Romano Guardini und Papst Franziskus: Denker des Gegensatzes

Was verbindet Synodalität, Papst Franziskus und Romano Guardini miteinander? Paul Metzlaffs gegenwartsbezogene Relektüre von Guardinis Werk Der Gegensatz (1925) ermöglicht einige im Wortsinn ’spannende‘ Einblicke in das Denken des Papstes.

Romano Guardini (1885-1968): Priester, Lehrer der Jugend, einer „der größten Europäer von heute“[1] (Erasmuspreis 1962) und bald auch Seliger der Katholischen Kirche? Das philosophische Hauptwerk des Professors für Katholische Weltanschauung an der Humboldt-Universität zu Berlin „Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten“ (1925) blieb zu seiner Zeit weitgehend unbeachtet. Heute hat es über den geographischen Umweg von Berlin über Córdoba nach Rom weltkirchliche Bedeutung als Denkstruktur im Pontifikat von Papst Franziskus erlangt.

 1. Berlin: Die Gegensatzlehre Romano Guardinis

Romano Guardini stand Zeit seines Lebens in vielfältigen Spannungen: zwischen italienischen Wurzeln und deutscher Wahlheimat, zwischen Theologie und Philosophie und zwischen den Polen der Wirklichkeit, in deren Fülle er sich beständig hineinbegab. Daraus entstanden seine großartigen Interpretationen von Pascal, Dostojewski, Augustinus und Hölderlin.

Seit 1905 hatte er, ausgelöst von einem Umkehrerlebnis hin zu Christus und der Kirche, an einer denkerischen Existenzbewältigung mit seinem Freund Karl Neundörfer (1885-1926) gearbeitet. 1914 erschien ein erstes Manuskript unter dem Titel „Gegensatz und Gegensätze“. Während Neundörfer nach der Organisation der Kirche und ihrer Konkretion in Gesellschaft und Staat fragte, befasste sich Guardini mit dem Wesen des Christentums und der Kirche. Vom angedachten Doppelwerk ist leider „nur“ das Meisterwerk „Vom Geist der Liturgie“ veröffentlicht. Neundörfers „Vom Geist des kanonischen Rechts“ ist nicht überliefert.

Gegensatzpaare des Lebendig-Konkreten

Guardini destillierte 1925 acht Gegensatzpaare aus seinen Phänomenzeichnungen des Lebendig-Konkreten (des Menschen, der Kultur, des Lebens). Diese unterschied er in drei intraempirische (Akt-Bau, Fülle-Form und Einzelheit-Ganzheit), drei transempirische (Produktion-Disposition, Ursprünglichkeit-Regel und Immanenz-Transzendenz) und zwei transzendentale Gegensatzpaare (Verwandschaft-Besonderung und Einheit-Mannigfaltigkeit). In ihnen führte er philosophisch-theologische Auseinandersetzungen u.a. mit Aristoteles, Thomas von Aquin, Johann Wolfgang von Goethe, Max Scheler, Friedrich Nietzsche, Georg Simmel, Augustinus, Hans Driesch und Sören Kierkegaard.

Das Verhältnis des Gegensatzes ist sowohl vom Widerspruch als auch von der einfachen Synthese zweier Pole unterschieden. Es bezeichnet eine lebendig-konkrete konträre Relation zweier Momente, „deren jedes unableitbar, unüberführbar, unvermischbar in sich steht, doch unablöslich miteinander verbunden sind; ja gedacht nur werden können an und durch einander“[2]. In dieser Kennzeichnung kündigt sich auch Jesus der Christus als der Grund der Gegensatzlehre an, wie er in den vier chalcedonischen Adverbien beschrieben wird: unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert.

Die lebendige und konkrete Denkgemeinschaft der beiden Mainzer Diözesanpriester fand ein jähes Ende, als Karl Neundörfer am 13. August 1926 bei einem Sturz in eine Gletscherspalte im Engadin am Piz Lad verunglückte. Dieser wohl „bitterste Verlust“[3] seines Lebens verunmöglichte es Guardini, in seinem Leben an der Gegensatzlehre weiterzuarbeiten, deren Fassung von 1925 Karl Neundörfer zu eigen gegeben ist: die spannungsreich fruchtbare Denkgemeinschaft war zerbrochen.

2. Córdoba und Rom: Papst Franziskus denkt mit Romano Guardini

1986 reiste Jorge Mario Bergoglio nach Deutschland, um an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt eine Dissertation über das Denken Romano Guardinis mit dem Titel anzufertigen: „Die polaren Gegensätze als Struktur des täglichen Denkens und der christlichen Verkündigung“[4]. Er blieb jedoch nur wenige Monate und erst im Exil in Córdoba von 1990 bis 1992 gelang es ihm die Doktorarbeit zu beenden, doch blieb keine Zeit mehr für die Verteidigung und Veröffentlichung[5]. 2011 beabsichtigte er nach dem altersbedingten Angebot seines Rücktritts seine Dissertation zur Veröffentlichung vorzubereiten, doch blieb dessen Annahme bekanntermaßen aus.

In Artikeln und Reden (z.B. 1988 „Dienst des Glaubens und Förderung der Gerechtigkeit“[6], 1989 „Zur Notwendigkeit einer politischen Anthropologie“[7] und 2011 „Wir als Bürger, wir als Volk“ 2011[8]) hatte er die Gegensatzlehre Guardinis vor allem auf soziale und gesellschaftliche Fragen angewandt und über die Jahre aus den acht Gegensatzpaaren drei Paare und vier Prinzipien seines Denkens entwickelt. Sie finden sich in seinem programmatischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ (2013) wieder[9], dessen „ganzer Abschnitt zu den sozialen Prinzipien der Dissertation über Guardini entnommen ist“[10], so Papst Franziskus. In einem Interview mit Antonio Spadaro SJ bekannte der Papst 2017, „dass ich die Gegensätze liebe. Hier hat mir Romano Guardini mit seinem Buch Der Gegensatz geholfen, das für mich sehr wichtig ist“[11].

Bergoglios geistiger Lehrer

Das erste Paar „Fülle und Beschränkung“ ist Guardinis Fülle und Form entlehnt und wird von Franziskus mit zwei Prinzipien angewandt: (1) Die Zeit ist mehr wert als der Raum. (2) Die Einheit wiegt mehr als der Konflikt[12]. „Idee und Wirklichkeit“ bilden das zweite Gegensatzpaar, das am ehesten dem gnoseologischen Paar „Begriff und Intuition“ Guardinis entspricht und bei Franziskus durch das Prinzip „Die Wirklichkeit steht über der Idee“ geleitet wird. Das letzte Gegensatzpaar „Globalisierung und Lokalisierung“ ist dem Gegensatzpaar „Einzelheit und Ganzheit“ entlehnt und wird von Franziskus auch auf das Verhältnis von Teilkirche und Universalkirche angewandt[13], bei dem das vierte Prinzip leitend ist: „Das Ganze ist dem Teil übergeordnet“. In der Enzyklika „Laudato Si“ (2015) ist Guardini schließlich der meist zitierte Denker, sodass der Einschätzung von Massimo Borghesi zuzustimmen ist, dass die Idee der Polarität des Lebens die gesamte Struktur des Denkens des Papstes dominiere und sie der „hermeneutische Schlüssel“ zu seinem katholischen Denken sei: „Es ist also unbestreitbar, dass Romano Guardini Bergoglios geistiger Lehrer war“[14]. Daher ist auch die Frage der Synodalität, die Thematik des Papstes und der Weg der Kirche des dritten Jahrtausends[15], mittels der Denkstruktur des Gegensatzes Guardinis zu skizzieren.

3. Synodalität 2023: Begegnung und Unterscheidung

Synodalität ist ein lebendig-konkretes Ereignis. Es gibt für sie kein allgemeines oder abstraktes Patentrezept, sondern sie ereignet sich auf der jeweiligen Ebene und gemäß der eröffneten Frage immer einmalig und neu. In ihr sind polare Spannungsgefüge enthalten, z.B. zwischen Teilkirche und Universalkirche, Bischöfen und Laien sowie zwischen konträren Positionen. Der Gegensatz eröffnet dabei, so Papst Franziskus, „einen Weg, eine Straße, auf der man gehen kann [syn-hodos]“[16]. In dieser offenen Denkweise, die Franziskus von Guardini übernimmt, eröffnet sich zwischen den Polen, die sich weder aufheben noch zerstören, sondern einander bedürfen, ein Raum der Begegnung mit der Wahrheit. „Ein fruchtbarer Gedanke sollte immer unfertig sein, um einer weiteren Entwicklung Raum zu geben. […] Die von Guardini angeregte Denkweise öffnet uns für den Geist und für die Unterscheidung der Geister“[17].

Wahl von etwas Neuem

Es ist dabei Recht und Aufgabe des Einheitsamtes, diesen Raum zu öffnen und zu schließen. Synodalität ereignet sich daher stets sub et cum petro. Bedürfen beide Pole einander, um lebendig zu sein, kann am Ende der Synodalität keine Entscheidung stehen, weder für nur einen Pol, da die reine Verwirklichung einer Seite zum Tod der Spannungseinheit führt, noch für einen Kompromiss (eine hegelianische Synthese in einem höheren Dritten), da auch die Harmonie laut Guardini zum Tod des Lebens führt. „Übrigens verwendet Ignatius nie das Wort ‚Entscheidung‘, sondern immer ‚Wahl‘: Wer ‚wählt‘ stimmt Gegebenem zu, hingegen würde ‚Entscheidung‘ eher Aktivität ausdrücken“[18], so Stefan Kiechle SJ. Das Ende eines synodalen Ereignisses bildet daher die Wahl von etwas Neuem, dass sich selbst gezeigt hat und die gegensätzlichen Pole spannungsvoll auf einer höheren Ebene vereint: Reform auf Christus, den Gott-Menschen, hin.


Paul Metzlaff promoviert an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt über die Gegensatzlehre Romano Guardinis.

[1] Prinz Bernhard der Niederlande, Würdigung, und Theo Lefèvre, belgischer Ministerpräsident, Festansprache, in: FAZ, 30.4.1962, Der Erasmuspreis.

[2] Guardini, Romano, Der Gegensatz. Versuche zu einer Philosophie des Lebendig-Konkreten, Mainz 1925, 42.

[3] Guardini, Romano, Berichte über mein Leben, Main – Paderborn 21995, 68.

[4] Vgl. Borghesi, Massimo, Papst Franziskus. Sein Denken, seine Theologie, Darmstadt 2020, 129.

[5] Vgl. Cámara, Javier / Pfaffen, Sebastián, Aquel Francisco, Córdoba 2015, 184.

[6] Bergoglio, Jorge Mario, Servizio della fede e promozione della giustizia (1988), in: Ders., Pastorale Sociale, Mailand 2015.

[7] Bergoglio, Jorge Mario, Necessità di un’antropologia politica. Un problema pastorale (1989), in: Ders., Pastorale Sociale, Mailand 2015.

[8] Bergoglio, Jorge Mario, Noi come cittadini, noi come popolo. Verso un bicentenario in giustizia e solidarietà 2010-2016, Mailand 2013.

[9] Vgl. Papst Franziskus, Evangelii gaudium, Nr. 222-237.

[10] Cámara / Pfaffen, Aquel Francisco, 185.

[11] Spadaro, Antonio, Die Spuren eines Hirten. Ein Gespräch mit Papst Franziskus, in: Jorge Mario Bergoglio – Papst Franziskus, Im Angesicht des Herrn. Gedanken über Freiheit, Hoffnung und Liebe, Bd. I, Freiburg i.Br. u.a. 2017, 7-31, hier: 29.

[12] Vgl. Borghesi, Papst Franziskus, 139.

[13] Vgl. Papst Franziskus, Videobotschaft für den Internationalen Theologie-Kongress an der Päpstlichen Universität von Argentinien, Buenos Aires, 1.-3. September 2015, zitiert nach: Borghesi, Papst Franziskus, 142.

[14] Borghesi, Papst Franziskus, 166.

[15] Vgl. Papst Franziskus, Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode (17. Oktober 2015), in: Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute. Texte zur Bischofssynode 2015 und Dokumente der Deutschen Bischofskonferenz (Arbeitshilfen 276), hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn 2015, 25.

[16] Spadaro, Die Spuren eines Hirten. Ein Gespräch mit Papst Franziskus, 29.

[17] Papst Franziskus, Wage zu träumen! Mit Zuversicht aus der Krise, München 22020, 60.

[18] Kiechle, Stefan, Ignatius von Loyola. Leben – Werk- Spiritualität, Würzburg 32007, 158.

Bildquelle: DBK

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