Gläubig ja. Aber …

„Religiös wollen sie nicht sein, den Glauben aber finden sie gut.“ So eines der Ergebnisse einer neuen, repräsentativen Studie der Universität Tübingen zur Religiosität von Jugendlichen. Helga Kohler-Spiegel stellt sie vor.

Mehr als 7000 Jugendliche und junge Erwachsene wurden mithilfe eines Fragebogens und in Interviews zu ihren Einstellungen und Erfahrungen zu Glaube, Kirche und Religion befragt. In Jugendstudien ist Religion ein häufig vernachlässigtes Thema, und wenn, dann fehlt oft ein differenziertes Verständnis von Religion, vor allem zwischen Religion und Religiosität bzw. Spiritualität muss unterschieden werden.

In dieser Studie von Friedrich Schweitzer, Golde Wissner, Annette Bohner, Rebecca Nowack, Matthias Gronover und Reinhold Boschki: Jugend – Glaube – Religion. Eine Repräsentativstudie zu Jugendlichen im Religions- und Ethikunterricht, Waxmann-Verlag Münster 2018, werden verschiedene Aspekte von Religion und Glauben begrifflich und inhaltlich differenziert befragt. Forschungsmethodisch sind quantitative und qualitative Zugänge, d.h. Fragebogen und Interviews gewählt.

 

Neuere amerikanische Studien haben begonnen, Jugendliche mehrfach im Abstand von mehreren Jahren zu befragen. Dies nimmt die Studie von Schweitzer u.a. auf, longitudinale Befragungen im Abstand von ca. eineinhalb Jahren wurden durchgeführt, um Veränderung im Jugendalter zu erfassen.

Nicht nur über Jugendliche reden, sondern Jugendliche selbst hören.

Immer wieder ist interessant, nicht nur über Jugendliche zu reden, sondern Jugendliche selbst zu hören. Exemplarisch seien einzelne Ergebnisse aus dieser Studie genannt, es wurden Jugendliche aus Religionsunterricht und Ethikunterricht mit unterschiedlicher Religionszugehörigkeit befragt:

Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen (52%) glaubt an Gott, diejenigen, die an Gott glauben, gehen mehrheitlich von einem Gott als Gegenüber aus. Dreiviertel beten gelegentlich oder häufig, Gebetsanlass sind Kummer und Dankbarkeit. Als „religiös“ würden sich trotzdem nur 22% bezeichnen, fast doppelt so viele von ihnen (41%) sagen aber von sich selbst, „gläubig“ zu sein.

Glauben als etwas Individuelles und Persönliches.

Für die Jugendlichen ist Glauben etwas Individuelles und Persönliches, den eigenen Glauben selbst zu gestalten und in religiösen Fragen frei zu entscheiden, ist für junge Menschen von hoher Bedeutung. Die Haltung gegenüber der Institution Kirche ist ambivalent, und mit dem institutionellen Charakter der Religion identifizieren sich die Jugendlichen nur ungern. Kirche wird knapp mehrheitlich positiv gesehen. Dies geht einher mit einer ausgeprägt kirchenkritischen Einstellung, der eigene Glaube wird von 54% als unabhängig von der Kirche gesehen. Positiv wird Kirche dort wahrgenommen, wo Jugendliche Gemeinschaft erfahren, in z.B. Jugendgruppen, Freizeiten, Ministrantenarbeit, Chören.

Die Längsschnittuntersuchung zeigt, dass der Gottesglaube in der Zeit des Erwachsenwerdens relativ stabil bleibt, kirchenkritische Haltungen sich aber verstärken. Das Interesse an religiösen Fragen wuchs zwischen den Befragungszeitpunkten sowohl bei Schülerinnen und Schülern im Religionsunterricht wie auch im Ethikunterricht. Sich zum Thema Religion und Glaube eine eigene Meinung bilden zu können und mit den eigenen Fragen ernst genommen zu werden, ist den Befragten sehr wichtig. Genau dies erwarten sie auch von einem guten Religions- bzw. Ethikunterricht. Die Frage nach einem Weiterleben nach dem Tod beschäftigt junge Menschen sehr, nur 8% zeigen sich in dieser Frage gleichgültig.

Das Verhältnis gegenüber anderen Religionen und Kulturen.

Dreiviertel der Jugendlichen zeigen sich gegenüber anderen Religionen und Kulturen interessiert, offen und dialogbereit. Bei einem Viertel zeigen sich Abgrenzung und Angst, 25% stimmen der Aussage zu, dass es zu viele Muslime in Deutschland gebe. Diese Auffassung vertreten auch 18% der muslimischen Befragten. Dieser Befund unterstreicht, wie wichtig (schulische und außerschulische) Angebote für die Auseinandersetzung mit religionsbezogenen Vorurteilen sind.

Im Zeitraum von eineinhalb Jahren sind im Jugendalter bereits Veränderungen sichtbar: Der Gottesglaube der Befragten bleibt über die Befragungszeitpunkte im Wesentlichen konstant, während die kirchenkritischen Haltungen deutlich stärker werden. So steigt die Zustimmung zu der Aussage „die Kirche muss sich ändern, wenn sie eine Zukunft haben will“ von 61% auf 71%. Gleichzeitig zeigen die Jugendlichen nicht weniger, sondern mehr Interesse an religiösen Fragen, dies zeigt sich u.a. auch an einer positiveren Bewertung des Religions- und Ethikunterrichts bei der zweiten Befragung.

Differenzierungen nach Schultyp, Religions- oder Ethikunterricht und Religionszugehörigkeit.

Beim Vergleich verschiedener Gruppen zeigt sich: Weibliche Jugendliche weisen in verschiedenen Bereichen höhere Religiositätswerte auf als die männlichen Befragten. Zwischen Berufsschüler*innen und Schüler*innen des Allgemeinbildenden Gymnasiums gibt es weniger Unterschiede im Blick auf Religion, als oftmals angenommen wird. Jugendliche, die am Ethikunterricht teilnehmen, sind weniger stark religiös sozialisiert und haben seltener eine vertrauensvolle Gottesbeziehung als Schüler*innen, die am Religionsunterricht teilnehmen. Die Gruppe der muslimischen Schüler*innen sticht besonders durch einen starken Gottesglauben und weniger Zweifel an Glaubensinhalten heraus.

Dies wird auch in anderen Studien bestätigt, exemplarisch Gabriele Böheim-Galehr und Helga Kohler-Spiegel: Lebenswelten – Werthaltungen junger Menschen in Vorarlberg 2016. Unter Mitarbeit von G. Brauchle, K. Meusburger, M. Ott, G. Quenzel & E. Rücker, Studienverlag Innsbruck 2017. Für muslimische Jugendliche gehört Religion zur eigenen Identität, auch wenn diese nicht regelmäßig praktiziert wird. Auch inhaltliche Themen wie z.B. das Hinterfragen von Gottes Gerechtigkeit angesichts von Leiderfahrungen sind für sie weniger ein Thema als für ihre nicht-muslimischen Mitschüler*innen.

Zahlreiche weitere Ergebnisse ließen sich nennen. Lesen Sie selbst nach – ich finde es immer wieder interessant zu sehen, wie Jugendliche Religion und Glaube bei sich selbst wahrnehmen und wie sie sich dazu äußern.

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Helga Kohler-Spiegel ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg im Fachbereich Human- und Bildungswissenschaften; Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, (Lehr-)Supervisorin; Mitglied der Redaktion von feinschwarz.net.

Von ihr u.a. anderem auf feinschwarz erschienen:

Es gibt viele Gründe, Angst zu haben.

Photo: Timothy Choy, unsplash

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