Außergewöhnliche Gefühle in außergewöhnlichen Situationen

Die Kolumne für die kommenden Tage 3

Hoffnung
leicht
zerborsten
aufgerieben
zwischen Panik und Wut

alle gucken nur noch auf den Boden
auf der Straße
Distanz
wir frieren ein
zurückgeworfen auf uns selbst
zurückgeworfen auf mich
zerrieben zwischen Gedanken, Gefühlen und Gebetsfetzen
und dem

Nichts

da bin ich
ich bin da
ich spüre Boden unter meinen Füßen
spüre wie mein Atem geht
er kommt und geht von selbst

ich lege meine Hände ineinander
und verharre so

mein Atem geht und kommt

beim Ausatmen sage ich leise in mir
Jesus
zu dir

beim Einatmen sage ich leise
Christus
zu dir

Jesus
Christus

Ich komme zur Ruhe, komme bei mir an.
Ruhe
Atmen
Du
das Ich wird am Du

Du
machst mich frei
schenkst mir Halt

Du
mein Gott

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Diese Situation, in der wir uns gerade auf der ganzen Welt befinden, ist eine Situation, die außergewöhnlich ist. Sie erzeugt unterschiedliche Gedanken und Gefühle. In außergewöhnlichen Momenten sind außergewöhnliche Gefühle normal.

Sich in dieser Situation immer wieder zu besinnen, kurz innezuhalten (z.B. wie beim Vaterunser-Beten während des Händewaschens), kann Distanz schaffen zu all dem, was gerade passiert. Innehalten kann freimachen – frei, sich mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen, mit Fragen, die auftauchen, die Zeit brauchen, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Krankheiten bergen in sich die Chance zu fragen, was jetzt wirklich wichtig ist, was insgesamt wirklich wichtig ist. Sie bieten die Gelegenheit für spirituelle Orientierung. Mit Elisabeth Kübler-Ross ist zu sagen, dass vielleicht jetzt in dieser Situation die Gelegenheit gegeben ist, „unerledigte Geschäfte“ anzugehen. „Unerledigte Geschäfte“ sind die Dinge, die ich in meinem Leben so klären muss, dass ich am Ende meiner Tage sagen kann, dass ich mein Leben gelebt habe.

Eine Übung, die ich in Fortbildungen gerne mit medizinischem Personal in der Auseinandersetzung mit Leben, Sterben und Tod anbiete, ist die Frage: Wie soll mein Leben sein, damit ich am Ende meiner Tage sagen kann, dass ich es gut gelebt habe?

Über die Frage, welches Auto ich gefahren haben oder welchen Gipfel ich erklommen haben muss, kommen eigentlich alle relativ schnell zu den wirklich wichtigen Fragen – zum Beispiel: Wo will ich mich noch versöhnen?
Habe ich meinen Angehörigen oft genug gesagt und gezeigt, dass ich sie liebe?

Die Zeit jetzt bietet die Chance, sich mit den Fragen, die jede/n einzelne/n beschäftigen auseinanderzusetzen – für ein gelingendes Leben, damit wir alle „das Leben in Fülle“ (Joh 10,10) haben.

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Autorin: Annette Stechmann, Theologin und Klinikseelsorgerin in Göttingen.

Bild: Annette Stechmann

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