„Kann ich damit leben?“ oder Wie geht Versöhnung?

„Kann ich damit leben?“ – so lautet der Titel eines Buches über Konflikt und Versöhnung, herausgegeben von Achim Kuhn. Die Geschichten bekannter Persönlichkeiten haben Franziska Loretan-Saladin neugierig gemacht auf unterschiedliche Versöhnungswege von Männern und Frauen.

Am Vorabend des jüdischen Versöhnungstages, des Jom Kippur, wird als Einstimmung das Kol Nidre-Lied gesungen. Der meist aramäisch gesungene Text besteht bloss aus 30 Wörtern. «Inhaltlich ist es eine Nichtigkeitserklärung für alle (Kol) im Laufe des vergangenen oder auch kommenden Jahrs übernommenen Gelübde (Nidre).»[1] Es sind ausdrücklich Versprechungen gemeint, die Gott gegenüber gemacht wurden.[2] Verpflichtungen gegenüber Mitmenschen werden damit nicht aufgehoben. Gleichwohl wurde es zum Brauch, noch vor dem Kol-Nidre-Gebet leise für sich auszusprechen, dass man seine Mitmenschen den durch sie ausgelösten Ärger oder Kummer verzeiht und umgekehrt selbst um Vergebung bittet.

Schritte zur Versöhnung

Jacques Picard, Professor für Jüdische Geschichte und Kulturen in der Moderne an der Universität Basel, geht der Bedeutung dieses im Judentum sehr beliebten Gesangs nach, der die Schritte zur Versöhnung begleitet. Er folgt den subtilen Verbindungen von nicht eingehaltenen Gelöbnissen – sowie der Entlastung davon – und der Freiheit zu Umkehr und Versöhnung. In der biblischen Josefsgeschichte entdeckt Picard das Strickmuster eines kulturgeschichtlichen Konflikts, den Josef, der mit viel Klugheit und Geschick an die Spitze der Staatsmacht Ägyptens gelangt ist, allein durch die Macht seines Worts zu lösen vermag. (vgl. Gen 50,17-21)

Das Modell scheint sich bis in unsere Zeit zu wiederholen: Menschen rappeln sich wieder auf, um Konflikte zu lösen. Ob sie dabei auf biblische Erzählungen zurückgreifen, und ob diese überhaupt «im heutigen Europa noch dienlich sein» können, bleibt nach Jacques Picard dahingestellt. (166)

Sich von inneren Kritikern und Antreibern abwenden

Interessant ist, dass die Psychologin und Körpertherapeutin Delia Schreiber gegen Ende ihres Beitrags[3] ebenfalls auf das Kol Nidre zum Versöhnungstag hinweist. Die Stärke dieser «formelhaften Erklärung» ist für sie die Erinnerung daran, «dass wir jederzeit frei sind, diejenigen zu werden, die wir eigentlich sind» (46). Wer sich von Selbstbeschwörungen, von inneren Kritikern und Antreibern abwendet und sich auf das Eigentliche, das wirklich Wichtigen besinnt, lebt versöhnter mit sich selbst und mit anderen. Eine psychologische Variante biblisch-religiöser Erzähltradition?

„Kann ich damit leben?“

Der evangelisch-reformierte Zürcher Pfarrer Achim Kuhn hatte die Herausgabe des Buchs «Kann ich damit leben?» für das Reformationsjahr 2017 realisiert. Er bat Männer und Frauen von gewisser (Schweizer) Prominenz um einen Text darüber, was Versöhnung für sie heisst und wie sie im Alltag oder im Beruf gelebt wird. Wichtig war ihm, dass der Akzent auf der Versöhnung liegt, da diese auf Zukunft gerichtet ist und mit Regeln im Blick auf künftige Konflikte verbunden werden kann.

Die Beiträge sind persönlich und sehr unterschiedlich. Der Herausgeber betont, dass er nur wenige Vorgaben gemacht und die Texte nicht zensiert habe. Das Thema wird zumeist säkular behandelt. Wo Religion mit hineinspielt, ist es der jüdisch-christliche Hintergrund, der die AutorInnen prägt. Achim Kuhn fand keine Person muslimischen Glaubens für einen Beitrag. Ein Agnostiker lehnte ab, da ihm das Thema «zu sehr christlich konnotiert» sei. (12) Die selbstgesteckte Vorgabe, gleichviele Artikel von Frauen wie von Männern in seinem Buch zu versammeln, konnte leider nicht erreicht werden, obwohl «in etwa gleichviele Frauen wie Männer angefragt wurden» (303, Anm. 2). Letztlich stammen von den 29 Beiträgen bloss 5 von Frauen.

Können Frauen damit leben?

Dennoch wollte ich das Buch mit der Genderbrille lesen: Wird aus den Beiträgen ersichtlich, ob und wie Frauen und Männer unterschiedlich mit Konflikt und Versöhnung umgehen? Vor dem Hintergrund, dass bloss ein Sechstel der Texte von Frauen stammen, war ein Vergleich schwierig. Allein aufgrund der Vielfalt von 24 Autoren gegenüber 5 Autorinnen lässt sich die Frage nicht seriös beantworten.

Noa Zenger, Theologin und Exerzitienbegleiterin im Lassalle-Haus, einem Bildungshaus der Jesuiten, schildert den Versöhnungsprozess mit ihrer Mutter, zu dem sie durch persönliche Suche und einen Exerzitienbegleiter angestossen wurde. Entscheidend war für sie, selbst aus der Opferrolle herauszukommen, indem sie eigene Anteile an Schuld in der Beziehung zu ihrer Mutter suchte. Aus der Erfahrung als Exerzitienbegleiterin sind ihr drei Stationen auf dem Weg der Versöhnung wichtig:

  • Sich verwurzeln im Ja Gottes, das Selbstannahme ermöglicht.
  • Gefühle zulassen, wahrnehmen und zur Sprache bringen.
  • Zuerst vergeben, und dann – wo möglich – sich versöhnen.

Während Vergebung ein Akt der Freiheit ist, den jede Person selbst verantwortet, braucht es für die Versöhnung zwei. Es kann sein, dass eine Bitte um Vergebung nicht angenommen wird. Bei traumatischen Verletzungen ist eine Konfrontation mit dem Täter oder der Täterin zum Schutz des Opfers nicht unbedingt angezeigt. Versöhnung im Alltag sieht Noa Zenger als kreatives Geschehen, für das sie ihm Gebet, im stillen Dasein in der Gegenwart Gottes, Kraft findet.

Ich darf Fehler machen

Die Bloggerin Kafi Freitag[4] sieht sich selbst nicht als Expertin im Versöhnen. Sie tut sich schwer mit dem Thema und stellt zunächst vor allem Fragen, um mit sich ins Reine zu kommen. Damit geht sie auch schon den Weg, der sie zum Thema führt. Sie stellt fest: «Manchmal hatte ich in meinem Leben das Gefühl, dass Fettnäpfchen meinen Weg pflastern und darunter habe ich lange sehr gelitten.» (62) Heute kann sie sich zugestehen, dass sie auch Fehler machen darf, und sich danach verzeihen. «Und ich darf sogar ohne Versöhnung etwas beenden, wo mir das stimmiger erscheint.» (63) Aus der Grosszügigkeit mit sich selbst gelingt ihr dann auch Grosszügigkeit mit anderen. Sie schliesst ihren locker geschriebenen Kurztext mit einer fast biblischen Aussage: «Je lieber ich mich habe, desto mehr liebe ich die anderen.» Der Schlüssel zum Verzeihens ist also die Selbstakzeptanz. «Und darum bin ich darin doch nicht so mies, wie ich anfangs einmal dachte. Uff.» (63)

Braucht es eine Versöhnung der Generationen?

Einer gesellschaftlich-strukturellen Fragestellung zum Thema geht die Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello nach.[5] Dem gelegentlich zu hörenden Vorwurf, die «Alten» würden sich auf Kosten der Jungen selbst realisieren, stellt Pasqualina Perrig-Chiello Fakten entgegen: Zwar bestehen Interessenskonflikte, insgesamt aber werde eher ein Nebeneinander der Generationen gelebt, vielfach sogar eine beachtliche Solidarität. So leisten Grosseltern (80% davon Frauen) in der Schweiz 100 Millionen Betreuungsstunden für ihre Enkelkinder und oft gleichzeitig noch Hilfe und Pflege für ihre Eltern. Die Autorin resümiert: «Ein versöhnliches und konstruktives Miteinander der Generationen ist nicht primär eine Frage des Alters und der Generationenzugehörigkeit, sondern im wesentlichen eine Frage des Geschlechts sowie finanzieller, sozialer und psychischer Ressourcen.» (300) Schlüsselbegriffe für versöhnliche Generationenbeziehungen sind Respekt und gegenseitige Anerkennung, Partizipation, Solidarität und Generativität, d.h. Verantwortung der älteren gegenüber nachkommenden Generationen.

Und die Männer?

Nicht alle Beiträge des Buches zeigen dieselbe Sensibilität gegenüber der Fragestellung. Der ehemaligen FIFA-Präsident Joseph (Sepp) Blatter[6], der keine Einsicht in die eigene Fehlbarkeit zu haben scheint, macht einen eher unversöhnten Eindruck. Seine Aussagen über die friedenstiftenden Momente im Fussball wie Fairplay, Handschlag, Versöhnung und Internationalität bleiben an der Oberfläche. Joseph Blatter schliesst mit seiner Enttäuschung über die FIFA und stellt mit unterschwelliger Bitterkeit fest: «So hat sich die Liste meiner Freunde in den vergangenen Monaten drastisch verkürzt. Doch damit kann ich gut umgehen.» (83)

Der Unternehmensberater Klaus J. Stöhlker[7] sieht Scheitern als Prinzip und Versöhnung als Routine, ja, als Möglichkeit des moralischen Sieges, wo er die Initiative dazu ergreift. Er kennt auch die Unversöhnlichkeit zweier Persönlichkeiten ihm gegenüber, auf die er mit Selbstrechtfertigung antwortet: «Wir haben uns nicht versöhnt, denn schwache Eliten suchen die Bestätigung, nicht die kritische Frage.» (88) Stöhlker stellt die Bedingungen, unter denen er mit der Welt versöhnt leben kann. Das Stichwort lautet «sofern…».

Haben Frauen, denen Versöhnung nicht gelingt, eher abgelehnt, einen Beitrag zu schreiben?

Versöhnung ist eine Frage von TäterIn und Opfer. Insofern stellt sich die Frage für Frauen und Männer unterschiedlich, wenn davon auszugehen ist, dass Frauen häufiger in der Opferrolle sind oder mindestens waren.

TäterIn und Opfer

Der Beitrag der Theologin und Anti-Apartheid-Aktivistin Leni Altwegg stellt das Vorgehen der Südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission TRC) ins Zentrum. Sie vertritt die Ansicht, dass die TRC nach dem Ende des Apartheidsystems einen Bürgerkrieg oder mindestens blutige Wirren verhindern konnte, wenn sich die Situation nach Mandelas Präsidentschaft auch verändert hat. Die Entschädigungsprogramme verzögerten sich und den Geschädigten wurden nur minimale Beiträge ausbezahlt. Die Rassenzugehörigkeit wurde wieder betont, wenn auch unter anderem Vorzeichen. Korruption, Macht durch Reichtum auf Kosten der Bevölkerung machten sich auf Seiten der Nachfolger Mandelas breit.

„keine Versöhnung ohne Wahrheit“

Versöhnung und Gerechtigkeit bilden ein Spannungsfeld und setzen beide Veränderung voraus. Sich selbst als schuldig für ihre konkreten Taten bekennenden Tätern wurde in den TRC-Hearings Straflosigkeit zugesichert. Dies rief Skepsis hervor. Aber es braucht grosse Selbstüberwindung, um moralisches, menschliches Versagen in aller Öffentlichkeit einzugestehen. Zudem hatten die Opfer nichts davon, wenn die Täter eingesperrt oder gar hingerichtet würden. Sie wollten vielmehr wissen, wie ihre Angehörigen gestorben waren und sie wollten sie beerdigen können. Vielleicht die wesentlichste Grundlage der Arbeit der TRC war die Überzeugung, dass es «keine Versöhnung ohne Wahrheit» (280) gibt. Es ging immer darum, das Geschehene darzustellen sowie die eigene Rolle darin einzusehen, die eigene Schuld und die Motive dahinter. Wahrheitsgemäss sollte auch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit sein.

Leni Altwegg schildert ein bewegendes Erlebnis bei einem Hearing der TRC:
Ein Polizist und ein achtjähriger Knabe stehen einander gegenüber. Der Polizist kann nicht mehr verstehen, weshalb er den Vater des Knaben getötet hat. Er weint, fällt vor dem Knaben auf die Knie, fleht um Verzeihung. Der Knabe steht sekundenlang unbeweglich da, dann umarmt er den Polizisten. (vgl. 273)

Franziska Loretan-Saladin, Dr. theol., arbeitet u.a. als Lehrbeauftragte für Homiletik an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern und ist Mitglied des Redaktionsteams von feinschwarz.net.
Beitragsbild: Johnhain / pixabay.com
Buchcover: Theologischer Verlag Zürich

Achim Kuhn (Hg.), Kann ich damit leben? Prominente über Konflikt und Versöhnung, Zürich (TVZ) 2017, 321 S. Die erwähnten Beiträge stammen alle aus diesem Buch.

[1] Jacques Picard, Versehrung, Versöhnung, Verstrickung. Eine Reflexion des Kol-Nidre-Liedes und der Josefsgeschichte, 157-166, 157.

[2] In der deutschen Übersetzung sind es ein paar Wörter mehr: «Alle Gelübde, Verbote, Bannsprüche, Umschreibungen und alles was dem gleicht, Strafen und Schwüre, die wir geloben, schwören, als Bann auszusprechen, uns als Verbot auferlegen von diesem Jom Kippur an, bis zum erlösenden nächsten Jom Kippur. Alle bereue ich, alle sein ausgelöst, erlassen, aufgehoben, ungültig und vernichtet, ohne Rechtskraft und ohne Bestand. Unsere Gelübde seien keine Gelübde, unsere Schwüre keine Schwüre.» Quelle: http://www.talmud.de/tlmd/das-kol-nidrej-gebet/ (27.05.2018)

[3] Vgl. Delia Schreiber, Versöhnung mit den eigenen Abgründen. Versöhnungsarbeit in der psychologischen Praxis, 37-47.

[4] Kafi Freitag, Ich darf Fehler machen, 61-63.

[5] Pasqualina Perrig-Chiello, Versöhnung der Generationen, 295-302.

[6] Joseph (Sepp) Blatter, «Mit der Faust kann man sich nicht die Hand geben». Handshake for Peace, 75-83.

[7] Klaus J. Stöhlker, Versöhnung in Freiheit, 85-93.

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