Spielfeld: Ort konzentrierten Mensch-Seins

feinschwarz.net dokumentiert den Erfahrungsbericht eines Theologiestudierenden und Freiwilligen des Roten Kreuzes: Lukas Grangl findet in Spielfeld an der österreichisch-slowenischen Grenze einen Ort konzentrierten Mensch-Seins.

Unzählige Menschen befinden sich in Not und sind aus einer noch größeren Not geflohen, in der Hoffnung auf Schutz, Hilfe und eine bessere Zukunft. Die Flüchtlingskrise hat nun auch ganz konkret die Steiermark erreicht und berührt somit auch die Lebenswirklichkeit in unserem Bundesland.

Diese Bilder, Gefühle und Gedanken lösen Fragen aus. Fragen über die Welt, in der wir leben, Fragen über unsere Gesellschaft, Fragen über sich selbst. Was bedeutet es für unsere Zukunft, wenn viele Flüchtlinge bleiben würden? Was bedeutet es für mich konkret? Wie reagiere ich darauf? Indem ich lobe oder schimpfe, helfe oder mich der Passivität hingebe? Viele Leute stellen diese Fragen mehr oder weniger laut, mehr oder weniger öffentlich. Und eine beachtliche Zahl an Menschen hilft konkret.

Die Situation der letzen Monate stellt auch die Einsatzkräfte vor eine Herausforderung. Ganz konkret äußert sich das in den zahlreichen Benachrichtigungen mit Bitten um Hilfe an die Freiwilligen des Roten Kreuzes, von denen ich einer bin. Aus allen Winkeln des Bundeslandes wurden und werden die Einsatzkräfte in Spielfeld zusammengezogen. Ende Oktober war auch ich an der Grenze um zu helfen, und auch um zu sehen, wie die Lage vor Ort konkret ist. Vieles war zu hören, Erfahrungen mit Flüchtlingen aber hatte ich, wie viele, nur wenige.

Denn man hört vieles…

Um halb vier Uhr morgens brach ich gemeinsam mit einer Kollegin in Richtung Spielfeld auf. Unsere Aufgabe war es zuerst, außerhalb von Spielfeld schwerere Fälle von der Sanitätshilfsstelle in Spielfeld zu übernehmen und weiter in Krankenhäuser zur Endversorgung zu bringen.

Nachmittags wurden wir nach Spielfeld selber verlegt. Bereits bei der Anfahrt fuhren wir an einer Schar von gut 50 Demonstranten vorbei, die gegen die Anti-Flüchtlingsdemonstration, die zur selben Zeit stattfand, protestierten und mit Fahnen und Transparenten entlang der Straße zum Lager marschierten, um ihre Solidarität mit den Flüchtlingen zu bekunden: „Refugees welcome“.

„Refugees welcome“

Bevor man in den Lagerbereich selbst kommt, muss man zwei von der Polizei aufgebaute Absperrungen passieren, die auch den Demonstrationszug von den Flüchtlingen trennten. Fährt man von hier aus weiter Richtung Grenze so sieht man auf der rechten Seite eine große Zahl geparkter Busse. Auf der linken Seite stehen jeden Tag unzählige geparkte Taxis, die gerade gegen Abend – wenn die hereinbrechende Feuchtigkeit und Kälte spürbar werden – ihrem Geschäft nachgehen und die Flüchtlinge für mehrere hundert Euro an die deutsche Grenze bringen.

Geschäft … Ordnung

Nachdem man das Lager betreten hat – der Vorplatz ist sehr geordnet –, beginnen die ersten sinnlichen Wahrnehmungen auf einen einzuprasseln. Man sieht, wie Flüchtlinge in Gruppen sich im Schleusensystem vorwärtsbewegen, man hört lautes Gerede und Kinderschreien und -weinen aus den großen Zelten, die als vorübergehende Unterkünfte dienen. Ein Gemisch aus den verschiedensten Gerüchen lässt einem die hygienische Situation im Lager und ebenso die große Herausforderung für die Einsatzleitung und auch für die Flüchtlinge selber auf diesem Gebiet bewusst werden.

Die ganze Stimmung im Eingangsbereich des Lagers lässt die unterschiedlichen menschlichen Lagen der Gruppen im Lager erfühlen. Die Einsatzkräfte auf der einen Seite, die ihr Bestes geben, um die Situation zu kontrollieren und Ordnung in ein sonst herrschendes Chaos zu bringen, und die Flüchtlinge auf der anderen Seite mit ihrem stetigen Streben, ihrem Ziel – meist Deutschland oder die skandinavischen Länder – näherzukommen.

In den im Lager vorherrschenden Dynamiken lässt sich deutlich die Macht der Ungewissheit und Uninformiertheit erkennen. Mit der brennenden Frage: Was wird mit mir und den Meinen in Zukunft geschehen?, lassen sich viele Motivationen, die beispielsweise zu drängelnden Vorwärtsbewegungen der Masse führen, aufhellen, aber auch die Macht falscher Hoffnungen und Illusionen, vielfach von denen in die Welt gesetzt, die von der misslichen Lage der Notleidenden profitieren. So berichteten mehrere, dass sie von Flüchtlingen danach befragt worden wären, wo sie denn nun „ihr“ Auto oder „ihre“ Bankomatkarte bekommen würden. Die Gier der einen, wird in der nahen Zukunft für zerbrochene Träume der anderen sorgen.

Geht man tiefer in das Lager hinein in Richtung slowenischer Grenze, gelangt man in den Hauptbereich des Lagers, in dem auch der Aufenthalt für die Nacht in Zelten vorgesehen ist. Auch befinden sich hier an diesem Platz die Vorsorgungsstellen, wo die Flüchtlinge mit einer warmen Mahlzeit und – so nötig – ärztlicher Hilfe versorgt werden. Meine Nachfrage, wie viel an Nahrung heute im Laufe des Tages bis Nachmittag denn verkocht worden wäre, kam ein: „Wissen wir nicht genau, sehr sehr viel“.

Dieses Nicht-genau-Wissen ist angesichts der Erfordernisse des Moments in jeder Hinsicht verständlich und bringt einen Teil der allgemeinen Lage zum Ausdruck. Denn niemand weiss genau, wie viele Flüchtlinge sich zu einem beliebigen Zeitpunkt eigentlich im Lager befinden. Die Zahlen, die im Laufe des Tages bekannt gegeben werden, sind Schätzungen. Ebenso ist auch die Zahl derer, die von slowenischer Seite nachrücken, ein Schätzwert. Man merkt aber, dass sich eine sehr tragfähige Organisation entwickelt hat, die Schwankungen gut bewältigen kann. Anderslautenden Medienberichten zum Trotz lassen sich keine – über das für Organisationen normale und erwartbare Maß – Spannungen innerhalb der Einsatzkräfte erkennen. Das Bild, das die Flüchtlinge von den österreichischen Einsatzkräften wahrnehmen, ist von Kooperation geprägt.

„Wissen wir nicht genau…“

Im Umgang mit den Flüchtlingen zeigt sich vor allem der Wert guter Kommunikation. Direkt vor dem Eingang ins Lager und nach der slowenischen Grenze ist der wohl neuralgischste Punkt des Lagers. Genau hier hat sich Information – und jene Sprachkundigen, die sie übermitteln – als entscheidend erwiesen. Wissen die Flüchtlinge um den weiteren Ablauf bescheid – also vor allem: Wann kommt der Bus? – und wird dieser Ablauf dann auch wie versprochen eingehalten, bleiben die meisten ruhig. Auch spricht sich das Verhalten der Österreicher über Social Media-Plattformen unter den Flüchtlingen herum. An diesem Tag stehen rund 40 Busse zu je 50 Sitzen für den Weitertransport zur Verfügung. Auch hier zeigte sich wieder die bereits funktionierende Organisation, denn es standen mehr Busse bereit, als an diesem Tag notwendig waren.

Der Punkt, an dem sich die Strapazen der langen Reise – der größte Teil der Flüchtlinge auf der Balkanroute kam übers Meer und hat dann eine längere Reise per Bahn und zu Fuß hinter sich – besonders zeigen, ist die Sanitätsversorgungsstelle, die auf Hochtouren läuft. Eine Datenaufnahme – im normalen Rettungsbetrieb formeller Standard – der Patientinnen und Patienten ist aufgrund der vielen Versorgungsfälle nicht durchführbar und wurde pragmatisch durch Zählung per Stricherl-Liste ersetzt. Auch hier zeigen sich besonders der Zwang der Erfordernisse des Moments und der starke Wille der Flüchtlinge.

Es muss in der Behandlung ein Kompromiss zwischen dem Wunsch nach zielstrebigem Vorwärtskommen einerseits und den medizinischen Notwendigkeiten einer optimalen Behandlung andererseits gefunden werden, vor allem so, dass diese auch noch zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen kann. Ein Gemisch aus Sorge, Angst, Hoffnung und Willen, aber dann auch ganz konkretem Tun spiegelt sich in den einzelnen Patienten wider. Seien es nun Schwangere in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft, Beinamputierte, die sich stetig vorwärtsbewegen und deren Wunden aufgrund der Belastung infiziert sind, oder verletzte und unterkühlte Kinder.

Gemisch aus Sorge, Angst, Hoffnung und Willen

In dieser ganzen Situation wird einem der ganze Facettenreichtum und die Dramatik des menschlichen Lebens bewusst. An diesem „Hotspot“ treffen die unterschiedlichsten Vorstellungen von Gott, Welt und Mensch zusammen. Es ergibt sich hierdurch ein unheimlicher Reichtum an Kontrasten, die einen das Eigene im Lichte des Fremden, des kulturell, religiösen und politischen Anderen, anfragen und auch hinterfragen lassen. Dies zeigt sich auch beispielsweise daran, dass es bei nicht allen Gruppen eine Selbstverständlichkeit ist, dass Männer eine der Decken den Frauen oder Kindern abgeben, damit diese sich wärmen können. Oder aber religiöse Gesänge inmitten des Lagers und der Wartenden durch junge Männer – ein dem westlichen Betrachter in seiner heimischen Öffentlichkeit unbekannt gewordenes Bild. Ihr bisher Eigenes, ihr Heim, ihre Arbeit, ja auch Teile ihres Bekannten- und Freundeskreises haben sie auf ihrer Flucht eingebüßt, umso mehr müssen nun nicht-materielle Dinge ihrer Identität, Religion und Kultur Ausdruck verleihen.

Dies hier ist wertfrei zu lesen und lässt deutlich werden, dass hier ein Kennenlernen, Zusammentreffen oder für manche gar Zusammenstoßen mit dem Fremden stattfinden. Dieses Zusammentreffen fordert Einheimische wie Flüchtlinge auf, das Gegenüber zu verstehen, sich wenn irgend möglich in ihn oder sie hineinzuversetzen, und sich dabei auch all der Hindernisse bewusst zu werden, die sich bei einem solchen Versuch aufgrund der Verschiedenheit ergeben. Dies ist eine konkrete Anforderung, die an den Einzelnen, die Einzelne ergeht und ihn oder sie auf einer basalen Ebene herausfordert. Hierin liegt auch genau der Mehrwert, den konkrete Hilfe (aber auch ein Sich-Helfen-Lassen) beinhaltet: Man wird einer Situation ausgesetzt, die einen auf existentielle Weise anfragt und die eigene Weltsicht zu verändern vermag.

Man wird einer Situation ausgesetzt, die einen auf existentielle Weise anfragt und die eigene Weltsicht zu verändern vermag.

Nach dem Ende des Einsatzes an der Grenze verließ ich Spielfeld mit der Erfahrung eines Ortes konzentrierten Mensch-Seins in all seinen Facetten, hellen und dunklen, oder besser: grauen, aber auch mit dem Wunsch und dem Entschluss, wieder zu helfen, wo ich helfen kann.

(Lukas Grangl, Student der Katholischen Fachtheologie an der Uni Graz, sowie der Politik-, Verwaltungswissenschaften und Soziologie an der FU Hagen; Bild: Uwe Schlick / pixelio.de)

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