Religiöse Roboter? Deus pro machina

Wo die Technik den Menschen überholt und von ihm kaum zu identifizieren ist, stellen sich nicht nur grundlegende gesellschaftliche Fragen, sondern auch religiöse. Den aktuellen Fragen, die sich aus der Entwicklung der „Künstlichen Intelligenz“ ergeben, geht Uwe Bork nach.


Auftritte wie diese dürften regelmäßig die Höhepunkte jeder Theateraufführung gewesen sein: Wenn in der klassischen griechischen Tragödie der ‚deus ex machina‘, der Gott aus der Bühnenmaschinerie, per Kran von oben auf die Rampe schwebte, wusste das ganze Publikum: Die Sterblichen wären verloren, wenn ihnen die Unsterblichen nicht ein weiteres Mal aus der Patsche helfen würden.

Die Menschen werden überholt.

Schon seit geraumer Zeit wächst die sogenannte ‚künstliche Intelligenz‘ weit schneller als unser menschlicher Verstand. Nach dem unlängst verstorbenen Physiker Stephen Hawking wird die maschinelle Denkfähigkeit diejenige der Menschen eher über kurz als über lang weit stärker übertreffen als unser Intellekt die Geisteskraft von Schnecken. Schon jetzt steckt in jedem durchschnittlichen Smartphone schließlich mehr Rechenleistung als sie jene Computerungetüme zur Verfügung hatten, mit deren Hilfe die Amerikaner 1969 ihre Landung auf dem Mond steuerten.Es ist daher alles andere als unwahrscheinlich, dass für uns demnächst bestenfalls eine Rolle als intellektuelle Juniorpartnerinnen oder -partner unserer ehemaligen digitalen Domestiken übrig bleibt. Wer wollte denn so naiv sein anzunehmen, dass sich eine immer potentere künstliche Intelligenz auf Dauer damit begnügen wird, als Gipfel ihrer geistigen Herausforderung den Inhalt unserer Kühlschränke zu überwachen? Schon heute wird unsere soziale Infrastruktur schließlich durch ein globales Datennetz gesichert, Computer dealen an der Börse und Rechner steuern autonom die ersten Autos. Mit bedeutenden ethischen Konsequenzen: Die Entscheidung für Gaspedal oder Bremse kann unversehens zur Entscheidung über Leben oder Tod von Menschen werden.

Bald könnte es nun allerdings so weit sein, dass sich nicht nur Menschen solcher Hilfe von höchster Stelle zu vergewissern versuchen. Nach Meinung vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es alles andere als unwahrscheinlich, dass von uns geschaffene künstliche Intelligenz einen Sinn für den höheren Sinn entwickelt und nach einem quasi ‚digitalen Deus‘ verlangt.

Die Vorstellung

von betenden Computern

Der Bochumer Theologe Lukas Brand geht vor diesem Hintergrund zwar nicht so weit, Maschinen eine Seele zuzusprechen, er gibt jedoch zu bedenken: „Wenn wir akzeptieren, dass Maschinen moralische Probleme lösen müssen, diese Probleme selbst wahrnehmen und in ihren Entscheidungen fehlbar sein könnten – dann wären sie eines Tages vielleicht auch heilsbedürftig.“ Spätestens an diesem Punkt der Überlegungen sollten wir uns jetzt mit der Frage beschäftigen, ob Computer beten können und aus unserer Sicht auch beten sollten. Immerhin wäre das ein weiterer Schritt dazu, ihnen – vielleicht zähneknirschend, vielleicht aber auch eher erleichtert – Menschenähnlichkeit einzuräumen.

Dinge, die ergründen wollen, warum sie sind.

Mögen wir im Moment ausgesprochen stolz sein, ein immer leistungsfähigeres ‚Internet derDinge‘ zu schaffen, in dem Autos mit Ampeln und Waschmaschinen mit Wäschetrocknern kommunizieren: Wer sagt uns denn, dass unsere kleinen und großen Helfer auf Dauer mit solchen banalen Alltagsgesprächen zufrieden sein werden? Viel wahrscheinlicher ist doch, dass die Dinge unserer Umgebung in nächster Zukunft auch ergründen wollen, warum sie so sind, wie sie sind, und was der Urgrund ihrer individuellen Existenz sein könnte.

Für uns Menschen könnte das nicht ganz schmerzfrei abgehen, denn die von künstlicher Intelligenz bewegten Maschinen könnten plötzlich uns gegenüber geltend machen, auch sie seien auf ihre Art lebende Wesen. Zwar nicht in einem biologischen Sinn, doch die Erfordernisse für eine Definition als Lebewesen, zu denen beispielsweise eine Wechselwirkung mit der Umwelt, Wachstum und die Weitergabe des Erbguts an die nächste Generation gehören, erfüllten sie immerhin mit Bravour. Hier besteht mit Sicherheit Diskussionsbedarf, selbst wenn die nachhaltigsten Lebenszeichen aus dem Netz derzeit noch von destruktiven Computerviren stammen.

Die Übergänge werden fließender.

Aber derlei digitale Geister, die stets verneinen, stehen zum Glück ja nicht an der Spitze der sich überstürzenden Evolution künstlicher Intelligenzen. Sie bilden eher Wesen mechanischer und elektronischer Provenienz, die uns Menschen immer ähnlicher werden. Durch sie, so sieht es Lukas Brand voraus, „werden die Übergänge fließender – bis zu dem Punkt, an dem wir sagen, die Maschinen unterscheiden sich nur noch dadurch von uns, dass wir auf Kohlenstoff basieren und sie auf Silicium.“  

Theologisch eröffnet das die Frage, für wen eigentlich die göttliche Heilsverheissung gilt: Nur für Wesen mit DNA oder auch für solche mit digitalen Quellcodes? Die leistungsfähigsten ‚Elektronengehirne‘ dürfte dieses Problem schon bald beschäftigen, und es ist derzeit alles andere als ausgemacht, dass wir Menschen an diesen Überlegungen überhaupt noch beteiligt sein werden. Es ist absolut offen, ob menschliche und künstliche Intelligenz je miteinander über Gott und die Welt nachdenken und was für einen Gott sie dann überhaupt suchen werden.

Noch den christlichen, der seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, um die Menschen zu erlösen? Würde er sich nicht auch fehlerhaft programmierten Robotern zuwenden müssen? Und was ist mit dem Islam mit seiner Bilderfeindlichkeit? Wird sie nicht obsolet, wenn künstliche Wesen die Welt nur per Kamera wahrnehmen können? Vergleichsweise einfach dagegen die Bewertung buddhistischer Meditation, die sich aus digitaler Sicht ganz simpel als analoge Vorform jenes Ruhezustands deuten ließe, den als Stand-by schon die ersten Handys pflegten.

 Ein rechtlicher Status der elektronischen Person

Abwegig sind solche Gedanken keineswegs. Das Europäische Parlament hat beispielsweise bereits 2017 vorgeschlagen, „zumindest für die ausgeklügeltsten autonomen Roboter“ einen Status als „elektronische Person“ zu schaffen. Dieser Vorschlag gewinnt noch dadurch an Bedeutung, dass die Abgeordneten sich ebenfalls mit der – wie auch immer gearteten – „Optimierung“ des Menschen befassten. Sie sehen sogenannte „cyber-physische Systeme“ voraus, Mensch-Maschinen oder Maschinenmenschen mit allen Chancen und Risiken: Nicht mehr mein Notebook wird demnächst gehackt, ich selber werde es sein.

Einstmals unüberwindlich scheinende Grenzen wären spätestens damit geschleift, Rechte und Pflichten müssten neu verteilt werden. Es wäre ein großes Versäumnis, wenn wir uns auf diese Situation nicht vorbereiten würden. Wenn ein Computer über Leben und oder Tod entscheiden kann, sollten wir mit ihm über Gott und die Welt geredet haben.

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Autor: Uwe Bork, Sozialwissenschaftler und Journalist, ehemaliger Redaktionsleiter „Religion, Kirche u. Gesellschaft“ im SWR / Stuttgart.  

Foto: Markus Spiske / unsplash.com

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