Im Lumbung – eine Annäherung an die documenta fifteen

Der Medienpartnerschaft der documenta fifteen mit dem Straßenmagazin ASPHALT geht Silke Merzhäuser nach.

Fast erschien es wie ein provokanter Medien-Coup des künstlerischen Teams ruangrupa für die kommende documenta in Kassel: Die Liste der 54 teilnehmenden Künstler*innen wurde exklusiv in der Straßenzeitung ASPHALT veröffentlicht – anstatt auf einer Pressekonferenz oder auf der Webseite der documenta. Das Magazin ASPHALT, das durch wohnungslose oder sozial benachteiligte Menschen im Raum Kassel, Hannover und Göttingen verkauft wird, ist sogar offizieller Medienpartner der Kunstausstellung.

Auf die Frage nach der Motivation für diese Zusammenarbeit, antwortet das Team der documenta fifteen umgehend: „Asphalt und die documenta fifteen teilen ähnliche Werte in ihrer jeweiligen Arbeitsweise. Das vernetzte Handeln und Arbeiten, Weitergeben und Teilen von Wissen und Ressourcen entsprechen auch wesentlichen Werten von lumbung, die für die Arbeitsweise der documenta fifteen wichtig sind.“

Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung stehen im Mittelpunkt

Das Künstler*innenkollektiv ruangrupa aus Jakarta hat ihrer documenta fifteen die Ideen des lumbung (indonesischer Begriff für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune) zugrunde gelegt. Lumbung bezeichnet ein in den ländlichen Gebieten Indonesiens gemeinschaftlich genutztes Gebäude, in dem die Ernte einer Gemeinde als gemeinsame Ressource für die Zukunft zusammengetragen, gelagert und nach gemeinsam bestimmten Kriterien verteilt wird. Als konkrete Praxis ist lumbung der Ausgangspunkt der documenta fifteen: Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung stehen im Mittelpunkt ihrer Ausstellungskonzeption und kuratorischen Praxis und prägen den gesamten Prozess.

In jeder Ausgabe von ASPHALT sind
exklusive Berichte.

Als die Anfrage nach einer Medienpartnerschaft das Straßenmagazin ASPHALT erreichte, gab es bei Redaktionsleiter Volker Macke eine Ahnung, dass diese Anfrage interessant sein könnte. „Ich glaube, auschlaggebend für deren Interesse war weder das Thema „Sozialprojekt“ noch das Thema „Wohnungslosigkeit“, sondern dass wir eine Graswurzel-Organisation sind. Es ging ruangrupa darum, eine Zeitung zu finden, die ihre Ansichten der Solidarität teilt. Dieses „Jeder bringt das ein, was er kann“ – für die Gemeinschaft. Straßenzeitungen arbeiten untereinander beispielsweise nicht in Konkurrenz zueinander und sind damit das Gegenteil des normalen Mediengeschäfts.“
Die Partnerschaft enthält verschiedene Komponenten. Neben der Veröffentlichung der Künstler*innen-Liste im Oktober, entstehen seitdem für jede monatliche Ausgabe exklusive Berichte, in denen ruangrupa aus ihrer Innenperspektive über die Entwicklungen der Ausstellung, die am 18. Juni für 100 Tage öffnen wird, schreibt. Das Interesse der ASPHALT-Verkäufer*innen sei langsam gewachsen, da die Reichweite dieser Kooperation erst nach und nach deutlich gemacht werden konnte, gegenseitige Besuche und ernsthafter Austausch stattfinden mussten.
Dieser interaktive Austausch wird weitergedacht und ausgeweitet: Momentan sammelt ASPHALT Fragen von Leser*innen an die Ausstellungsmacher*innen, mit denen sich das documenta Team auf verschiedene – auch künstlerische – Weise beschäftigen wird. Die Ergebnisse werden in der besonders umfangreichen Juni-Ausgabe veröffentlicht. Dabei sind Fragen, die so noch nie an das Team gestellt wurden.

„Ein Bühnenscheinwerfer genau auf uns gerichtet.“

Überzeugend für ruangrupa war auch, dass das Straßenmagazin lokal verortet und gleichzeitig überregional vernetzt ist. ASPHALT gehört zum International Network of Street Papers. Dieses Netzwerk hat einen Pool geschaffen, in den alle Straßenzeitungen ihre Artikel zum Weiterveröffentlichen geben und somit größere Verbreitung finden können. Dafür erhält ASPHALT beispielsweise die Beiträge der documenta fifteen sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache, damit eine internationale Nutzung leichter fällt.
„Was ruangrupa gemacht hat, war, einen Bühnenscheinwerfer genau auf uns zu richten. Sie haben uns voll ins Licht gestellt. Nach dem Motto: „Guckt euch das mal an, das ist was richtig Gutes und Interessantes. Daher geben wir die Liste der Künstlerinnen nicht an eine große Tageszeitung zur Erstveröffentlichung, sondern an ASPHALT. Und seitdem ist der Scheinwerfer auf uns.“ (Volker Macke)

„Wie kreativ geht man mit dem um,
was gesät wurde?!“

Die Arbeitsweise des Kollektivs beruht auf einem alternativen, gemeinschaftlich ausgerichteten Modell der Nachhaltigkeit in ökologischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht, bei dem Ressourcen, Ideen oder Wissen geteilt werden. „Ähnliche Arbeitsweisen sind auf jeden Fall sehr wichtig, aber im weiteren Sinne gibt es auch inhaltliche Parallelen in der Auseinandersetzung. Die Notwendigkeit offener Orte als Treffpunkte war zum Beispiel für das Anliegen des ruruHaus der documenta fifteen zentral und auch im Gespräch mit Asphalt-Verkäufer*innen war dies Thema. Das ruruHaus ist ein offener Ort, an dem das „Ekosistem“, also das Umfeld der documenta fifteen sich treffen kann, gemeinsam arbeiten, aber auch einfach beisammen sein oder feiern kann, ohne dass wirtschaftlich davon profitiert wird oder jemand dort Geld ausgeben muss. Im Gespräch mit den Asphalt-Verkäufer*innen wurden auch Themen wie Zu-Hause-Sein und ein Zu-Hause-haben diskutiert.“ (documenta fifteen)

Reza Afisina, Iswanto Hartono, Stefan Marx, Tina Matschke und Ha-Jo S., 2022, Foto: Volker Macke

Im Zuge der Medienpartnerschaft ist eine Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel entstanden, die mit dem Beginn der documenta startet. „Ein Bild von ruangrupa ist ja „sie säen“. Mal sehen, was unser „Harvest“ sein wird. Das hängt auch davon ab, wie kreativ man mit dem umgeht, was gesät wurde. Die documenta ist nach 100 Tagen vorbei, aber die Aufmerksamkeit auf uns bleibt hoffentlich noch eine Weile.“ (Volker Macke)

Wertschätzung und geldwerter Vorteil für ASPHALT.

Neue Abonnenten von ASPHALT sind hinzugekommen wie z.B. der Lesesaal des Centre Pompidou in Paris. Der Anruf mit der Bitte das Magazin monatlich zu beziehen, hat für erstaunte Freude nicht nur beim Redaktionsteam geführt. Nicht nur die Leser*innenschaft wächst, auch die Anzeigenkunden des Magazins verändern sich. Plötzlich annoncieren große Theaterfestivals oder der Fernsehsender ARTE. Insofern hat ASPHALT auch einen geldwerten Vorteil. Und darüber kann sich auch das documenta Team mitfreuen.
Die Wertschätzung und auch der geldwerte Vorteil seien extrem wichtig für die Verkäufer*innen, so Redaktionsleiter Volker Macke. „Das sind größtenteils Menschen, die sich selber nicht mehr wertschätzen können, weil sie so viel mitgemacht haben, dass sie Wenigem trauen. Sich-selbst-stabilisieren ist ein wichtiges Thema bei Straßenzeitungen. Die Kooperation und die damit verbundene Wertschätzung hat denen Verkäufer*innen einen enormen Pusch geben – im Sinne von „Wir sind Teil von diesem offensichtlich irgendwie guten Projekt“. Damit gehen sie viel besser raus auf die Straße, denn sie wissen, „das ist was wert, was ich hier verkaufe“ und es verliert sich der caritative Moment des „Ich bin nur der Almosen-Empfänger“. Für unseren Ansatz, ein Empowerment-Projekt zu sein mit der Zeitung in ihrer Qualität als Vehikel, ist die Medienkooperation somit unglaublich hilfreich gewesen.“

Offene Bereitschaft zu intensivem Dialog.

Dass diese Medienpartnerschaft bisher gelungen ist, darin sind sich beide Parteien einig. Doch zugleich betonen sie, dass dies nicht voraussetzungslos geschehen kann. Es gibt Bedingungen, wie sich Zeit zu nehmen für lange Gespräche voller Interesse; sich Gedanken zu machen, was exklusiv für die*den andere*n Partner*in getan werden kann. Wovon wird profitiert, was entsteht oder bleibt durch die Kollaboration? Wichtig sei, sich gegenseitig ernst zu nehmen, die Bereitschaft zu haben, voneinander zu lernen und dazu im Austausch zu sein, betont das documenta Team.
Diese offene Bereitschaft zum intensiven Dialog ist es auch, die sich das mit umstrittenen Antisemitismus-Vorwürfen konfrontierte Kollektiv gewünscht hatte, als es für Mai 2022 eine Diskurs-Reihe konzipierte. Inhalte der Gespräche sollte das Verhältnis von „Israel-bezogenem Antisemitismus“ und Rassismus sein. Die Veranstaltungsreihe wurde abgesagt, der Dialog gilt als gescheitert und diese Vorgänge überschatten die Eröffnung der Ausstellung gewaltig.
Bei der Pressekonferenz am 15. Juni im Auestadion in Kassel wird ASPHALT bereits viele Informationen über die konkrete Ausstellung exklusiv erhalten haben. Natürlich wird ein Asphaltverkäufer an dem Tag vor dem Pressekonferenz stehen, wenn die 100 akkreditierten Journalist*innen aus aller Welt anreisen. Und hoffentlich erkennen: „Ah, das ist ja diese skurrile, eigenartige Medienkooperation!“

___

Autorin: Silke Merzhäuser ist Dramaturgin und Mitglied von „werkgruppe2“ (www.werkgruppe2.de )

Die nächste Ausgabe von ASPHALT erscheint am 1.Juni 2022. Weitere Infos: https://www.asphalt-magazin.de

Die documenta fifteen findet vom 18.6. – 25.9.2022 an vielen verschiedenen Orten in Kassel statt.

https://documenta-fifteen.de

 

Print Friendly, PDF & Email