Motivation, Auftrag … und doch auch Enttäuschung: Kommentar zu „Geliebtes Amazonien“

Die Amazoniensynode schürte eine Fülle an Erwartungen. Das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus „Querida Amazonia“ enthält aus entwicklungspolitischer Sicht viel Motivation und Auftrag; gerade aus Sicht der Frauen und aus kirchenreformerischer Sicht jedoch auch Enttäuschung – so der Kommentar von Anja Appel. Das kleine Signal ist ausgeblieben.

Der Papst hat am 12. Februar 2020 sein lehramtliches Schreiben „Querida Amazonia“ zu den Ergebnissen der Amazoniensynode 2019 veröffentlicht und damit alle überrascht, viele sehr wahrscheinlich auch enttäuscht.

Reflexionsrahmen in vier Träumen: sozial, kulturell, ökologisch, kirchlich

Die Überraschung besteht darin, dass Papst Franziskus entgegen der bisherigen Male das Abschlussdokument der Synode in seinem postsynodalen Schreiben offiziell vorstellt, ohne es zu zitieren. Er legt vielmehr lediglich einen „Reflexionsrahmen“ vor, den er in vier Träumen formuliert: ein sozialer, ein kultureller, ein ökologischer und ein kirchlicher Traum. Dieser Reflexionsrahmen, so wurde auf der Pressekonferenz deutlich, muss als Brille für die Auslegung des Synodenabschlussdokuments dienen. Was dies kirchenrechtlich zu bedeuten hat, wird womöglich in den nächsten Monaten diskutiert werden, genauso wie die Frage, ob „Träume“ bereits lehramtlich kategorisiert sind. Aber das Bild an sich gefällt mir, denn es erinnert mich an ein Sprichwort: „Wenn einer allein träumt ist es nur ein Traum. Wenn Menschen gemeinsam träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“

Dem Papst scheint es ein zentrales Anliegen, die Kirche und vor allem die Bischöfe, hin zur synodalen Gemeinschaft zu führen. Ein Volk Gottes, das gemeinsam den Weg erkennt, gelenkt durch den Heiligen Geist. Dass für ihn auch die Ergebnisse der letzten Synode einen wichtigen Stellenwert haben, ist glaubhaft, denn er empfiehlt nicht nur deren Lektüre, sondern den jeweiligen Ortskirchen und Gläubigen auch die Rezeption, Deutung und Umsetzung derselben vor der je eigenen ortskirchlichen Situation.

Zwischenschritte in einem Prozess

Für die allgemeine Rezeption ist es sicher hilfreich, die dreiwöchige Synodenzeit und auch diese Auslegung des Papstes nicht losgelöst, sondern als Zwischenschritte in einem Prozess der Auseinandersetzung in der Region und in der lateinamerikanischen Kirche. Mit der Synode im Herbst 2019 wurde diese Auseinandersetzung und theologische Entfaltung auf eine weltkirchliche Bühne gehoben, wurden die Themen der Peripherie zu den Themen des Zentrums. Selbstverständlich wurden damit weltweit Hoffnungen genährt. Hoffnungen auf ein verstärktes kirchliches Engagement für die Lösung ökologischer und sozialer Krisen und auf eine Verstärkung des Bekenntnisses zur wirtschaftspolitischen Transformation.

Der Bruch erscheint im vierten Traum, wenn es um die Rolle der Frauen und das Priesteramt geht.

Andererseits wurde dadurch auch extremer Gegenwind provoziert, was die pastoralen Fragen anging, die auch in anderen Ortskirchen einer Antwort harren. Und so scheinen die päpstlichen Träume ein Art Spiegelbild dieser Polarität zu sein: Was Papst Franziskus in den ersten drei Träumen formuliert, entspricht, wenngleich poetischer eingefasst, den Kernbotschaften nicht nur der Synode, sondern auch der im Vorfeld verwendeten Dokumente: das gute Leben für alle, die Anerkennung der Kultur, die soziale Gerechtigkeit und die Rettung des Ökosystems auf alle erdenklichen Wegen. Der Bruch erscheint erst im vierten Traum, wenn es um die Rolle der Frauen und das Priesteramt geht.

Eine persönliche Einschätzung aus entwicklungspolitisch geprägter Sicht

Es hat einen großen Wert, dass Papst Franziskus die Synodalität mit praktischem Leben erfüllt und dadurch ein Feuer entfacht für die fruchtbare und erfüllende Erfahrung dieses gemeinschaftlichen Weges. Als Beispiel für die gesellschaftliche Auseinandersetzung kann so eine Art der Meinungsbildung vorbildhaft wirken und uns alle dabei unterstützen, in konfliktiven Situationen friedvoll zu Lösungen zu kommen. Wir werden das nötig haben.

Aber das Instrument steht innerkirchlich leider noch immer erst am Anfang, es hat noch prozessuale Fehler, institutionelle Gegner: so wurde etwa auf dieser Synode in der Mitte der Versammlung von der Kurie eine Beschlussvorlage zur Diskussion vorgelegt, die von allen Sprachzirkeln in ihrer Tiefe, Genauigkeit, und Grundaussage infrage gestellt wurde. Weit über 800 Änderungsanträge wurden in wenigen Tagen von den Sprachzirkeln eingebracht. Man stelle sich vor, die erste Vorlage wäre eine passendere gewesen. Wieviel Zeit wäre den Synodalen geblieben, um noch intensiver die einzelnen Punkte zu diskutieren? Diesen prozessualen Stolperstein hätte der Papst ausräumen können, im Nachhinein abgelten durch eine zusätzliche Anmerkung zu dem, was aufgrund des Zeitdrucks nicht entfaltet werden konnte. Mit Sicherheit war ihm von Anfang an klar, dass das Dokument für sich stehen bleiben würde, denn er hatte sich auf der Synode mehrfach das Überlaufen von mutigen Ideen gewünscht und etwa das Kapitel zu den Frauen als zu dünn kommentiert. Wäre es umfangreicher gewesen, würde seine Auslegung dazu jetzt nicht so viele zurückweisen.

Insgesamt ist jetzt zwar alles konkreter, weil am Beispiel Amazoniens exemplifiziert, aber in der eigentlichen Analyse und Ausdeutung leider nicht wirklich sehr viel weiter.

Auch für die Klarheit der Formulierungen und für den erneuten Appell gebührt Papst Franziskus Anerkennung. Insgesamt ist jetzt zwar alles konkreter, weil am Beispiel Amazoniens exemplifiziert, aber in der eigentlichen Analyse und Ausdeutung leider nicht wirklich sehr viel weiter. Die dramatische Situation der indigenen Bevölkerung hat sich zwar in den letzten Jahren zugespitzt und die Folgen des Klimawandels werden auch jetzt immer deutlicher, aber bekannt und analysiert (etwa in der lateinamerikanischen Kirche) ist all dies schon lange, genauso wie die Notwendigkeit, die wirtschafts- und kapitalpolitischen Zusammenhänge sowie die und die Verantwortlichkeiten klar zu benennen. Was etwa im Vorbereitungsdokument noch klar formuliert wurde, nämlich die Verstrickungen und Verantwortung der internationalen Gemeinschaft in die Krisen Amazoniens, kommen im Synodenpapier nicht mehr vor. Der Heilige Vater hat die Chance vertan, diese Schwäche des Synodenabschlusspapiers auszugleichen und eine Übersetzungsmöglichkeit für die Weltkirche anzubieten.

„Die Genderfrage ist eine der zentralen Fragen, um nachhaltige, ganzheitliche Entwicklung und ein gutes Leben für Alle zu erreichen.“

Und nun die Frage der Frauen: im entwicklungspolitischen Diskurs ist es seit langem Common Sense, dass fast alle Probleme der weltweiten Armut, ungerechten Verteilung und Teilhabe sowie eine Vielzahl von Konflikten mit der benachteiligten Stellung der Frauen zusammenhängen. Die Genderfrage ist eine der zentralen Fragen, um nachhaltige, ganzheitliche Entwicklung und ein gutes Leben für Alle zu erreichen. Und wie es die CIDSE-Generalsekretärin Josianne Gauthier formuliert hat: „Die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, ist mit der Art und Weise, wie wir den Planeten behandeln, verflochten. Die Anerkennung der Gleichheit und Würde von Frauen, ob in der Gesellschaft insgesamt oder in der Kirche, bedeutet, dass man sich dafür entscheidet, Gerechtigkeit für alle zu verteidigen.“

Da hätte es gut getan und wäre zudem für die Glaubwürdigkeit unseres Engagements hilfreich gewesen, wenn Papst Franziskus, der wahrlich erfüllt zu sein scheint von der Idee der Umkehr, den Frauen und Männern in Amazonien und der Weltgemeinschaft ein Signal geschenkt hätte. Ein Signal für das ernsthafte Bemühen um Transformation. Natürlich stehen die Ergebnisse der Synode für sich und können ihre Wirkung entfalten, aber es ist eben noch immer ein Unterschied. Auch wenn für die Indigenen diese Frage nie im Zentrum gestanden ist, hat das Resultat eine Wirkung, auch auf Kirche in Amazonien. Die Bischöfe und Gemeinden dort werden erneute Anstrengungen auf sich nehmen müssen, um sich mehr Möglichkeiten zu schaffen. Angesichts der Bedrohungen des Lebens vor Ort, wäre es mindestens zweckdienlich gewesen, ihnen wenigstens diese Mühsal zu ersparen.

Das kleine Signal ist ausgeblieben

Es war nie zu erwarten, dass es weitreichende Lösungen oder gar lehramtliche Dammbrüche gibt. Aber das kleine Signal ist ausgeblieben. Und ehrlich, viele Menschen haben auch aufgrund dieser Frage und ihren indirekten und direkten Folgen, der Kirche in den letzten Jahrzehnten vor allem in Europa den Rücken gekehrt. Vielleicht hätte ein solches Signal sie zurückkommen lassen, um Teil von Gemeinden zu sein, die als Transformationsriemen Gesellschaft gestalten. Das ist eine Enttäuschung. Die Kirche scheitert hier an ihren eigenen Ängsten und damit daran, eine zentralen Schritt Richtung Transformation zu gehen.

Paulo Suess, ein theologischer Berater vor und auf der Synode, hat in einem Kommentar nach der Synode gemeint „Wir haben den Ball vor das Tor gebracht.“ Der Papst hätte ihn nur noch reinschießen müssen. Leider ist er mit diesem Ball am in der biologistischen Argumentation einbetonierten Pfosten gescheitert. Das System „Kirche“ von top-down auf bottom-up hinzuentwickeln braucht seine Zeit und ist sicher die Mühe wert. Die Frage ist, ob die aktuell in umfänglichen Ausmaß dokumentierten Krisen der Welt diese Zeit haben.

Dr. Anja Appel ist Politikwissenschafterin. Von 2007 bis 2018 war sie bei der Katholischen Frauenbewegung Österreichs tätig. Seit März 2018 ist sie Geschäftsführerin der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission (KOO).

Beitragsbild: Photo by Nathalia Segato on Unsplash

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