Ragnarök im Garten 6

Erzählung von Daniela Feichtinger in neun Folgen.
Immer dienstags und donnerstags im August auf feinschwarz.

Vierter Tag

Die Tabletten wirkten nicht bei ihm. Sein Fieber stieg nicht an, laut Thermometer, doch es kam in heftigen Schüben, die ihn immer wieder niederstreckten und von der Arbeit abhielten. Gegen Mittag legte sich der Professor daher ins Bett, um ein wenig zu dösen; keine fünf Minuten vergingen, ehe er einschlief. Zum ersten Mal seit Jahren suchten ihn Träume spürbar heim: Er fühlte sie noch ganz deutlich, schwer auf seiner Brust, als er leichenkalt aufwachte und sein Herz raste. Ihren Inhalt konnte er jedoch nicht mehr in Worte fassen.

***

Das Mittagessen fand mit einiger Verspätung statt. Der Schneesturm hatte Elma auf ihrem Weg zurück aus der Stadt überrascht: Im entstandenen Chaos war sie nur im Schritttempo vorangekommen. Nun, kurz vor zwei Uhr, stand jedoch die Suppe auf dem Tisch im Esszimmer, und einander gegenüber saßen der Professor und Nathanael.

„Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen.“, bemerkte der junge Mann.

Der Professor atmete aus und hielt den Löffel am Tellerrand. „Ich muss eingenickt sein.“, sagte er schließlich.

Nathanael löffelte lustlos und enttäuscht in seiner Suppe. „Ach so.“, sagte er. „Ich dachte schon, mein Voodoozauber hätte endlich gewirkt.“

Sie aßen eine Weile im Stillen. Das Zimmer war, wie alle außer dem Wohnzimmer, nicht sonderlich groß: Der Tisch bat Platz für höchstens sechs Personen, wenn zwei an den Enden saßen, und er war aus demselben dunklen Holz, wie die gesamte Einrichtung, die Nathanael bislang zu sehen bekommen hatte. Nur in seinem Kämmerchen war alles anders – wie es im Schlafzimmer des Professors war, konnte er nicht wissen. Hier lag ihnen zu Füßen ein weißer Teppich, wie um die Manieren der Gäste zu prüfen, denn auf ihm sah man sicherlich jede Kleinigkeit. Nathanaels Blick nach zu urteilen, der immer wieder nach unten schweifte, wo seine Füße über den weichen, felligen Teppich streiften, fühlte er sich unwohl beim Gedanken, über diesem sicherlich unbezahlbaren Stück Suppe zu essen. Der Professor seinerseits fühlte sich unwohl, da sein Fieber schlagartig ins Bodenlose gesunken schien. Er war unterkühlt, hatte jedoch keinen Schüttelfrost. Er glaubte selbst nicht mehr an eine Grippe, war aber ideenlos, was den Namen der Krankheit anging, deren Symptome er hatte.

„Ich frage mich schon länger“, brach Nathanael das Schweigen plötzlich, den Löffel nachdenklich an seine Lippen gelegt, „wer der junge Mann auf dem Foto im Vorraum ist. Sind Sie das? Waren Sie das?“

„Nein.“ Der Professor aß unbeirrt das letzte bisschen Suppe. „Das ist mein Sohn.“

„Ihr Sohn? Sie haben nie erzählt, dass Sie einen Sohn haben.“

Der Professor sah von seinem leeren Teller auf. „Nein. Habe ich nicht.“, wiederholte er. „Sie sind derjenige, der immerzu von sich erzählt. Schon vergessen?“

„Ach ja. Ich vergaß.“, sagte Nathanael mit einem Augenzwinkern, legte entschuldigend eine Hand an seine Brust. „Dann sollte ich Ihnen wohl etwas von meiner Kindheit erzählen, nicht? Schließlich bin auch ich jemandes Sohn.“

Elma kam herein, um den Tisch abzudecken.

„Es ist ein Sturm draußen!“, sagte sie kopfschüttelnd. „Unglaublich!“

Die beiden Männer sahen aus dem Fenster zur Linken des Professors. Es war mit geisterhaft weißen Stores verhangen, aber dahinter flimmerte es wie in einem Fernsehgerät mit Empfangsstörung. In einem stillen Moment hörten sie das Heulen des Windes. Elma verschwand wieder in die Küche. Die Beiden blieben sitzen. Der Professor war, ohne es zuzugeben, ohne den leichtesten Anflug von Interesse zu zeigen, doch bereit, sich die Geschichte anzuhören.

„Also.“, hob Nathanael an. „Mein Vater war ein General. Ein geachteter – man könnte vielleicht auch sagen: Ein gefürchteter Mann beim österreichischen Militär. Ich bin fest überzeugt, viele haben seine Pensionierung vor einigen Jahren sehr begrüßt, oder waren im Stillen erleichtert. Wahrscheinlich haben Sie schon von ihm gelesen. Schlohweißes Haar, ein tödlicher Blick, ein Baum von einem Mann.“

Nathanaels Miene war weltklug und nachdenklich. Er hatte die Ellenbogen auf dem Esstisch abgestützt, sein Kinn ruhte auf den gefalteten Händen, aber sein Blick schweifte durch das Zimmer. „Meine Mutter“, fuhr er schließlich fort, „ist eine – wie Sie sagen würden – Prostituierte. Oder Hure. Aber Menschen wie Sie nehmen solche schmutzigen Wörter nicht in den Mund, nicht wahr? Sie haben termini technici für jede Schweinerei. Und Euphemismen. So gesehen ist meine Mutter die menschgewordene Liebe. Nicht?“ Er lächelte den Professor an. „Meine Mutter ist eine wunderbare Frau.“, sagte er. „Sie hat diesen Beruf nicht zuletzt meinetwegen all die Jahre durchgehalten. Hat Ihre Mutter sich für Sie verkauft?“ Er lehnte sich zurück, zeichnete mit dem Finger Kreise auf die blanke, dunkel glänzende Tischplatte. „Außerdem ist sie eine sehr schöne Frau. Eine echte Frau, und nicht ein ewiges Kind.“ Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Ich könnte Ihnen Namen nennen – Namen von Persönlichkeiten, wie es immer so schön heißt – die Kundschaft meiner Mutter hat sich in den Jahren gewandelt. Sie wurde einträglicher, sie konnte die Preise anheben. Aber kommen Sie bloß nicht auf die Idee, es hätte ihr je gefallen. Unterstellen Sie ihr nicht diese morbide Lust an ihrem Beruf.“

Der Professor räusperte sich. „Weshalb haben Sie Ihre geliebte Mutter bislang nicht angerufen?“

„Weil ich im Moment nicht weiß, wo sie ist.“ Nathanael zuckte so betont ratlos mit den Achseln, als überspielte er etwas. „Sie ist vor zwei Wochen durchgebrannt. Ja, meine Mutter, in ihrem Alter! Sie ist zwar noch keine Fünfzig, aber doch… meine Mutter, verstehen Sie? Jedenfalls ist sie jetzt mit einem Bekannten von mir irgendwo in Italien. Mit meinem Geld, größtenteils. Ich habe sie immer unterstützt.“

Sie schwiegen.

Nathanael schüttelte schließlich den Kopf als brächte es nichts, das Thema länger auszuführen. „Ich hatte keine angenehme Kindheit.“, fuhr er fort. „Aber nicht meiner Mutter wegen. Ich war einfach ein potthässliches Kind.“ Er blies seine Wangen auf. „Mit Pausbacken.“, sagte er. „Klein und kugelrund. Ein Rubens-Engerl, wenn Sie meine Mutter fragen. Fürchterlich! Aber ich habe mich gewandelt. Hässliches-Entlein-Syndrom, sage ich. Meine Mutter hingegen meint, ich sei ein Engel geblieben. Vom Putto zum Erzengel Michael von Reni.“

Einen Moment lang hielt der Professor inne. „Sie sind nicht blond.“, sagte er dann.

„Sie kennen das Bild?“ Nathanael blickte zur Seite, wahrscheinlich aus dem Fenster. „Wenn es nicht ‚Erzengel Michael‘ hieße, ich hätte den Engel für Amor gehalten. Ich halte ihn immer noch für Amor, um ehrlich zu sein. Wunderschön, mit seinen schwarzen Schwingen, kriegerisch, androgyn. Er streckt selbst die Bösesten nieder. Hebt sein heiliges Schwert – doch nie zum Gnadenstoß. Er verbrennt sie lieber mit seinem Fieber. Vor ihm gibt es kein Entrinnen, für niemanden.“

„Es ist aber der Erzengel Michael, der die himmlischen Streitscharen gegen das Satansheer anführt.“

Nathanael verdrehte die Augen. Dann lachte er wieder. „Liebe ist eine fatale Angelegenheit.“, attestierte er, unmissverständlich. „Und ich rede von Liebe, nicht von Verliebtheit oder dem ganzen Plemplem. Keine Schmetterlinge – Feuer, heißes, dein Inneres versengendes Feuer. Das spürt man nicht so oft in einem Menschenleben, wie dieses Prickeln. Gott sei Dank, sage ich, denn wer hielte das auch öfter aus!“

„Sie scheinen ja einmal sehr entflammt gewesen zu sein.“, meinte der Professor unbegeistert.

„Oh ja!“ Nathanael lachte. „Es war schon höllisch, dieses Feuer – nicht mehr himmlisch. Aber doch nur ein wärmendes, lichtbringendes Flämmchen in ihrer Nähe.“ Er seufzte. „Ich habe sie kennengelernt, da war ich Neunzehn. Fünf Jahre lang habe ich ihr all meine Tagträume verschrieben… Jeannie hieß sie. Ein Fräulein mit einem funkensprühenden Temperament wie ein Pop-Song. Sie trug gern Zylinderhüte auf ihrem Lockenkopf – oder Melonen. Sie liebte Hüte überhaupt. Ihre Augen waren… Veilchenblau. Sehr hübsch. Nicht polarblau. Nicht kornblumenblau, wie die meinen.“

Erst da fiel es dem Professor auf: er hatte kein Wort gehabt für diese Farbe. Aber sie waren in der Tat kornblumenblau.

„Ich habe ihr meine Liebe nie gestanden. Zu scheu, wissen Sie… Fünf Jahre! Wir waren wunderbare Freunde. Das sind wir heute noch. Aber inzwischen habe ich sie ihrem zukünftigen Ehemann vorgestellt. Schicksalsironie, nicht?“ Leise lachend schüttelte er den Kopf. „Er war ein Bekannter von mir, ein aufstrebender junger Mann: Sah nicht besser aus als ich, das nicht – aber er konnte ein gesichertes Leben bieten. Er war schon sesshaft, als ich ihn kennenlernte. Braver Mann. Das dachte sich Jeannie wohl auch, und hat ihr Tau an seinem Steg festgebunden. Jetzt sind sie verheiratet und glücklich, und man kann’s ihr eigentlich nur gönnen, nicht?“

Nathanael fasste sich an die Schläfe. Plötzlicher Kopfschmerz schien seine Stirn zu durchzucken. Bald darauf glätteten sich jedoch seine Züge wieder. Ihm fiel noch etwas ein.

„Den guten Paul – Sie erinnern sich doch an ihn, nicht? – ihn habe ich auch verkuppelt. Sie hätten ihn sehen müssen, diesen Bären von einem Mann, wie er da an der Feinkost gestanden ist in dem Spar, bei dem er immer einkauft, und herumgedruckst hat! Da musste ich einfach eingreifen.“ Er lächelte selbstzufrieden. „Sie war eine Perle, diese Frau. Klein und dicklich, aber immer lustig. Ein lebendes Klischee, auf eine Art, aber doch absolut einzigartig. Insgeheim wollte er ihr gleich an dem Nachmittag, als er das erste Mal mit ihr geredet hat, noch zwischen Extrawurst und Schweinekotelett, einen Heiratsantrag machen. Er wusste einfach, dass es richtig war.“

Nathanael hörte zu sprechen auf. Er schien auf irgendetwas zu warten. Der Professor fragte sich, worauf. Da las er es in seinem Gesicht.

„Und was ist geschehen?“, hakte er nach, um ihm einen Gefallen zu tun. „Haben Sie geheiratet?“

„Nein.“, sagte Nathanael kühl. „Sie ist von einer Leiter gefallen und hat sich das Genick gebrochen.“

Der Professor wandte sein verzerrtes Gesicht ab. Er wollte so nicht reagieren – es war ohne zu denken geschehen.

„Die Wege des Herren sind unergründlich…“, flüsterte sein Gast mitleidsvoll. „Paul jedenfalls ist danach verblüht. Und es sieht nicht so aus, als würde aus ihm je wieder mehr als dieses grüne, unverwüstlich wuchernde Gewächs, das er immer schon war.“

Der Professor beendete das Gespräch mit dem Vorwand, wieder arbeiten zu müssen, obwohl er sich in sein Zimmer zurückzog, um sich noch einmal kurz hinzulegen. Er fror erbärmlich.

 

Fortsetzung folgt.

Daniela Feichtinger ist promovierte Alttestamentlerin und Autorin.

Ragnarök im Garten 5

Ragnarök im Garten 4

 

Ragnarök im Garten 3

Ragnarök im Garten 2

Ragnarök im Garten 1

 

 

Photo: Craig McLachlan, unspash

 

 

 

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