklärer jedoch getrennte Wege. Während für Hume Religion psychologisch zu erklären und damit auch wegzuerklären ist, erkennt Kant einen rationalen Kern in der Religion. Ihn gilt es, mit philosophischen Mitteln zu bewahren. Habermas sieht sich selbst in der Nachfolge Kants, nicht Humes. Er will diese Übersetzung religiöser Gehalte in eine säkulare Sprache weiterführen. Damit anerkennt er auch, dass religiöse Gehalte von Wert sind und sie es verdienen, übersetzt zu werden, ja dass die zeitgenössische Gesellschaft auf diese Gehalte angewiesen bleibt. Dazu später mehr.

Von der Vernunft in der Geschichte zum linguistic turn

Bedeutete Kant einen epochalen kognitiven Durchbruch, so blieb der Königsberger Philosoph doch der Bewusstseinsphilosophie verhaftet. Begriffe wie Vorstellung, Anschauung, Bewusstsein, Wille sind nach wie vor leitend. Mit Hegel und den Junghegelianern bricht das historische Bewusstsein in die Philosophie ein: jetzt geht es um Geschichte, Sprache, Körperlichkeit, um Ökonomie, Soziologie, Psychologie. Dreien unter ihnen, Feuerbach, Marx und Kierkegaard, widmet Habermas ein eigenes Kapitel. Sie bereiten einen weiteren Paradigmenwechsel vor, der nun unmittelbar zu Habermas führt, den Wechsel zur Intersubjektivität. Nicht Bewusstsein, Vorstellung, Anschauung sind jetzt länger die Grundbegriffe, vielmehr Sprache, Kommunikation, Praxis. Habermas beendet seinen kolossalen historischen Durchgang mit Peirce. Zu den Diskussionen der zeitgenössischen Philosophie hat er anderswo schon Stellung bezogen, sodass er sie hier nicht noch einmal behandeln muss.

Der hermeneutische Schlüssel: Geschichte als Lernprozess

Soll man sich dieses Riesenwerk antun? Ja, unbedingt! Auch wer die Weichenstellungen des Autors nicht teilt, wird grossen Erkenntnisgewinn aus der Lektüre der zwei Bände ziehen. Da ist zum Ersten ein umfassender, zuverlässiger Überblick über die sozialwissenschaftlichen und theologischen Diskussionen zu Ritus, Mythos, dem Sakralen und vor allem zur Achsenzeit. Dann die genuin philosophischen Kapitel, die Habermas als scharfsinnigen Leser ausweisen und zwar auch jener Figuren, die nicht zu seiner eigenen Tradition gehören. Das ganze Werk ist eine eigentliche Summa der Entwicklung des westlichen Denkens, die als Lernprozess – ein weiterer Schlüsselbegriff – verstanden wird. Die Pointe dabei ist, dass nicht nur die Theologie von der Philosophie sondern ebensosehr die Philosophie von der Theologie gelernt hat. Konkreter: ohne das Christentum sind viele Motive der genuin philosophischen Reflexion unverständlich – eine für einen säkularen Philosophen in der Tradition der Aufklärung bemerkenswerte Aussage.

Die janusköpfige Moderne

Habermas ist Philosoph und Soziologe, da erstaunt es nicht, dass eine Zeitdiagnose nicht fehlt. Sie wird gleich im ersten Kapitel, das sich u.a. mit Gesichtsschreibung als Verfallsgeschichte beschäftigt, eingeführt – ein gerade heute hochaktuelles Thema. Dabei hat er schon in den achtziger Jahren von der Janusköpfigkeit der Moderne gesprochen: Moderne bedeutet Erklärung der Menschenrechte und zugleich jakobinischer Terror. Die Geschichte ist für den Autor eine Geschichte der kognitiven Durchbrüche, der Emanzipation von Glaubenssystemen, aber kein Triumph. Zum einen produziert sie Opfer in schrecklicher Anzahl – ein Umstand, der trotz des Dialogs mit Johann Baptist Metz merkwürdig unterbelichtet bleibt1 – zum anderen gerät die Vernunft selbst in tödliche Gefahr.

Der Defätismus der Vernunft

Im Postscriptum spricht Habermas vom Defätismus der Vernunft: die Vernunft zweifelt und verzweifelt an sich selbst. In metaphorischer Sprache ist von der Religion als dem Pfahl im Fleisch der Moderne die Rede. Erhofft er sich Rettung von dieser Seite? Rettung ist wohl zu hoch gegriffen, Habermas scheint zumindest Unterstützung für die Verteidigung der westlichen Errungenschaften – Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, ethische Standards – zu erwarten.

Aber nicht jede Religion kann gesellschaftlich wirksam werden, nur eine solche, die an einen Ritus rückgebunden ist. Nur eine Religion, die ihren rituellen Kern bewahrt hat, vermag Gemeinschaft zu stiften und gegen die mannigfachen Vergegenständlichungen Widerstand zu leisten – auch die menschliche Selbstvergegenständlichung, die heute allgegenwärtig ist und die sich z.B. darin zeigt, dass Menschen in der dritten Person vom eigenen Leib, den sie Körper nennen, sprechen, als wäre der eigene Leib ein Gegenstand wie andere Gegenstände.

Ereignisse, nicht Gegenstände denken

Die Frontstellung gegen jede reifizierende, zu Deutsch vergegenständlichende Tendenz durchzieht das ganze Werk. Es ist ein Kampf gegen ein Denken, das das Subjekt dieses Denkens entweder ausser Acht lässt oder als einen Gegenstand unter anderen behandelt. Wie Robert Spaemann, den er nicht erwähnt, hält Habermas an der fundamentalen Unterscheidung zwischen etwas und jemand fest. Der heute triumphierende Naturalismus und Szientismus bietet keinen Platz für das Subjekt und will auch keinen bieten. Demgegenüber verteidigt Habermas das Paradigma der Intersubjektivität: Menschsein heisst in Kommunikation mit anderen Menschen stehen und zum Rollentausch bzw. Perspektivenwechsel fähig sein. Kommunikatives Handeln ist performativ wie auch rituelles; daher rührt die eigentümliche Faszination des Bannerträgers der Aufklärung für den Ritus.

Säkularer und religiöser Humanismus

Es ist schon geargwöhnt worden, Habermas instrumentalisiere Religion für seine Zwecke. Das sehe ich nicht so. Religion, die aus dem Ritus lebt, verteidigt das Menschsein in einer Welt, in der Menschen immer mehr zu Manipuliermasse werden, wobei die Selbstmanipulation nur eine Variante der Manipulation ist. Damit ist Religion de facto Bündnispartner eines Humanismus habermasianischer Prägung und ihm näher verwandt als manche säkularistische Position.2

Ritus versus Entritualisierung

Allerdings haftet dem ganzen Unternehmen ein Widerspruch an: Wenn nur jene Religion, die aus dem Ritus lebt, philosophisch und soziologisch ernstzunehmen ist, wie kann dann Martin Luther der Held dieser Geschichte sein? Luther entinstitutionalisiert und entritualisiert das Christentum. Wenn das Leben zum Gottesdienst wird, hat der Gottesdienst nicht mehr den gleichen Stellenwert. Im Westen sind es das orthodoxe Judentum und das katholische Christentum, die die habermasianische Definition einer lebendigen Religion am ehesten erfüllen. Auch wird nicht klar, wieso religiöse Gehalte denn in eine säkulare Sprache übersetzt werden müssen. Habermas selbst hatte früher schon erkannt, dass Hoffnung mehr ist als Zuversicht, Nächstenliebe mehr als Solidarität, Heilsgeschichte mehr als Fortschritt. Bei der Übersetzung geht immer etwas verloren, vielleicht das Wesentliche.

Eine gewaltige Leistung und ein Theorieangebot

Man mag Vorbehalte gegen einige Punkte in dieser gewaltigen Vorgeschichte des nachmetaphysischen Denkens hegen. Der Gewinn aus der Beschäftigung mit diesem 1700seitigen Werk stellt sich nicht zuletzt durch die Kritik ein. Die enorme Leistung, die Jürgen Habermas erbracht hat, bleibt höchst anerkennungswürdig. Denn noch kein säkularer Denker hat die Geschichte der Philosophie so eng mit Religion und Theologie verflochten rekonstruiert. Dieses Theorieangebot können wir nicht ausschlagen, wenn wir wissen wollen, woher wir kommen und welche Rolle wir heute spielen.

Jürgen Habermas: Auch eine Geschichte der Philosophie. Bd. 1 Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Bd. 2 Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen. Frankfurt a.M. 2019, 1727 Seiten

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Francesco Papagni hat Philosophie, Geschichte und Theologie in Zürich und Luzern studiert. Er ist als freier Journalist tätig.

Bild: Rainer Bucher


  1. Vgl. Jan-Heiner Tück: Judentum und Abendland: Das westliche Denken ist von Athen geprägt. Wo ist das Vermächtnis Jerusalems geblieben? NZZ vom 11.05.2019.
  2. Vgl. „Die Philosophie muss nicht zur Verbesserung unseres Wissens von der Welt beitragen – sie soll darauf reflektieren, was diese Wissensfortschritte für uns bedeuten.“ Interview mit Jürgen Habermas. NZZ vom 14.11.2019.
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