Überall ist vom Priestermangel die Rede. Bernhard Nitsche meint jedoch, es gäbe mehr als genug davon – wenn die Kirche denn ein theologisch passenderes Ämterverständnis hätte. Denn sie leidet nicht unter einem Priester-, sondern unter einem Ordinationsmangel.
Seit vielen Jahrzehnten ist es common sense auch römisch-katholischer Exegese, dass es neutestamentlich – dem Begriff und der Sache nach – kein priesterliches Amt gibt, das kultisch dimensioniert oder ekklesial exponiert ist. Zuletzt haben je auf ihre Weise Martin Ebner und Michael Theobald darauf hingewiesen, dass das Neue Testament entgegen den Strukturen der griechisch-römischen Gesellschaft weder einen Kultpriester kennt noch – nach den Taufformeln des Paulus – eine Dichotomie innerhalb der Gemeinde, die Menschen in über- und untergeordnete Kategorien einteilt. Ein solches Ansinnen steht für Paulus nach Gal 3 im Widerspruch zum Christusglauben.
Alle sind eine heilige Priesterschaft
In diesem Sinne sind alle Christ:innen der Gemeinde eine heilige Priesterschaft, die in ihrem christusgemäßen Lebensvollzug Gottes Zuwendung zu den Menschen bezeugen und in gottgemäßen Ebenbildhandlungen vergegenwärtigen soll:
„Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“ (1 Petr 2,9).
Neutestamentlich gesehen umfasst die römisch-katholische Kirche ca. 1,4 Mrd. Christ:innen in priesterlicher Existenz.
1. Ämter im Sinne des Neuen Testaments
Die Ämter, die das Neue Testament kennt, sind allesamt nachösterliche und nachapostolische Größen. Sie sollen die Christgläubigen in ihrem christlichen Glaubensvollzug und in ihrer christlichen Zeugenschaft beförden und ermutigen. Zugleich sollen sie darauf achten, dass die Christ:innen in ihrer Mündigkeit für Christus Zeugnis ablegen und der Einheit des Leibes Christi dienen.[1] Am Beispiel des Epheser-Briefes hebt Michael Theobald hervor:
„Mit diesem christologisch-pneumatologischen Ansatz verbindet sich eine weitere Überzeugung […]: Die konkrete Ausgestaltung der Ämter und Dienste besitzt einen Zeit- und Ortsindex. Das heißt: Bei der Ausgestaltung der Ämter sind die Bedürfnisse des Leibes Christi zu gegebener Stunde und am gegebenen Ort zu berücksichtigen. […] Die kirchengründende Funktion der Apostel als Osterzeugen ist nach dem Verständnis [nicht nur – B.N.] des Epheserbriefs unübertragbar (vgl. Eph 3,1–13). Deshalb kann – strenggenommen – auch nicht von einem Amt der Apostel oder Propheten gesprochen werden.“[2]
Opferpraxis aufgehoben
Ebenso kann für den Hebräerbrief nach Martin Ebner mit Erich Gräßer herausgestellt werden, dass in Jesus Christus jede Opferpraxis aufgehoben ist und abgelöst wurde, weil bereits prophetisch Gott Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit will statt Opfer:
„‚Durch Christus lasst uns also Gott allezeit das Lobopfer darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen. Vergesst nicht wohlzutun und mit anderen zu teilen; denn an solchen ‚Opfern‘ hat Gott Gefallen‘ (Hebr 13,15f.). Anders gesagt: Das wahre ‚Opfer‘ ist ein den Menschen zugewandtes Leben im Respekt vor Gott. Und dieses ‚Opfer‘ kann jede und jeder darbringen. ‚Darum ist allen Versuchen, Christus erneut als Opfer ex opere operato zu fassen und … den Nachfolgern Christi und Verkündigern der Herrschaft Gottes eine Priesterfunktion zu reservieren … durch die eigentliche Intention des Hebräerbriefes der neutestamentliche Boden entzogen.‘“[3]
2. Das Zweite Vatikanische Konzil
Vor diesem biblischen Hintergrund hat das Zweite Vatikanische Konzil zwei Konsequenzen gezogen, deren initiative Orientierung im Blick auf die Architektur der Ekklesiologie und die kirchliche und theologische Terminologie nicht unterschätzt werden kann. Zum einen geht es um das christologisch und soteriologisch Gemeinsame und die fundamentale Gleichheit im Volk Gottes. Alle Unterscheidungen in der Kirche sind nur innerhalb dieser Gemeinsamkeit und Gleichheit anzusetzen.
Sacerdos ist sachlich ungeeignet
Die Gemeinsamkeit im Priestertum bezieht sich auf die in Taufe und Firmung begründete Teilhabe aller am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Jesu Christi als dem Haupt der Kirche. Zum anderen hat das Konzil mit wenigen Ausnahmen, die der Rezeption im Wandel geschuldet sind, auch terminologisch die Konsequenz gezogen, dass der Begriff „Priester“ (sacerdos) sachlich ungeeignet ist, um die differencia specifica zwischen dem allen gemeinsamen Priestertum in der Nachfolge Jesu Christi als dem Haupt der Kirche und dem Amt des Presbyters (spirituell reifen Ältesten) zu bezeichnen, für das eigens sakramental ordiniert wird.
Alle sind berufen
Ausdrücklich weist LG 10 im Hinblick auf die neue Taxierung des überholten, alten hierarchischen Denkens der lateinischen Tradition und insbesondere der Pius-Päpste darauf hin, dass die Christgläubigen – unvermittelt auf je ihre eigene Weise (suo peculiari modo) – Anteil an der priesterlichen, prophetischen und königlichen Sendung Jesu Christi haben. Alle sind berufen, diese Würde zu tragen und diese apostolische Aufgabe anzunehmen, um in Kirche und Welt ein Segen zu sein und Gottes Liebe einzubringen, um für Gottes Wahrheit Zeugnis zu geben und für seine Gerechtigkeit einzustehen, um Verantwortung für den Aufbau der Kirche wahrzunehmen und christliche Projekte als gelebtes Evangelium zu verwirklichen (LG 10–12; AA 1–3).
Analogie der je entsprechenden Teilhabe
Deshalb spricht das Konzil davon, dass das allen gemeinsame Priestertum (sacerdotium commune) und das Dienstpriestertum (sacerdotium ministeriale), das in der Vergangenheit auch als hierarchisches Amt bezeichnet wurde, sich weder quantitativ-mengenmäßig noch qualitativ-intensitätsbezogen, also dem bloßen Grade nach (non gradu tantum), sondern in wesentlicher Hinsicht unterscheiden (essentia differant). Ihnen kommen wesentlich unterschiedene Aufgaben zu. Systematisch rückt damit die Analogie einer je eigenen und entsprechenden Teilhabe an Jesus Christus als dem Haupt der Kirche (Proportionalitätsanalogie) an die Stelle der alten Konstruktion einer amtlich vermittelten Teilhabe durch einen Mittlerpriester (Atributionsanalogie). In der Sache geht es folglich um eine jeweils wesentlich andere Funktion der Repräsentation Christi in gegenseitiger Hinordnung und wechselseitiger Zuordnung (ad invicem ordinantur).[4]
Presbyter (spirituell Ältester) statt Priester (sacerdos)
Im Zuge dieser sachlichen Klärung wurde offensichtlich, dass der Begriff „Priester“ (sacerdos) auch terminologisch völlig ungeeignet ist, die Differenz und den wesentlichen Unterschied in der gegenseitigen Zuordnung zum Ausdruck zu bringen. Vor dem Hintergrund der Presbyter-Episkopen-Ordnung (Apg 20,17.28; Tit 1,5-9) spricht das Dekret über den sakramental ordinierten Dienst Presbyterorum Ordinis nun terminologisch differenziert vom Presbyter. Nicht die Kirche als solche, aber der amtliche Dienst in der Kirche, differenziert in Diakonat, Presbyterat und Episkopat stellt eine in sich hierarchisch strukturierte Gemeinschaft dar.
3. Weiterführende Fragen
So trifft der Reichtum von ca. 1,4 Mrd. Priester:innen in der römisch-katholischen Kirche auf einen eklatanten Ordinationsmangel, der durch die Zulassungsbedingungen zur Ordination erzeugt wird. Damit rücken weiterführende Fragen in den Mittelpunkt:
- Wozu braucht die Kirche einen amtlichen Dienst, zu dem eigens sakramental ordiniert wird?
- Warum wird landauf und landab – und mitunter gegen besseres Wissen – sowohl in der kirchlichen Praxis als auch in der theologischen Reflexion vom „Priester“ bzw. „Priesteramt“ gesprochen und die neue Architektur in Lumen Gentium sowie die terminologische Konsequenz, wie das Konzil vom Presbyter zu sprechen, nicht eingeholt?[5]
Auch der Papst ist ein ‚Laie‘
Wie festgefahren der Problemstand ist, wird auch anhand der allfälligen Rede von „Laien“ (und Klerus) deutlich. Jeder Theologin und jedem Theologen könnte es in die Augen springen und in den Ohren klingeln, dass der Begriff „Laie“ sich auf das Volk Gottes (laos tou theou) bezieht und ekklesiologisch einen Ehrentitel darstellt. Ein Laie ist kein ahnungsloser Nichtexperte, sondern ein erwähltes Mitglied des Volkes Gottes. So gilt hoffentlich auch für jeden Ordinierten, jeden Bischof und auch für den Papst, dass er ein Mitglied des Volkes Gottes und daher „Laie“ ist. Um nicht in alte Muster der Auf- und Abwertung und der Dichotomie von Klerus und Laie zu verfallen, wäre es theologisch notwendig und kirchlich angezeigt, immer positiv von „Christgläubigen“ zu sprechen. Genau dadurch käme auch immer das fundamental Gemeinsame der priesterlichen Sendung aller Christgläubigen zur Aussage.
Teil 2 des Beitrags
[1] Vgl. M. Ebner, Braucht die katholische Kirche Priester? Eine Vergewisserung aus dem Neuen Testament, Würzburg 2022. M. Theobald, Warum und wozu gibt es Ämter in der Kirche? Die Antwort des Epheserbriefs, in: K. Kießling/V. Wodtke-Werner (Hrsg.), Das Gesicht der Kirche im Alltag der Menschen? Der Ort des diakonischen Amtes in einer diakonischen Kirche, Ostfildern 2023, 19–44; vgl. ders., Dienen statt Herrschen. Neutestamentliche Grundlegung der Ämter in der Kirche, Regensburg 2023; J. Roloff, Die Kirche im Neuen Testament (Grundrisse zum Neuen
Testament 10), Göttingen 1993.
[2] M. Theobald, Warum und wozu gibt es Ämter in der Kirche?, 3.
[3] M. Ebner, Braucht das Christentum Priester? Eine Vergewisserung aus dem Neuen Testament, Feinschwarz (22. 1. 2022) zitiert E. Gräßer, Der Hebräerbrief, EKK XVII/2, Zürich/Neukirchen-Vluyn 1993, 165).
[4] Vgl. B. J. Hilberath, Das Verhältnis von gemeinsamem und amtlichem Priestertum in der Perspektive von Lumen gentium 10, in: TThZ 94 (1985) 311–325; M. Eckholt/J. Rahner (Hrsg.), Christusrepräsentanz. Zur aktuellen Debatte um die Zulassung von Frauen zum priesterlichen Amt (QD 319), Freiburg i. Br. 2021.
[5] Vgl. B. Nitsche, Göttliche Zusage – menschliche und christliche Berufung – kirchliches Amt. In: A. Löffler/K. Vechtel (Hgg.), Was ist Berufung? Theologische Sondierungen zu einem prekären Begriff (QD 348), Freiburg 2025, 80-120.
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