Irgendwas mit Gott: Was hält die wissenschaftliche Theologie als Fach zusammen?

Was macht Theologie zur Theologie und was unterscheidet sie von Philosophie, Historik oder Literaturwissenschaften? Aaron Langenfeld plädiert dafür, die Pluralität der Theologie als produktive Konsequenz des Verstehens komplexer Sachzusammenhänge zu begreifen.

„Auf der Welt wimmelt es: Alles ist möglich.“ (John Cage, Silence)

Es wimmelt

Einem weit verbreiteten (Vor-)Urteil zufolge erkennt die deutschsprachige Theologie ihre eigene Mittelmäßigkeit nicht, weil sie in einer selbstreferentiellen Diskussion der Texte ihrer letzten Blütezeit versackt ist.

Es wimmelt von Ansätzen und Perspektiven, von Theorien und Kritik, von Geltungsansprüchen und Dekonstruktionen.

Ein genauerer Blick zeigt allerdings, dass diese Fokussierung nicht zu einer Monokultur geführt hat (wie kürzlich eine transatlantische Analyse nahelegte), sondern zu einer schier unüberschaubaren Ausdifferenzierung von Stilen und Methoden. Es wimmelt auf den Feldern vielmehr von Ansätzen und Perspektiven, von Theorien und Kritik, von Geltungsansprüchen und Dekonstruktionen.

Und mit diesem Begriffsfeld ist man eher noch im Bereich der Systematik unterwegs. Erweitert man dasselbe um die exegetischen, historischen und praktischen Bezugsbegriffe, steht man unweigerlich vor der Frage, was die Disziplin als Ganze eigentlich noch zusammenhält.

Häresie der Methode

Ein zentrales Problem ist, dass man lange Zeit versucht hat (und natürlich noch immer versucht), diese Frage auf der Ebene der Methode zu beantworten und sich dabei auf den jeweilig bevorzugten (philosophischen) Stil bezogen hat. Der folgende, bewusst ironisch gehaltene Schwank beschränkt sich dabei nur auf die mir vertraute systematische Diskurslandschaft.

Für nicht wenige analytische Theolog*innen hängt etwa die Wahrheitsfähigkeit theologischer Rede an einem positiven Begriff realistischer Metaphysik. Im transzendentalen (zu dem ich mich im Übrigen gerne selbst zählen lasse) und pragmatischen Lager löst das so definierte M-Wort natürlich häufig Beklommenheit und den reflexartigen Vorwurf aus, man sei im Denken noch nicht in der Moderne angekommen – wobei die Pragmatist*innen den Schulterschluss alsbald lösen, um den Transzendentalanalytiker*innen noch einmal dasselbe zu sagen. Als einzige wirklich in der Moderne angekommen zu sein, dieses Bewusstsein findet sich selbstverständlich auch unter Diskurs- und Anerkennungstheoretiker*innen.

Gar nicht so richtig in der Moderne ankommen bzw. diese hinter sich lassen wollen wiederum die sich ihrem Namen beharrlich verweigernden postmodernen Ansätze. Sie vermuten in den zuvor beschriebenen Methoden wahlweise eine Änderung der Gebetsrichtung nach Roccasecca oder Königsberg. Nur neuscholastische Ansätze stellen in gleicher Weise die sich zweifelhaft gewordene Moderne in den Fokus. Sie unterstellen den französisch inspirierten Positionen allerdings, jeden Bezug zum Wahrheitsbegriff verloren zu haben.

Es wimmelt auch von ‚Narren und Ketzern‘, die sich jeweils nicht als solche erkennen.

Es wimmelt also nicht nur von Ansätzen, sondern auch von ‚Narren und Ketzern‘, die sich jeweils nicht als solche erkennen. Deutlich wird aber, dass die Häresie hier nicht in der Sache, sondern in der Methode verortet wird. Das eigentliche Zentrum der Auseinandersetzung liegt in nicht geteilten Grundannahmen und bzw. oder in nicht explizierten Voraussetzungen, die gegenwärtig vor allem das Verständnis der Moderne betreffen.

Worum es geht

Vielleicht kann es an dieser Stelle hilfreich sein, die Frage nach angemessenen theologischen Denkformen weiterzuführen, wenn man diese vom Material her zu bestimmen versucht. Christlicher Theologie kann es negativ nicht einfach darum gehen, irgendwas Kulturwissenschaftliches zu machen – auch nicht irgendwas mit Gott.

Sie ist positiv vielmehr auf die kritische Reflexion der Überzeugung verpflichtet, dass die Wirklichkeit Gottes nur als konkrete bestimmbar ist. Im Vordergrund steht nicht die Frage, ob ein Gott existiert, sondern ob der in der Geschichte Jesu als Liebe identifizierte Gott als dasjenige verstanden werden kann, worüber hinaus Größeres nicht zu denken ist.

Die Annahme ist nicht unproblematisch, ein Aussageinhalt sei nur über diese oder jene Form adäquat zu transportieren.

Damit sei nun natürlich nicht angedeutet, den einzelnen Theologien sei das Bewusstsein um diese Frage abhandengekommen. Aber es ist zumindest nicht unproblematisch, wenn die an sich notwendigen Übersetzungsversuche in Denk- und Sprachformen der jeweiligen Zeit zur Annahme verleiten, der Aussageinhalt sei nur über diese oder jene Form adäquat zu transportieren.

Das ist nicht unproblematisch, weil dies offensichtlich zu einer Bedeutungsverwechslung oder -umgewichtung von Form und Inhalt führen kann. Eine solche Verwechslung ist aber schwierig, weil die einzelnen Formen kaum mehr miteinander ins Gespräch gebracht werden können, wenn immer die Gefahr droht, dass etwas vom Inhalt verlorengeht.

Ein erkennbares integrales wissenschaftliches Profil – nicht trotz, sondern gerade in der Vielheit des Gewimmels.

So ertappte ich mich selbst schon bei der Diskussion der Frage, ob bestimmte Gehalte des Markusevangeliums nur unter transzendentalanalytischen Vorzeichen adäquat verstanden werden können. Man kann sich nun natürlich freuen, ausgerechnet in dem Geschichtsabschnitt zu leben, in dem das vormals nur falsch Verständliche richtig erfasst werden kann, besonders plausibel erscheint diese Annahme einer einseitigen Abhängigkeit des Inhalts von der Form allerdings nicht.

Umgekehrt ist an diese Einsicht die Hoffnung geknüpft, dass eine stärkere Orientierung am Inhalt zugleich eine größere Offenheit für starke Intuitionen und Funktionen der jeweiligen Denkformen ermöglichen kann. Wird diese prinzipielle diskursive Offenheit in tatsächliche Kommunikation umgesetzt, die mehr an Sachen und Lösungen als an der öffentlichen Rezeption der eigenen Forschung interessiert ist, dann wäre ein integrales wissenschaftliches Profil nicht trotz, sondern gerade in der Vielheit des Gewimmels erkennbar.

Verstehen wollen

Gesucht ist also eine Form der Hermeneutik, der es nicht nur um das Verstehen an sich, sondern zugleich um den Willen zum richtigen Verstehen geht. Es geht um die Grundhaltung, in kritischer Absicht die Potenziale der verschiedenen Denkformen für sachliche Probleme und Fragestellungen zu würdigen. Gesucht wird die Bereitschaft, einmal erreichte Einsichten immer wieder neu auf den Kopf zu stellen, dieselben Fragestellungen von wirklich verschiedenen Perspektiven aus zu durchschreiten und gegebenenfalls auch wissenschaftsbiografisch kostspielige Revisionen vorzunehmen.

Pluralität der Theologie als Konsequenz des Verstehens komplexer Sachzusammenhänge.

Angezielt ist also mitnichten eine Vereinheitlichung, sondern eine Sensibilisierung für die kontextuellen Explikationskräfte unterschiedlicher Denkstile und die Frage nach ihrer Vermittelbarkeit. Ziel wäre demnach auch nicht, die innere Pluralität der Theologie noch einmal der Form nach aufzulösen. Vielmehr wäre die Pluralität der Theologie als Konsequenz des Verstehens komplexer Sachzusammenhänge zu begreifen.

Eine Sensibiliserung für die Pluralität der Theologie wird eine kommunikative Vermittlung nicht ausschließen, wohl aber eine erstperspektivische Reduktion. Wenn überhaupt, dann scheint eine solche bewusst polymorphe Sachorientierung das Potenzial zu bieten, die akademische Leistungsfähigkeit der Theologie auszuweisen. Mit Nietzsche geschlossen: „Je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser ‚Begriff‘ dieser Sache, unsere ‚Objektivität‘ sein.“[1]

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Aaron Langenfeld vertritt die Professur für Dogmatik und Dogmengeschichte unter Berücksichtigung fundamentaltheologischer Fragestellungen an der Universität Vechta.

Bild: pexels.com


[1]             Nietzsche, Genealogie der Moral, III, 12.

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