Nur Theologiestudium light?

Zum Wintersemester beginnen in Deutschland zwei weitere evangelisch-theologische Masterstudiengänge, die den Quereinstieg in den Pfarrberuf für Menschen mit einem anderen Studienabschluss ermöglichen. Kerstin Menzel über Chancen und Hintergründe.

Die „Vermittlung des Fachwissens [gelangt] über das Niveau eines theologischen Grundstudiums beziehungsweise Bachelorabschlusses kaum hinaus[…].“ Persönliche fachliche Schwerpunktsetzung ist ebenso wenig möglich wie Interdisziplinarität oder „fächerübergreifende theologische Reflexion“. In einem Artikel in der FAZ bringt Michael Beintker, Emeritus am Reformierten Seminar an der Universität Münster, eine weitverbreitete Kritik an Weiterbildungs-Masterstudiengängen für Evangelische Theologie zum Ausdruck, wie sie mit Beginn des Wintersemesters an zwei bzw. drei weiteren Fakultäten starten.

„über das Niveau eines theologischen Grundstudiums kaum hinaus“?

Einer wird in Greifswald und einer in Kooperation der Universitäten Mainz und Frankfurt/M. angeboten. Die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel will im Sommersemester 2021 folgen. Ebenso wie die bereits bestehenden Masterstudiengänge in Marburg und Heidelberg bieten sie Menschen, die bereits einen anderen akademischen Abschluss und eine gewisse Zeit Berufserfahrung mitbringen, die Möglichkeit, in einem zeitlich reduzierten Rahmen einen theologischen Abschluss zu erwerben, der in vielen Landeskirchen den Zugang zum Pfarrberuf eröffnet.[1] Die Einrichtung der Studiengänge folgt der Einigung von EKD und Evangelisch-Theologischem Fakultätentag auf eine Rahmenordnung für einen Weiterbildungsstudiengang „Master of Theological Studies“.

Sind diese Studiengänge wirklich nur ein „Theologiestudium im Schnelldurchlauf“ ohne „vollumfängliche Einhaltung akademischer Standards“, wie Beintker meint? Dem ist dreierlei entgegen zu halten:

1. Keine ganz neue Idee

Bis in die 1980er Jahre gab es in vielen Landeskirchen in Ost und West bereits Möglichkeiten eines Quereinstiegs für Berufstätige. Mit Ausnahme der Ausbildung zum Pfarrverwalter an der Kirchlichen Hochschule Neuendettelsau[2] und einem Angebot der hessisch-nassauischen Kirche richteten sich die westdeutschen Modelle dabei überwiegend an Menschen aus kirchlichen Berufen: Diakon*innen, Gemeindepädagog*innen, Absolvent*innen von Missionsschulen. Sie waren häufig seminaristisch ausgerichtet. Mit dem Anstieg der Studierendenzahlen in den 1980ern wurden diese Programme weitgehend eingestellt.

Seminaristischer Quereinstieg für Menschen aus anderen kirchlichen Berufen

Auch in der DDR gab es Möglichkeiten des Quereinstiegs – insbesondere die Predigerschulen in Wittenberg/Erfurt und Berlin.[3] Nachdem in den 1950ern v.a. Kriegsrückkehrer und Vertriebene ausgebildet wurden, waren es zunehmend jüngere Studierende im dritten Lebensjahrzehnt, denen der Zugang zum Abitur aus politischen Gründen verweigert wurde und die z.B. eine handwerkliche oder landwirtschaftliche Berufsausbildung abgeschlossen hatten. Ende der 1970er Jahre war die Ausbildung außer dem Erwerb der alten Sprachen dem theologischen Studium sehr nahe, 1978 wurde sie rechtlich und finanziell dem Studium an Universitäten und Kirchlichen Hochschulen gleichgestellt.[4] Immerhin 20% der Pfarrerschaft wurden in der DDR an Predigerschulen ausgebildet![5] Bei genauerem Hinsehen wird jedoch deutlich, dass auch diese Ausbildung seminaristischen Charakter hatte: Studierende waren parallel in Gemeinden eingebunden und absolvierten ausführliche Praktika, häufig wohnten sie auch gemeinsam und es wurde Wert auf gemeinsames geistliches Leben gelegt. Nur wenige Lehrende waren an der Schule angestellt, die meisten unterrichteten neben ihrem Pfarramt.

Akademisierung des Quereinstiegs statt Reduktion akademischer Qualität

Die vorhergehenden theologischen Weiterbildungsmöglichkeiten für den Pfarrberuf lassen sich nicht so einfach mit den neuen Masterstudiengängen vergleichen.[6] Auf dem Hintergrund der Geschichte lassen sich letztere aber eher als Akademisierung des Quereinstiegs lesen denn als Reduktion akademischer Qualität.

2. Pfarrer*innenmangel als Grundmovens?

Beintker argumentiert, dass die Kirchen alternative (und leichtere) Zugänge zum Pfarrberuf vor allem aufgrund des bereits spürbaren Nachwuchsmangels vorantreiben würden. Das ist sicher nicht falsch, aber die Ideen für einen Quereinstieg haben auch zwei andere Begründungen.

Korrektur von Ausschlüssen

Der erste drückt sich in dem sehr angestaubten Begriff „Spätberufene“ aus, der zuweilen für den Einstieg in den Pfarrberuf als second career noch verwendet wird. Die Eröffnung alternativer Zugangswege nimmt ernst, dass  Glaubenswege nicht allein über kirchliche Sozialisation gehen, dass Biografien unterschiedlich verlaufen, manche innere Berufung aus finanziellen oder formalen Gründen zurück gestellt wird, dass sich Entscheidungen über Berufswege ändern können. Wie schön, wenn auch Theologie und Kirche die Korrektur mancher Ausschlüsse erlauben, die allgemeingesellschaftliche Wertschätzung lebenslangen Lernens strukturell integrieren und ein Angebot machen, das den besonderen Bedürfnissen derer versucht gerecht zu werden, die bereits eine akademische Ausbildung sowie eine längere Lebens- und Berufserfahrung mitbringen, die vielfach Familien zu versorgen haben und für die deshalb ein grundständiges Studium oft unmöglich ist. In anderen Ländern ist das längst selbstverständlich.

Übrigens war die Wahrnehmung von innerer Berufung, also dem Wunsch wie auch den vorhandenen Fähigkeiten für das geistliche Amt, auch eine der wesentlichen Triebkräfte für die Frauenordination. Der Anlass war zwar an vielen Stellen der Pfarrermangel – bei den ersten Amtsausübungen im Krieg wie auch bei der Etablierung der Frauenordination in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das tiefere Movens war jedoch die Erkenntnis, dass die bisherige Praxis den Wegen nicht gerecht wird, auf die Gott Menschen führt.

Erkenntnis: bisherige Praxis wird den Wegen nicht gerecht, auf die Gott Menschen führt.

3. Vielfältige Biografien für ein vielfältiges Amt

Das zweite Argument jenseits reiner Personalgewinnung denkt eher von der Institution her. Kirchlicher Dienst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten pluralisiert, der Ausdifferenzierung der Gesellschaft folgend. Der Pfarrberuf in seinen parochialen und funktionalen (und beides kombinierenden) Spielarten ist vielfältig geworden und erfordert ganz unterschiedliche Profile theologischer Arbeit. Dabei brauchen die Kirchen Menschen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen  – und da ist in der deutschen evangelischen Kirche noch Luft nach oben – ebenso wie Menschen mit Einblicken in unterschiedliche gesellschaftliche Teilbereiche. Quereinsteiger*innen können da eine große Bereicherung sein.

Menschen mit Einblick in unterschiedliche gesellschaftliche Teilbereiche

Der Eindruck vieler Ostdeutscher, dass die DDR-Kirche „näher bei den Menschen“ war, hatte vielleicht nicht nur mit den fehlenden Privilegien der Kirche und der geteilten Realität ökonomischen Mangels zu tun, sondern auch damit, dass ein wesentlicher Teil der Pfarrer*innenschaft aus dem Fachabitur oder der Zeit vor der Predigerausbildung sehr genau wusste, wie sozialistischer Berufsalltag jenseits der Kirche aussieht. Meinen grundständigen Studierenden würde ich heute zuweilen etwas mehr Kenntnisse im Bereich der allgemeinen Arbeitswelt wünschen. Nicht allein philosophisch-theologische Reflexionsfähigkeit, sondern auch Wahrnehmungskompetenz des Alltagslebens der Menschen macht eine gute Theologin aus.

Viele Studierende der bereits existierenden Masterstudiengänge haben beruflich oder ehrenamtlich schon einige Jahre im kirchlichen Bereich mitgearbeitet. In ihrem Erststudium haben sie sich wissenschaftliche Grundfertigkeiten und ein weiteres Wissenschaftsfeld bereits erschlossen, nicht selten eines, das sich mit der Theologie an manchen Stellen überschneidet. Die „mehrjährige[…] Bildungsgeschichte, in deren Verlauf theologische Kompetenz, fundierte Reflexionsfähigkeit und durchdachte Kommunikationsbereitschaft mit den heutigen Lebens- und Ausdrucksformen des christlichen Glaubens erworben“ wird (Beintker) erstreckt sich damit eben nicht auf die vier bzw. berufsbegleitend sechs Semester Zweitstudium (plus zumeist vorlaufendes Sprachen- und Bibelkundestudium), sondern hat längst vorher begonnen. Und laut Rahmenordnung sind die Landeskirchen sogar verpflichtet, individuelle Vertiefungsmöglichkeiten in Vikariat und ersten Amtsjahren anzubieten – ausdrücklich in Kooperation mit den Theologischen Fakultäten!

Theologische Bildungsgeschichte beschränkt sich nicht auf vier oder sechs Semester.

4. Master ist nicht gleich Master

„In allen drei Phasen, Studium, Vorbereitungsdienst und Fortbildung in den ersten Amtsjahren, sind die aus vorangegangener akademischer Qualifikation und Berufstätigkeit mitgebrachten Kompetenzen und Erfahrungen zu berücksichtigen.“ (Rahmenordnung §1, Satz 4).

Die Marburger Fakultät als Vorreiterin des Weiterbildungsmasters[7] in Deutschland hat die neuen Studierenden nicht ins bestehende Studienangebot integriert, sondern bereits 2007 ein spezifisches, an den Voraussetzungen und Bedürfnissen eines berufsbegleitenden Zweitstudiums orientiertes Format entwickelt, das jedes Modul mit intensiven Präsenzphasen beginnt und abschließt und damit das Eigenstudium anhand von Studienbriefen und Arbeitsaufträgen rahmt. Besonders beachtenswert ist, dass alle Module neu entwickelt und interdisziplinär durch je eine historische und eine auf Gegenwartsfragen bezogene theologische Disziplin angeboten werden. Diese Kooperation der Fachvertreter*innen hat auch die Arbeit im grundständigen Studium bereichert und ist vielleicht der Hintergrund für die ausdrückliche Forderung von Interdisziplinarität in der Rahmenordnung – einem häufigen Desiderat auch im grundständigen Theologiestudium.

ein interdisziplinäres, an den Voraussetzungen und Bedürfnissen eines berufsbegleitenden Zweitstudiums orientiertes Konzept

Dem Konzept des Studienganges entsprechend geht nur ein Teil der Absolvent*innen im Anschluss ins Vikariat, andere arbeiten (weiterhin) im „Bildungs- und Sozialwesen, in Diakonie und Wohlfahrtsverbänden, in den Medien und in der Kulturarbeit“[8]. Die Erfahrungen in Marburg zeigen, dass die Studierenden hohe Motivation und Reflexionsfähigkeit mitbringen und nicht nur finanziell, sondern auch im Blick auf die Mehrbelastung eines berufsbegleitenden Studiums bereit sind viel zu investieren.

Nutzen die Studiengänge die Chancen eines akademischen Quereinstiegs?

Den Eindruck einer solchen spezifischen Konzeption erwecken die Studiengänge in Heidelberg, Greifswald und Mainz/Frankfurt nicht. Die Module folgen der klassischen Fächeraufteilung, die Studierenden werden weitgehend ins vorhandene Lehrangebot integriert, nur einzelne Module scheinen dezidiert die bisherige berufliche Erfahrung im Hinblick auf das Theologiestudium zu reflektieren. Inwiefern diese Studiengänge sich also für ein berufsbegleitendes Studium wirklich bewähren und die Chancen eines akademischen Quereinstiegs in die Theologie tatsächlich nutzen, bleibt also abzuwarten und wird sich in den Lehrveranstaltungen entscheiden. Den Masterstudiengang insgesamt und dessen Ziel des Quereinstiegs in den Pfarrberuf abzuwerten, gibt es jedoch einstweilen keinen Anlass.

Dr. Kerstin Menzel ist Assistentin am Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Universität Leipzig und Mitarbeiterin in der DFG-Forschungsgruppe „Sakralraumtransformation. Funktion und Nutzung religiöser Orte in Deutschland“. Sie wurde an der Philipps-Universität Marburg mit einer Arbeit über den Pfarrberuf in ausgedehnten Verantwortungsbereichen promoviert.


[1] Davon zu unterscheiden ist zunächst das Modellprojekt Famulatur der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, das Studierenden des berufsbegleitenden Weiterbildungsmasters in der Zeit des Studiums eine kirchliche Anstellung ermöglicht.

[2] Diese Ausbildung ist auch insofern einzigartig, als sie sich an Menschen richtet, die kein Abitur haben. Nach einer Unterbrechung in den 1980ern wurde dieser Studiengang 1999 wiederbelebt und umfasst 8 Semester Vollzeitstudium.

[3] Vgl. Hans-Joachim Kittel, Die Ausbildung an der Evangelischen Predigerschule der Kirchenprovinz Sachsen in Wittenberg und Erfurt 1948-1993. Ein Beispiel für den Zugang zum Pfarramt auf dem zweiten Bildungsweg, in: Peer Pasternack (Hg.), Hochschule & Kirche, Theologie & Politik. Besichtigung eines Beziehungsgeflechts in der DDR, Berlin 1996, 260-267.

[4] Uwe Grelack / Peer Pasternack, Theologie im Sozialismus. Konfessionell gebundene Institutionen akademischer Bildung und Forschung in der DDR. Eine Gesamtübersicht, Berlin 2016, 81. Rechtlich wurde die Gleichstellung in den Kirchen der EKU (DDR) umgesetzt, praktisch in den lutherischen Kirchen mitvollzogen.

[5] A.a.O., 80.

[6] Noch einmal ein anderes Thema ist die Ordination von Gemeindepädagog*innen in einigen ostdeutschen Kirchen, die bis heute in der Ev. Kirche in Mitteldeutschland und der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz aufrecht erhalten ist. Vgl. dazu Hanna Kasparick / Hildrun Keßler, Aufbrechen und Weiterdenken: Gemeindepädagogische Impulse zu einer Theorie von Beruflichkeit und Ehrenamt in der Kirche, Leipzig 2019.

[7] Ulrike Wagner-Rau, Neben dem Beruf Theologie studieren. Der Marburger Masterstudiengang Evangelische Theologie, in: PTh 97 (2008), 463-470.

[8] A.a.O., 466.

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