So gleich macht der Tod halt doch nicht

Vier Professorinnen der Theologischen Fakultät der Universität Bern leiten gemeinsam das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Gender und Tod“. Unter dem Titel „Sensenfrau und Klagemann, Sterben und Tod mit Gendervorzeichen“ sind erste Ergebnisse in Buchform erschienen. Monika Stocker fragte nach bei der Alttestamentlerin und Herausgeberin Silvia Schroer.

Monika Stocker: Tod und Gender, ein eigenwilliges Paar. In der Einleitung stellen Ihre Mitautorinnen und Sie fest „Sterben und Tod, die Befristung geschöpflichen Lebens und die Sehnsucht, dass der Tod nicht das letzte Wort haben möge, sind Grundthemen christlicher Theologie. Gleichwohl hat die Wahrnehmung des Gendervorzeichens, das diese Themen tragen, in der theologischen Wissenschaft erst in den letzten Jahrzehnten begonnen.“ Jetzt investieren Sie zusammen mit Angela Berlis, Magdalene Frettlöh und Isabelle Noth in die Forschung zu diesem Thema. Warum?

Silvia Schroer: Forschung bedeutet immer, Altes sichten und kritisch anschauen, aber auch Neues entdecken. Das ist oft mühsame Kleinarbeit, aber es ist auch sehr spannend. Die Genderforschung bietet noch viele unbeackerte Forschungsfelder. Das wurde uns in der ersten Zeit der Planung eines gemeinsamen Projekts rasch bewusst. Der Gender-Forschungsstand zum Thema „Tod“ ist in den verschiedenen theologischen Disziplinen allerdings längst nicht gleich. In der alttestamentlichen Forschung, also in meinem eigenen Fach, finden sich bereits einschlägige Publikationen, beispielsweise zu Trauer, Klageritualen und Frauenrollen, während in der Dogmatik noch ganz wenig Genderspezifisches zum Thema Tod publiziert wurde. Der Vorteil eines theologisch intradisziplinären Projekts, das die in Bern vorhandenen Kompetenzen von mehreren Professorinnen vereint, ist, dass wir das Thema als ganzes im Blick behalten. Am Ende des mehrjährigen Projekts, in das auch Teilprojekte wie Dissertationen, eingebettet sind, soll eine Art Kompendium zu „Tod und Gender“ stehen. Das ist Grundlagenforschung, die aber teilweise sehr anwendungsbezogen sein wird. Da geht es um Sterbebegleitung, Trauerarbeit und Rituale im Fall von Stillgeburten und viele andere sehr konkrete Fragen, die zeigen: so gleich macht der Tod halt doch nicht.

Tod und Geburt – so auf den schnellen Blick – sind für alle Menschen gleich. Doch das stimmt nicht: Männer erleiden, erlitten historisch, häufiger den Tod im Kampf. Geburt, die Domäne der Frauen, war historisch oft begleitet vom (Kindbett)tod. Gerade in antiken Gesellschaften, so stellen Sie fest, sind Frauen nicht nur für die ganze Sphäre des Eintritts in das Leben zuständig, diese Kulturen weisen den Frauen auch die Begleitung des Lebensausganges zu. Frauen klagen. Sind das Wegweiser zu einem besonderen Verständnis von Sterben und Tod?

Von unseren modernen Erfahrungen mit Rollenzuweisungen her liegt es zunächst vielleicht nahe, das dominant weibliche Vorzeichen der Klage in antiken Kulturen als ein Zuschieben der Emotionalität an die Frauen zu interpretieren – Männer lassen lieben. Tatsächlich ist es ja so, dass bei grossen Katastrophen und Unglücksfällen, über die in Zeitungen oder im Fernsehen berichtet wird, die Bilder dazu allzu häufig Frauen in der ersten Reihe, als Klagende, zeigen. Ich denke aber, dass die Interpretation im Hinblick auf antike Gesellschaften nicht ganz trifft. Im alten Israel waren Gefühle nicht „Frauensache“, auch Männer erscheinen in den biblischen Texten emotional, sie weinen, sie schämen sich ihrer Tränen nicht. Für die griechische Antike mag es eher zutreffen, dass es bereits eine Rangordnung der Werte gab, in welcher Emotionen (weiblich) der Vernunft oder Ratio (männlich) untergeordnet wurden.

Im alten Israel waren Gefühle nicht „Frauensache“

Im Alten Orient scheint mir die Zuweisung der Klagerituale an die Frauen stärker damit zusammenzuhängen, dass Frauen in diesem Alltagsbereich eine religiöse Kompetenz hatten, die sie beanspruchten und die ihnen auch zugestanden wurde. Mit Kompetenz ist immer auch Macht verbunden. Die bewegende Erzählung von der Rizpa (2Sam 21,10-14), die in schweigendem Protest ihre ermordeten Söhne auf dem Feld bewacht, damit die wilden Tiere sich nicht über die Leichen hermachen können, zeigt sehr schön, wieviel Macht sogar mit der stummen Klage von Frauen einhergehen konnte. Am Ende erreicht Rizpa, dass ihre Toten anständig bestattet werden – König David, der für die Morde verantwortlich war, lenkt ein. Klagende Frauen auf den Stadtmauern sind ein Inbegriff der Befindlichkeit der gesamten Bevölkerung, Klage hatte eine ganz starke öffentliche Dimension. Dazu kommt, dass Frauen vom Tod oft betroffen wurden, wenn es um Schwangerschaften und Geburten ging. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen waren viel niedriger als die der Männer, auch die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Geburt und Tod konnten für die Gebärende und die sie begleitenden Frauen hart aufeinanderprallen, wovon auch die alttestamentlichen Erzählungen wissen.

Klage hatte eine starke öffentliche Dimension

Die Erde als Schoss, in den das Leben zurückkehrt, ist ein starkes, für viele ein tröstliches, weiblich geprägtes Bild. Genauso hartnäckig hält sich aber auch die Zuschreibung: „von einer Frau kam der Tod in die Welt und ihretwegen müssen wir alle sterben“ und dieses ist oft mit Wut und Verachtung besetzt. Wo liegen für Sie die wichtigen Akzente in diesem Spannungsbogen?

Der ganze Bereich der Todesmetaphorik ist ausserordentlich spannend. Wir sehen ja schon an den modernen Sprachen, dass grammatisch „Tod“ nicht immer männlich sein muss, die lateinischen Sprachen haben eine „Tödin“. Natürlich sind die Geschlechtszuschreibungen bei solchen Vorstellungen nicht unproblematisch, sie sollten jedenfalls nicht fixiert werden. Aber es ist beispielsweise wirklich tröstlich, Sterbende im Schoss der Erde aufgehoben zu wissen. In Ägypten legte man die Verstorbenen in bestimmten Jahrhunderten in Sarkophage, die innen mit dem Bild einer Göttin ausgemalt waren. Die Toten wurden ihr sozusagen in die Arme gelegt. Dahinter standen keineswegs naive, sondern hochkomplexe theologische Gedanken. Der misogyne Spruch des Jesus Sirach (25,24) dokumentiert eine Auslegung der Schöpfungsgeschichte (Gen 2-3), die sich leider in der Kirchengeschichte und bis ins letzte Jahrhundert in Variationen immer wieder findet. Die Auslegung ist falsch, weil der biblische Text der ersten Frau nicht die Alleinschuld für die Übertretung zuweist und erst recht nicht sagt, dass sie damit den Tod in die Welt eingeschleust habe. Älter als Jesus Sirach ist das Hohelied. Dort lesen wir im 8. Kapitel einen sehr programmatischen Vers, der eine ganz andere Tradition bezeugt. Wenn die Frau zu ihrem Geliebten sagen kann „Stark wie der Tod ist (meine) Liebe“, so lebt dieser Satz von mythologischen Traditionen Ägyptens und Vorderasiens, aber auch der biblischen Tradition, die darum wissen, dass der Tod (männlich vorgestellt) in der (weiblich konnotierten) Liebesgöttin oder der Frauenliebe die stärkste Widersacherin findet. Liebe tritt dem Tod entgegen. Sie ist allerdings nicht stärker als der Tod – das ist die christliche Variante – sondern gleich stark.

Sensenfrau und Klagemann, Sterben und Tod mit Gendervorzeichen, Silvia Schroer (Hg.), Theologischer Verlag Zürich, 2014

Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift Neue Wege 11/2015 in der Rubrik „3 Fragen – 3 Antworten“.

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