Wolfgang Palaver kennt Peter Thiel seit vielen Jahren persönlich. Für Feinschwarz.net analysiert er dessen Politische Theologie.
1996 fand an der Stanford University eine Tagung zur mimetischen Theorie René Girards zu Fragen über Frieden und Politik statt. Ich setzte mich kritisch mit Carl Schmitts Nomos der Erde auseinander. In dessen Deutung des katechon, des Aufhalters (2 Thess 2,6-7), der sich einer geeinten politischen Welt entgegenstellt, erkannte ich mehr heidnische als jüdisch-christliche Wurzeln. Ein Absatz aus der veröffentlichten Fassung meines Vortrags deckt sich fast mit den Antichrist-Vorlesungen, die der Milliardär und Tech-Investor Peter Thiel gegenwärtig vorträgt:
“Throughout his life, he [Schmitt] saw a unified world as the reign of the Antichrist, a Kingdom of Satan, or the attempt to build the Tower of Babel. The reign of the Antichrist would be a unified and centralized world without war, politics, states or Großräume. It would create ‘peace and security’ in the sense of 1 Thess 5:3, which was, according to medieval Christianity, the sign of the reign of the Antichrist that ultimately results in destruction.”[1]
Begeistert für René Girard
Thiel, der in den 1980er Jahren in Stanford Philosophie und Rechtswissenschaften studierte, begeisterte sich als Student für den Kulturanthropologen René Girard, der seit 1981 an dieser Universität unterrichtete. Auch ich verbrachte 1991/1992 ein Jahr an dieser Universität, um als Forschungsstipendiat von Girard zu lernen. Thiel bin ich damals nicht begegnet, aber nach meinem Referat von 1996 kam er auf mich zu, um mit mir über Schmitts Verständnis des katechon sowie über Girard, Schmitt und Leo Strauss zu diskutieren. Thiel war damals noch nicht reich. Erst ein Jahr später gründete er PayPal, dessen Verkauf ihn als Erstinvestor bei Facebook, der 2003 erfolgten Gründung von Palantir und anderer Investitionen zum Milliardär machte.
Im Juli 2004 konnten wir in einem Seminar in Stanford die Diskussion von 1996 fortsetzen. Eine kleine Gruppe diskutierte mit Girard und Thiel das Verhältnis von Politik und Apokalypse anhand der Theorien von Schmitt, Strauss und Eric Voegelin.[2] 2007 gründete Thiel mit Girard und dem Bibelwissenschaftler Robert Hamerton Kelly „Imitatio“, eine Einrichtung zur Unterstützung von Forschungsprojekten, Tagungen und Publikationen zur mimetischen Theorie. Im Umfeld von Imitatio traf ich Thiel mehrmals bis zum Jänner 2016, wo wir beide als Trauerredner beim Stanford Requiem für Girard teilnahmen. Im Oktober dieses Jahres kam dann Thiels Unterstützung für Trump, die mich und andere Forscher:innen im Umkreis von Girards Theorie schockierte.
Rückfall in den Konstantinismus
Der Kontakt zu Thiel brach ab und es kam erst wieder 2023 zu einem Treffen anlässlich einer Tagung zum 100. Geburtstag von Girard in Paris. Ich nahm damals kritisch zu Thiels Keynote Stellung, weil er behauptete, dass er wie Girard keine Lösungen vorlege und dabei Girards Betonung religiöser Auswege aus der Gewalt ausblendete. Als er bei einer Wiederholung dieses Vortrags an der Catholic University of America in Washington, bei dem ich nicht anwesend war, seine Präferenz für das Christentum Konstantins gegenüber dem von Mutter Teresa betonte, schrieb ich einen kritischen Essay, um vor diesem Rückfall in den Konstantinismus zu warnen.[3]
Im Juni 2024 lud mich Thiel zu einem Abendessen in Los Angeles ein, um wieder über Schmitt, katechon und Antichrist zu diskutierten. Ich reagierte mit einem weiteren Essay, um vor seiner problematischen Interpretation des Aufhalters zu warnen und zu betonen, dass wir als Christen diesbezüglich Bonhoeffer gegenüber Schmitt vorziehen müssen.[4] Diese Gespräche führten zu Thiels Wunsch, in Innsbruck mit der an Girard interessierten Forschungsgruppe „Dramatische Theologie“ zu diskutieren. Im August dieses Jahres hatten wir dann die Gelegenheit, Thiels vier Vorlesungen in einem nicht-öffentlichen Seminar kritisch zu diskutieren.
Mimetische Theorie
Zwei Problemfelder möchte ich im Folgenden ansprechen, in denen ich mich mit Thiels Positionen berühre, ohne dieselben Konklusionen zu ziehen. Eine erste Gemeinsamkeit betrifft die mimetische Theorie Girards. Thiel schätzt Girards Anthropologie seit seiner Studienzeit, weil dieser als Anti-Spezialist die großen Menschheitsfragen ansprach und gleichzeitig die Einzigartigkeit und Wahrheit des Christentums betonte.[5] Wenn man allerdings sieht, wie Thiel Girards Theorie aufgreift, so fällt eine Einseitigkeit auf. In seinem Buch Zero to One folgt er zwar Girards These über die zerstörerische Dimension der Konkurrenz, fasst sie mit der Formel „Competition Is for Losers“ zusammen, und schlägt als Lösung die Bildung von Monopolen vor, was zwar ökonomischen Erfolg für den Monopolisten verspricht, aber keine taugliche Lösung für die Menschheit ist.[6]
Als viel bessere Alternative zur Konkurrenz erweist sich die Kooperation, die gerade in religiösen Haltungen eine wichtige Stütze finden kann. In der Nachfolge Jesu eröffnen sich Wege zur Kooperation, ohne in die Sackgasse zerstörerischer Rivalität zu geraten. Jesus spielt bei Thiel hier allerdings keine Rolle.[7] Auch Thiels Sympathie für Girards These von der Einzigartigkeit des Christentums stützt sich bei Girard auf Aussagen, in denen er das Christentum zu sehr hervorhebt, und nicht auf dessen universalistisch angelegte Anthropologie, die Wege zum tieferen Kern aller Weltreligionen eröffnet.[8]
Berührungspunkt Apokalypse
Auch bezüglich der Apokalypse berührt sich mein von Girard geprägter Zugang mit Fragestellungen Thiels. Die biblische Aufdeckung des Sündenbockmechanismus schwächt die alten Formen sakraler Gewalteindämmung. Durch den damit ermöglichten technischen Fortschritt sind wir spätestens seit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima in ein objektiv apokalyptisches Zeitalter eingetreten, wie dies auch der atheistische Philosoph Günther Anders klar erkannte.[9] Nach Girard steht die Menschheit vor der Entscheidung, endgültig auf Gewalt zu verzichten oder auf die Selbstzerstörung der Menschheit zuzulaufen.[10] Konkrete politische Schritte hat er dazu aber kaum aufgezeigt, wenn man von seiner positiven Sicht der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg absieht. In der katholischen Soziallehre kristallisierte sich aber mit Benedikt XV. schon während des Ersten Weltkriegs und spätestens mit der Enzyklika „Pacem in terris“, die Johannes XXIII. nach der Kubakrise 1963 verfasste, die Forderung nach weltweiter politischer Zusammenarbeit, ja selbst einer subsidiär gestalteten Weltautorität heraus.
Carl Schmitt lehnte diese Positionen als Wege zum Antichrist zu seiner Zeit genauso entschieden ab, wie heute Thiel in Schmitts Spur in der Gefahr des Antichrist Formen weltweiter politischer Regulierungen bekämpft. Wenn Thiel heute Greta Thunberg als eine Legionärin des Antichrist nennt, bedient er damit gezielt alle Klimawandelleugner in der Welt. Viel mutiger wäre es von ihm, direkt die Päpste zu nennen, die seit mehr als hundert Jahren aus Thiels Sicht die Herrschaft des Antichrist befördern. Damit würde er aber konservative Katholiken und Anhänger Trumps wie JD Vance verschrecken, die sich dann entscheiden müssten, auf welcher Seite sie stehen wollen. Für den evangelikalen Christen Peter Thiel bietet sich seine Lehre vom Antichrist aber als dankbare Stütze seiner libertären Weltsicht an, die einen möglichst begrenzten Staat und möglichst wenige internationale Regulierungen anstrebt. Diese Apokalyptik wird zur religiösen Stütze des Libertarismus. Vor lauter Angst vor dem Antichrist, gerät aber Christus in dieser Apokalyptik genauso aus dem Blick wie in Thiels Girard-Rezeption.
Titelbild: ai-generated
[1] W. Palaver, Carl Schmitt on Nomos and Space: Telos 106 (1996), 105–127, hier 117–118.
[2] R. G. Hamerton-Kelly (Hg.), Politics & Apocalypse, Studies in Violence, Mimesis, and Culture (East Lansing, Mich. 2007).
[3] W. Palaver, On the Dangers of a Return to Constantinianism: The Bulletin of the Colloquium on Violence & Religion 81 (2024), 16–21. Online:
[4] W. Palaver, Desacralize the Katechon, Do Not Create Empires!: The Bulletin of the Colloquium on Violence & Religion 83 (2025), 11–17. Online: https://violenceandreligion.com/bulletin-83-february-2025/#Katechon
[5] M. Gotthelf – J. Kaube – P. Thiel, Die Leute sind risikoscheu: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 234 (8.10.2021), 13.
[6] P. A. Thiel – B. Masters, Zero to One: Notes on Startups, or How to Build the Future (New York 2014); P. Thiel, Competition Is for Losers: Wall Street Journal (Sept. 12, 2014).
[7] A. Daub, Was das Valley denken nennt: Über die Ideologie der Techbranche (Berlin 2020), 110–111.
[8] W. Palaver – R. Schenk (Hg.), Mimetic Theory and World Religions, Studies in Violence, Mimesis, and Culture (East Lansing 2018).
[9] G. Anders, Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter (München 61993).
[10] R. Girard, Im Angesicht der Apokalypse. Clausewitz zu Ende denken: Gespräche mit Benoît Chantre (Berlin 2014), 18, 56.


