Gott, wo bist du?

Manchmal fällt das Beten schwer; und manche*r würde gerne (wieder) anfangen, es gelingt aber nicht. Monika Heidkamp stellt anhand einer Studie zu religiösen Einstellungen dar, warum das so sein könnte, und entwickelt Anregungen für die Seelsorge.

Gereon Heuft hat in einer 2016 veröffentlichten empirischen Studie die Frage untersucht, ob Not das Beten lehrt.1 Der Autor ist Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der WWU Münster und Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster. Im Jahr 2013 wurden zum einen Patient*innen zu ihren religiösen Einstellungen befragt, die sich in der psychosomatisch-therapeutischen Ambulanz am UKM vorgestellt haben, zum anderen eine repräsentative Vergleichsgruppe deutschlandweit (vgl. 11f.). Die bevölkerungsbasierte Erhebung wurde mit einem Fragebogen zur psychischen Struktur der Teilnehmenden ergänzt. Die lesenswerten und gewinnbringenden Ergebnisse können in der Veröffentlichung ausführlich nachgelesen werden. Im Folgenden möchte ich einige Resultate aufnehmen und zum Weiterdenken anregen.

Religiöse Einstellungen und psychische Struktur

Die Stärke der Studie liegt vor allem darin, die empirischen Erkenntnisse mit psychodynamischen Grundlagen zu verbinden. So kann in der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-2)2 anhand verschiedener Parameter das psychische Funktionsniveau eines Menschen erhoben werden. Dies wird anhand verschiedener Dimensionen nach außen und innen beschrieben, z. B. anhand der Fähigkeit zur inneren Kommunikation oder anhand der Fähigkeit, sich an Menschen zu binden und auch von Menschen zu lösen (vgl. 118f). Hieraus ergeben sich vier Stufen, nämlich eine gut integrierte (1), eine mäßig integrierte (2), eine gering integrierte (3) und eine desintegrierte psychische Struktur (4). Je geringer integriert die Struktur ist, desto höher ist die psychische Vulnerabilität. Die Erhebung der psychischen Struktur sagt etwas über das grundsätzliche psychische Funktionsniveau eines Menschen aus. Es ermöglicht, bestimmte Verhaltensweisen wie wiederkehrende Konflikte besser zu verstehen: Diese seien dann nicht unbedingt intendiert, sondern „ereignen sich vielmehr auf Grund der unbewussten inneren Disposition, die sich oft lebensgeschichtlich nachvollziehbar und verstehbar entwickelt hat, immer wieder und können trotz des eigenen Leidens und der auch bei den anderen wahrgenommenen Schmerzen nicht willentlich ‚unterbunden‘ werden.“ (93)

Anhand der Studie resümiert Heuft, dass sich Menschen mit einem höher integrierten Strukturniveau häufiger als gläubig bezeichnen (123). Man könne vermuten, dass diese Gruppe „ihren Glauben vielleicht eher als Ressource sehen und nützen“ (125f.) kann. Die besser Integrierten scheinen sich leichter damit zu tun, eine Gottesbeziehung aufzubauen, weil „es ihnen auch sonst im (mit-)menschlichen Bereich leichter fällt, tragfähige Beziehungen zu entwickeln und selbst in Krisen durchzutragen und zu halten.“ (221) Von den Menschen mit geringer integrierter Struktur bezeichnen sich weniger als gläubig, was Heuft als „besonders tragisch“ beschreibt, da besonders diese „aufgrund ihrer realen Unsicherheiten in Bezug auf ihr Selbsterleben und die Tragfähigkeit von Objektbeziehungen einen intrapsychischen, inneren Halt besonders benötigen würde.“ (220)

Man kann also festhalten, dass das Erfahren von tragfähigen Beziehungen und die Entwicklung der Beziehungsfähigkeit insgesamt die Bedingung dafür sind, dass „ein intrapsychisches Vertrauen in eine Transzendenz wachsen und sich […] in eine erwachsene, nicht-regressive Gottesbeziehung transformieren [kann]“ (231). Der Autor selbst zieht wenige konkrete Schlussfolgerungen für Seelsorgekontexte. Mit Sicherheit kann man jedoch sagen: Es ist unabdingbar, als Seelsorgende*r um die eigenen Grenzen zu wissen und nicht in einem Stil pastoral-wohlwollender Überheblichkeit vermeintlich bedürftigen Menschen mit gut gemeinten Beziehungsangeboten den Schlüssel zu Gott überreichen zu wollen.

Was ist für die Seelsorge aus dem Skizzierten mitzunehmen?

Zum einen sind die Überlegungen zum Funktionsniveau eine Hilfe für Seelsorgende, eine Sensibilität für die Menschen zu entwickeln, mit denen sie zu tun haben. Menschen haben unterschiedliche psychische Funktionsniveaus – das hat nichts mit Bildung oder Intelligenz zu tun, sondern mit ihrer Geschichte und Disposition. Menschen haben in ihrem Leben unterschiedlich gute Möglichkeiten (gehabt), Beziehungsfähigkeiten zu entwickeln – und natürlich schlägt sich dies auch auf eine Gottesbeziehung nieder. Menschen mit einem niedrigeren Funktionsniveau werden daher mit einer größeren Wahrscheinlichkeit bestimmte Herausforderungen in ihrem Glaubensleben haben, wie z. B. eine empfundene „Beziehungslosigkeit“ zu Gott. Die abschließenden Gedanken möchten diesem Umstand Rechnung tragen und einige Anregungen geben:

  1. Seelsorgende müssen selbst beziehungsfähig sein; sie benötigen eine theologische Sprache, die fundiert und verständlich, aber nicht exklusiv und elitär ist; und sie sprechen am besten eine Sprache, die sie sich im Laufe ihres Lebens und ihrer eigenen Geschichte mit Gott erarbeitet haben.
  2. Es könnte eine Versuchung sein, sich an „unveräußerliche Glaubensinhalte“ (Heuft, 238) zu klammern, die Sicherheit geben sollen. Eine Beziehung zu Gott muss jedoch aushalten, dass es die vollkommenen Sicherheiten nicht gibt, auch wenn das enttäuschend sein kann. Wenn sie doch erfährt, ist sie ein Geschenk (Gnade). An Gott zu glauben bzw. Gott zu suchen, bedeutet, mit Unsicherheiten zu leben und Ambivalenzen auszuhalten. Dadurch bleibt es auch spannend: Mit Gott ist man nie „fertig“.
  3. Suchende sollten von dem Druck entlastet werden, beim Glauben etwas „fühlen“ oder Gott „erfahren“ zu müssen. Diese Engführung kann gefährlich sein, da sich unweigerlich die Frage stellt, warum man nichts fühlt, wenn man nichts fühlt: „Was mache ich falsch? Muss ich mehr beten? Hat Gott mir seine Liebe entzogen?“ Es kann der Anschein entstehen, dass man nur mehr machen oder etwas anders machen müsste, um wieder mehr zu spüren. Im Wissen, dass es vielen anderen genauso geht, darf man sich bewusst machen, dass eine Gottesbeziehung auch ohne „gefühlte Nähe“ existieren kann.
  4. Schlussendlich: Dass Gott weit weg zu sein scheint, kommt in jedem geistlichen Leben vor. Dann hilft nur, sich immer wieder der Gegenwart auszusetzen und im Gespräch mit Anderen zu bleiben. Eine Möglichkeit ist z. B. die Schriftbetrachtung: sich Bibeltexten über einen gewissen Zeitraum auszusetzen und sich davon überraschen zu lassen, wie diese Texte einen Kontext zum eigenen Leben haben können. Wenn ich nicht locker lasse, kann ich schließlich überrascht werden vom gelegentlichen Durchbrechen einer Wirklichkeit, die größer ist als ich und die mich berühren kann, auch wenn ich es nicht erwarte.

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Text und Bild: Monika Heidkamp, ist Stipendiatin der Geistlichenstiftung des Bistums Münster und Promovendin an der Universität Münster (Pastoraltheologie).

 

  1. Vgl. Heuft, Gereon: Not lehrt (nicht) beten. Repräsentative Studie zu religiösen Einstellungen in der Allgemeinbevölkerung und von Patienten der psychosomatisch-psychotherapeutischen Ambulanz eines Universitätsklinikums (Studien zur Praktischen Theologie 1), Münster 2016. Die Studie ist als theologische Dissertation im Aschendorff-Verlag erschienen.
  2. Vgl. Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik, hrsg. vom Arbeitskreis Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-2), Bern 22006.
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