Leutetheologien – Das Suchen und Finden der Einzelnen und ihre Würdigung

Den individuellen theologischen Entwürfen einzelner Menschen geht Monika Kling-Witzenhausen nach und würdigt sie als „Leutetheologien“.

 

Eine junge Frau schildert mir am Telefon ihre Suche nach adäquaten Spiritualitätsformen und nach ansprechenden Angeboten, in denen sie als Person und ihre theologischen Themen und Fragen Raum bekommen. Kurz nach der Begrüßung platzt es aus ihr heraus: „Und wissen Sie, in all dem frage ich mich, wo komme ich mit meinen Themen und Fragen überhaupt zum Tragen?“ Nach einem 40-minütigen Telefonat gehen wir beide beschwingt und bestärkt auseinander – sie, weil sie eine Gesprächspartnerin gefunden hat, die sie mit ihren theologischen Themen und Fragen auseinandersetzen wollte, und ich, weil mir noch einmal neu bewusst wurde, wie wichtig es ist, Leutetheolog:innen Raum zu geben und ihre Leutetheologien wertzuschätzen. Dazu gehört dann auch, sie nicht nur in der akademischen Theologie, sondern auch im Rahmen der Pastoral und Verkündigung zum Tragen kommen zu lassen.

Was ist unter Leutetheologien zu verstehen?

Grundlage von Leutetheologien[1] ist die These, dass jeder und jede, der bzw. die sich mit Fragen nach Sinn, Gott, Religion etc. auseinandergesetzt und diese reflektiert hat, eine persönliche Theologie besitzt. Ein schönes Bild dazu liefert der Theologe Michal Armstrong, wenn er davon spricht, dass Menschen „ihre Theologie leben müssen […]. Sie ist ihr Schuhwerk, das vor dem Hintergrund der Wegstrecken und des Wetters des realen Lebens getestet wird“[2]. Die persönliche Leutetheologie muss sich also in der alltäglichen Lebensrealität bewähren und ist jeweils subjektiv bestimmt bzw. konstruiert. Sie findet in den Praktiken, im Reden und Handeln ihren Niederschlag und wird dort erfahrbar. Es gibt folglich nicht „die“ Leutetheologie: Leutetheologien sind divers, entsprechend wird der Terminus Leutetheologien nur im Plural verwendet.

Wenn die Pluralität der Theologien für den akademischen Diskurs fruchtbar wird

Bewusst spreche ich a) von einer Theologie und b) von Leuten. Dieser Begriff der „Leute“ ist keineswegs paternalistisch engführend gemeint, sondern nimmt in einer pluralen und deskriptiven Perspektive Bezug auf die alltägliche Existenz der jeweiligen Personen. Die fundamentalpastorale Entscheidung, die Leutetheologien als Theologien zu bezeichnen, ist weniger für den Großteil der Betroffenen zentral, als für den Umgang mit ihnen im akademischen Diskurs und in der pastoralen Praxis. Spätestens die Anerkennung als „Theologie“ macht eine Suche danach, wie Leutetheologien für den akademischen Diskurs fruchtbar gemacht werden können, unumgänglich. Dezidiert wehre ich mich damit auch gegen die defizitären Einordnungen als „Nichttheolog:innen“[3], also wenn den Menschen, die nicht Theologie studiert haben, eine theologische Kompetenz abgesprochen wird.

Auch die eigene akademische Theologie ist von der Leutetheologie geprägt.

Leutetheologien liegen implizit vor und folgen anderen Diskursregeln als akademische Theologien, sind deswegen aber diesen nicht hierarchisch unterzuordnen. Man muss sogar ergänzen, dass akademische Theolog:innen auch Leutetheolog:innen sind und – so meine These – dass die eigene akademische Theologie von der eigenen Leutetheologie geprägt wird. Die Leutetheologieanteile in der eigenen akademischen Theologie ernstzunehmen, bedeutet keine Schwächung der eigenen Position und Wissenschaftlichkeit, sondern eine Stärkung. Denn dadurch werde ich mir meiner Quellen, Beweggründe und theologischen Optionen bewusst und lege diese offen, was wiederum die Kommunikation transparenter macht.

Leutetheologien als Lernfeld für die akademische Theologie und Pastoral

Es lohnt sich, einzelne Leutetheolog:innen näher zu untersuchen und sichtbar zu machen, denn Leutetheolog:innen sind sonst inmitten fachlicher bzw. kirchlicher Diskurse weitestgehend „stimmlos“. In meinem theologischen Arbeiten [4] lautete die Grundfrage, inwieweit die Agenda des Volkes Gottes – in diesem Fall vertreten durch die Leutetheolog:innen – auf der Agenda der akademischen Theologie überhaupt oder eventuell nur teilweise vorkommt. Dabei wurde deutlich, dass die Leutetheolog:innen akademische Theolog:innen mit inhaltlichen Leerstellen, unzureichenden Argumenten und bisher wenig berücksichtigten Fragestellungen konfrontieren. Auch mit Blick auf die theologische Sprache und theologische Grammatiken bieten die Leutetheolog:innen weiterführende Impulse, sodass akademische Theolog:innen nicht nur vom materialen ‚Was‘, sondern auch vom formalen ‚Wie‘ der Leutetheolog:innen lernen können. Ihre Sprache ist eine situative, kontextuelle Sprache und zudem eine höchst kohärente Sprache, insbesondere auf logischer bzw. thematischer, wenn auch weniger auf sprachlich-syntaktischer Ebene. So ist ihr Ringen um Worte, das Stottern, Neuansetzen und Neubeginnen ihr Zugangsweg, Aussagen über Gott treffen zu können.

Ähnliche Ansätze, z.B. Gelebte Theologie (S. Müller)

Der Rückgriff auf den Terminus „Leute“ stellt dabei eine Verbindung zu lateinamerikanischen Theologien der Befreiung her, die sich wie die argentinische teología del pueblo den Glaubensäußerungen des Volkes bzw. der Leute verpflichtet weiß. Zudem lassen sich Querverbindungen zu einer popular religion (C. Salazar), Alltagsreligiosität (C. Fechtner), Leutereligion (P. Zulehner) oder gelebten Religion (W. Gräb, H.-G. Heimbrock u.a.) ausmachen. Diese lassem doch weitestgehend die reflektierte Dimension der Leutetheologien außen vor. Daher stellt der im angelsächsische Raum prominente Ansatz einer Ordinary Theology bzw. Alltagstheologie (J. Astley, M. Armstrong) einen wichtigen Ansatzpunkt dar. Auch lassen sich Parallelen zu dem in der evangelischen Praktischen Theologie etablierten Begriff einer Gelebten Theologie (lived theology) aufzeigen. Die schweizer praktische Theologin Sabrina Müller entwickelt ausgehend von dem Konzept des Allgemeinen Priestertums „Impulse für eine Pastoraltheologie des Empowerments“[5]. Hervorheben möchte ich ihren Hinweis, dass Gelebte Theologie „dann zur Theologie wird, wenn sie reflektierten Ausdruck findet und auf öffentliche Resonanz stösst“[6]. Beide Hinweise geben eine Richtung vor, welche Aufgaben und (neuen) Rollenbilder sich aus der Beschäftigung mit Gelebten Theologien oder Leutetheologien für akademische Theolog:innen und pastorale Praktiker:innen ergeben (könnten).

(Neue) Rollenbilder für akademische Theolog*innen und pastorale Praktiker*innen

Die Beschäftigung mit Leutetheolog:innen ist kein Selbstzweck. Die Aufgabe der akademische Theolog:innen und pastoralen Praktiker:innen wird es sein, die Stimmen der Leutetheologien in den akademischen Diskurs einfließen zu lassen und für die Pastoral bzw. Verkündigung fruchtbar zu machen. Denn es geht hier erkenntnistheoretisch um die Botschaft des Evangeliums und darum, dass „die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfaßt, besser verstanden und passender verkündet werden kann“ (GS 44). Zudem stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit und wie sowohl die akademische Theologie als auch die pastorale Praxis für die Menschen dienlich werden können. Empowerment (S. Müller) könnte dann einerseits eine echte Begleitung und Befähigung der Menschen meinen, die eigenen Leutetheologien weiterzuentwickeln und zu reflektieren. Andererseits müsste Empowerment bedeuten, dass in all den Prozessen, in denen Kirche ausgehend von ihrem Sendungsauftrag alternativ, radikal neu gedacht wird, Leutetheolog:innen nicht nur gehört, sondern einen Resonanzraum finden und sie mit ihren theologischen Themen zu unübergehbaren Impulsgeber:innen für die Visionen einer zukünftigen, menschendienlichen Kirche werden.

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Autorin: Monika Kling-Witzenhausen, Dr. theol., wurde an der Universität Innsbruck promoviert und arbeitet als Theologin und Seelsorgerin (derzeit als Pastoralassistentin) in Stuttgart. Zuvor war sie als Referentin des Vorstandes und als Referentin für weltkirchliche Pastoral beim Internationalen Katholischen Hilfswerk missio e.V. in Aachen tätig.

Foto: Vlad Zaytsev / unsplash.com

 

[1] Siehe Kling-Witzenhausen, Monika, Was bewegt Suchende? Leutetheologien empirisch-theologisch untersucht (Praktische Theologie heute 176), Stuttgart 2020.

[2] Armstrong, Michael, Ordinary Theologians as Signal Processors of the Spirit, in: Astley, Jeff – Francis, Leslie J. (Hg.), Exploring Ordinary Theology. Everyday Christian Believing and the Church, Farnham 2013, 65–73, hier: 66.

[3] Vgl. die nicht wenigen Erscheinungen in den letzten Jahren, die sich eher an ein breites Publikum wenden, wie z.B. Büchert, Björn – Haubold, Katharina – Karcher, Florian, TheoLab. Theologie für Nichttheologen – Gott. Mensch. Welt, Stuttgart 2020.

[4] Z. B. indem einzelne Leutetheolog:innen aus im Rahmen einer empirisch-theologischen Untersuchung mithilfe von narrativer Interviews hörbar gemacht werden, vgl. Kling-Witzenhausen, Monika, Was bewegt Suchende?

[5] Müller, Sabrina, Gelebte Theologie. Impulse für eine Pastoraltheologie des Empowerments (Theologische Studien NF 14), Zürich 2019.

[6] Ebd., 54.

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