Mehr als Struktur – kirchliche Jugendverbände jenseits von Verdächtigungen

Gegen kirchenpopulistische Verdächtigungen identifiziert Annette Jantzen in kirchlichen Jugendverbänden eine wichtige, gesellschaftlich anschlussfähige Form von Glaube und Kirche und würdigt ihre Impulse für zeitgemäße Ansätze kirchlichen Lebens.


Wer als (Kinder- und Jugend)Verbandsvertreter*in unterwegs ist, kennt die Vorurteile, gerade aus betont frommen Kreisen, gegen Verbände. Überaltert, auf Strukturen bedacht, starr. Beschlusslagen statt Glaubenszeugnis, Kritik statt Begeisterung, und überhaupt: Nicht genug Glaube. Beharrliche und oft steinige kontinuierliche Arbeit daran, für Kinder und Jugendliche vor Ort nicht nur ein verlässliches personales Angebot zu sein, sondern sie auch politisch und gesellschaftlich zu vertreten, zählt scheinbar wenig, wenn nicht die Kirchen voll und die Gebete sichtbar inbrünstig sind.

Skepsis gegenüber Verbandsarbeit

Mission, konsequenter Glaube, Fasten und Gebet, Entschiedenheit. Das, so hören Kinder- und Jugendverbandsvertreter*innen oft genug, sei doch mehr Kerngeschäft als Rechenschaftsberichte, Mittelbewirtschaftung und Vertretung im Jugendhilfeausschuss – wenn die Gesprächspartner*innen überhaupt so viel Einblick in die Verbandsarbeit haben. Und tatsächlich sind die Strukturen der Verbände ja auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig und vielen Menschen in der Kirche fremd. Man kann auch durch ein komplettes Theologiestudium kommen, ohne ein einziges Mal über den Begriff „katholischer Verband“ zu stolpern.

Sendung, nicht Mission.

Dabei nehmen die Kinder- und Jugendverbände deutlich für sich in Anspruch, Anteil an der Sendung der Kirche zu haben. Sendung, nicht Mission ist der Kernbegriff der „Theologie der Verbände“, so der Kurztitel des Textes „Der Anteil der Verbände an der Sendung der Kirche“, der in den Jahren 2012 bis 2015 im BDKJ entwickelt worden ist (1). Ausdrücklich auf dem Kirchenbegriff des Zweiten Vatikanischen Konzils aufbauend, fasst der Text als Kern der Sendung der Kirche schlicht: Kirche in der Welt von heute zu sein.

Kirche als In-der-Welt-sein

Dass das In-der-Welt-Sein der Kirche bereits ihre Sendung ist, klingt aber harmloser als es ist: Es heißt, in dieser konkreten Welt auf das Reich Gottes zuzugehen, in dieser konkreten Welt gegen Ungerechtigkeit aufzustehen, gerade in den Herausforderungen der jeweiligen Zeit prophetisch und solidarisch zu sein und den Menschen, die um ihre Würde ringen, das Heil zuzusagen und erfahrbar zu machen. Denn „ein vorbehaltloses Sich-Einlassen auf die gesellschaftliche Gegenwart ist nicht nur ein Mittel zum Zweck, um die Verkündigung besser auf die aktuellen Gegebenheiten abzustimmen, sondern sie ist notwendig für die Kirche, um ihrer Sendung zu entsprechen. Dabei hilft der Horizont des Reiches Gottes, dieses Sich-Einlassen nicht mit vorbehaltloser Zustimmung zu verwechseln, sondern alles zu prüfen und das Gute zu behalten (vgl. 1 Thess 5,21).“ (2).

Strikt an Lebenswelt orientiert.

Dieses In-der-Welt-Sein sieht bei Verbänden anders aus als in anderen Teilen der Kirche. Bei aller Unterschiedlichkeit der Verbände mit ihren verschiedenen Gründungsimpulsen, Charakteristika, Aufträgen und Zielgruppen eint doch alle Verbände in der Kirche, dass sie als katholische Verbände ihre Basis im christlichen Glauben haben und ihre Arbeit beim strikten Bezug auf die Lebenswelt ihrer Mitglieder beginnt: Diese müssen nicht erst Wissen oder eine bestimmte Haltung erwerben, um Mitglied sein zu können, auf bestimmte Schulen gehen oder eine bestimmte Lebensform wählen, sondern der Verband beginnt da, wo die Mitglieder sind: an ihren Schulen, in ihrer direkten Umgebung, bei ihren Anliegen und Interessen.

Der Verband beginnt, wo die Menschen sind.

Der Verband lebt von dem, was die Mitglieder mitbringen, und kann nicht existieren ohne deren freiwilliges und ehrenamtliches Engagement. Und der Verband lässt erfahren, Teil von etwas Größerem zu sein, zu erleben, was man gemeinsam bewirken, auf die Beine stellen, verändern und feiern kann, wie gemeinsamer Glaube geht, Verbundenheit im Glauben und in der Tat, in Haltungen und Aktionen, die ermöglicht werden vom Zusammenwirken der Menschen in den Verbänden. Dieses Zusammenwirken geschieht selbstorganisiert und demokratisch, und Partizipation wird dabei nicht nur geduldet, sondern ausdrücklich gefördert. Diese Charakteristika werden in der „Theologie der Verbände“ beschrieben, sie kennzeichnen die Weise, auf die die Verbände Kirche in der Welt von heute sind.

Vom 23.-26. Mai 2019 findet die 72-Stunden-Aktion des BDKJ statt.

In den Verbänden ist Kirche gesellschaftlich anschlussfähig.

Damit sind Verbände anschlussfähig für demokratiegewöhnte Menschen. Verbände sind Kontaktflächen der Kirche auch zu Menschen, die in den territorialen Kerngemeinden, wie sie in der heute vielfach eher als Fiktion anzutreffenden Pfarrfamilie gedacht werden und im Sonntagsgottesdienst erlebbar sind, nicht anzutreffen sind.

Verbände sind als Glaubensorte zu verstehen.

Verbände sind Glaubensorte und immer häufiger der jeweils einzige Ort, an dem Kinder und Jugendliche mit dem christlichen Glauben in Berührung kommen – darum werden auch Taufe und Firmung immer häufiger im Kinder- und Jugendverband gefeiert.
Verbände sind Orte, an denen der Glauben auf eine bestimmte Weise erschlossen und gelebt wird.
Sie sind ein Angebot für Menschen, die ihre Demokratiegewöhnung, ihren Partizipationsanspruch und ihr politisches Engagement in ihren Glauben integrieren wollen. In einer demokratischen Gesellschaft, die im Wesentlichen von zivilgesellschaftlichem Engagement lebt, ist die Ermöglichung von Partizipation ein Hören auf die Zeichen der Zeit, eine Antwort auf die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute.

Partizipation ist nicht beliebig.

Es geht nicht darum, den Glauben auf eine bestimmte Weise zu verpacken, sondern ihn auf eine bestimmte Weise zu leben. Darum ist es keine Beliebigkeit, dass die Ermöglichung von Partizipation, Demokratie und Selbstorganisation ein Kennzeichen der Verbände ist, und dieser Ansatz steht nicht unverbunden zum Rest der Kirche. Anders gesagt: Die demokratische, Selbstorganisation und Partizipation fördernde Struktur ist nicht ein Mittel zum Zweck, sondern Ausdruck eines bestimmten Menschen- und Kirchenbildes.

Wahlen in der katholischen Kirche – das gibt es hier.

Dabei sind alle Mitglieder an der Willensbildung beteiligt, die mit einem Delegationsprinzip von unten nach oben gestaltet wird.

Hier sind Verantwortliche rechenschaftspflichtig.

Leitungsämter werden durch Wahl besetzt – und im Fall der Geistlichen Verbandsleitung dazu durch bischöfliche Beauftragung, eine interessante und vorbildhafte Verbindung von Demokratie und kirchlichem Amt. Die Verantwortlichen sind rechenschaftspflichtig, die Strukturen sind transparent, das Engagement ist lokal, von eigener Arbeit getragen, an die Ortsgruppen gebunden. Es ist bedeutsam für die anderen Teile der Kirche, dass in den Verbänden das Christ*in- und Kirchesein so und nicht anders gelebt wird, weil das eine eigene Erschließung des christlichen Glaubens ist, nicht nur eine äußere Form.

Kirchliche Strukturen sind nur scheinbar sakrosankt.

Die Vorwürfe gegen diese Art der Struktur wurden eingangs schon erwähnt: Sie sei überlebt und ausgehöhlt, existiere nur um ihrer selbst willen, sei schwerfällig und uninspiriert und überhaupt, was hat das mit dem Glauben zu tun? „Jesus verkündete das Reich Gottes, und es kam die Kirche“ lautet eine bekannte Kirchenkritik – aber „Jesus verkündete das Reich Gottes, und es gründete sich ein Verband“ wirkt nicht gerade besser. Der springende Punkt ist: Strukturen fallen nicht vom Himmel, auch wenn sie scheinbar sakrosankt sind. Die heutige Kirchenstruktur lässt sich auch nicht aus dem Neuen Testament ableiten, und darum müssen auch verbandliche Strukturen nicht durch das Immer-schon-Gewesene, als welches das Traditionsargument bisweilen missdeutet wird, legitimiert werden.

Strukturen entwickeln sich geschichtlich – nicht nur in den Verbänden.

Denn die Kritik an verbandlichen Strukturen übersieht, dass es in Verbänden – gerade im Gegenteil zum Vorwurf des Überlebten und Ausgehöhlten – übliche Praxis ist, dass Strukturen geändert werden, wenn sie nicht mehr passen. Das sind Prozesse, die es überall gibt, die aber in der Gesamtkirche oft quälender, langsamer und von vielen Desintegrationserfahrungen begleitet sind.

Auch kirchliche Ämter haben sich geschichtlich entwickelt.

Die Kritik übersieht weiter und vor allem, dass auch informelle Organisationen ihre Strukturen haben, nur eben keine transparenten. Wie die Strukturen von geistlichen Gemeinschaften oder von der Kirche insgesamt haben sich auch diese auf soziologisch nachvollziehbare Weise entwickelt. In Teilen der Kirche wird aber diese geschichtliche Entwicklung auch von Amt und Struktur konsequent ausgeblendet, was zu einer Überhöhung und Sakralisierung von beidem führt und letztlich den Nährboden für geistlichen Missbrauch und sexualisierte Gewalt bildet: Intransparenz und das Leugnen von Macht, eine Delegitimierung von Kritik und Vergötzung der Institution.

Wer nicht entschieden genug glaubt, gerät an den Rand.

Strukturfragen sind Fragen nach Macht und Zugehörigkeit. Gehört jede*r Getaufte zur Kirche? In Teilen der Kirche wird das in Frage gestellt. Wer nicht entschieden genug glaubt, gerät an den Rand. Wer die kirchlichen Amtsstrukturen kritisiert, auch. Das letzte – in Ermangelung eines besseren Wortes so genannte – „Argument“ ist dann: Das ist nicht katholisch! Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit auch in der Ämterfrage, Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen: Nicht katholisch. Und die Leute, die dafür eintreten: Auch nicht. Wer das entscheidet? Das bleibt unklar. Im Zweifel wohl eine eindimensionale Bibelauslegung oder ein Gefühl von Frömmigkeit.

Glauben ist hier nicht nur ein Exklusionsmechanismus.

Von hier aus gewinnt die klare Regelung der Mitgliedschaft bei Verbänden noch einen Pluspunkt. Wer dabei ist, ist geklärt – und dass „katholisch“ draufsteht und drin ist, heißt natürlich nicht, dass nur Katholik*innen drin sein können. Die Kriterien dafür, wer Leitungsämter übernehmen darf, sind in demokratischen Prozessen ausgehandelt worden, diese Leitungsämter werden durch Wahlen besetzt.

Hier haben alle das Recht, sich zu äußern.

Wer dabei sein will, muss nicht einen bestimmten Glauben oder eine bestimmte Praxis nachweisen, und niemand darf ihr*ihm das Recht absprechen, sich zu äußern, sich zu beteiligen, mitzubestimmen. Transparenz und Rechenschaftspflicht der Verantwortungsträger*innen sind ein Schutz, und sie nehmen die Mitglieder in ihrer Kompetenz ernst. Die klaren, demokratisch entwickelten Strukturen wahren die Würde der Verbandsmitglieder und verhindern Übergriffigkeit. Das sorgt für Vielstimmigkeit und wirkt Ausgrenzung und der Herrschaft über die Gewissen entgegen.

Vielstimmigkeit ist zu begrüßen.

Vielstimmigkeit nicht nur zu ertragen, sondern zu begrüßen ist in der Kirche aber nicht allgemein üblich – vielleicht, weil sie als Bedrohung der Einheit wahrgenommen wird. Und tatsächlich gibt es ja immer wieder Punkte, so Entscheidungen getroffen werden müssen und eben nicht alles geht. Das ist im Verband der Moment der Beschlussfassung. Man könne nicht über Glaubensfragen abstimmen, heißt es oft als Argument gegen Demokratie in der kirchlichen Amtsstruktur. Das tun auch die Verbände nicht, denn dankenswerterweise können sie den Glauben voraussetzen, als ein Geschenk, das wir immer schon erhalten haben. Ausdiskutieren und tatsächlich auch abstimmen muss man nur, wie dieses Geschenk in der Gegenwart weitergetragen werden soll und welche Aufträge sich daraus ergeben. Damit stellen katholische Verbände hörbar die Frage, ob nicht „katholischer Glaube“ definiert werden müsste durch das, was Katholik*innen glauben, und „katholische Lehre“ als das, was Katholik*innen als Lehre anzunehmen bereit sind.

Vom Wert einer kritischen Stimme.

Verbände schließen die Lücke zwischen persönlichen Überzeugungen und Lehramt, die entsteht, weil Menschen heute in einer Gesellschaft, die auf Freiheitsrechten beruht, selbstverständlich die ihnen vorgeschlagene Lehre mit ihrem eigenen Gewissen und vor der Instanz ihrer eigenen Vernunft abgleichen. In einer konsequenten Annahme dieser Wirklichkeit „stehen die (…) Verbände (…) vor der Herausforderung, in der großen Vielfalt der Sinnkonzepte und Weltdeutungen Kirche zu sein und in dieser Heterogenität eine anschlussfähige, glaubwürdige Verkündigung zu leben. Der Verband ist dabei für seine Mitglieder (…) eine Weise, Kirche in der Welt von heute zu sein: und zwar so, dass es ihren eigenen Werten entspricht und zugleich die Kraft hat, den Glauben nicht nur ins Heute zu übersetzen, sondern ihn auch weiter zu erschließen und aus ihm heraus Visionen für diese Welt zu entwickeln.“ (3) Kurz: Dass die Stimmen der Verbandsmitglieder konsequent gehört werden, führt dazu, dass sich die Verbände durchaus kritisch gegenüber der Politik und der Kirchenleitung äußern. Dieses Kritikpotential ist ein Wert der Verbandsarbeit, die – bezogen auf die Jugendverbandsarbeit – von der Würzburger Synode ausdrücklich gewürdigt und als Grundform der kirchlichen Jugendarbeit gewünscht wurde. Es darf der Kirche ebensowenig fehlen wie die Diakonie (Ursula Nothelle-Wildfeuer), und es als nicht-zugehöriges, gar schädliches Element in der Kirche zu betrachten heißt, die Kirche von der Welt trennen zu wollen – wie auch immer das gehen soll, wenn Menschen nicht vereinnahmt und aus ihren vielfältigen Rollen und Zugehörigkeiten isoliert werden sollen.

Gegen kirchliche Separierung von der Welt.

Der Skandal der sexualisierten Gewalt zeigt unübersehbar, dass die Trennung von der Welt nicht möglich ist und die Behauptung, die eigenen Strukturen seien den allgemein menschlichen Bedingungen der Geschichtlichkeit und Vorläufigkeit enthoben, die Kirche ihren Auftrag nicht nur verfehlen lässt, sondern diesen in ihr Gegenteil verkehrt: Sie dient dann nicht dem Leben, sondern führt zum Tod.

Zweifel ist keine Schwäche und Kritik kein Mangel.

Kritik zuzulassen und dem Zweifel Raum zu geben, ist theologisch geboten. Es ist keine Schwäche, sondern ein Schutz der Schwachen, kein Glaubensmangel, sondern eine Einladung zum Wachstum.

Hier geht Mission leise.

Und was die Mission angeht: Das Glaubenszeugnis der Menschen in den Verbänden kommt oft leise, diskret und in einer großen Selbstverständlichkeit daher – im Einsatz für Benachteiligte, im Freiwilligendienst, in politischer Lobbyarbeit für eine gerechtere Welt, in großen Sozialaktionen und in beharrlichem Einsatz. Da steht nicht unbedingt „Mission“ drauf, aber da ist Sendung drin.

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Autorin: Annette Jantzen ist Theologin und Pastoralreferentin in der Diözese Aachen. Sie arbeitet als Geistliche Verbandsleitung beim BDKJ Aachen und ehrenamtlich im Leitungsteam von „Zeitfenster“.

Foto: BDKJ Bundesverband

 

Anmerkungen:
(1) Link: https://www.bdkj.de/fileadmin/bdkj/bilder/referat_kirche-jugend/Broschuere_BDKJ_Theologie-der-Verbaende2015_FINAL300415.pdf
(2) Theologie der Verbände, 11.
(3) Theologie der Verbände, 14.

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