Im Hambacher Forst

Hambacher Forst

Wie geht das heute eigentlich: die Schöpfung bewahren? Am Gedenktag des Hl. Franziskus reflektiert Maria Bebber über die Protestbewegung im Hambacher Forst.

Vor wenigen Monaten bin ich in das Rheinische Braunkohlerevier gezogen und wohne nun nicht weit entfernt vom Hambacher Forst. Seit vor gut drei Wochen die Räumungen im Wald begannen, war ich mehrere Male dort, um das friedliche Anliegen der Aktivist*innen zu unterstützen, das Abbauen und Verbrennen von Braunkohle zu stoppen. Gleichzeitig habe ich die kirchlichen Reaktionen verfolgt und teilweise versucht, sie mitzugestalten.

Im Hambacher Forst  lässt sich eindrücklich beobachten, wie durch Bilder und Inszenierungen Gruppen konstruiert werden.

Klare Fronten?
Am Wochenende nach dem Räumungsbefehl fahre ich mit Freund*innen ein erstes Mal auf die Felder vor dem Hambacher Forst. Gemeinsam mit  jüngeren und älteren Menschen sowie vielen Familien sind wir Teil einer bunten und friedlichen, aber auch besorgten und entschiedenen Menge von rund siebentausend Menschen. Es wird gesungen, einige pflanzen Bäume am Feldrand. Einen starken Kontrast dazu stellt das Aufgebot von mehreren Tausend Polizist*innen in dunklen Einsatzanzügen dar, ausgestattet mit Helmen, Pfefferspray und Schlagstöcken, die durchaus genutzt werden, und unterstützt von Hunde- und Pferdestaffeln, Wasserwerfern und Räumpanzern sowie unzähligen Einsatzbussen, die den Weg in den Wald versperren. Hier lässt sich eindrücklich beobachten, wie durch Bilder und Inszenierungen Gruppen konstruiert werden, die – im wahrsten Sinne des Wortes – einander gegenüberstehen. Mir stellt sich angesichts dieser Eindeutigkeit die Frage, ob die beiden Gruppen tatsächlich voneinander so unterschieden und in sich so einheitlich sind, wie es scheint.

Zuversicht trotz Aussichtslosigkeit
Einige Tage später machen wir uns wieder auf zum Hambacher Forst und kommen recht unproblematisch in den vorher so abgesperrten Wald. Wir treffen Menschen, die weiterhin im Wald leben, einige schon viele Jahre, einige erst seit wenigen Tagen. Man freut sich, dass wir kommen und uns auf diese Weise solidarisch zeigen. Erstaunlich fröhlich und besonnen verfolgen die Leute, die wir treffen, weiter ihre Mission, Zeichen und Widerstand gegen die Ausbeutung der Erde zu setzen. Es geht recht geschäftig zu, wir erleben, wie Barrikaden und sogar neue Baumhäuser gebaut werden. Bei diesem und weiteren Besuchen im Wald kommen mir angesichts der beobachteten Zuversicht trotz „objektiver“ Aussichtslosigkeit immer wieder christlich-religiöse Assoziationen in den Sinn. Im Nachhinein frage ich mich, warum mir diese Vergleiche einfallen und inwiefern sie angemessen sind.

Anspannung und Ohnmacht
Wenige hundert Meter weiter beobachten wir dann die Zerstörung eines Dorfes. Es ist eigenartig ruhig angesichts der sicherlich über hundert Menschen, die dort versammelt sind – Polizist*innen und Feuerwehrleute,  Mitarbeiter*innen von RWE und anderer Unternehmen, Bewohner*innen des Forstes und hinter einem Flatterband Menschen, die die Proteste gegen die aktuelle Klimapolitik unterstützen möchten. Unterbrochen wird die Stille durch das Aufheulen von Kettensägen und das Aufprallen von Haushalts- und anderen persönlichen Gegenständen, die bei der Räumung der Baumhäuser heruntergeworfen werden. Anspannung und Ohnmacht gegenüber dem Geschehen sind in der Gruppe der Unterstützer*innen deutlich spürbar und greifen auf mich über. Die Bedeutung von Machtstrukturen, mit der ich mich neben anderem in meiner Promotion beschäftige, wird hier ganz konkret und auf eigentümliche Weise erlebbar.

Auch mehreren Polizist*innen sieht man eine starke Betroffenheit an. Sie scheinen nicht zu wissen, wohin sie schauen sollen und wenden sich von der Menge ab. Viele von ihnen fragen sich sicherlich, was sie hier eigentlich machen. So wie auch viele Demonstrant*innen immer wieder fragen, in wessen Auftrag und für welche Interessen die Polizei im Hambacher Forst handelt, aber auch, wen unsere Landesregierung eigentlich vertreten möchte. Das oben beschriebene, stark einschüchternde Polizeiaufgebot wird durch die heutige Begegnung im Wald verändert, ebenso durch ein freundliches Gespräch mit Polizist*innen, die mir helfen, den besten Weg zu den Aktivist*innen zu finden.

Dem Dorf steht die Zerstörung bevor, seine Bewohner*innen denken über die eigene Willkommenskultur nach.

An einem anderen Tag lässt sich in einem Baumhausdorf beim allmorgendlichen Plenum, in das sich alle – egal ob seit Jahren im Wald wohnend oder gerade erst angekommen – einbringen können, folgendes beobachten: Obgleich ganz in der Nähe Dörfer zerstört werden und im Wissen darum, dass diesem Dorf dasselbe bevorsteht, bespricht man hier die eigene Willkommenskultur und überlegt, wie die vielen Unterstützer*innen, die seit den Räumungen in den Hambacher Forst kommen, möglichst gut in Empfang genommen werden können. Vielleicht eine Inspiration für unsere schrumpfenden Kirchengemeinden?

Der Hambacher Forst und die Kirchen
Überhaupt die Kirche(n), wie verhalten die sich?  Deutliche Stellungnahmen und Aktionen höre ich vor allem von evangelischer Seite – so beteiligen sich beispielsweise zu Beginn der Räumungen Pfarrer*innen aus der Region an einer Sitzblockade im Wald. Als Katholikin habe ich den Eindruck, dass sich „meine“ Kirche eher verhalten zeigt. Meine Pfarrgemeinde erklärt sich zwar bereit, einen Pilgerweg zum Hambacher Forst auf ihrer Homepage zu verlinken; zu weiteren Überlegungen, wie das Anliegen der Klimaschützer*innen unterstützt werden kann, war das Pastoralteam jedoch nicht bereit – begründet mit der Rücksichtnahme auf Gemeindemitglieder. Eine Anfrage beim Umweltbeauftragten meines Bistums blieb – wie viele andere Mails auch – bisher unbeantwortet.

Im Hambacher Forst treffe ich immer wieder auf Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus die Proteste unterstützen.

Aber das Bild ist vielfältiger und differenzierter, als es auf den ersten Blick scheinen mag. So folgen an einem stark verregneten Sonntag weit über 100 Menschen dem Aufruf des Dürener Katholik*innenrats und ziehen mit dem Aachener Friedenskreuz singend und betend durch die sterbenden Orte Manheim und Morschenisch, wobei uns jedoch der Zugang zur katholischen Kirche in Morschenich von kirchlichen Vertreter*innen verwehrt wird. Vom Aachener Katholik*innenrat gibt es bereits seit längerem eine deutliche Stellungnahme zu den Rodungsplänen und mittlerweile hat sich auch der Aachener Bischof zu Wort gemeldet. Im Hambacher Forst treffe ich immer wieder auf Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus die Proteste unterstützen. All das sind christliche, kirchliche Stimmen gegen den Braunkohleabbau und für einen achtsamen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Ich glaube, dass es diese Stimmen hörbar braucht – aus einem christlichen Selbstverständnis heraus und als Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs.

„Wir wissen, dass die Technologie, die auf den sehr umweltschädlichen fossilen Brennstoffen – vor allem von Kohle, aber auch von Erdöl und, in geringerem Maße, Gas – basiert, fortschreitend und unverzüglich ersetzt werden muss.“ (Enzyklika Laudato si’, 165)

Was wichtig ist: global denken
Ich möchte nicht vorschnell auf die Rede von den Zeichen der Zeit zurückgreifen und frage mich dennoch, ob die Proteste im Zusammenhang mit dem Hambacher Forst von Kirchen, Christ*innen und Theolog*innen nicht als ein solches wahrgenommen werden sollten. Die starke Symbolkraft dieses Waldes und die Mobilisierung so vieler Menschen sind zumindest eine gute Gelegenheit, Stellung zu beziehen und auch das eigene Handeln kritisch zu hinterfragen. Es ist auffällig, wie passend einige Passagen der Enzyklika Laudato si’ die Situationen rund um den Hambacher Forst beschreiben (bspw. in LS 23-26; 165). Die Analysen des Papstes und seine deutliche Kritik können uns Inspiration sein – auch dahingehend, eine möglichst globale Perspektive einzunehmen, denn die Verbrennung von Braunkohle betrifft nicht nur die direkte Umgebung des Kohleabbaus, sondern das Klima auf der gesamten Erde.

 

Autorin: Maria Bebber ist Theologin und promoviert an der Universität Münster im Bereich Praktischer Theologie. In ihrem Dissertationsprojekt beschäftigt sie sich mit religiösen Identitätskonstruktionen von Christ*innen in interkultureller Begegnung.

Bildquelle: Maria Bebber.

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