Klassen-Kämpfe

Mathias Rösch, Ausstellungswand

Eine absolut nachdenkenswerte Ausstellung zu den Schüler*innenprotesten 1968-1972, die ihren Ursprung bereits in den mutigen Regelverstößen Einzelner in den 1950er Jahren hatten, ist noch bis 28. Oktober 2018 in Nürnberg zu sehen.

Dr. Mathias Rösch, Kurator und Leiter des Schulmuseums der Universität Erlangen-Nürnberg hat die Ausstellung mit einer beeindruckenden Rede eröffnet, in der er den Bogen spannt von den Protesten einzelner Schüler*innen, die damit die Abwendung der deutschen Gesellschaft von der Barbarei der NS-Ideologie initiieren, hin zur Verantwortung für demokratische Werte, die jeder und jedem Einzelnen heute aus dieser Geschichte Deutschlands erwächst:

Abwendung von tiefreichender Imprägnierung durch menschenverachtende, einengende, horizontverdüsternde und angstdominierte Ideologien

„Es ist erstaunlich, wie ein Land, wie eine Gesellschaft die Abwendung schafft von einer derart tiefreichenden Imprägnierung durch menschenverachtende, einengende, horizontverdüsternde und angstdominierte Ideologien, von Ideologien, die weit über die NS-Barbarei bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Die Abwendung von Werten, Normen, Verhaltensmustern, die für uns heute, 50 Jahre später, geradezu grotesk erscheinen. Die Abwendung von einer Zeit, in der Sie mehrere tausend Mark Geldstrafe zahlen, wenn Ihr 18 Jahre alter Sohn samt Freundin bei Ihnen zu Hause übernachtet – nur weil die beiden nicht verheiratet sind. Die Abwendung von einer Zeit, in der Sie als Mann oder Jugendlicher wegen schulterlanger Haare im Restaurant nicht bedient werden, in der Sie als Frau Ihren Mann um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie den Führerschein machen wollen, in der Sie einen Direktoratsverweis riskieren, wenn sie das Wort „Sex“ in einer Schülerzeitung nennen, in der ein Vater seiner volljährigen Tochter aus schierer Willkür die gewünschte Berufslaufbahn verbieten kann, in der ein Arzt, der 20 Jahre zuvor tausende Menschen mit Behinderung ermordet hat, in höchsten gesellschaftlichen Ehren und ohne jede Strafe leben kann.

Schule als Spiegel gesellschaftlicher Veränderung

Wenn wir große gesellschaftliche Veränderungen beobachten wollen, ist Schule eine mehr als spannende Möglichkeit hierfür: Durch die intensive Verflechtung von Werten, Normen, Familien, Gesellschaft, Kultur und Politik ist Schule ein geradezu idealer Spiegel solcher Entwicklungen. Wir möchten mit dieser Ausstellung einen Einblick in die Zeit vor 50 Jahre bieten, die uns heute sehr stark geprägt hat. Die Ausstellung nimmt den großen kulturellen, sozialen und politischen Wandel zwischen den 1950er und 1970er Jahren in den Blick. Sie beschreibt den Vorlauf und eine der großen sozialen Bewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik, die Schüler*innenbewegung der Jahre 1968 bis 1972.

Schulen im Ausnahmezustand

In 10 Themenfeldern wird diese Bewegung aus der Perspektive 15 bis 18jähriger Jugendlicher beleuchtet: die Anfänge in den 1950er und 1960er Jahren, als es noch wenige rebellische Einzelgänger*innen waren, leicht zu ignorieren und in den Griff zu bekommen und schließlich der Höhepunkt der Schüler*innenbewegung in den Jahren 1967 bis 1972, also weit über die parallele Student*innenbewegung hinaus. In den Blick genommen werden die vielen stillen, wenig sensationellen Aktionen, aber auch die großen Medienereignisse. Die Themen reichen vom Schulalltag der Jugendlichen bis zum Entstehen und zum Höhepunkt der Schüler*innenbewegung, von den kleinen Provokationen im Unterricht bis zur umfassenden Rebellion, die thematisch und räumlich die Schule verlässt, von Sexualität über Popmusik und ihre Idole bis zur NS-Vergangenheit. Thematisiert werden aber auch die Reformer*innen in der Lehrer*innenschaft und in der Schulpolitik, das ambivalente Verhältnis mancher Schüler*innen zu Gewalt und schließlich die großen Schulkonflikte, die ganze Schulen in den Ausnahmezustand versetzten. Und hier lässt sich ein zweites erstaunliches Phänomen beobachten:

Kampf für Verbesserung von Bildung und ein Ende der Demütigungen

Wenn wir mal die groben Beleidigungen in den Schülerflugblättern, die schiere Provokationslust routinierter Unterrichtsstörer*innen, all die Stinkbomben, Sylvesterkracher und die marxistischen Schlachtgesänge beiseitelassen, die Mehrzahl der Schüler*innen kämpft im Grunde für eine Verbesserung von Schule und Bildung. Sie kämpfen dafür, respektvoll behandelt zu werden, für ein Ende der endlosen Demütigungen und Prügel, für spannendere und endlich moderne Unterrichtsmethoden, dafür dass Schule und Unterricht echte Probleme und Themen der Zeit aufgreifen, für mehr soziale Gerechtigkeit an den Schulen. Und nur eine Minderheit will darüber hinaus die gesamte Gesellschaft verändern, umstürzen, wünscht sich eine kommunistische Revolution wie in Kuba. Und nicht nur um Schule und Unterricht geht es. Ziel ist die Demokratie, auch wenn das Wort nicht immer vorkommt. Die Jugendlichen dieser Zeit entdecken die Demokratie, sie nutzen sie, sie leben sie und betrachten sie als ein absolut kostbares Gut. Nicht nur die Strafaufsätze einer 17jährigen Karin Hechler oder die staunenswerte Abiturrede der 18jährigen Karin Storch, beide in Frankfurt, lassen das sehr deutlich werden.

Die Entdeckung der Demokratie

Themen dieser Art laden ein, sich zu unterhalten, sich auszutauschen. Entsprechend setzt die Ausstellung auf Kommunikation und Austausch – unter Schüler*innen, aber auch zwischen den Generationen. Die Präsentation verbindet deshalb klassische Ausstellungseinheiten mit einer Lernlaborsituation. An Eckbänken und Tischen können sich Besucher*innen in besonders intensiver Weise mit den Themen beschäftigen. Neben den vielen, oft sehr persönlichen Objekten, darunter Tagebüchern und privaten Tonbandaufnahmen, bietet die Ausstellung eine Vielzahl von Zeitzeug*innenberichten, z.B. des heutigen bayerischen Innenministers, damals Schüler*innensprecher am Erlanger Fridericianum, oder Fitzgerald Kusz, damals Schüler des Nürnberger Melanchthon Gymnasiums, bis zu Christa Appel, die als Schülerzeitungsredakteurin einen bundesweiten Medienhype erzeugte. Auf Tablets kann interaktiv mit den historischen Objekten gearbeitet werden.

Verdichtung von Wut

Eine Chronologie spiegelt die die enorme Verdichtung historischer Ereignisse in den 1960er Jahren und damit auch einen Grund für das Losbrechen der Schüler*innenrevolte genau in diesen Jahren. Attentate, Umstürze, die Student*innenrevolte und die Dramatik der politischen Stimmungslage erzeugten ein Klima, das langaufgestaute Wut und Drängen nach Veränderung losbrechen lässt. In eigens eingerichteten Austauschräumen können Sie sich in originale Magazine der Zeit, wie „Spiegel“ und „Konkret“ vertiefen. Für die Nacharbeit in den Schulen hat die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit eigene Handreichungen entwickelt.

Es sind doch nur Jugendliche.

Und abschließend ein erstaunliches Phänomen:  Es sind doch eigentlich nur Jugendliche, ohne jede Macht, nicht selten in aussichtsloser Perspektive, permanent unter dem Druck ihrer konservativen Familien, harscher Schulnormen und enger Konventionen. Und trotzdem leisten sie Widerstand, rebellieren wieder und wieder, allen Strafen zum Trotz. Und schließlich wird daraus ein Aufstand, der sich durchaus mit den Student*innenprotesten vergleichen lässt. Manche Medien sprechen 1968/1969 von einem „Kinderkreuzzug“ und titeln: „1 Mio Gymnasiasten im Aufstand“. Klassenzimmer und selbst Lehrer*innenkonferenzen werden zu Kampfzonen, Schulen geraten an den Rand der Anarchie. In unseren Recherchen über drei Jahre und im Austausch mit über 40 Zeitzeug*innen haben wir die Situation in fünf Gymnasien in Frankfurt und zehn Gymnasien in Nürnberg, Erlangen, Fürth untersucht. In manchen dieser Schulen kam es zu massiven Vorfällen, Streiks, Besetzungen, Gerichtsverfahren, manchmal sogar Polizeieinsätzen. In nahezu allen diesen Schulen entwickelten sich zudem vielfältige kleine Proteste ohne Wahrnehmung in den Medien und dennoch wirksam und deutlich. Nach unseren Recherchen war rund ein Drittel aller Schüler*innen dieser Gymnasien medienrelevant aktiv. Ein weiteres Drittel ließ sich jederzeit mitreißen. Ein Drittel blieb hartnäckig uninteressiert und ablehnend gegenüber den Rebell*innen. Auch wenn wir mit unseren Recherchen erst am Anfang stehen, die wissenschaftliche Forschung konzentrierte sich bislang eher auf die linksorientierten Schüleraktivist*innen und ihre organisierten Gruppen, gibt es deutliche Hinweise, dass es sich bei den Schüler*innenprotesten um ein Massenphänomen handelt. Zahllose Zeitungsartikel oder auch Ausstellungen der Schulmuseen in Bremen und Bergisch-Gladbach berichten über ähnliche Entwicklungen. Viele Besucher*innen der ersten Ausstellungsstation in Frankfurt berichten Vergleichbares aus Schulen überall im Bundesgebiet. In den Akten bayerischer und hessischer Archive finden sich Spuren auf Massenproteste auch an den Berufsschulen und z.T. in den Abschlussklassen der achtjährigen Volksschulen.

Langfristiger Erfolg

Und mindestens genauso erstaunlich: Langfristig haben die Proteste Erfolg. Nicht selten entwickelte sich aus den Anfang der 1960er Jahren rebellierenden Einzelgänger*innen unter den Schüler*innen der spätere Kern des studentischen Protestes 1968/1969. Zugleich stärkt die Schüler*innenrevolte den Reformer*innen in Schule und Politik den Rücken in diesem ganz kurzen Zeitfenster zwischen 1960 und 1972, als auch die Politik bundesweit in erstaunlichem Maße offen für Reformen war. Zahlreiche Forderungen der Schüler*innen werden von der Schulpolitik und einzelnen Schulen aufgegriffen. Das Verhältnis zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen verändert sich tiefgreifend. Fragen nach Bildung und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung erhalten nicht zuletzt durch die Schüler*innenbewegung große Aufmerksamkeit und werden zum Gegenstand intensiver politischer Debatten. So stellen sich viele Fragen von damals heute wieder, wenngleich in aktualisierter Gestalt.

Wogegen protestieren wir heute?

Eine Frage haben wir in der Ausstellung auf einer Schultafel festgehalten: Wogegen protestieren wir heute eigentlich noch? Betrachtet man den Mut, die Kreativität, die Energie dieser Generation Jugendlicher und junger Menschen vor 50 Jahren, dann stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass wir, die wir in einem der wirtschaftlich erfolgreichsten Länder dieser Erde leben, die wir seit über 70 Jahren in fortwährendem Frieden leben, die wir einen unvorstellbaren Wohlstand genießen, wie kann es sein, dass wir trotzdem derart ratlos, kraftlos, entschlusslos, fast wie hypnotisiert dastehen vor einer kleinen Gruppe entschlossener Aktivisten, die die grundlegendsten Menschenrechte verachten, die die NS-Barbarei als „Fliegenschiss“ relativieren, den Zweiten Weltkrieg als großartige Leistung deutscher Soldaten feiern, autoritäre Erziehungs- und Regierungsverhältnisse einführen wollen, die unsere so mühsam errungene und aufgebaute Demokratie mit aller Macht zerstören wollen?

Schluss mit Entschlusslosigkeit!

Ich bin mir sicher: dieser herausragende Mut, die ungeheure Energie, die Entschlusskraft und der erstaunliche Erfolg der damaligen Schüler*innen und Schüler – die ja vor 50 Jahren weit weniger Mittel und Ressourcen zur Verfügung hatten als wir heute und die sich nicht selten in mehr oder minder aussichtsloser Lage befanden –, diese Schüler*innenbewegung kann für uns Anstoß und Motivation, dass wir uns endlich aufraffen, die mehr als drängenden aktuellen politischen Fragen in Angriff zu nehmen.“

Die Ausstellung des Schulmuseums befindet sich bis 28. Oktober 2018 in den Räumen des Museums Industriekultur, Äußere Sulzbacher Straße 62, 90478 Nürnberg. Öffnungszeiten:  Di–Fr: 9–17 Uhr; Sa/So/Feiertag: 10–18 Uhr.

Video zur Ausstellung „Klassen-Kämpfe. Schülerproteste 1968-1972.

Begleitmaterial der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung.

Die Ausstellung ist ausleihbar. Bitte wenden Sie sich bei Interesse an: schulmuseum@fau.de.

Text und Bild: Mathias Rösch, promovierter Historiker, Leiter des Schulmuseums der Universität Erlangen- Nürnberg und der Stadt Nürnberg.

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