Ragnarök im Garten 2

Erzählung von Daniela Feichtinger in neun Folgen.
Immer dienstags und donnerstags im August auf feinschwarz.

Bedacht leise öffnete er die Tür, und schloss sie ebenso hinter sich. Das Gästezimmer war klein, ein Bett stand da, weiß bezogen, unter einem mit schweren Vorhängen verdunkelten Fenster, dank dem das Licht im Kämmerchen trüb und gelblich schien; etwas verstaubt sah es aus. Der vormals weiße Schrank und das dazugehörige Nachtkästchen glichen den Möbeln eines Puppenhauses.

Der Professor setzte sich auf die Bettkante – augenblicklich sank er, mitsamt der Matratze, ein gutes Stück weit ein. Erschrocken hielt er inne. Der Mann rührte sich nicht, bloß sein Mund bewegte sich, da er atmete. Elma hatte das Blut abgewischt. Nun schien es gar nichts mehr zu geben, das die Misere des Fremden erklärte. An Messerstiche hatte der Professor zuerst gedacht, an einen Racheakt, doch waren die Verletzungen seines Gastes weitaus unblutiger, als angenommen. Er schien höchstens einen Schlag auf die Nase bekommen zu haben.

Da schrak er hoch. Kerzengerade saß er da, sah den Professor aus weit aufgerissenen, blauen Augen an. „Ich“, fing er zu stammeln an. „Was? Wer-?“

„Sie sind in meinem Haus. Ich habe Sie im Wald aufgelesen. Es ist alles in Ordnung.“

Er blinzelte nicht. Hart schluckend starrte er geradeaus. Der Professor legte beschwichtigend seine Hand auf den Arm des Fremden.

„Es ist alles in Ordnung.“, erklärte er ihm noch einmal. „Sie sind in Sicherheit.“ Wovor auch immer, setzte er in Gedanken fort. Er wollte den eben Erwachten nicht überfordern.

Die beiden Augen sahen ihn an, der Mund, staunend, halb geöffnet. Eine Handbreit trennte sie vielleicht. Der Mann ließ schwach und mehr unabsichtlich seinen Kopf auf die Schulter des Alten sinken.

Dieser erstarrte. Heiß war die Stirn des Mannes, fiebrig heiß. Um nicht völlig tatenlos dazusitzen klopfte er ihm sacht auf den Rücken, murmelte irgendetwas. Er wusste nicht, wann er zuletzt etwas so Glühendes, Menschliches auf der Haut gespürt hatte, das derart pulsierte, atmete und lebte.

„Haben Sie Schmerzen?“, fragte er ihn, da er dies wohl eher beantworten konnte, als die Frage nach seinem Namen.

Der Fremde sah ihn wieder an, knapp vor seinem Gesicht schüttelte er sacht den Kopf. Sein Haar war rabenschwarz, noch feucht und zerzaust, die Augen wässrig, von fiebrigem Glanz.

„Sie sind der Professor.“, stellte der Mann fest. Es klang ein wenig wie eine Frage, also nickte der Alte.

„Ja. Professor Oswald Heiden. Woher kennen Sie mich?“

Der Fremde sah zur Seite, ein Blitz durchzuckte seine Stirn. „Ich habe es gehört, eine Frau hat es gesagt, vorhin. Ich weiß nicht… Ich war kurz wach, glaube ich.“

„Das war meine Haushälterin, Elma.“, erklärte er ihm. Er schien schon bei klarerem Verstand zu sein. „Wie heißen Sie?“

Er holte Luft. „Nathanael.“, sagte er. „Gitschner.“ Und dann noch einmal, ohne Stottern, in einem Ruck: „Nathanael Gitschner.“

Der Professor nickte, die Lippen aufeinandergepresst. Er saß immer noch im dunstig heißen Atem des Mannes.

„Was ist passiert? Wurden Sie zusammengeschlagen, Herr Gitschner?“

„Nathanael.“, sagte er lächelnd. Dann wurden seine Züge nachdenklicher. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Ich – ich kann mich nicht mehr erinnern. Sie haben mich gefunden, nicht? War es sehr schlimm, habe ich sehr schlimm ausgesehen?“

„Offenbar hatten Sie starkes Nasenbluten. Mehr nicht.“

Der junge Mann sah auf seine Hände, nickte, fuhr mit der Zunge über seine Zähne. „Ich weiß es auch nicht.“, meinte er und legte sich dann wieder vorsichtig zurück in die Kissen. „Es ist seltsam.“

„In der Tat. Hatten Sie Streit mit jemandem?“

Ein Kopfschütteln.

„Sie wollten nicht, dass ich die Rettung rufe.“, erinnerte er ihn. „Weshalb?“

Sie sahen einander in die Augen. Ein wissendes Lächeln huschte über Nathanaels Gesicht.

„Ich bin kein Verbrecher, wenn Sie das meinen.“

Der Professor räusperte sich und sah zur Seite. „Sie würden es mir gewiss nicht sagen, wenn dem so wäre“

Er fühlte das unbeirrte Lächeln des Fremden.

„Was trauen Sie mir denn zu, Herr Professor?“, fragte er.

Heiratsschwindler, dachte dieser, sagte aber: „Ich werde Ihnen nichts unterstellen.“

„Nein.“, meinte Nathanael, immer noch lächelnd. „Natürlich nicht.“

Ein Moment verstrich. Es war still. „Trotzdem“, sagte schließlich der Professor entschieden. „Einen Arzt werde ich rufen.“ Und da ihm der Mann erneut widersprechen wollte: „Machen Sie sich keine Sorgen, ich bezahle ihn.“

„Das ist es nicht.“ Nathanael sah ihn an; etwas an seiner Miene hatte sich geändert, und mit sich die Person: Er sah ernst aus, klug, wie ein erfahrener Mann. „Ich glaube bloß nicht, dass mir ein Arzt helfen könnte.“ Er lächelte erneut. „Oder Ihnen.“

„Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun?“ Der Alte lachte abschätzig. „Wer sagt mir, dass Sie der sind, als der Sie sich ausgeben? Stehen Sie im Telefonbuch? Haben Sie Verwandte, Freunde, irgendjemanden, den ich anrufen kann?“

„Nein, leider.“ Er ließ ratlos seine Hände auf die knisternd frische Decke fallen. „Sie müssen mir leider glauben: Das ist mein Name, ich bin siebenundzwanzig Jahre alt, knapp einen Meter fünfundachtzig groß und habe nicht die leiseste Ahnung, weshalb ich unweit Ihres Hauses im Schnee lag. Ich kann mich nicht ausweisen und es gibt niemanden, den Sie anrufen könnten.“ Auf das genervte Seufzen des Professors hin setzte er fort: „Aber ich verspreche, ich will Ihnen nichts Böses und bin Ihnen dankbar für Ihre Hilfe.“

Der Professor schüttelte den Kopf. Es war nichts zu machen, in der Tat. Er wirkte auch nicht gefährlich; zuvor, als er ihn so ängstlich angeblickt hatte, da war ihm seltsam zumute geworden: Auch Zadok biss am ehesten, wenn er sich fürchtete. Doch nun schien er es mit einem vernünftigen Mann zu tun zu haben, der hier, bei ihm, sein Fieber auskurieren musste, weil ihm gar nichts anderes blieb. Vielleicht war er ja ganz allein auf der Welt, ohne Obdach. – Es kümmerte den Professor nicht. Geschichten von traurigen Kindheiten zeugten in seinen Augen von Selbstmitleid.

Der Atem des Fremden war schwer, sein Blick verhangen, doch er bemühte sich um Fassung.

„Woher kommen Sie, Nathanael?“

Seine Lider blinzelten, als wäre er eben aufgewacht. „Aus Graz.“, sagte er leise. „Aber ich reise gern.“

Der Professor nickte. Sein junger Gast war sauber rasiert; er schien gut auf sich zu achten, selbst im Fieber war seine Fassade korrekt. „Und welchen Beruf üben Sie aus?“

„Ich bin Geschichtenerzähler.“

„Sie meinen: ein Schriftsteller.“

„Nein.“, sagte Nathanael. „Nein, das trifft es nicht. Ich schreibe meine Geschichten nur selten auf.“

„Und wo erzählen Sie ihre Geschichten dann?“

Er wischte sich über die feuchte Stirn, fuhr sich durchs Haar. „Kommt darauf an.“, meinte er. „Eigentlich überall. Hauptsächlich auf der Straße.“

Die strenge Stirn des Professors legte sich in die alteingegrabenen Denkerfalten. „Haben Sie denn eine Genehmigung?“, fragte er ihn zweifelnd. „Man kann sich nicht einfach auf die Straße stellen und Geschichten erzählen, das geht nicht.“

Der Fremde musterte ihn amüsiert. „Sie sind ein rechtschaffener Mann.“, sagte er. „Dass nur ja alles mit rechten Dingen zugeht.“

Einen Moment war der Alte irritiert. Dann fuhr er fort: „Und davon kann man leben?“ Er konnte sich ein solches Leben nicht vorstellen. „Oder machen Sie sonst auch noch etwas?“

„Ich spiele auch Geige.“

„Auf der Straße.“, mutmaßte jener, eine Augenbraue skeptisch hochgezogen.

„Selbstverständlich.“

Darüber konnte der Professor nur den Kopf schütteln. Welch ein junger Mann! Schließlich war er ohne einen Ausweis, ohne einen Cent in der Tasche, verletzt im verschneiten Wald gelegen. Doch es war, wie er fand, nicht an ihm, den jungen Mann über den Fehlgang seines Lebens aufzuklären. „Sie sehen sehr müde aus.“, sagte er stattdessen. „Ich werde Sie jetzt alleine lassen. Schlafen Sie.“

***

Den restlichen Tag lang blieb Nathanael im Gästebett. Elma leistete ihm ein paar Minuten Gesellschaft, wenn sie ihm zu essen brachte. Vor dem Professor, der mit seinem Studium alter Mythen und Sagen fortfuhr, schwärmte sie ein wenig verhalten von dem Fremden. „Ein netter junger Kerl.“, nuschelte sie. „Ich möcht’ wissen, was passiert ist.“ Sie erhoffte sich wohl eine Antwort vom Professor, wenigstens eine Vermutung, doch er schwieg als hörte er sie gar nicht. Dabei versuchte er seit Stunden selbst vergeblich, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Fortsetzung folgt.

Daniela Feichtinger ist promovierte Alttestamentlerin und Autorin.

Photo: Craig McLachlan, unsplash

Bisher erschienen:

Ragnarök im Garten 1

 

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