inklusiv leben lernen: Ein Erfahrungsbericht

Logo des Projektes inklusiv leben lernen

Im Februar wird es freitags je einen Beitrag zum Thema Inklusion geben. Den Auftakt unserer kleinen Reihe bildet ein Erfahrungsbericht von Gabriele Kloep-Weber und Judith Schwickerath: inklusiv leben lernen – wie geht das eigentlich?

Die Anfänge

„Wie möchtest Du leben?“ –  Mit dieser Frage fing alles an. Am Küchentisch, bei Gesprächen über eigene Erfahrungen zu Teilhabe und Teilgabe, wurde deutlich, dass es Veränderungen braucht. So entstand die Idee von inklusiv leben lernen. Stefanie Nord (Queerformat Berlin), eine unserer Kooperationspartnerinnen, fasst ihre Motiviation, sich auf das Projekt inklusiv leben lernen einzulassen, so zusammen:

„Gerade in Zeiten, wo Exklusion wieder so gesellschaftsfähig wird, wo Gruppen ausgeschlossen werden, wo Menschen wieder als weniger wertvoll betrachtet werden, ist es umso wichtiger, sich für Inklusion stark zu machen. Wenn uns daran liegt, dass wir eine demokratische Gesellschaft sind, in der alle Menschen die gleichen Rechte haben und sich auch gleichermaßen beteiligen können, dann ist gelebte Inklusion gelebte Demokratie. Und deshalb finde ich es so besonders wichtig – erst recht in so spannungsgeladenen Zeiten wie wir sie gerade haben – tatsächlich Inklusion stark zu machen.“

Das Projekt

Das Projekt inklusiv leben lernen begleitet Einzelpersonen und Organisationen bei der Suche nach der Antwort auf die Frage „Wie möchtest Du leben?“ – durch Beratung, Begleitung, Bildung und Vernetzung. Im Laufe der Zeit ist das Projektteam auf 14 Mitarbeiter*innen und über fünfzig Kooperationspartner*innen angewachsen. Sie alle sind an dem Projekt gewachsen – und haben gelernt und erfahren:

„Hier ist niemand mehr oder weniger wert.“

„Hier kann ich machen, was mir am Herzen liegt.“

„Inklusion bedeutet für mich, dass ich – egal, welche Religion, welchen Migrationshintergrund, welches Geschlecht ich habe, ob ich eine Krankheit habe oder nicht – dass ich bei allem mitmachen kann.“

… so schildern die Mitarbeiter*innen ihre Erfahrungen im Projekt auf dem Weg zu einem neuen Wir, zu dem jede*r etwas beitragen kann.

Inklusion heißt, es wird anders

Als das dreijährige Projekt des Bistums Trier nach intensiver Vorbereitungs- und Planungszeit  im August 2019 endete, war für uns eines ganz deutlich geworden: Um Inklusion zu leben, braucht es kleine Schritte. Im Projekt haben wir mit vielen anderen diese Schritte gewagt. In inklusiven Teams mit Fach- und Erfahrungswissen haben wir Einzelpersonen, Organisationen, Kitas und Schulen beraten und inklusive Prozesse begleitet. Aus diesen Erfahrungen heraus hat sich auch unser Inklusionsverständnis erweitert: von inklusiv leben lernen hin zu inklusiv nachhaltig gerecht leben lernen.

(1) Inklusive Teams lassen erleben, dass Heterogenität gelingen kann.
Im Arbeiten in inklusiven Teams haben wir gelernt, aufeinander zu achten. Die gegenseitige Wertschätzung im inklusiven Team prägt die Kultur und stimmt gleichzeitig hoffnungsvoll, weil deutlich wird, dass ein Miteinander in Heterogenität gelingen kann. Qualität in den Begleitungsprozessen entsteht nicht nur durch die Kombination von Erfahrungs- (im Sinne des Peer Counseling[1]) und Fachwissen, sondern z.B. auch dadurch, dass eine Sprachbehinderung bewirkt, dass weniger und Wesentlicheres besprochen wird.

(2) Inklusiver werden gestaltet sich im Aushalten des Ungewissen und braucht Entschleunigung.
Projekte im Projekt entstanden durch das, was sich im Sozialraum entwickelt hat. In Beratungen und Prozessbegleitungen suchen Menschen und Organisationen nach Reflexions-, Lebens- und Beziehungsqualität und nach langfristig tragfähigen Lösungen. Dabei ist inklusiver Werden ein gemeinsamer Lernprozess, der Entschleunigung und immer wieder Innehalten braucht. Für uns hat sich inklusiver Werden verlagert von einem expliziten hin zu einem stärkeren impliziten Verständnis, das nicht von uns vorgegeben wird, sondern sich in der Interaktion und im Diskurs ereignet und so zur Bildung eines eigenen Inklusionsverständnisses anregt.

In Begleitungsprozessen von Bildungseinrichtungen geht es oft darum, Differenzierungen einzutragen, die Befürchtungen und Erwartungen besprechbar machen und Inklusion den moralische Anspruch nehmen, der schnell zu Überforderung und Konflikten führen kann. Wenn mehr Entscheidungsraum und Vertrauen entstehen, kann die Andere* umfassender wahrgenommen werden – eine Basis, auf der sich gemeinsame Lösungen entwickeln lassen.

(3) Wenn Inklusion gelebte Praxis werden soll, reichen Weiterbildungen nicht aus. Es braucht die Entwicklung der Organisation.
Die Ergebnisse einer externen Evaluation unserer Bildungsveranstaltungen zeigen: Pädagog*innen erweitern ihr Fachwissen und ihre Praxis- und Handlungskompetenz, zu strukturellen Veränderungen in der Organisation kommt es kaum. Dies postuliert auch der Index Inklusion[2]: Eine inklusive Praxis kann sich nur entwickeln, wenn die Kulturen und Strukturen in der Organisation reflektiert und verändert werden. Dazu braucht es die Bereitschaft, Machtverhältnisse und Kommunikationsroutinen zu verändern. Im kirchlichen Kontext sind wir da erst am Anfang.

(4) Inklusion schaffen wir nur gemeinsam. Es braucht sozialräumlich gelungene Kooperationen.
Jede Organisation folgt ihrer eigenen Logik und es braucht Zeit und Fingerspitzengefühl, Schnittmengen zu finden. „Auch, wenn wir Luftlinie nur wenige Meter auseinander sind, bleibt der Weg weit!“. So beschreibt einer unserer Kooperationspartner die Zusammenarbeit und macht damit deutlich, wie herausfordernd das Arbeiten in Netzwerken ist. Und doch kann es gelingen: Unsere Erfahrung ist, dass 1+1=3 ist, d.h., dass durch Kooperationen Unmögliches möglich wird. Aber das braucht einen langen Atem und auch Veränderungen der Kommunikationsroutinen der Organisationen. Mitarbeitende* brauchen mehr Kompetenzen vor Ort, damit Ideen gemeinsam entwickelt werden können und nicht erst in der eigenen Organisation besprochen und erlaubt werden müssen.

(5) Von inklusiv leben lernen zu inklusiv nachhaltig gerecht leben lernen
In der Begleitung von Organisationen ist uns deutlich geworden, dass Inklusion weit mehr ist als allen Menschen vor Ort die Möglichkeit zu geben, teilzunehmen und teilzugeben. Im Index Inklusion werden auch Fragen zur Ökologie gestellt. Die wissenschaftliche und weltpolitische Diskussion zeigt, dass Inklusion grundlegende gesellschaftliche Fragen stellt. Mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung und ihren 17 Global Goals hat die UNESCO die Sorge um das gemeinsame Haus[3] aufgenommen und Inklusion als gesamtgesellschaftliches (Bildungs-)Ziel beschrieben. Unsere Erfahrung ist: Inklusion heißt nicht mehr, sondern bewusster (handeln). Um Organisationen nicht zu überfordern, ist es wichtig, inklusiver, nachhaltiger und gerechter Werden als einen gemeinsamen Prozess zu verstehen: „Nur gemeinsam können wir eine Zukunft aufbauen, ohne irgendjemanden auszuschließen. Wie wunderbar wäre es, wenn das Wachstum von wissenschaftlicher und technischer Innovation Hand in Hand gehen würde mit mehr Gerechtigkeit und sozialer Inklusion.“[4]

(6) inklusiver werden – ein zutiefst spiritueller Wandlungsprozess
Inklusiver nachhaltiger gerechter leben lernen ist gläubiger werden: ein zutiefst spiritueller Wandlungsprozess; eine Metanoia, in der wir lernen, uns Gott zu überlassen. Es ist ein Lernprozess, in dem Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe eins sind. Diese Liebe ist eine aufmerksame Zuwendung, ein paralleles, tieferes Hineinwachsen in die eine Liebe. Sie ist kontemplativ, weil sie keine selbstbezogenen Absichten verfolgt, sondern sich auf den anderen hin ausrichtet: Wir beginnen, Gott, andere Menschen und die Schöpfung als mit uns verbunden zu betrachten. Ein solcher kontemplativer Weg bedarf der Demut, sich Gott zu überlassen.[5]

Diese Metanoia ruft die verfasste Kirche dazu heraus, die Verkündigung des Evangeliums vor den Erhalt der Organisation zu stellen. Sie macht selbstbezogene Absichten und Machtmissbrauch erkennbar und veränderbar. So erfüllt die Kirche mehr und mehr ihre Mission und kann als gesellschaftliche Bewegung auch kulturell und politisch mitwirken an der dringend notwendigen Verständigung, wie wir künftig in der Gesellschaft gut und gerecht miteinander leben lernen.

Was bleibt für die Teilnehmer*innen?

„Ich habe viel gelernt über mich selbst und ich habe mich im Team weiterentwickelt.“

„Inklusion ist jetzt ein Teil meines Lebens. Da werde ich Wege suchen und auch finden.“

„Ich bin auf Menschen getroffen, die sich getraut haben zu leben, die angefangen haben, neue Seiten an sich zu entdecken und die Dinge gemacht haben, von denen sie vorher geglaubt haben, dass es nicht geht. Danke, dass ihr mit mir gewagt haben, neu zu leben, inklusiv zu leben.“

So resümieren Menschen ihre Erfahrungen am Ende des Projektes.

Inklusiv leben lernen beginnt bei jeder* selbst. Es ist ein zutiefst spiritueller Weg, der Menschen bestärkt, mit dem eigenen Leben Zeugnis abzulegen.

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Die Autorinnen: Gabriele Kloep-Weber und Judith Schwickerath sind Pastoralreferentinnen im Bistum Trier. Gemeinsam haben sie das dreijährige Bistumsprojekt inklusiv leben lernen geleitet und haben sich in dieser Zeit mit anderen auf einen inklusiven diakonischen Lernweg begeben.

Bild: Logo des Projektes inklusiv leben lernen.

 

[1] https://www.peer-counseling.org

[2] Der »Index für Inklusion« ist ein Leitfaden für die gemeinsame Schulentwicklung auf der Basis inklusiver Werte. Er hilft allen Beteiligten, Barrieren und Ressourcen für Lernen und Partizipation zu identifizieren. Schulen und andere Bildungseinrichtungen können daran ablesen, inwieweit sie bereits Kulturen, Strukturen und Praktiken der Inklusion umsetzen.

[3] Vgl. Enzyklika „Laudato Si“.

[4] Zitat aus dem Film „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes“.

[5] Vgl. Jalics, Franz: Die geistliche Begleitung im Evangelium, Würzburg 2012; Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 199.

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