Mit Foucault im Seminar: Ergänzungen um den Aspekt der Pastoralmacht

Ein Seminarist hat sein Priesterseminar als Ort von Disziplinarmacht analysiert. Auf feinschwarz.net folgte eine Debatte um Priesterseminare und Priesterausbildung. Julia Lis führt die Diskussion weiter. Warum unterwerfen sich Seminaristen eigentlich freiwillig diesem System? Die Analysen sind um den Aspekt der „Pastoralmacht“ zu ergänzen.

Mit großem Interesse habe ich Maximilian Heuvelmanns kritische Analyse des Gebäudes sowie des Systems „Priesterseminar“ gelesen, in der er mit den Kategorien aus Michel Foucaults „Überwachen und Strafen“ das Seminar als Ort der Disziplinarmacht analysiert.

Mit Foucault im Seminar

Der Regens des Münchener Priesterseminars, Wolfgang Lehnert, hat auf diese Problematisierung des Seminars als Ort der Disziplin, Machtausübung und Unterwerfung von Individuen kritisch reagiert. Seine Kritik zielt u.a. darauf, dass Heuvelmann gerne einen machtfreien Raum erschaffen würde, was prinzipiell unmöglich sei, da es keine machtfreien zwischenmenschlichen Beziehungen gebe.

Mit Foucault im Seminar? Einwürfe zu den Gedanken von M. Heuvelmann

Es könne also nicht um Machtfreiheit, sondern um klare und transparente Kriterien gehen, nach denen Macht und Sichtbarkeit hergestellt werden, die Willkür ebenso verhindern wie totale Überwachung. Paulina Pieper hat ihrerseits in einem Leserinnenbrief meines Erachtens zu Recht kritisiert, dass dieser Einwurf doch recht apologetisch die innerhalb der Priesterausbildung zum Vorschein tretenden Machteffekte rechtfertigt, statt diese, und auch die Machtposition einer Ausbildungsleitung, einer selbstkritischen Überprüfung zu unterziehen und zu fragen, ob und wie sie welche Formen der Freiheit ermöglichen oder verhindern.

Mit Foucault im Seminar: Ein Leserinnenbrief

Was bislang in allen drei Beiträgen jedoch fehlt, ist die Frage, wieso sich die Seminaristen selbst diesem System freiwillig unterwerfen. Von solchen von Foucault beschriebenen Institutionen wie einem Gefängnis oder einer Psychiatrie unterscheidet sich ein Seminar ja dahingehend fundamental, – und darauf verweist auch Wolfgang Lehnert zurecht – dass die Individuen sich freiwillig entschieden haben, dort einzutreten und unter keinem äußeren Zwang stehen, dort zu verbleiben.

Welche Mechanismen werden wirksam, die eine freiwillige Unterwerfung ermöglichen?

Neben der objektiven Seite der äußeren Disziplinierung, die Heuvelmann sehr anschaulich und überzeugend beschreibt und analysiert, fehlt  in den bisherigen Debattenbeiträgen also die subjektive Seite, nämlich die Frage, welche Mechanismen hier wirksam werden, die eine freiwillige Unterwerfung ermöglichen.

Auf einen dieser Mechanismen geht Maximilian Heuvelmann dort ein, wo er von der Problematik vorgeblicher Freiwilligkeit spricht und kritisch nachfragt: „Wird die Überwachung damit nicht sogar verschärft, weil sie nicht gegenwärtig erscheint?“ Wenn sich Heuvelmanns Frage bejahen lässt und sich vielleicht auch darüber hinaus konstatieren ließe, dass Überwachung nicht nur dort besser wirkt, wo sie nicht mehr als gegenwärtig erscheint, sondern dort, wo sie überflüssig geworden ist, weil sie von den Subjekten internalisiert wurde, dann ist man an einer für das Verständnis von Foucault zentralen Frage angelangt. Es geht Foucault nämlich um das Zusammenwirken von Subjekt und Macht: „Das umfassende Thema meiner Arbeit ist also nicht die Macht, sondern das Subjekt“ (Foucault, 81).

Heuvelmanns Analysen sind um den Aspekt der „Pastoralmacht“ zu ergänzen.

In diesem Sinne wäre es interessant, Maximilian Heuvelmanns Analysen zum Seminar mit Foucault um den Aspekt der sogenannten „Pastoralmacht“ als einer grundlegenden Machttechnik, die sich in der christlichen Kirche entwickelt hat, nach Foucault aber längst in säkularisierter Form gesellschaftlich wirksam geworden ist, zu ergänzen.

Mit Pastoralmacht meint Foucault dabei eine Machtform, die auf der Annahme beruht, „wonach manche Menschen aufgrund einer religiösen Qualität die Fähigkeit besitzen, anderen zu dienen, und zwar nicht als Fürsten, Richter, Propheten, Wahrsager, Wohltäter oder Erzieher, sondern als Hirten“ (Foucault, 88). Die Subjektivierung als Hirten, als Menschen, die also diese besondere religiöse Qualität besitzen, scheint mir ein zentrales Moment zu sein.

Pastoralmacht: eine Machtform, die auf das Seelenheil ausgerichtet, opferbereit und individualisiert ist.

Gleichzeitig ist Pastoralmacht eine vorherrschende Machtform in der Kirche. Foucault beschreibt Pastoralmacht als eine Machtform, die auf das Seelenheil ausgerichtet, opferbereit und individualisiert ist (Foucault, 88). Diese individualisierende Machtform hat sich nach Foucault in säkularisierter Form auf die gesamte Gesellschaft verbreitet und ein Zusammenspiel mit der politischen Macht entwickelt (Foucault, 90).

An Maximilian Heuvelmanns Ausführungen wäre an diesem Punkt die Frage zu stellen, ob das Prinzip Seminar tatsächlich vorrangig der Auflösung von Heterogenität dient oder der Integration von Individuen, „sofern man dieser Individualität eine neue Form verleiht und sie einer Reihe spezifischer Mechanismen unterwirft“ (Foucault, 89). Die Pastoralmacht setzt auf eine Normierung und damit gerade nicht auf eine rein veräußerlichte Disziplin, sondern auf die Internalisierung bestimmter Normen durch die Individuen, denen sich diese unterziehen, um ein diesseitiges oder jenseitiges Heil zu erlangen.

Die Unterwerfung unter die Disziplin des Seminars ist an das Versprechen geknüpft, … selber befähigt zu werden, Pastoralmacht über andere auszuüben.

Sie ist damit eine Vorform neoliberaler Gouvernementalität, die auf die Selbststeuerung des Handelns durch Individualisierung setzt und in der Moderne eine wichtige Machtform darstellt. Interessant wäre somit, die von Maximilian Heuvelmann vorgenommene Analyse des „Seminars mit Foucault“ um die Machtform des Pastorats zu ergänzen. Dann ließe sich vielleicht besser erfassen, wieso der Unterwerfung unter die Disziplin des Seminars für den Einzelnen durchaus eine gewisse Attraktivität innewohnt: Sie ist an das Versprechen geknüpft, durch die im Seminar erlernten Techniken der Selbstkontrolle und Selbstoptimierung selber befähigt zu werden, Pastoralmacht über andere auszuüben – ein Hirte zu werden.

Eine grundlegende Kritik der Pastoralmacht jedoch würde nicht nur die Formen oder die veräußerlichte anachronistische Disziplin heutiger Seminare fragwürdig erscheinen lassen, sondern das Ziel der Seminarausbildung selbst: Nämlich die Herausbildung eines Klerikerstandes, der sich wesentlich aus der Masse des Volkes Gottes heraushebt.

Es geht also um weit mehr als die Reform der Priesterausbildung: es bräuchte vielmehr eine kirchliche Revolution.

Es geht also um weit mehr als die Reform der Priesterausbildung: es bräuchte vielmehr eine kirchliche Revolution, die jeden Anspruch von Hirtenamt abschafft, um stattdessen die radikale Gleichheit im ganzen Volk Gottes einzufordern.

An dieser Stelle könnte natürlich Wolfgang Lehnert mit einigem Recht erneut einwenden, dass die Vorstellung absoluter Machtfreiheit gefährlich sein kann, besonders wenn sie als etwas erscheint, was einfach durch ein verändertes Verhalten der Individuen hergestellt werden soll. Das jedoch ist hier nicht gemeint: Der Anspruch, der hier formuliert wird, ist vielmehr der einer radikalen Machtkritik, die nicht nur Disziplinierungstechniken infrage stellt, sondern auch andere, subtilere Formen der Machtausübung in der christlichen Gemeinschaft sichtbar macht und an den Maßstäben des Evangeliums orientiert kritisch befragt.

Alle Reformen, denen es nicht gelingt sich auf dieses Ziel hinzubewegen, verbleiben dagegen rein kosmetisch.

Eine solche Machtkritik sucht nach dem Abbau von Assymetrien, die von der Vision einer Gemeinschaft von Gleichen geleitet werden, wobei die Gleichheit nicht die Unterschiedlichkeit infragestellt, sondern jegliche Fundierung von Herrschaft, die auf diese Unterschiede gegründet wird. Alle Reformen, denen es nicht gelingt, sich auf dieses Ziel hinzubewegen, verbleiben dagegen rein kosmetisch, weil sie ihre Machtkritik zu sehr auf der Oberfläche belassen und ihre Tiefenstruktur dadurch nicht in den Blick genommen wird.

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Julia Lis ist Theologin und Mitarbeiterin am Institut für Theologie und Politik (ITP) in Münster.

Bildquelle: Pixabay

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Literatur:

Foucault, Michel: Subjekt und Macht, in: Ders. (Hg.): Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst, Frankfurt am Main 2007, S. 81-104.

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