„Ich bin Theologin geworden – echt.“

Ein Projektteam junger Theologinnen aus dem Kreis der Jungen AGENDA ist auf der Suche nach Erzählungen von Menschen, die aus der akademischen Theologie heraus gegangen sind. Nach einer ersten Veröffentlichung im September 2021 unter dem Motiv „unsichtbares Scheitern“ und einer partiellen Neuformulierung der Projektskizze gingen dem Team mehrere Erzählungen zu. Die Autorin dieses Beitrags möchte anonym bleiben.

Disclaimer: Theologie und Kirche sind verwinkelte Gebäude. Was ich schreibe, betrifft in erster Linie meinen Winkel. Ich kenne andere, gegenteilige Erfahrungen und habe kein Bedürfnis, jemanden von meiner Sicht zu überzeugen. Was ich schildere, beschreibe ich von meiner Ecke aus gesehen – aber vielleicht sieht man von hier den Asbest in der Bausubstanz manchmal besser als von der Dachterrasse aus.

Ich habe in Theologie promoviert und würde es wieder tun; es gibt kein Studium, das besser zu mir passt. Trotzdem habe ich der Universität den Rücken gekehrt und alle konventionellen kirchlichen Handlungsfelder verlassen. Der Grund dafür sind drei entscheidende Brüche in meinem Theologieverständnis, die sich nacheinander ereignet haben. Um sie und ihre Ursachen soll es hier gehen.

Persönlichkeitsarbeit – nicht mehr fleißig, fromm und brav

Ein Jahr vor Abschluss der Promotion: die körperliche Gesundheit erschüttert, die psychische brüchig, das Privatleben ein kenterndes Schiff. Etwas muss sich ändern – ich muss mich ändern. Eine Reihe von Eigenschaften hat mich an diesen Punkt gebracht, und als ich an ihnen zu arbeiten anfange, bleibt kein Stein auf dem anderen. Bald ist klar: Ich kann unmöglich an der Universität bleiben. Diese Einsicht trifft mich, schließlich habe ich bereits ein gutes Jahrzehnt in Richtung Professur gearbeitet, war mehrfach im Ausland, habe Stipendien bekommen. Die Habilitation ist nur logisch.

Aber ich verändere mich binnen weniger Monate zu stark. Ich werde: weniger fleißig, weniger fromm, weniger brav. Ich hätte keines der drei Wörter für mich verwendet und schon gar nicht die ganze Kaskade, aber ja: Am Ende war ich all das, und bin es in gewisser Weise immer noch. Was ich damals allerdings herauspfriemle sind die Anteile, die mich manipulierbar und missbrauchbar machen: den Fleiß, der ins Burnout führt; den Idealismus, der Gutes sieht, wo keines ist; das Schweigen, das am Fortbestehen kranker Strukturen Anteil hat.

Bin ich gescheitert? Nein, ich bin gegangen, unter Aufbietung meiner letzten Kraftreserven und mit so viel Eleganz wie möglich. Gemessen an der abgrundtiefen Erschöpfung, die danach gut zwei Jahre angedauert hat, mag es wie ein Scheitern wirken, aber de facto war es das Gegenteil.

Bis hierher trifft alles Geschilderte wohl auf das Verlassen von jedem toxischen Arbeitsplatz zu und ist weder kirchen- noch universitäts- oder theologiespezifisch. Dass es allerdings systemische Anteile gibt, die sehr wohl auf das Konto von Theologie und Kirche gehen, wurde mir durch den zweiten Bruch bewusst.

Systemwechsel – die große Freiheit

Ich beginne in einem völlig anderen Bereich zu arbeiten, fernab der Kirche, und bin plötzlich eine interessante Exotin, der man Neugier, Wertschätzung und Toleranz entgegenbringt. Aber in meinem Berufsalltag ist die Theologie selbst erfrischend egal. Ich spüre wieder, wie es ist, Christin zu sein, statt christlich zu reden oder zu denken, und blühe auf.

Nicht alles ist perfekt – wie auch, wenn Menschen zusammenarbeiten. Aber ein paar Dinge, die für mich offenbar apriorisch und gar nicht reflektierbar waren, sind plötzlich weg, und ich spüre ihr Fehlen als gewaltige Freiheit.

Es fehlen: das Totalitäre

In meinem neuen Job bin ich Arbeitnehmerin. Sobald ich nach Hause gehe, erlöschen die Ansprüche meiner Chefin sowie aller ihr übergeordneten Ebenen weitestgehend. Es besteht kein totalitärer Anspruch auf mein Leben, wie er sich aus der Verschränkung von Universität und Kirche ergibt, auch wenn das niemand in eine Magna Charta schreiben würde. Allein das Gerücht, dass man im Ordinariat alles wisse, kann vor der Erteilung der Lehrerlaubnis ordentlich ins Schwitzen bringen – selbst wenn man gar nichts zu verbergen hat. Fakultätsgottesdienste können Gemeinschaft stiften, aber auch Ebenen unheilvoll vermengen. An der Uni angehende Expertin, überall sonst allerdings Laie zu sein, wird zur inneren Zerreißprobe, denn ich trage meine Expertise in jede Messe, und die Unmöglichkeit meiner Weihe nehme ich mit an die Uni.

Es fehlen: die kognitiven Dissonanzen

In meinem neuen Job besteht eine gute Übereinstimmung zwischen Selbstbild und Fremdbild: Das Unternehmen ist gesellschaftlich in etwa so relevant, wie es sich empfindet. Strukturen können rasch adaptiert werden. Im Jahrestakt werden Abteilungen aufgelöst und umstrukturiert, um den Erfordernissen der Zeit und den KundInnen zu entsprechen. Das Geld fließt nicht von selbst und nicht ungeachtet der Arbeitsqualität herein: Es braucht offene Ohren und wache Augen, um den Puls der Zeit zu erfassen und liquid zu bleiben.

Auf einmal bin ich in meinem Job umgeben von Leuten, für die 1 + 1 + 1 nicht 1 ist. Zwar könnte ich ihnen wohl weder die Trinität noch die Grundlagen der Christologie erklären, da für beides kognitiv die Quadratur des Kreises nötig ist. Aber dafür haben sie eine beeindruckende Klarheit und beide Hände frei zum Anpacken.

Universität und Kirche stecken voller himmelschreiender Widersprüche, die sich in meinem Körper entladen und mir nicht bloß metaphorisch Kopf- und Bauchschmerzen bereitet haben. Auch in der Rückschau bedrückt mich immer noch die enorme Fähigkeit von TheologInnen, kognitive Dissonanzen auszuhalten. Ist das falsch verstandene, angewandte Christologie? Oder ist das einfach die einzige Möglichkeit, in einer doppelt gekränkten Institution zu arbeiten, die von der Kirche nach Belieben ignoriert werden kann und inneruniversitär als Geisteswissenschaft an den Rand gedrängt ist?

Mit den kognitiven Dissonanzen hängt auch der dritte Punkt zusammen, der in meinem neuen Job nicht mehr vorkommt.

Es fehlen: das Gaslighting

Ich habe in der Theologie auch Menschen erlebt, die weder Bauch- noch Kopfschmerzen hatten. Manche von ihnen, weil sie in völlig anderen Winkeln unterwegs sind, als ich es war. Manche von ihnen, weil sie das System für sich zu nutzen verstehen und massiv von ihm profitieren. Sie sind federführend im Aufrechterhalten der kognitiven Dissonanzen. Zum Großteil nicht aus böser Absicht, denke ich. Es ist eher second nature, weil sie entsprechende Charakterprofile oder aufgrund von Zufällen Privilegien haben, die ihnen den Blick verstellen. Was sie betreiben nennt sich im Englischen gaslighting.

Der Begriff verdankt sich dem Film Gaslight (1944), in dem ein Mann seine Ehefrau davon überzeugt, dass es im Raum gar nicht dunkler geworden ist, obwohl er die Gaslampen zurückgedreht hat. Gaslighting bezeichnet also das Untergraben der Wahrnehmung eines anderen. Es macht ihn mürbe und unsicher: Ist es vielleicht gar nicht so schlimm? Kann ich nicht doch noch ein wenig an mir arbeiten? Bin ich nicht einfach übersensibel? Habe ich zu wenig Geduld? – Wie oft höre ich Leute (insbesondere im kirchlichen Dienst) ächzen und stöhnen. Und wenn ich sage: Puh, das klingt heftig! Dann lächeln sie mich an und sagen: Ach was, es passt schon.

Selbstständigkeit – wer soll mich aufhalten?

An diesem Punkt denke ich mir also: Wow, so möchte ich arbeiten! Aber eine leise Stimme fängt zu flüstern an: „Ich wäre schon gern Theologin geworden.“ Dass ich aus meinem Studium gerade die Inhalte gar nicht brauchen kann, fängt mich zu wurmen an. Soll ich der Universität doch noch eine Chance geben? Gibt es ein kirchliches Arbeitsfeld, in das ich gehen kann, ohne diese fabelhafte Freiheit zu verlieren, ohne die ich nie wieder sein will?

Es folgen einige Irrungen und Wirrungen, und schließlich die verblüffende Einsicht: Ich bin doch Theologin! Ich kann damit machen, was ich will. Bislang hatte ich offensichtlich auf das „Go“ einer Institution gewartet, die mir das Theologisieren erlauben sollte. Nun war mir klar, dass mich niemand daran hindern konnte, einfach loszulegen.

Also mache ich mich selbstständig, indem ich aus verschiedenen Talenten und ohne weitere Ausbildung mehrere Einnahmequellen rund um die Theologie zusammenstopple. Ich kann davon allein (noch) nicht leben. Aber es ist das erste Mal, dass sich die große Freiheit und meine Liebe zur Theologie nicht ausschließen, sondern zu einem Akt der Selbstermächtigung verbinden. Abhängig zu sein vom eigenen Einfallsreichtum und der zahlenden Kundschaft beflügelt im Unterschied zum Aushalten von kognitiven Dissonanzen immens. Denn das Aushalten kostet bloß unendlich Kraft und hat keinerlei erlösende Wirkung, weder für mich noch für andere.

Ich habe meine Einsichten in Worte gefasst, weil ich nach dem letzten feinschwarz-Beitrag erstmals den Eindruck hatte, dass ehrliches Interesse an ihnen besteht. Besonders die Korrektur des Wortes „Scheitern“ hat mein Vertrauen geweckt. Denn hier ist genau dieses Gaslighting am Werk, das ich weiter oben beschrieben habe. Noch habe ich gar nichts gesagt, da erklärt man mir bereits, ich sei gescheitert. Ich bin mittlerweile klar genug, um meine eigene Wahrnehmung zu kennen. Aber solche Signale bestärken mich in erster Linie in meinem Eindruck, dass das System Theologie mich wieder einmal besser verstanden hat als ich mich selbst; darauf kann ich mittlerweile verzichten. Ob Alma Mater oder Mutter Kirche – ich bin volljährig geworden und führe ein selbstbestimmtes Leben.
_____________________________________________________

Sammlung der Texte: Projektteam der Jungen AGENDA. Die Junge AGENDA ist ein Netzwerk junger katholischer Theologinnen in AGENDA – Forum katholischer Theologinnen e.V. 

Das Projekt ist nicht am Ende: Wenn sich Personen angesprochen fühlen, sind weitere Zusendungen an oder Kontaktaufnahmen über jungeagenda@agenda-theologinnen-forum.de herzlich willkommen! Die Anfragen werden vertraulich behandelt.

Bild: https://unsplash.com/photos/UbTBq7xhow8

 

Print Friendly, PDF & Email