Mädchen, steh auf! (Teil II)

Dörte Massow, Nazanin Davoudi, Dr. Sabine Huschka; 2.R.v.l.n.r. Mahnaz Mashreghi, Denia Rositzki, Dr. Marjam Heidarinami, Brigitte Jaschke, verdeckt: Susanne Barlach; Bild: Marco Heinen

Dörte Massow hat mit ihrem Beitrag am 13. August 2018 den ganz persönlichen Blick auf die Geschichte der Politischen und Femistischen Theologie im Ökumenischen Forum Christlicher Frauen in Europa eröffnet und führt ihn heute weiter in die HafenCity Hamburg.

Die feministisch-politisch-theologische Aufbruchsbewegung  der 80er und 90er Jahre zog viele Menschen an, u.a. in die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) Paderborn, aber auch in die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW), in der ähnliche Prozesse liefen. Wir wollten die Strukturen unserer Kirche verändern. Auf einer ersten westfälischen Frauenvollversammlung trafen wir evangelischen Frauen uns in Bielefeld. Dort sangen wir das Myriam-Lied und es war danach Teil vieler Frauentreffen. Myriam, die Schwester des Moses, sahen viele von uns voranziehen, wie damals in alttestamentlichen Zeiten, als sie mit Lied und Trommel das Volk Israel nach dem Durchzug durchs Schilfmeer ermutigte und ihrem Gott Jahwe dankte.

Strukturen verändern mit dem Lied der Myriam.

Ein Frauenreferat mit Beirat wurde mit Hilfe synodaler Beschlüsse innerhalb der westfälischen Landeskirche verankert. Regionale Frauentage in den Kirchenkreisen wurden von Frauen vor Ort für Begegnung und kirchenpolitischen Austausch organisiert. Die Kooperation zwischen Bewegungen, Organisationen und Verbänden, wie z.B. der Evangelischen Frauenhilfe von Westfalen, macht es bis heute möglich, eine ehrenamtlich geführte Frauenbewegung wie das Ökumenische Forum Christlicher Frauen in Europa (ÖFCFE) aufrechtzuerhalten. Die Frauen im ÖFCFE  verstehen sich noch heute mit ihren unterschiedlichsten Kompetenzen als wichtige Akteurinnen in der Versöhnungsgeschichte der Menschen in Europa für die Verhinderung zukünftiger Konflikte.

Das ÖFCFE half mir in der Ferne beheimatet zu sein.

1996 ging ich mit meiner Familie nach Metz, um dort in Grundschulen Deutsch zu unterrichten. Als  Deutsche musste ich dort noch in den 90-er Jahren Misstrauen überwinden aufgrund der historischen Feindschaft unserer Länder. Das Ökumenische Forum Christlicher Frauen in Europa half mir, in der Ferne mit Gleichgesinnten beheimatet zu sein. Ich nahm zu den Vertreterinnen in Straßburg und in Paris Kontakt auf und gründete mit ihrer Hilfe eine Ortsgruppe in Metz, wo wir uns u.a. mit Methoden des Bibliodramas biblische Frauen vertraut machten.

… die ungleichzeitigen theologischen Grundlagen im Glauben wahrnehmen.

Diese Erfahrungen wiederum nützten mir, um 1998-2002 Verantwortung als geschäftsführende, evangelische Nationalkoordinatorin des ÖFCFE im Team mit der katholischen Ordensschwester Michaela Bank zu übernehmen. In den internationalen Begegnungen der Nationalkoordinatorinnen aus den anderen 29 Ländern Europas hörten wir die Frauen mit ihren aktuellen Herausforderungen in den verschiedenen Ländern. Beeindruckt bin ich, wie darum gerungen wurde, die ungleichzeitigen theologischen Grundlagen im Glauben wahrzunehmen, ihren Sinn zu verstehen und diesen als Schwestern auszuhalten. Feministische Positionen trafen auf theologische Haltungen aus dem 19. Jahrhundert, aus denen christliche Frauen ihre Kraft zum Widerstand im Untergrund des säkularen Kommunismus der damaligen Ostblockstaaten gezogen hatten. Unterstützung und gemeinsame Projekte wurden verabredet. In jenen Jahren war die Zusammenarbeit gegen den Menschenhandel mit Frauen in der Prostitution wesentlich, sowie die Enttabuisierung des Themas in den Kirchen.

Fellowship of the Least Coin

Es fasziniert mich, dass die Vollversammlungen der Frauen aus 29 europäischen Ländern im ÖFCFE zu wesentlichen Anteilen ermöglicht werden durch die finanzielle Unterstützung von Frauen aus ärmeren Ländern, die mit der jeweils kleinsten Münze aus ihrer Börse und ihrer Gebetsbewegung Frauenprojekte weltweit unterstützen. Die „Fellowship of the Least Coin – flc“ ist auf den Philippinen 1957 von einer indischen Frau, Shanti Solomon, inspiriert und gegründet worden. Im Jahr 1988 hat der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) die Ökumenische Dekade – Kirchen in Solidarität mit den Frauen (1988 -1998) eröffnet, sowie im Anschluss die Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt für die Jahre 2001 bis 2011. So fühlten wir Frauen uns mit unseren regelmäßigen Mahnwachen als „Frauen in Schwarz“ gegen Krieg und Gewalt damals in Paderborn seit dem Golfkrieg 1990 und dem Balkankrieg verbunden mit den Mahnwachen der Mütter in Lateinamerika und in Palästina, aber auch mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen, und wir setzen diese Tradition heute in Hamburg fort.

Interreligiöses Frauennetz für Hamburg

Seit 2008 engagiere ich mich im Ökumenischen Forum in der Hamburger HafenCity, das heute von 21 Kirchen Hamburgs getragen wird. In der Kapelle gründeten wir 2011 als norddeutsche ÖFCFE-Gruppe zusammen mit der Internationalen Frauengruppe der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) ein interreligiöses Frauennetzwerk für Hamburg. Inzwischen vernetzen sich evangelische und katholische Frauen, Jüdinnen und Muslima schiitischer und sunnitischer Ausrichtung sowie Frauen der Ahmadiyya, Bahai’i Frauen, und neuerdings buddhistische Frauen miteinander. Wir organisieren seit 2012 wiederum Frauentage für Begegnung und Dialog, jetzt interreligiös und nicht nur europäisch ausgerichtet. Wir treten öffentlich auf als Ansprechpartnerinnen für Schulveranstaltungen, mischen uns ein in die frauenpolitischen Debatten der Stadt. Ein breites Spektrum von Ansichten zu Frauenbefreiung und Feminismus kommt zum Tragen bzw. wird neu buchstabiert. Wiederum aktuell und kontrovers diskutiert sind die Fragen: Was ist politisches Handeln? Wollen wir Religion und Politik verbinden? Die unterschiedliche Geschichte der Religionen eines so multikulturellen Netzwerkes zeigt auf, dass mit neuen Frauen immer wieder alte Fragen als neue Fragen wichtig werden.

Neue Frauen, alte Fragen, neue Fragen, wunderbare starke Frauen.

„Barmherzigkeit“ war  2015 das Schwerpunktthema beim Interreligiösen Frauenbegegnungstag in Hamburg. Bei meinem Vortrag bemerkte ich, dass die Erkenntnisse von christlichen feministischen Theologinnen von allen mit Freude aufgenommen wurden. Die Theologin Ina Praetorius übersetzte in ihrem Buch „Erbarmen“ das allen muslimischen und jüdischen Frauen auch vertraute Wort für Barmherzigkeit  „rachamim“  als  Mutterschößigkeit. 1 In den  Aufgaben des inneren und äußeren Mutterschoßes zeigt sich der Ursprung  von Barmherzigkeit, wie sie  im weiblichen Körper konkret wird. 2 »Diene mit Barmherzigkeit und tue es mit Lust« – einen Satz aus dem Römerbrief, Kapitel 12, Vers 8  zitierte die Feministin Antje Schrupp als Motor für Widerstand bei der Bewertung menschlicher Arbeit und Ökonomiekritik. Diese drei Säulen des weiblichen Arbeitens – Dienen, Barmherzigkeit und Lust – spielen in der gegenwärtigen politischen Diskussionen über die Zukunft der Arbeit in Deutschland überhaupt keine Rolle. Statt nur Kosten-Nutzen-Kalkulationen, Profitmaximierung, internationale Konkurrenzfähigkeit zu bewerten, muss die scheinbar kostenlose Care-Arbeit und freiwillige Arbeit für die Gesellschaft im nationalen Bruttosozialprodukt sichtbar werden. 3.

Dienen, Barmherzigkeit und Lust

Gestärkt durch die feministische Theologie engagiere ich mich in Kirche und Ökumene seit über 30 Jahren auf verschiedenen Ebenen – vor Ort, regional, überregional und international. Wunderbare starke Frauen lerne ich kennen und arbeite mit ihnen zusammen in einem aktiven Ehrenamt als feministisch-theologische und ökumenisch ausgerichtete Christin. Ich wünsche vielen Frauen ähnlich stärkende Erfahrung im Entdecken historischer und aktueller Vorbilder, die sie in ihrem Selbstbewusstsein aufrichten und ermutigen für einen unerschrockenen Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Für diesen Einsatz gebe ich Ihnen die gemeinsame Segensbitte von Hanna Strack mit, die uns an unseren interreligiösen Frauenbegegnungstagen in Hamburg begleitet:

Segen für Frauen

Gottes Segen komme zu uns Frauen,
dass wir stark sind in unserer
schöpferischen Kraft,
dass wir mutig sind in unserem Recht.

Gottes Segen komme zu uns Frauen,
dass wir Nein sagen, wo es nötig ist,
dass wir Ja sagen, wo es gut ist.

Gottes Segen komme zu uns Frauen,
dass wir schreien, wo Unrecht ist,
dass wir schweigen, wo Entsetzen ist.

Gottes Segen komme zu uns Frauen,
dass wir Weisheit suchen und finden,
dass wir Klugheit zeigen und geben.

Gottes Segen komme zu uns Frauen,
dass wir die Wirklichkeit verändern,
dass wir das Lebendige fördern.

Dass wir Gottes Mitstreiterinnen sind
auf Erden. 4

Text und Bild: Dörte Massow, geb. 1953, Lehrerin, Mutter, Christin in Hamburg, Mitglied im Interreligiösen Frauennetzwerk Hamburg.

  1. vgl. Praetorius, Ina, Erbarmen – unterwegs mit einem biblischen Wort, Gütersloh 2014
  2. vgl. Schroer, Silvia; Staubli, Thomas, Die Körpersymbolik der Bibel, Darmstadt 1998
  3. Wagener, Markert; Schrupp, Günther, Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn, Rüsselsheim 1999
  4. http://www.oekumeneforum.de/segen_fuer_frauen.html
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