Zur politischen Theologie US-amerikanischer Kritiker der liberalen Demokratie. Von Thomas M. Schmidt.
In Kreisen eines aufgeklärten politischen Katholizismus herrschte lange die Ansicht vor, dass religiöse Kritik an der liberalen Demokratie ein Privileg des islamistischen Fundamentalismus und eines evangelikalen Biblizismus sei. Die katholische Kirche sei schließlich global, international, multikulturell und schon allein dadurch gefeit gegen die Versuchungen von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. In den USA ist aber in den letzten Jahren ein Bündnis von postliberaler Rechte und Religion entstanden, das zollfrei nach Europa exportiert wird. Dabei werden zunehmend auch Elemente der katholischen Theologie als Reservoir einer aggressiven Polemik gegen die liberale Demokratie verwendet. Diese Polemik repräsentiert nicht nur eine Sammlung von Ideen, sondern ein höchst wirksames politisches Programm, wie das Beispiel des amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance zeigt.
Ein Bündnis von postliberaler Rechter und Religion
Die neue radikale Rhetorik der Postliberalen geht weit über jene Kritik hinaus, die bereits seit gut vierzig Jahren von religiöser Seite am politischen Liberalismus geübt wird. Der politische Liberalismus beruht ja auf dem Prinzip, dass die Idee der Gerechtigkeit und die darauf gegründeten individuellen Rechte den Vorrang besitzen sollen gegenüber Vorstellungen des Guten und kollektiver Werte. Genau darin sieht der Kommunitarismus das grundlegende Problem des Liberalismus. Denn es seien Vorstellungen des guten Lebens, nicht universale Prinzipien, aus denen Individuen und Gruppen ihre Identität und ethische Orientierung schöpften. Nicht allgemeine Normen und Regeln halten ein Gemeinwesen zusammen, sondern konkrete Werte und Tugenden. Politische Theorie müsse von einer Theorie des Guten, nicht der Gerechtigkeit her aufgebaut werden. Postliberale Theoretiker wie Adrian Vermeule, Professor für Verfassungsrecht in Harvard, propagieren einen sich auf Thomas von Aquin beziehenden ‘Gemeinwohl-Konstitutionalismus‘, der die Auffassung vertritt, dass das Ziel der Verfassung in der Förderung guter Herrschaft bestehe, nicht im Schutz von Freiheit, die von Liberalen als Selbstzweck, ja als abstraktes Objekt einer quasi-religiösen Hingabe verstanden werde.[1]
Priorisierung des Guten gegenüber der Gerechtigkeit
Neben der Priorisierung des Guten gegenüber der Gerechtigkeit, dem Gemeinwohl gegenüber der Freiheit, lautet einer der zentralen Kritikpunkte des religiösen Kommunitarismus, dass es sich bei der neutralen Gerechtigkeitsvorstellung des Liberalismus um eine subtile Form der Unfairness handele. Religiöse Überzeugungen seien in einem überproportionalen Maß aus einer durch liberale Ideologien dominierten Öffentlichkeit ausgeschlossen. Der Liberalismus spiele sich als universales Modell des Zusammenlebens auf und verdecke, dass auch er nur eine weltanschauliche Option neben anderen ist. Liberalismus wird aus dieser Perspektive vor allem als Lebensform der kulturellen kosmopolitischen Eliten der West- und Ostküste der USA empfunden, die den Bewohnern der Fly-Over-States im Süden und mittleren Westen des Landes nur Verachtung entgegenbringen. Die Ressentiments der Hinterwäldler haben sich im Zuge der Krise der liberalen Demokratie in den letzten Jahrzehnten verstärkt und sind zum Resonanzboden einer sich radikalisierenden Kritik am Liberalismus geworden, zu Kraftzentren des religiösen Postliberalismus. Der Verfasser des berühmtesten wehmütigen Klageliedes der Hinterwäldler, der „Hillbilly-Elegy“[2], ist J.D. Vance.
Die Krise der liberalen Demokratie
Die religiöse Skepsis am Liberalismus radikalisierte sich in dem Maße zur Fundamentalopposition, in dem die politische Praxis der liberalen Demokratie in die Krise geriet. Die großen Versprechungen des Liberalismus[3], wachsenden Wohlstand, gesellschaftlichen Fortschritt, individuelle Freiheit, Gerechtigkeit und Teilhabe, inneren und äußeren Frieden zu garantieren, blieben unerfüllt. Postliberale wie Patrick J. Deenen denunzieren die Verheißungen des Liberalismus nicht, vertreten aber die Auffassung, dass sie innerhalb einer liberalen Ordnung nicht erfüllt werden können. Die liberale Ordnung kann nicht repariert, sie muss zerstört werden. Deenen, Politikwissenschaftler an der katholischen University of Notre Dame in den USA, ist Verfasser eines einflussreichen Buches über das Scheitern des Liberalismus.[4]. Es untersucht aus „katholisch-kommunitaristischer Perspektive die Pathologien der liberalen Moderne – Vereinzelung, gesellschaftliche Fragmentierung, wachsende ökonomische Ungleichheit“ [5], so Carlotta Voß, eine herausragende Kennerin der politischen Theologie von J. D. Vance. Dieser ist stark von Deenen beeinflusst, wie übrigens auch einer seiner weiteren akademischen Ziehsöhne: Kriegsminister Pete Hegseth. Die Hillbilly-Elegie, in der Vance seine Familiengeschichte schildert, zeigt eindrücklich, wie sich das Ressentiment einer ökonomisch, politisch und kulturell abgehängt fühlenden Provinz gegen die als arrogant empfundene liberale Elite zum Ausdruck bringt.
J.D. Vance: „Hillbilly Elegie“ und Konversion zum Katholizismus
Die Hillbilly Elegie erschien 2016. Drei Jahre später, im Alter von 35 Jahren, ließ sich Vance taufen. In einem Interview stellt er selbst die Verbindung zwischen Hillbilly-Elegie und seiner Hinwendung zum Katholizismus her. Das Thema der Elegie ist nach seinen eigenen Worten die Suche eines ausgestoßenen und vaterlosen Jungen nach Vorbildern. Die zentrale Frage lautet: Wie werde ich ein guter Ehemann und ein guter Vater? Die Orientierung an katholischen Familienbildern verspricht offensichtlich Stabilität, die eine bereits in jungen Jahren erbrachte beeindruckende Karriere als Absolvent der Yale Law School nicht geben konnte.
Der ruhige Ewigkeitscharakter der Kirche, die von den innerweltlichen Kämpfen von Wirtschaft und Politik entrückt und unabhängig ist, fasziniert Vance besonders. Das spiegelt sich vor allem in seiner Begeisterung für Augustinus‘ Gottesstaat. Der Gottesstaat, die wahre Heimat der Christen, bildet sich gerade nicht vollkommen in der irdischen Gesellschaft ab. Der weltliche Staat ist unvollkommen, vorläufig, endlich. Das befreit und entlastet ihn von der Erwartung, Gerechtigkeit auf Erden zu verwirklichen. Wenn die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit nicht von dieser Welt sind, dann kann man sich mit gutem Gewissen rücksichtlos in das Getümmel des politischen Kampfes im irdischen Dasein stürzen. In diesem Sinn hat Vance die Lehre des Augustinus vom ordo amoris so interpretiert, dass die wahre christliche Ordnung der Liebe eben darin bestünde, erst die eigene Familie zu lieben, dann den Nachbarn, dann die lokale Gemeinschaft, dann die Mitbürger, und danach erst den Rest der Welt. »Just google ordo amoris« – das war die Antwort von Vance auf die Kritik an der Ankündigung der Trump-Regierung, unverzüglich die Festnahme und Ausweisung von „illegalen Immigranten“ durchzuführen.
Eros oder Agape
Der theologische Streit über die Interpretation der christlichen Liebe kann nicht durch googeln allein gelöst werden, es ist eine komplexe theologische Debatte. Wer Liebe im Sinne des christlichen Platonismus als Eros versteht, für den ist das Gute ein erstrebenswerter Gegenstand, ein abstraktes Objekt der Hingabe. So wird auch Gott zum Gegenstand menschlichen Strebens nach Reinheit und Perfektion. Dieser Auffassung steht die paulinische Vorstellung von der Liebe als Agape gegenüber. Agape ist eine horizontale Beziehung zum Anderen, gerade in seiner Endlichkeit, Bedürftigkeit, Armseligkeit. In der Agape geht es nicht darum, den Anderen als Objekt meines Strebens zu betrachten, sondern als unabhängiges Wesen, dem ich gerecht zu werden versuche.
Rawls: die theologischen Hintergründe seines Liberalismus
Auf Überlegungen dieser Art hat sich der junge John Rawls in seiner theologischen Abschlussarbeit gestützt.[6] Rawls, der wichtigste Vertreter des politischen Liberalismus, hat die für seine Philosophie maßgebliche Auffassung, dass die Achtung der Gerechtigkeit dem Streben nach einem guten Leben vorzuziehen sei, ursprünglich in theologischen Begriffen entwickelt. Der Streit zwischen den Prinzipien des guten Lebens und der Gerechtigkeit ist also kein Streit zwischen säkularem und religiösem Denken. Die Konfliktlinie läuft mitten durch das religiöse Feld hindurch. Dies zeigt die Kritik von Franziskus und Leo XIV. an Vance‘ Interpretation der ordo-armoris -Lehre; beide haben betont, dass die Liebe Gottes ohne Ausnahme allen Menschen in gleicher Weise gelte und nicht abgestuft in Form konzentrischer Kreise. Das gute Leben ist die Gerechtigkeit für alle!
John Rawls hat im Unterschied zu Deenen, Vance und Vermeule ernsthaft Theologie studiert. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Rolle von Religion in der gegenwärtigen Krise der liberalen Demokratie darf nicht ideologisch motivierten Autodidakten überlassen werden, die das Christentum als Fundgrube für ihre zusammengebastelte Modernitätskritik benutzen. Der Streit über die Zukunft des Liberalismus braucht die genuine Expertise professioneller Theologie.
___________________________________________________
[1] Adrian Vermeule, “Beyond Originalism”. The Atlantic, (31. März 2020); ders., Common Good Constitutionalism: Recovering the Classical Legal Tradition, Polity Press 2022.
[2] J.D. Vance, Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis, New York 2016; dt.: Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise, Berlin 2017.
[3] Detlef Pollack, Große Versprechen. Die westliche Moderne in Zeiten der globalen Krise, München 2025.
[4] Patrick J. Deenen, Why Liberalism Failed, New Haven 2018; dt.; Warum der Liberalismus gescheitert ist, Salzburg 2019.
[5] Carlotta Voß, „Für Gott und gegen das Böse. Die postliberale Ideologie oder: JD Vance verstehen.“ Blätter für deutsche und internationale Politik 4 (2025), 73-83.
[6] John Rawls, [1942] 2010. „Eine kurze Untersuchung über die Bedeutung von Sünde und Glaube.“ [1942]. In: Über Sünde, Glaube und Religion, hg. von Thomas Nagel, 123-300. Berlin 2010; Thomas M. Schmidt, „Über Sünde, Glaube und Religion (2010).“ In: Rawls-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, herausgegeben von Johannes Frühbauer u.a., Stuttgart 2023, 75-89.
Thomas M. Schmidt ist Professor für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie sowie kooptierter Professor am Institut für Philosophie der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Thomas M. Schmidt ist am 31.12.2025 verstorben. Mögen seine Hoffnungen sich erfüllen.
Copyright Portraitphoto: FB Katholische Theologie/Goethe-Universität Frankfurt/M.


