Reliquien – Sieben Annäherungen

Für aufgeklärte, moderne Christ:innen sind körperliche Elemente innerhalb der Religionspraxis tendenziell ein peinlicher Rest eines magischen Glaubens. Der Jesuit Christian M. Rutishauser SJ sucht nach Anschlusspotenzialen des 21. Jahrhunderts und dessen Paradoxien.

1. Das leere Grab

Pilatus präsentierte einst der Menge den Schmerzensmann, einen mit Wunden übersäten Leib: „Ecce homo“. (Joh 19,5) Durch Folter am Kreuz geschunden, blieb vom Mann aus Nazareth nur ein schmutziger Leichnam übrig. Doch auch wenn der Geist ausgehaucht war, es blieb mehr als ein Körper zurück. Eingesalbt und eingewickelt, die Tränen von Leid und Trauer dazu, wird er der Erde und dem Stein übergeben. Schließlich fehlt alles Fassbare. „unglaublich/ kurzer Bericht ein leeres Grab/ weiter nichts im Geschichtsbuch“, schreibt Heinz Kattner zur Auferstehung. Über dem leeren Grab – sieht man einmal von den Leinenbinden ab, die gemäss Joh 20 da lagen – wurde ein Altar errichtet, so auch über den Gräbern all jener, die als Zeugen:innen für den Menschensohn in den Tod gegangen sind. Ihre Gräber aber sind nicht leer. Ihre Überreste werden sorgfältig aufbewahrt, und so werden handfeste Knochen Zeichen der Auferstehung. Das ist weder ein Widerspruch noch Ironie der Christentumsgeschichte. Auch die Gräber der Märtyrer:innen warten darauf, bis sie leer sind. Die Reliquien wollen am jüngsten Tag entrückt werden. Genau daher fordern auch Juden:innen und Muslim:innen, dass Gebeine bis zum letzten Tage ruhen.

2. Auferstehung des Fleisches

Nicht nur im Christentum werden Reliquien verehrt. Gerade auch die an Reinkarnation glaubenden Buddhist:innen bewahren die Asche von Verstorbenen auf, ganz im Gegensatz zu hinduistischen Traditionen. Wenn nicht Knochen, so wird doch Asche aufbewahrt, werden wertvolle Stupas darüber errichtet. Dem zerfallenen Leib wird Erinnerung gezollt. Geglaubt aber wird an die Unsterblichkeit der Seele. Auch die Christen glauben daran.

Mit Leib und Seele tritt der
Mensch vor Gott

Doch die Auferweckung des Fleisches will sagen, dass sich die Seele nicht in austauschbaren Körpern niederlassen kann. Auch der Leib ist einmalig. Er ist beseelter Körper. Er gehört wesentlich zu einer Person. Mit Leib und Seele tritt der Mensch vor Gott. Sind die Reliquien daher auch Zeichen des pneumatisch überkleideten Auferstehungsleibs, wie ihn Paulus beschreibt? (1 Kor 15,44.53) Wie ein solch geistlicher Leib aussehen mag, ist kaum zu sagen. Die Philosophie postuliert denn auch lieber die Unsterblichkeit der Seele, eine anthropologische Spekulation, die durchaus auch ohne Gott auskommt. Für Reliquien interessiert sie sich nicht. Der Glaube aber muss das „Dass“ der Auferstehung bezeugen. Einem Gott, der aus dem Nichts das Universum erschaffen hat, ist schliesslich auch zuzutrauen, dass er Menschen aus dem Tod zum Leben erwecken kann.

3. Die Gebeine der Gerechten

In der Mitte christlichen Glaubens steht nicht die Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit des Menschen, mit dem natürlichen Tod. Weder die Frage der Endlichkeit noch die Sehnsucht nach einer letzten Heimat bewegt die biblischen Autoren. Sie befassen sich mit dem gewaltsamen Tod. Auch Jesus wird mit gut 30 Jahren ein Gewaltopfer. Schriftlich hatte er nichts hinterlassen. Wäre er 80 Jahre alt geworden, hätte er Zeit gehabt, seine Weisheit auf Papier zu bringen oder sogar seine Memoiren zu schreiben. Wer Jesus wirklich nachfolgt, wird auch nicht alt.

In der Verehrung der Märtyrer:innen
zeigt sich die Solidarität mit den Opfern.

Die Kirche ist die Gemeinschaft der Märtyrer:innen, eine Gemeinschaft des geschundenen Fleisches: gefoltert und gerädert, durchbohrt und gegrillt, mit abgezogener Haut und dem abgeschlagenen Haupt unter dem Arm schmücken sie die Altäre. Sie schreien nach Gerechtigkeit, angesichts von Gewalt und Totschlag. In ihrer Verehrung zeigt sich die unbedingte Solidarität mit den Opfern der Geschichte. Auferstehungsglaube entspringt eben nicht der Beobachtung des Zerfalls des Leichnams, sondern der Reflexion darüber, dass Gott das Unrecht nicht über den Gerechten triumphieren lassen kann. Auferweckung ist eine theologische Aussage, dass Gott das letzte Wort hat, nicht das Böse. Auferstehung ist eine Angelegenheit der Gerechtigkeit. Wenn die Menschen nicht mehr schreien können, dann die Gebeine der Gepeinigten. Die Gebeine der Gerechten aber werden nicht zerbrochen. (Ps 34,20; Joh 19,33) Müsste das in einer angemessenen Reliquienverehrung nicht bedacht werden? Knochen von Glaubenden müssten ganz bewahrt werden, denn sie haben Anteil an Christus, dem Gerechten. Doch die Knochen der Märtyrer:innen werden zerteilt. Fromme wollen ihrer habhaft werden, doch sie müssten mehr Mut haben, selbst zu bezeugen.

4. Mobile Pilgerorte

Das himmlische Jerusalem liegt in ferner Höhe, unerreichbar für den Menschen. Und nur wenige brechen nach dem Jerusalem im fernen Osten auf. Gefährlich ist der Weg. Mühsam nur kommt man als Pilger:in zu Fuß in die heilige Stadt. Zudem ist sie allzu oft von fremden Mächten beherrscht oder gar in feindlicher Hand. Was sollte dagegensprechen, die axis mundi nicht an einen anderen Ort zu verlegen?

Das Gelobte Land – gleich um die Ecke

Gelobtes Land ist für Christen doch überall. Man kann zu jedem Orte pilgern. Wo aber berührt das Heilige den Boden? Da, wo Heilige leben und sterben. Zerstückelt man ihre Gebeine zudem in kleinste Teile sind sie leicht transportierbar. Mobile Pilgerorte entstehen. Mal hier mal da in einem Altar eingelassen, können heilige Stätten geschaffen werden, vielleicht sogar gleich um die Ecke von zu Hause. Darüber will nur ein wunderbares Gotteshaus gebaut sein. Wenn dann das Licht durch die Fenster fällt und die Farben wie Edelsteine aufleuchten, wird das himmlische Jerusalem erahnbar. Die Seelen der Heiligen auf dem himmlischen Altar, ihre Knochen in einer Krypta auf Erden.

5. Der Fetisch des Begehrens

Der Geliebten Augen sind wie Tauben, ihr Haar und ihre Brüste werden im Hohenlied reizvoll beschrieben. (Hld 4,1) Nicht weniger fasziniert der Geliebte mit seinem Hals und seinen Beinen wie Säulen, seiner stattlichen Statur. (Hld 5,16) Seit je haftet sich das Begehren an Körperteile. Die Form der Hände oder ein Haaransatz, Füße und Muskeln werden leicht erotisch aufgeladen. Nicht selten werden sie zum Fetisch. Vor allem auch die Haut, wenn sie straff und rein ist, ein Organ heute oft mit Tätowierungen geschmückt. Auch ein knochiges Gesicht hat seinen Reiz. Und Reliquien? Nekrophilie darf zurecht als Abnormalität aufgefasst werden. Doch gerade Reliquien waren oft Anhaltspunkt, um Verstorbenen ihren Leib zurückzugeben: Mit Brokat und schwerem Gold, mit Edelsteinen und mit Spitzen wurde um die knöchernen Überreste herum ein Leib konstruiert, der Verwesung zum Trotz. Ganze Arme und Beine, Büsten und kostbare Ganzleibnachbildungen wurden geschaffen. Der Glaube scheint, wenn nicht einen Fetisch, so doch etwas Handfestes zu brauchen. Liebe ist sinnlich, und ohne konkretes Begehren ist der Tod nicht erfahrbar zu überwinden.

6. Organspende und Reliquienraub

Bibliotheken sind über den Geist und die Seele geschrieben worden. In der gegenwärtigen theologischen Anthropologie erhält der Leib neue Aufmerksamkeit. Seine Sinne werden beschrieben, seine Verwundbarkeit reflektiert. Der Leib schreibt den Menschen ein in die Grenzen von Raum und Zeit, in die Gemeinschaft der Geschöpfe. Dem Leib in seiner Kraft und Schönheit, seiner Ausstrahlung und Anziehungskraft wird wertschätzend begegnet.

Vom Leib etwas retten

Und verlässt ihn der Lebensatem, wird darüber debattiert, ob man ihm nicht noch rechtzeitig einige Organe entnehmen darf. Vom Leib, dem Sitz des Lebens, noch etwas zu retten, ist auch die Motivation, Knochen als Reliquien aufzubewahren. Gerade weil sie fast so hart wie Stein sind, verlängern sie das Leben der Verstorbenen über den Tod hinaus besser als jedes andere Organ. So wurden für Reliquien einst hohe Summen bezahlt. Auch Reliquienraub lohnte sich, denn Reliquien waren eine harte Währung, dem Tode abgerungen und dem Gold nicht nachstehend. Bei einer Organspende heute geht es kurzsichtiger zu und her. Doch auch eine Niere ist teuer, von einem Herzen zur Transplantation nicht zu sprechen. Daher erstaunt auch der Organhandel nicht, der sich in verschiedenen Diktaturen der Welt erschreckend unbemerkt entfalten kann.

7. Letzte Ruhe

Die Hinterbliebenen beten um ewiges Licht und friedliche Ruhe für einen Verstorbenen. Nach dem irdischen Leben der Pilgerschaft, nach Suchen und Sehnen, nach Getrieben-seins und Flucht soll der Mensch in die ewige Heimat kommen. Wenigstens dem Leichnam sei letzte Ruhe gegönnt. Einst wurden die Knochen gesammelt und in ein Ossuarium gelegt, einen geschützten Behälter für immer. Stört der Reliquienkult nicht diese Friedhofsruhe? Requiem auch den Reliquien. Auch die theologische Reflexion soll sie lassen, wie schon der Konfessionsstreit darüber vergangen ist. Nicht weiter darüber nachdenken, was sie sein könnten und wozu sie dienen, aus Respekt vor dem Geheimnis von Leben und Tod!

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Autor: Christian Rutishauser ist Delegat für Schulen und Hochschulen der Zentraleuropäischen Provinz des Jesuitenordens und lebt in München. Er nimmt Lehraufträge in Jewish Studies wahr und arbeitet im jüdisch-christlichen Dialog. 2011 verwirklichte er das Pilgerprojekt „Zu Fuss nach Jerusalem“.

Bild: Malcom Lightbody / unsplash.com

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