Mehr als kirchliche Worthülsen und Krisenbetreuung: „Zwei und alles“ 

Das Frankfurter Projekt „ZWEI UND ALLES“ bietet Unterstützung für Paare an, die ihre Beziehung pflegen und selbstbewusst gestalten wollen. Benjamin Brettinger hat mit den verantwortlichen Theologinnen gesprochen und ein entspanntes Verständnis von pastoraler Begleitung entdeckt.

In der katholischen Kirche wird viel über den Wert von Ehe und den Wert verlässlicher Partner*innenschaften gesprochen. Aber drückt sich das auch in einer pastoralen Praxis aus? Häufig drängt sich der Eindruck auf, dass Menschen im Verlauf ihrer Partner*innenschaften nur wenig Unterstützung erleben können. Wo die kirchliche Lehre ganz einfach kein Scheiten kennt und das Kirchenrecht sogar vom Weiterbestehen längst standesamtlich geschiedener Ehen ausgeht, entfernen sich in der Wahrnehmung vieler Menschen kirchliche Positionen und eigene Lebensrealität. Ein kirchliches Projekt in Frankfurt will hier andere Wege gehen und wendet sich dabei nicht nur an heterosexuelle Ehepaare. Hier kommen alle Paare in ihren jeweiligen Konstellationen in den Blick und finden bei „ZWEI UND ALLES“ ein breites Angebot, das über Krisenbegleitung oder Ehevorbereitungskurse hinaus geht. Im Gespräch mit Benjamin Brettinger erläutern die Theologinnen Simone Krämer und Jutta Fechtig-Weinert, worum es ihnen bei dem Projekt geht.

Wir möchten Paare unterstützen

Benjamin Brettinger (für feinschwarz): Sie sind seit 2017 zusammen mit anderen kirchlichen Einrichtungen in Frankfurt für das Projekt ZWEI UND ALLES verantwortlich. Worum geht es Ihnen denn konkret bei dem Projekt?

Simone Krämer: Es geht um Paare. Schon seit vielen Jahren ist uns bewusst, dass wir in unserer kirchlichen, pastoralen Arbeit Paare nur dann in den Blick nehmen, wenn es um Feierlichkeiten und Hochzeit geht oder dann, wenn ein Kind geboren wird. Aber das Paarthema selbst wurde lange vernachlässigt. In die Beratungsstelle kommen Paare eigentlich nur dann, wenn es problematisch wird. Und uns war es ein Anliegen, zu sagen, das Paar-sein selbst ist etwas sehr, sehr wertvolles und wir möchten Paare unterstützen, das auch wahrzunehmen und etwas für ihr Paar-sein zu tun. Und so entstand in vielfachen Gesprächen mit der Leiterin, mit den Beteiligten in der Beratungsstelle, in der Stadtkirche, mit Vertretern der Pfarrei die Idee, dass man so etwas eben nicht in einem Pfarrei-Kontext ansiedeln kann und auch nicht in der Beratungsstelle, dafür braucht es einen größeren Kontext. Und so ist dieses stadtweite Projekt entstanden.

Jutta Fechtig-Weinert: Also, im Fokus steht eigentlich: Was könnte Paaren gut tun? Und das kann natürlich in der Krisensituation eine Beratung sein, das kann aber im normalen Alltag einfach irgendwas sein, zusammen etwas unternehmen, gemeinsame Erfahrungen machen, Erlebnisse teilen.

Nicht nur das Krisenhafte sehen

Benjamin Brettinger (für feinschwarz): Super, dass es ein Angebot gibt, das den Fokus nicht nur auf kriselnde Partnerschaften legt.

Simone Krämer: Ich glaube, das war ja auch die originelle Erfahrung der Beratungsstelle, zu sagen: Ach, Mensch, das Paar müsste doch jetzt heute nicht hier sitzen, wenn vorher so eine Kleinigkeit passiert wäre.

Den Verantwortlichen ist wichtig, nicht nur Krisenbegleitung und Beratung anzubieten. Den Paaren soll Gelegenheit gegeben werden, ihre Beziehung zu pflegen. Deshalb gibt es eigens spirituelle Angebote, Kletterworkshops oder aber auch Tanzabende, bei denen sich Paare näher kommen können und miteinander eine gute Zeit haben. Die teilnehmenden Paare sind meist in einem Alter zwischen 30 und 50 Jahren und leben in allen möglichen Konstellationen in ihrer Partner*innenschaft. 

An den Interessen von Menschen, nicht am kirchlichen Idealbild orientiert.

Mit einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit wird bei dem Projekt konsequent danach gefragt, welche Bedürfnisse und Interessen bei möglichen Teilnehmer*innen auszumachen sind. Hier wird ein kirchliches Arbeiten erlebbar, das nicht von einem kirchlichen Idealbild des christlichen Lebens her entwickelt wird oder die Menschen katechetisch belehren will. Hier steht die Kirche im Dienst an Menschen, die meist selbst wissen, was sie suchen und wofür sie sich Zeit nehmen möchten. Es ist kein pastorales Angebot, mit dem Menschen in klassische Formen des Gemeindelebens überführt werden sollen, kein nur vordergründig attraktiv gestaltetes Marketing für bestehende Sozialformen. Es geht einfach nur darum, Angebote zu schaffen, die den Paaren guttun könnten.

Fragen, was für die Paare passt

Benjamin Brettinger (für feinschwarz): Auf Ihrer Website wird unter anderem auch eine App für Brautpaare angeboten. Werden solche digitalen Angebote leichter angenommen? 

Jutta Fechtig-Weinert: Die App ist ein Angebot das bisher gut genutzt wurde. Im Zuge von Corona haben wir natürlich auch überlegt, was wir digital anbieten können. Mit dieser Frage werden wir uns jetzt stärker beschäftigen müssen. Was mir wirklich gefällt ist kreativ sein zu können und tatsächlich diesen Perspektivwechsel zu haben, den wir kirchlicherseits ja noch nicht so lange haben: Was wäre für die Paare passend und nicht: Was wäre jetzt für unsere Gemeinde oder wie kriegen wir jetzt mehr Leute in den Gottesdienst? Sondern tatsächlich einfach mal andersrum arbeiten zu können. Das ist glaube ich, was dieses Projekt auch ausmacht.

Benjamin Brettinger (für feinschwarz): Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Wenn Sie in das Jahr 2025 schauen, was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Projekts?

Simone Krämer: Ich wünsche mir, dass noch ganz viele Menschen und Paare hier in Frankfurt mitbekommen, dass es dieses Angebot gibt. Dass wir weiterhin so zuverlässige und engagierte Kooperationspartner haben und, dass wir unser Angebot vielleicht noch ein bisschen im außerkirchlichen Kontext erweitern können.

Jutta Fechtig-Weinert: Unser Ziel ist, dass ZWEI UND ALLES eine Marke ist die zeigt, das ist jetzt nichts Frömmelndes oder so, sondern das, was wir an Werten haben, das wollen wir gerne auch mit euch leben.

Wer bestimmt, was zum „Kerngeschäft“ gehört?

ZWEI UND ALLES ist der Versuch eines Bistums, experimentelles Arbeiten fernab des Kirchturms zu ermöglichen. Hier bekommen Theolog*innen und Seelsorger*innen die Chance kreative Ideen für das Paar-sein zu entwickeln und auszuprobieren. Angesichts der gegenwärtigen kirchlichen Situation gibt es in den großen Kirchen zunehmend Verteilungskämpfe um Finanzen und Personal. Und immer wieder gibt es die Forderung, dass die Angestellten wenigstens ein vermeintliches „Kerngeschäft“ aus Gottesdiensten und Sakramentenvorbereitung in den klassischen Gemeinden bedienen sollten. Dabei wird in den Diskussionen oft vorausgesetzt, worin diese Selbstverständlichkeiten des vermeintlichen „Kerngeschäfts“ bestehen. Es passiert nicht selten, dass dadurch vor allem die Menschen mit großer kirchlicher Identifikation und damit die, die ohnehin zum Kernklientel gehören, in den Blick genommen werden. Das kann dazu führen, dass innovative Projekte letztendlich dazu führen, diejenigen zu überzeugen, die bereits an anderer Stelle einen engen Kontakt zur Kirche hatten. Viel zu selten wird versucht, neue Wege zu gehen und tatsächlich Kontakt zu Menschen herzustellen, die noch außerhalb des eigenen Kreises sind. Ansätze wie der des Projekts ZWEI UND ALLES zeigen, dass es aber auch kirchlich möglich ist, auf innovative Weise Angebote für ganz unterschiedliche Menschen zu machen.

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Autor: Benjamin Brettinger studiert Politikwissenschaft an der Goethe Universität Frankfurt und ist Teilnehmer am Studienprogramm Medien und Öffentliche Kommunikation an der PTH Sankt Georgen.

Foto: Ardian Lumi / unplash.com

 

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